Nico Brünler
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Lassen Sie mich mit einem Zitat beginnen: „In den nächsten zehn bis 50 Jahren werden KI-Systeme entwickelt sein, die nicht nur intelligenter sind als Menschen, sondern auch eine signifikante Menge an weiteren Vorteilen an den Tag legen. Sie werden schneller und verlässlicher sein, eine raschere Auffassungsgabe besitzen und robuster sein.“ Das schrieb Kevin Warwick, einer der weltweit führenden Kybernetiker, bereits 1998. Ein Vierteljahrhundert später haben wir nun die KI-Strategie des Freistaates Sachsen vor uns liegen. Die Staatsregierung folgt damit den Empfehlungen des Innovationsbeirates Sachsen, der die KI als einen von zehn zentralen Strukturpunkten beschrieb. Die Strategie ist nach unserem Dafürhalten längst überfällig; denn wir leben in einer zunehmend digitalen Gesellschaft, einer digitalen Gesellschaft, in der künstliche Intelligenz und Maschinenlernen zu den zentralen Treibern gehören. Nur ein kleines Beispiel: Wenn man bei Google „künstliche Intelligenz“ eingibt, hat man innerhalb von 0,67 Sekunden 1,42 Milliarden Einträge gefunden. Beides – sowohl das zahlenmäßige Ergebnis, als auch die Dauer der Recherche – wäre ohne KI nicht denkbar. KI dringt unaufhaltsam in privates und berufliches Leben vor und das nicht immer nur zum Vorteil. Denken wir nur an das Diskriminierungspotenzial bestimmter, oftmals nur scheinbar objektiver Algorithmen; denn diese reproduzieren in der Regel oft die subjektiven Wertmaßstäbe oder Vorurteile ihrer Architekten. Dennoch: KI verändert zunehmend die Art und Weise, wie wir kommunizieren, produzieren und konsumieren, aber auch, wie wir lernen und studieren. Darum begrüßen wir es ausdrücklich, dass in der KI-Strategie mit dem Strategieziel 6 das Thema KI an Schulen gesonderte Aufmerksamkeit findet; denn das Problem ist: Wir können technologisch bei bestimmten Punkten keine fünf Jahre in die Zukunft blicken, benötigen aber ein Schulsystem, das uns auf die nächsten 20 oder 50 Jahre vorbereitet. Wir wissen heute nicht, welche Berufe unsere Kinder morgen ausführen und welche Kompetenzen dafür nötig sind. Darum muss Schule ein agiles System werden, das unsere Kinder mit allen Hard- und Soft Skills versorgt, die in dieser Welt einer ständigen Veränderung benötigt werden. Darum ist KI sowohl wichtig als Werkzeug und Unterrichtsmethode als auch als Unterrichtsgegenstand; denn KI darf uns nicht als eine undurchschaubare Blackbox gegenübertreten, die niemand mehr hinterfragt. Sachsen hat gemeinsam mit Mecklenburg das Pilotprojekt „Intelligentes Tutorielles System“ zur Vermittlung von Lehr- und Lerninhalten, zur Unterstützung des adaptiven und personalisierten Lernens aufgelegt. Die Testung der zugrunde liegenden KI-basierten Plattform Rhapsode fand vom 14. Juni bis 23. Juli statt. Allerdings liegen, und das ist ein Problem, das ich hier ansprechen möchte, konkrete Ergebnisse des Tests eigentlich noch nicht vor, zumindest kenne ich sie nicht, (Staatsminister Christian Piwarz: Die müssen erst mal ausgewertet werden!) – Ja, eben. – während man gleichzeitig schon eine Ausweitung plant. Das finde ich auch im Umgang mit künstlicher Intelligenz ein Stück weit schwierig. (Zuruf des Staatsministers Christian Piwarz) Man könnte auch sagen: Okay, zur Vorstellung der Strategie war ein Teilziel bereits erreicht. Das wäre schön. Vielleicht passte das auch nur gut ins Bild. Aber was passiert eigentlich, wenn die Ergebnisse der Pilotstudie nicht ins Bild passen? Denn es war schon immer so: In der Schule wurden Daten erhoben, auch im Sinne von Leistungstests. Es war auch schon immer Ziel, dadurch eine bessere Planung und Gestaltung des Unterrichts zu erreichen. Nur folgt die Lernplattform, die wir jetzt vor uns haben, eben nicht nur einem pädagogischen Konzept, sondern von Informatikern programmierten Algorithmen. Nicht die Logik der Lerntheorie und der Entwicklungspsychologie, sondern die Logik der Datenerfassung steht hier im Mittelpunkt. Unweigerlich drängen sich weitere Fragen auf: Wie soll eine individuelle Lernentwicklung besonders gut erfasst und begleitet werden, wenn nur Daten zur Aufmerksamkeit, zur Bearbeitungszeit und für die Fehlerquote erhoben werden? Welche Auswirkungen auf Aufgaben, Qualität und Unterrichtskonzept sind von einer Bewertung zu erwarten, die rein nach Richtig- und Falschschema erfolgt? Wie wird das Fehlen diskursiver und kommunikativer Auseinandersetzungen mit dem Unterrichtsgegenstand kompensiert? Und neben den Gefahren möglicher Rückschritte in der Methodik und Didaktik bleibt am Ende noch der Umgang mit der massiven Sammlung problematischer Metadaten zu entscheiden. Meine Damen und Herren! Das alles ist kein Argument gegen künstliche Intelligenz – auch im Unterricht –, aber es ist sehr wohl ein Argument, sich damit zu beschäftigen, was es eigentlich mit unserem System macht und welche Nachwirkungen es gibt. Diese Fragen stellen sich in nahezu allen Feldern, in denen künstliche Intelligenz angewandt wird. Ich kann Ihnen versprechen: Wir werden sämtliche neuen Punkte, die in der KI-Strategie des Freistaates gefasst sind, unter diesen Aspekten einzeln betrachten. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei den LINKEN)
