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Luise Neuhaus-Wartenberg

Die Linke 21.07.2021 Sitzungen 7/34

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Die Demokrat(inn)en unter uns sollte doch eines einen, auch über einige weltanschauliche Vorbehalte hinweg, nämlich die gemeinsame Sorge, dass unsere Kinder in der Schule nicht das lernen, was sie im späteren Leben brauchen werden, oder das, was wir gemeinsam für notwendig halten. Leider führte bisher das gemeinsame Interesse nicht zu einem entschlossenen Handeln. Deshalb ist dieser Titel „,Neue Schule braucht das Land‘“ – Perspektiven für eine neue Schulkultur in Sachsen!“ nicht nur irgendein Titel – das ist es bei uns ja nie –, nein, meiner Meinung nach trifft er sehr gut den Casus knacksus; denn die Schule von heute bereitet mitnichten auf die Gesellschaft von morgen vor – ganz im Gegenteil. Uns geht es um einen Lernansatz, der dem 21. Jahrhundert angemessen ist. Wir müssen in der Bildungspolitik grundsätzlich herangehen, das haben nicht nur die letzten Monate gezeigt. Unser Bildungssystem war vorher schon nicht so dolle, auch wenn gern etwas anderes behauptet wird. Aus heutiger Sicht zu selektiv, zu ungerecht, zu wenig auf die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern samt ihren Eltern, wie auch unseren Lehrkräften ausgerichtet, zu wenig moderne Lernmethoden, zu volle Klassen, zu großer Leistungsdruck usw. usf. Die Corona-Pandemie hat nur das, was vorher schon schlecht lief, noch einmal deutlich vor Augen geführt. Ich rede von sozialer Schieflage und sozialer Auslese. Beides hat enorm zugenommen. Die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten ließen sich in der Pandemie unter den Bedingungen des zu Hause Lernens überhaupt nicht mehr austarieren. Viele sind überhaupt nicht mehr klar- oder hinterhergekommen, ganz zu schweigen von der digitalen Ausstattung. Trotzdem: Was passierte an Stellen? Auf einmal wurde ausprobiert. Ja, weil es nicht anders ging. Aber es waren die Lehrkräfte, Eltern und Kinder, die angefangen haben, herumzuprobieren, niemand sonst. Drucksache 7/1895 nicht beschlossen worden. Der Tagesordnungspunkt ist beendet. Ich rufe auf braucht das Land“ – Schulkultur in Sachsen! der Fraktion DIE LINKE So schlimm, wie das ist, ist es aber genau der Ansatz, den wir uns in der politischen Umsetzung endlich zu Herzen nehmen sollten: jetzt die Chance zu nutzen, Schule aktiv und engagiert weiterzuentwickeln. Dabei ist klar: Der sogenannte Normalbetrieb von vor Corona muss Geschichte sein. Aber auch das kann man nicht einfach so im Raum stehenlassen, sondern muss sehr deutlich mit einem Gegenentwurf verknüpft werden. Trotz der 80 Millionen Virologen, die wir in Deutschland haben, kann niemand mit völliger Sicherheit sagen, wie es ab Herbst weitergeht, wie sich die neuen Virusvarianten auf uns und unsere Kinder und damit auf den Unterricht auswirken. Die Zahlen steigen gerade wieder. Gleichzeitig stagniert die Impferei und die Kinder dürfen nicht. Über das mögliche Szenario ab Herbst möchte ich an dieser Stelle überhaupt nicht nachdenken. Deshalb müssen wir einen anderen, einen mutigeren Weg gehen, einen Weg, der in der Pandemie funktioniert und erst recht danach. Lassen Sie uns nicht zum alten Normal zurückgehen! Lassen Sie uns nachdenken und vernünftig darüber entscheiden: Erstens, wie wir Schule, Lehrpläne und Unterricht, angekommen im 21. Jahrhundert, aufstellen können. Zweitens, wie wir das Wohl von Schüler(inne)n und Lehrer(inne)n verbessern. Drittens, wie wir besser fördern und Vielfalt ermöglichen können. Viertens, wie wir Motivation und Aktivität steigern. Fünftens, wie wir dazu kommen, unsere Kinder und Jugendlichen anständig auf das Leben vorzubereiten, ihnen Werte wie Toleranz und Demokratiefähigkeit vermitteln. Diese ganze Bandbreite gibt es mit unserem Gegenentwurf, alles aufgeschrieben in diesem Antrag und in weiteren, die wir in den Ausschüssen behandeln wollen. Zum Grundsätzlichen: Wir brauchen ein völlig neues Verständnis von Schule und Lehre. Schule darf kein Ort sein, wo innerhalb kurzer Zeit so vielen Kindern wie möglich so viel Wissen wie möglich eingetrichtert wird. Flapsig könnte man sagen: Schule darf kein Bildungsmastbetrieb sein. Schule ist ein Ort, an dem eine der wichtigsten Aufgaben in unserem Land wahrgenommen wird. Dazu gehören finanzielle und Sachausstattung, vor allem Willen und Möglichkeiten wie Behutsamkeit, individuelle Förderung und das Probieren neuer Wege – und das meiner Meinung nach jetzt mehr denn je. Ich zitiere einmal aus unserem Antrag: „Verstehen braucht Zeit, ebenso Muße, Umwege, Freiräume für Versuch und Irrtum, fürs Ausprobieren. Lernen verträgt sich schlecht mit der Stoppuhr.