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Wolfram Günther

29.09.2021 Sitzungen 7/36

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Von welchen Problemen kommen wir denn überhaupt her? Wir haben es bereits in mehreren Redebeiträgen angesprochen bzw. angedeutet. Wir haben das Problem, dass wir keine natürlichen Wälder haben, über die wir sprechen, sondern wir sprechen über Wälder, die das Ergebnis von mehreren Jahrhunderten Forstwirtschaft sind – mit allen Vor- und Nachteilen. Es gibt nie dieses schwarz oder weiß. Geht es um das Problem von Reinkulturen, die man angebaut hat, vor allem auch von Altersklassen-Reinkulturen dieser Verbindung und einer Bewirtschaftung über große flächige Kahlhiebe und anschließend einer großen flächigen Bodenbearbeitung? Das ist das System der fehlenden Vielfalt. Wie so häufig, wenn keine Vielfalt vorhanden ist, ist es sehr krisen- bzw. störanfällig. Gerade in den Zeiten des Klimawandels, in denen wir dessen Folgen erleben, gerade im Wald nach Extremwetterereignissen wie Stürmen, zu viel Schnee oder lang anhaltender Trockenheit bzw. Dürre, kommen unsere Wälder, die Forsten, in Stress und sind nicht mehr beständig. Dieses Problem, dass, wenn man die Bewirtschaftungsform der Reinkulturlösung hat, man in all diese Krisen hineinschlittert, ist in der Forstwissenschaft schon immer klar gewesen. Nur haben wir es jahrhundertelang nicht in dieser Dimension erlebt, wie wir es jetzt erleben müssen. Deshalb ist schon lange klar, dass das keine dauerhafte Lösung sein kann. Gerade wir in Sachsen haben, was das Thema Waldumbau anbelangt, schon einen sehr langen Weg hinter uns. Ich will gar nicht auf den Begriff der Nachhaltigkeit zurückkommen, den wir in Sachsen entwickelt haben. Bereits im 19. Jahrhundert hat der Zöblitzer Revierleiter angefangen, Mischbaumarten, wie Rotbuche, unter die Fichte einzumischen. In den 1920er-Jahren hat Hermann Krutzsch in Bärenfels versucht, weg von der Kahlschlagwirtschaft und hin zum Dauerwald zu kommen. Auch nach 1989/1990 gab es im Freistaat ein klares Bekenntnis, dass wir zu einem praktizierten Waldumbau kommen müssen und die in der Natur vorkommende Rotbuche systematisch einbringen müssen, ebenso die Weißtanne als einen anderen guten Nadelbaum als Ersatz der Fichte. Das alles sind Dinge, auf denen wir aufbauen können. Wir haben in den Jahren danach weitere Schritte unternommen, damit wir systematisch – gemeinsam mit dem Sachsenforst – in den Waldumbau hineinkommen. Wir müssen trotzdem festhalten, dass auch jetzt noch knapp 70 % im Oberstand diese Nadelholzkulturen dominieren. Das ist im Wesentlichen die Fichte, weit außerhalb ihres natürlichen Vorkommensgebietes. Sie mag es klassischerweise etwas kühler und feuchter, also über 400 Höhenmeter. Es gibt auch einige feuchte Niedrigstandorte. Aber außerhalb davon gehört sie klassischerweise nicht hin, vor allem nicht nach Nordsachsen mit den sandigen Böden. Dort sind vor allem die Kiefernforste. So teilen sich diese knapp 70 % auf, und das ist der Stand, obwohl wir hier schon solch eine lange Tradition des Waldumbaus haben. Den Waldumbau betreffend, müssen wir konsequenter, flächendeckender und mit einem ganz anderen Tempo vorgehen. Das ist die Aufgabe, vor der wir stehen. Wir müssen nicht das Rad neu erfinden, sondern es geht um die Intensität, in der wir das Ganze betreiben. Die natürlich vorkommenden Hauptbaumarten sind nach wie vor unterrepräsentiert: Die Eiche erreicht nur 8,6 %, die Rotbuche sogar nur 4,2 % der Waldfläche. Das können wir nicht dabei belassen. Aber die Ergebnisse des Waldumbaus können sich trotzdem schon sehen lassen, weil wir in vielen der Oberstände der Nadelgehölze schon im Unterstand eine zweite Schicht hineingebracht haben, und das auf 45 % der