Lucie Hammecke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Abgeordnete! So schnell geht es geschlechtsneutral. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, und das ist gut so. Sprache entwickelt sich weiter, und das ist gut so. Sie wird beeinflusst von gesellschaftlichen Entwicklungen und formt auch unsere Gesellschaft mit. (Sebastian Wippel, AfD: Das ist nicht so!) Deshalb möchte ich mit zwei historischen Beispielen beginnen: zunächst dem Wahlgesetz für den Reichstag des Norddeutschen Bundes. Ich zitiere aus dem Wahlgesetz für den Reichstag des Norddeutschen Bundes vom 31. Mai 1869: „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen …“ – Ich überspringe die Einführung, denn interessant wird es in § 1, in dem der Wähler definiert wird. (Holger Hentschel, AfD: Nein, das wollen wir hören!) Dort heißt es: „Wähler für den Reichstag des Norddeutschen Bundes ist jeder Norddeutsche, welcher das fünfundzwanzigste Lebensjahr zurückgelegt hat, in dem Bundesstaate, wo er seinen Wohnsitz hat.“ Wissen Sie, wer damit berechtigt war zu wählen? – Ich wäre es damals nicht gewesen, auch nicht nach meinem 25. Geburtstag Ende dieses Jahres. Als nächstes Beispiel die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die am 26. August 1789 von der französischen Nationalversammlung verabschiedet wurde. Sie legte in 17 Artikeln die Menschen- und Bürgerrechte fest, die jedem Franzosen unveräußerlich als Mensch und als Bürger Frankreichs zuerkannt wurden; (Jörg Urban, AfD: Die Franzosen haben die Gendersprache abgelehnt!) jedem Franzosen: ja, jeder Französin: nein. Schon damals fand sich Kritik daran in Form der Schrift von Olympe de Gouges „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“; denn keineswegs waren mit dem generischen Maskulinum Männer und Frauen beide gemeint. Diese nervigen Feministinnen, die auf geschlechtergerechter Sprache beruhen, die mitgedacht und mitbedacht werden wollen, gibt es seit mindestens 232 Jahren. Dieser Wunsch, dass Frauen mitgedacht und mitbedacht werden, existiert auch heute noch – und dies berechtigterweise. Das generische Maskulinum stammt aus einer Zeit, in der in der Regel eben auch nur Männer präsent waren, sei es als Politiker oder als Richter. Man musste nur Männer ansprechen, denn Frauen waren nicht mitgemeint. Spreche ich im generischen Maskulinum, so stellen sich eben auch die allermeisten Menschen Männer vor. Ist hingegen ein Text in geschlechtergerechter Sprache geschrieben – so zeigen es sozialpsychologische Studien –, glauben 44 % der Befragten, dass der/die Spezialist(in) eben auch eine Frau sein kann. Anders ist es bei Texten im generischen Maskulinum. Dort glaubten dies nur 33 % der Menschen. Wir sehen also: Geschlechtergerechte Sprache kann helfen, Geschlechterstereotype zu reduzieren. Und – das funktioniert schon bei den Jüngsten – man hat das bereits mit Kindern im Kindergartenalter probiert. Dabei zeigte sich, dass sich, wenn wir von Ingenieurinnen und Ingenieuren sprechen, Mädchen viel eher trauen, diese stereotypen Männerberufe zu ergreifen – genauso wie sich Jungs viel häufiger getraut haben, stereotype Frauenberufe zu ergreifen, wenn von Geburtshelfern und Geburtshelferinnen gesprochen wird. (Kathleen Kuhfuß, BÜNDNISGRÜNE: Ist doch richtig!) Oft wird auch das Argument angeführt, dass es in Ländern, in denen es kein generisches Maskulinum gibt – etwa in der Türkei oder in Ungarn –, mit der Gleichstellung auch nicht automatisch besser sei. Das