Hanka Kliese
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Abgeordnete! Als ich noch Studentin war, arbeitete ich an einer Professur, die eine Sekretärin hatte. Die Sekretärin war an unserer Professur eine richtige Institution; Sie kennen solche Typen vielleicht. Als sie in Rente ging, kam eine Nachfolge. Zu unser aller Überraschung war das keine neue Sekretärin, sondern ein frisch ausgelernter junger Mann. Wie sollte der nun genannt werden? (Sebastian Wippel, AfD: Sekretär!) – Ein Sekretär? Ein Sekretär ist ein Möbelstück oder – die Freunde der Ornithologie wissen es vielleicht – auch ein sehr lustiger Vogel. (Heiterkeit – Jörg Urban, AfD: Ein Generalsekretär ist ein großes Möbelstück!) Der junge Mann legte jedenfalls sehr viel Wert darauf, nicht Sekretär genannt zu werden. Er verweigerte diese Ansprache und ließ sofort an seiner Tür ein Schild mit (Unruhe – Glocke der Präsidentin) der Aufschrift anbringen: „Fachmann für Bürokommunikation“. Falls Sie den Mann fragen wollen: Er ist Mitglied der AfD in Flöha. Er ist Stadtratsmitglied und stellvertretender Vorsitzender. Bei Frau Penz können Sie sich erkundigen. Er wollte nicht Sekretär genannt werden. Fragen Sie ihn einfach mal. Es ist damals ein ganz netter Kollege gewesen. (Beifall bei der SPD und den LINKEN) Alle verstanden sofort, dass dieser junge Mann gemäß seinem Geschlecht angesprochen werden wollte, und natürlich gab es überhaupt keinen Aufschrei und keinerlei Diskussion. Es tat auch keinem weh, sich umzugewöhnen. Warum ist das aber umgekehrt und im Großen so schwer? Wir sprechen doch hier nicht über mehr, als dass sich Frauen in unserer Sprache wiederfinden müssen. Das beliebteste Argument ist der Erhalt der schönen deutschen Sprache; darüber haben wir heute schon viel gehört: Die deutsche Sprache dürfe ihrer Schönheit nicht beraubt werden. Dazu möchte ich Ihnen sagen: Das gilt dann aber auch hier im Hause für Ihre Redebeiträge, liebe Kollegen von der AfD. (Beifall bei der SPD und den LINKEN) Da wird der Genitiv nicht gepflegt; da wird es kaum geschafft, mal einen Satz fehlerfrei abzulesen. Es ist keine Zierde für die deutsche Sprache, was hier zum großen Teil abgeliefert wird. (Jörg Urban, AfD: Wir erinnern Sie daran!) Auch ich finde es zum Beispiel problematisch, dass man heutzutage häufiger Worte ins Englische übersetzt, das heißt, etwas von der Sprache Goethes in die Shakespeares überträgt, um modern zu wirken. Wenn junge Menschen heutzutage sehr „aware“ und „woke“ sind und viel „content“ brauchen, dann gehöre ich auch eher zu denen, die manchmal fragen: Kann man das auch anders ausdrücken? Aber ich erkenne an, dass das die Sprache der Jugend ist, die auch ein ganzes Stück weit international ist und in der sie sich auch mit Jugendlichen aus anderen Ländern verständigen können. Ich sehe auch, dass dies etwas mit gesellschaftlichem Wandel zu tun hat, genauso wie es zum Beispiel unsere Eltern damals verboten haben bzw. nicht gut fanden, wenn man Worte wie „cool“ oder „geil“ verwendet hat, die heutzutage ganz normal sind. Ob das gut ist oder nicht, darüber müssen wir an dieser Stelle nicht diskutieren. (Sebastian Wippel, AfD: Dazu brauche ich doch keine Professur an einer Universität!) Zum gesellschaftlichen Wandel gehört unter anderem auch, dass inzwischen Männer häufiger Erzieher sind oder eben im Sekretariat arbeiten und Frauen mehr technische Berufe ergreifen. (Sebastian Wippel, AfD: Ist doch schön!) Es gibt eine interessante Studie der Freien Universität Berlin, die zu der Erkenntnis kam, dass Kinder – das hat Kollegin Hammecke bereits angesprochen – typisch männliche Berufe als erreichbarer einschätzen, wenn die Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden. Demnach haben sich Kinder viel eher zugetraut, einen typisch männlichen Beruf zu ergreifen als Kinder, denen nur die männliche Pluralform genannt worden war. Denn anders, als es die AfD-Fraktion in ihrem Antrag darstellt, stellen sich Menschen beim generischen Maskulinum eben nicht alle Geschlechter vor. Dies hat auch Kollegin Sarah Buddeberg zu Beginn mit ihrer Chirurgen-Erzählung versucht zu erklären. Es erzeugt falsche Bilder im Kopf. Unsere Sprache hat also direkten Einfluss darauf, ob Frauen oder nichtbinäre Menschen sichtbar werden oder nicht. Das zweite Argument, das Sie heranziehen, ist der Wille der Bevölkerung. Diese mag – so führen Sie aus – die Mehrzahl dieser neuen Sprache nicht. Dazu gibt es Umfragen. Dazu möchte ich zunächst als Quellenkritik anmerken, dass bei solchen Umfragen zumeist Menschen mit Festnetztelefon angerufen werden, wozu unsere jüngere Generation, die dieser neuen Sprache sehr aufgeschlossen gegenübersteht, gerade nicht gehört. (Zuruf des Abg. Sören Voigt, CDU) Aber nehmen wir trotzdem an, Sie haben recht – auch wenn es schwerfällt – und die Sachsen mögen das Gendern in der Mehrzahl nicht: Nun, die Sachsen mögen in der Mehrzahl auch das dreigliedrige Schulsystem nicht. (Luise Neuhaus-Wartenberg, DIE LINKE: Richtig! – Heiterkeit der Abg. Luise Neuhaus-Wartenberg, DIE LINKE) Nun haben Sie uns aber trotzdem nicht geholfen, Unterschriften zu sammeln. Das verstehe ich nicht. (Beifall bei der SPD, den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN) Sie sehen: (Rico Gebhardt, DIE LINKE: Mehrheitlich auch die AfD nicht!) – Ja. – Ihre Argumente sind zu schwach, um den Wandel zu verhindern, der sich letztlich einfach als ein Puzzleteil den Weg bahnen wird, und – Sie werden es immer wieder feststellen – er hat es bereits getan. Der gesellschaftliche Wandel findet statt, auch in der Sprache, ob mit oder ohne die AfD. (Sebastian Wippel, AfD: Aber mit ARD und ZDF, die machen das!) – Das spielt an dieser Stelle ausnahmsweise mal keine Rolle. (Beifall bei der SPD, der CDU, den LINKEN und den BÜNDNISGRÜNEN) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Die AfD-Fraktion bitte; Frau Abg. Jost.