“ Genau darum geht es doch. Sonst lassen Sie mit dem ständigen Festhalten an Ihrer angeblich klassischen Leistungsbemessung, die ganz sicher eine Grenze hat, mit Ihrem Bildungsideal immer mehr Kinder und Jugendliche zurück. Das fällt uns doch jetzt schon auf die Füße und ist schlichtweg verantwortungslos, wenn wir nicht aufpassen. Was bedeutet für uns eine neue Schulkultur? Wir müssen dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler die Lust am Lernen nicht verlernen. Schüler(innen) und Eltern fragen sich oft zu Recht, weshalb der Fokus oft einseitig auf dem Eintrichtern von Fakten und Detaillernen liegt. Wissensvermittlung ist doch viel mehr. Überforderung und zu ausufernde Pläne dürfen nicht länger dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler mit psychischen Problemen zu kämpfen haben oder die Schule ohne Abschluss verlassen. Ich will nur daran erinnern, dass die Schulabbrecherquote in Sachsen bereits im Jahr 2019 bei 8,2 % lag. Gerade in den nächsten Jahren brauchen wir gut ausgebildete Köpfe, die etwas vom Leben und Lernen verstehen. Dafür brauchen wir Rahmenlehrpläne und keine bis ins kleinste Detail aufgeschlüsselten Festlegungen. Die Schülerinnen und Schüler müssen diese mitgestalten dürfen. Sie müssen doch ihren Lebenswelten entsprechen. Der Unterricht muss ausschließlich erst einmal vom Kind her gedacht werden. Wir möchten unbedingt mündige Schülerinnen und Schüler. Die Einbeziehung der Schülerinnen und Schüler wäre doch eine sehr gute Vorbereitung auf das, was noch kommt, wenn sie darüber lernen, projektbezogen zu arbeiten, sich Erfolge selbst zu organisieren. Auswendig Gelerntes und auf den Punkt ausgespucktes Wissen hilft uns einfach null Komma nichts. Unsere Welt wirft so viele komplexe und vielfältige Fragen auf. Auswendig gelernte Antworten machen junge Leute weltfremd. Zur Digitalisierung in der Schule muss ich nicht viel sagen. Ich mache es aber doch. In keinem anderen Bereich hat man in der Pandemie hautnah erlebt, was alles nicht funktioniert. In keinem anderen Bereich ist allen so klar, wie wichtig das Thema für den weiteren Berufs- und Lebensweg ist. Trotzdem sind wir immer noch ein Entwicklungsland. Wir brauchen nicht nur mehr Geräte, sondern mehr und besseren Fachunterricht. Wir benötigen eine bessere Medienkompetenz. Wir müssen endlich begreifen, wie viel mehr das Digitale uns noch zukünftig prägen wird. Schule und Schulträger, Lehrer(innen) und Schüler(innen) müssen darauf vorbereitet sein. Wir werden an einer weiteren, einer vierten Kulturtechnik, Umgang mit dem Digitalen, neben dem Lesen, Rechnen und Schreiben nicht vorbeikommen. Um Zukunft zu gestalten, müssen wir die Vergangenheit ehrlich interpretieren. Dafür brauchen wir verlässliche Zahlen, zum Beispiel, was die Corona-Pandemie an sozialen und psychischen Negativfolgen für die Kinder mit sich gebracht hat. Erste Studien lassen vermuten, dass das Ausmaß gewaltig ist. Diese Zahlen müssen Grundlage dafür sein, schnellstmöglich Mittel bereitzustellen und alle Anstrengungen zu unternehmen, diese Defizite zu beheben, sie zumindest abzumildern. Wir müssen unser Land endlich nachhaltig und flächendeckend so aufstellen, dass es eine gute Bildung ermöglicht. Jede und jeder, egal wo man wohnt, muss dabei die gleichen Chancen auf gute und bezahlbare Bildung haben. Die Lernorte müssen erreichbar sein. Eine gute Vernetzung der Handelnden ist neben der finanziellen und personellen Ausstattung dabei das A und O. Und nebenbei: Der Bund fördert sowieso das kommunale Bildungsmanagement. Sie sehen also: Wir haben hier ein ganzes Bildungspaket zusammengeschnürt. Wenn Sie diesem Antrag zustimmen, bekommen Sie noch vier weitere gratis dazu. (Heiterkeit bei den BÜNDNISGRÜNEN –

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