Fläche. Das ist wiederum gut, denn auch wenn in Zeiten des Klimawandels dieser Oberstand abgängig ist, haben wir an vielen Stellen schon einen Unterstand, der sich dort entwickeln kann. Auf weiteren 25 % der Fläche haben wir das schon initiiert. Das Ganze ist mit Kosten verbunden, und das ist heute auch Thema dieser Aktuellen Debatte. Diese Umbaufläche von knapp 6 000 Hektar hat allein in den letzten Jahren, zwischen 2016 und 2020, Kosten von knapp 60 Millionen Euro verursacht. Gut, dass wir das schon getan haben; denn ansonsten würden wir jetzt, nach den Jahren des Borkenkäfers, ganz anders dastehen. Selbstverständlich kann man sich einen vielfältigen Wald, der auch in den Altersklassen vielfältig gemischt ist, nicht von heute auf morgen einfach wünschen. Wenn ein Wald mehrere Jahrzehnte alte Bäume haben muss – jene, die dort mal stehen sollen und eben heute nicht da sind, wenn ich so eine Fichtenreinkultur habe –, dann werde ich Jahrzehnte warten müssen, bis sie da sind. Aber ich muss es jetzt initiieren und bei all diesem Waldumbau auch schauen, wie ich etwas von den Altbäumen – Schirmhiebe und Totholz – bewahren kann. Unser Leitbild, von dem wir uns beim Waldumbau tragen lassen, ist deshalb auch nicht die derzeitige Diskussion: Jetzt haben wir uns in der gesamten Holzindustrie auf den Brotbaum Fichte und den anderen Brotbaum Kiefer ausgerichtet. Da das jetzt nicht mehr funktioniert, müssen wir jetzt einen anderen Brotbaum suchen. – Das ist ein völlig falscher Ansatz, den wir genau nicht verfolgen, sondern wir verfolgen den Ansatz: Der Wald ist als Gesamtökosystem ein Wert an sich, weil er ganz vielfältige Waldfunktionen hat. Die Holzproduktion ist eine wichtige Funktion, aber eine unter vielen. Zunächst einmal muss der Wald so vielfältig und klimabeständig sein, dass er sich selbst stabilisieren und stehen bleiben kann; das kann eine Rein- und Monokultur schlichtweg nicht. Er ist Lebensraum für alle möglichen anderen Tier- und Pflanzenarten. Er ist Wasserspeicher und CO -Produzent. Er filtert unsere Luft, und natürlich speichert er CO . Er sorgt für Wasserrückhalt und ist Trinkwasserentstehungsgebiet. Das sind alles Dinge, auf die wir schlichtweg nicht verzichten können. Das heißt, er hat sehr viele Funktionen. All das fördern wir und setzen es um, auch im Sachsenforst. 40 % der Waldfläche sind im Besitz von Sachsenforst und 60 % sind Körperschafts- und Privatwald. Wir können das nicht einfach als Ministerium anordnen, sondern das Ganze geht nur – darüber haben wir auch schon gesprochen – über Anreize. Es wird niemandem vorgeschrieben, was er auf seiner Fläche macht. Aber wenn er jetzt in der Not steht und die Ergebnisse der Forstwirtschaft, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte alt sind, jetzt mehr oder weniger im negativen Sinne erntet, helfen wir auch mit allen Kräften. Das erfolgt über die hier schon angesprochene Förderrichtlinie, die sogenannte WuF – Wald- und Forstrichtlinie –, über die heiß diskutiert wurde. Kollege von Breitenbuch hatte gerade gesagt, dass es Hemmungen gebe, diese Förderungen zu beantragen. Das können wir so nicht beobachten. Seitdem wir sie im September 2020 geändert haben, hatten wir in dem einen Jahr fast 500 Anträge für Waldumbau auf weit über 800 Hektar. Vergleicht man dies mit der alten Richtlinie von 2014, so stellt man fest: Es gab im Schnitt nur 150 Anträge im Jahr, mit circa 200 Hektar. Das heißt, das geht wirklich weg wie geschnitten Brot. Bei der jetzigen Überarbeitung haben wir selbstverständlich auch den Waldbesitzerverband eingebunden. Von allen haben uns Stellungnahmen vorgelegen, und das ist auch ganz normal. In der neuen Periode haben wir bereits knapp eine Million Euro ausgezahlt. Es ist ganz wichtig, dass diese Module