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Luise Neuhaus-Wartenberg

Die Linke 29.09.2021 Sitzungen 7/36

Aber diese Art der Prioritätensetzung und Kommunikation ist nicht tauglich, um Sicherheit zu schaffen. Es bleibt dann doch der Vorwurf – ob der stimmt oder nicht, sage ich gleich – der Verantwortungslosigkeit, der zumindest im Gefühl der Leute nicht ganz unberechtigt ist. Wie gehen wir mit den Kleinsten unserer Gesellschaft um, die bis dato noch keine Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen? Welchen Stellenwert haben Kinder und Jugendliche bei Entscheidungen der Regierung? Corona hat Begriffe wie Bildungsgerechtigkeit, Lernkonzepte, Kommunikation, Kompetenzen, Digitalisierung besonders stark hervorstechen lassen. Das deutsche Bildungssystem hat bei der Digitalisierung nicht nur den Anschluss an die internationale Entwicklung verloren. Das Ausbleiben weiterreichender Innovation hat auch die Kluft zwischen schulischer Bildung und gesellschaftlichen Bildungsbedarfen weiter vergrößert. Gründe: unter anderem das ständige Starren auf die schwarze Null. In diesem Sinne fragen wir zu Recht: Was sind die zentralen Herausforderungen für die Bildung in der digitalen Welt? Wie kann und sollte Schule auf diese Herausforderungen reagieren, und wie können Schülerinnen und Schüler auf diese Herausforderungen bestmöglich vorbereitet werden? Wir können nicht einmal fünf Jahre in die Zukunft blicken, benötigen aber ein Schulsystem, das die Schüler und Schülerinnen für die Zukunft in 20 bis 50 Jahren vorbereitet. Wir haben hier im Landtag eine Stellungnahme nach der anderen, eine Anhörung, eine Einladung nach der anderen. Egal, wo ich hinkomme – Sommerempfänge bei Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern, Volkshochschulen; dort sind Sie überall auch –: überall die gleichen Fragen und die gleiche Kritik angesichts der großen gesellschaftlichen Fragen, der sogenannten Herausforderungen der Zukunft. Wir haben alles, aber keine Vorbereitung. Bildung muss daher neu gedacht werden, und Schule muss ein agiles System sein, das unsere Kinder mit allen Hard und Soft Skills versorgt, die diese in einer Welt der ständigen Veränderung benötigen. Ich sehe hier fünf große Baustellen. Erstens. Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen mit einem anderen Selbstverständnis. Warum traut man ihnen nicht zu, richtige Entscheidungen für ihre jeweilige Schule oder ihre jeweilige Klasse zu treffen? Nur so nebenbei, aber nicht weniger wichtig: In den weiterführenden Schulen gibt es flächendeckend jeden Tag irgendeinen Ausfall oder irgendeine Vertretung, weil nur eine Lehrkraft nicht da ist. Es ist auf Kante genäht oder gebügelt. Die Unzufriedenheit wird leider auf allen beteiligten Seiten immer größer. Daraus ergibt sich meiner Meinung nach zweitens: mehr Autonomie in die Schule, das heißt mehr Freiraum auch bei der Gestaltung des Lernens. Mehr Freiraum für, drittens, eine umfassende Digitalisierung des Unterrichts, die dabei handfeste pädagogisch-didaktische Vorteile bringt. Auch ein Fakt am Rande: Die Endgeräte sind mancherorts jetzt da. Einige Schulleitungen teilen allerdings mit – zumindest mir –: Wir können noch nicht, weil kein WLAN anliegt. Oder es liegt an, aber uns fehlen die Fachleute, die alles anschließen. Mit solchen Unterrichtsanteilen ließe sich, viertens, auch verhindern, dass Schülerinnen und Schüler in bestimmten Lebenssituationen einfach abgehängt werden, dass Bildungsungerechtigkeit nicht noch größer wird. Fünftens. Das Bildungssystem müsste insgesamt flexibler werden und Lernstoffe so vorbereiten, präsentieren und vermitteln, dass sie auf ganz verschiedenen Wegen von den Kindern und Jugendlichen gelernt werden können. Und das nicht irgendwann, in einer fernen Zukunft, sondern jetzt. Dazu gehört auch, dass wir besonders im ländlichen Raum die alternativen Projekte weiter finanzieren und eher stärken. Ohne die außerschulischen Angebote wird uns die Jugend dort die Segel streichen. Gelebte Vielfalt, Progressivität und gesellschaftlicher Zusammenhalt brauchen verlässliche Strukturen, brauchen Begegnungsstätten, brauchen Kunst und Kultur. (Beifall bei den LINKEN) Ich sage nicht, dass das leicht ist. Aber um irgendwann einmal innovativ zu sein und international zu bestehen, müssen wir erst einmal die Schwachstellen ausmerzen. Nach so einem Schuljahr wie jetzt wäre Normalität falsch. Bestimmte Fragen