wie Naturverjüngung – die Kräfte der Natur – enthalten sind. Denn es ist auch klar: So viele Setzlinge haben wir gar nicht. Wir brauchen sie auch nicht, denn für einen gesunden Mischwald braucht man auch viele andere. Man muss in einer ganz anderen Dynamik denken. Es steht nicht von Anfang an der Baum, den ich ernten will, sondern wenn man im Gesamtökosystem denkt, denkt man auch in Vorwaldstadien, die helfen, bevor man vielleicht auf der Fläche eine Rotbuche setzt, die etwas Schatten braucht. Das ist die Naturverjüngung. Aber auch die Eigenleistungen, zum Beispiel das Versetzen von eigenen Setzlingen bis hin zur Saat, zum Beispiel Eichensaat, und ähnliche Dinge sind mit dabei und werden gefördert. Das wurde von den Waldbesitzenden sehr begrüßt und es zeigt sich auch in den Anträgen, wie sie in Anspruch genommen werden. Es gibt jetzt auch aus der anderen Richtung eine Frage, denn nicht nur Waldbesitzerverbände diskutieren das. Es gibt auch die Sicht: Warum können wir die Natur nicht sich selbst reparieren lassen? Brauchen wir das alles überhaupt? Das kostet alles Geld. Jetzt stecken wir wieder öffentliches Geld hinein, und am Ende verkauft einer das Holz und verdient noch Geld damit. Ja, wir haben diese Gesamtökosystem-Dienstleistung des Waldes und wir können darauf nicht verzichten. Wir können nicht zusehen, bis sich in soundso vielen Hundert Jahren der Wald selbst reguliert hat. Irgendwann würde er das machen. Das können wir nicht hinnehmen und deshalb müssen wir jetzt handeln. Das kann man sich anhand verschiedener Dinge durchdenken. Das ist zum Beispiel beim Holz der Fall. Wir wissen: Schon allein, wenn man auf die CO -Bindung schauen will, braucht man auch die Bäume, die besonders viel binden. Wenn ich auf einer Fläche bisher nur Fichte hatte, die dort aber tendenziell nicht mehr sein soll, dann wird sich dort eine Buche nicht durch Naturverjüngung ansiedeln. Die muss ich künstlich einbringen. Genauso muss ich das mit Eichen machen, da ich für die Lichtverhältnisse sorgen muss. Selbstverständlich haben wir ein großes Interesse, dass wir eine regionale Wertschöpfung haben. Wir haben schon über den Punkt Holz, Holzbau gesprochen. Es ist nämlich noch etwas anderes als beim Pellet, wenn wir den CO - Faktor anschauen. Wir wollen es möglichst langfristig darin binden, und deswegen brauchen wir dafür eine starke Säge- und Holzindustrie. Wir haben große Sägewerke, zum Beispiel Torgau und Kodersdorf, aber wir haben auch eine ganze Reihe kleiner und mittlerer Sägewerke. Wir können nur feststellen: Die Holznachfrage ist enorm hoch. Angesichts dessen, was der Sachsenforst liefern kann, ist wichtig, dass wir ganz explizit vor allem für die regionale Wertschöpfung liefern und eben nicht für den Export. Darauf, was die Privaten machen, haben wir keinen Einfluss, und das ist auch richtig. Es geht derzeit sehr viel Holz aus sächsischen Wäldern nach China und Amerika. Aber das betrifft nicht den Sachsenforst, denn nur 5 % unseres Holzes liefern wir in angrenzende EU-Staaten, also gleich zu den Nachbarn. Vielleicht auch noch der Hinweis auf unser gemeinsames Modellprojekt mit der Handwerkskammer Chemnitz: Wir wollen hier schauen, wie wir wirklich regionale Wertschöpfung weiter aufbauen können. Auch beim Wasser haben wir große Probleme gerade in Ostsachsen, weil der Borkenkäfer im Oberlausitzer Bergland besonders intensiv ist. (Antonia Mertsching, DIE LINKE, steht am Mikrofon.) Dadurch geht die Wasserspeicherfunktion verloren. Wir haben auch eine große Verantwortung. Das Quellgebiet der Spree reicht bis nach Brandenburg und nach Berlin hinein. Das können wir einfach nicht hinnehmen. Zweiter Vizepräsident André Wendt: Herr Staatsminister, gestatten Sie eine Zwischenfrage am Mikrofon 1?

Protokoll ↗