spielen in der öffentlichen Diskussion bisher keine Rolle, was aber leider nichts über deren Relevanz aussagt, sondern mehr über die Politikerinnen und Politiker, die sie nicht zu stellen wagen. Ich traue mich jetzt noch einmal, und das nicht zum ersten Mal. Erstens: Ist der verpasste Lernstoff wichtig, und muss er tatsächlich aufgeholt werden? Welche Lernendengruppen sind besonders betroffen? Welche mittel- und langfristigen Lösungen werden diskutiert, und wie sind diese zu bewerten? Im Rückblick auf die letzten Monate hat sich die Meinung durchgesetzt, dass der verpasste Stoff möglichst nachgeholt werden sollte. Das liegt auch in der inneren Logik unseres Bildungssystems begründet, der zufolge Lernstoff oftmals aufeinander aufbaut. Und das Fazit? Bildungslücken aufgrund verpasster Unterrichtszeiten wirken sich langfristig auf Lebenseinkommen und Arbeitsmarktchancen aus. Am Ende wissen wir eben nicht, wie groß die Lernlücken tatsächlich sind und welche Lernendengruppen besonders betroffen sind. Wie also kommen wir zu Fakten und Lösungen? Hier sollten, könnten, müssten verschiedene Faktoren dringend eine Rolle spielen, zum Beispiel: Stadt und Land, Klassenstufe und Lehrstoff, Alltagssprache, Schulform, regionale Unterschiede, Fächer, Lehrkräfte und zu guter Letzt auch die Familie. Denn eines ist klar: Am stärksten wird man Lernlücken wohl bei jenen Kindern sehen, denen die ökonomischen und kulturellen Ressourcen im Haushalt fehlen, und das sind in Sachsen nicht wenige. Damit ist es vor allem ein systemisches und strukturelles Problem. Die Rede ist eben nicht mehr nur von individuellen Lernrückständen einzelner Schülerinnen und Schüler, sondern von kollektiven Benachteiligungen verschiedener Gruppen. Es kann also keine Lösung geben, die für alle Gruppen passend oder zufriedenstellend wäre. Was heißt das jetzt? Was also tun? Nachhilfe bzw. zusätzlicher Unterricht an Samstagen oder in den Ferien? Diskutiert wird über die freiwillige Klassenwiederholung oder über eine Lernstoffreduktion bis hin zu einer Verlängerung des aktuellen Schuljahrs. Das sind die gleichen alten Kamellen wie immer, die gleichen Stellschrauben des alten Systems und der Irrglaube, so die weniger guten Schülerinnen und Schüler wieder auf die Spur zu bringen. Aber was bedeutet das im Umkehrschluss? Man orientiert sich an jenen, die die Corona-Schuljahre gut gepackt haben. Das ist also reines Lückenschließen und unterstellt, dass es Corona eigentlich gar nicht gegeben hätte – und das ist meiner Meinung nach fatal. Individuelles Versagen ist es nicht, sondern eine systemische Problemlage. Nicht die Schüler sind das Problem, sondern das System, in dem sie stecken. Das liegt auch darin begründet, dass Bildungsarmut von Generation zu Generation weitergegeben wird. Bildungsexpertinnen und -experten sprechen auch von einer Determination der Bildungsverläufe von den Ursprüngen her. Müsste der Ansatz nicht sein, diese Determination zu durchbrechen, indem man betroffene Kinder und Jugendliche zielgerichtet fördert und unterstützt? Meine Fraktion hat vor den Sommerferien mit dem Bildungspaket einen ganzheitlichen Ansatz unternommen. Das fanden Sie völlig abseitig, Herr Gasse. (Holger Gasse, CDU, schüttelt den Kopf.) Gerade jetzt, unter dem Eindruck der Bundestagswahl, kann ich nur mitteilen: Wenn wir nicht dringend auch im System Schule etwas ändern, fliegt uns unsere Demokratie um die Ohren. Wenn – egal wie repräsentativ die U18- Wahlen sind – in Sachsen die jungen Leute sich dafür entscheiden würden, Rechte zu wählen, und sich damit offensichtlich antidemokratisch, rechtsextrem und völkisch entscheiden (André Barth, AfD: Ja, ja!) und sich somit von jedweden demokratischen Spielregeln und Instrumenten verabschieden, (Zuruf von der AfD: Das sagt die SED!) dann muss uns das zu denken geben. Nun müssen wir eben handeln. Wir müssen die Demokratie, die politische Bildung, die Teilhabe, das gemeinsame Miteinander in der Schule hochleben lassen. Junge Leute teilen uns mit – ich zitiere –: „In unserer ganzen Schullaufbahn, ganz besonders während Corona, ist uns einfach immer wieder gezeigt worden, dass der Staat kein Ermöglicher ist, sondern Verhinderer.“ Wenn Kinder und Jugendliche das so erleben, ist das eine Katastrophe. Das geht an Ihre Adresse, werte CDU, und das seit Jahren. Herzlichen Dank. (Beifall bei den LINKEN)

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