stimmt, denn natürlich ist Sprache wirklich nur ein kleiner Teil, ein kleiner Schritt, der es besser macht mit der Gleichstellung. Wenn die Türkei aus der Istanbul-Konvention aussteigt, wenn in Ungarn ein sehr queerfeindliches Gesetz zur Beschränkung der Rechte von queeren Menschen beschlossen wird, dann werden wir dies allein mit Sprache nicht ändern. Aber – dabei müssen wir uns nichts vormachen – auch das lehnen Sie mit Inbrunst ab, das ist mir schon klar. (Sebastian Wippel, AfD: Es geht um Werbung!) Ich möchte aber noch einem Punkt widersprechen, den Herr Kirste in seiner Rede nannte und den Sie auch in Ihrem Antrag schreiben: Das generische Maskulinum ist keineswegs die einzige korrekte Schreibweise. Es ist keine grammatikalische Kategorie in sich selbst, und es verletzt auch keine Regel des Sprachsystems, wenn man es nicht benutzt. Dies schreibt zum Beispiel Gabriele Diewald, deutsche Sprachwissenschaftlerin, Autorin mehrerer Duden-Bücher, (Zuruf von der AfD) Professorin für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Uni Hannover, dazu. (Unruhe bei der AfD) Ich möchte außerdem dazu kommen, dass geschlechtergerechte Sprache auch einfach hundertmal präziser und genauer ist. Stellen Sie sich vor: Vor Ihnen stehen 99 Ärztinnen, 99 Politikerinnen, 99 Erzieherinnen, und zu dieser Gruppe kommt ein einziger Mann hinzu – und schon müssten wir nach Ihrer Vorstellung von 100 Ärzten, 100 Politikern, 100 Erziehern sprechen. Na, wenn das nicht unpräzise ist, weiß ich auch nicht weiter. (Svend-Gunnar Kirmes, CDU: Leute, nee!) Geschlechtergerechte Sprache ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt hin zu einer inklusiveren, einer gerechteren Gesellschaft. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir nicht stehen bleiben. In den Achtzigern und Neunzigern wurde über das Binnen-i gestritten, heute diskutieren wir über das Gender-Sternchen, den Doppelpunkt, den sogenannten Gender-Gap, also eine Sprechpause, die hier so manches Gemüt erhitzt hat. Dabei ist sie im allgemeinen Sprachgebrauch absolut nichts Neues. Niemand hat ein Problem mit Wörtern wie „Spiegelei“, „überall“ oder „vereisen“. Alle haben eine Meinung, aber wenige fragen sich eigentlich: Warum machen Menschen das so, die mit Gender-Gap gendern? – Es ist ganz einfach: Es hat etwas mit dem Anerkennen gesellschaftlicher Realitäten zu tun. Es hat etwas damit zu tun, präzise in der eigenen Sprache zu sein; denn eigentlich – es wurde angesprochen – dürfte uns allen klar sein, spätestens nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2017 zur dritten positiven Geschlechtsoption: Es gibt in unserer Gesellschaft nicht nur Männer und Frauen. Das kann man sich wünschen in einer kleinen, engstirnigen Vorstellung, aber es entspricht nicht der Realität. Die Geschlechterbinärität ist eine Lüge, eine Mogelpackung, die einem ein Biologiebuch der 8. Klasse zu verkaufen versucht. Deshalb nutzen wir Sprache, die alle Menschen anspricht, auch wenn sie nicht Frauen oder Männer sind. Hier muss deshalb auch niemand so tun, als wäre geschlechtergerechte Sprache die allergrößte Hürde im Erlernen von Deutsch. Es gibt im Deutschen immer noch die vier Fälle, und zu unterscheiden, wie man mit Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ umgeht, würde, glaube ich, die größere Hürde sein. Aber eine Sache ärgert mich in dieser Debatte tatsächlich noch so viel mehr als die Ahnungslosigkeit um geschlechtliche Vielfalt: all die Menschen, die so tun, als wäre das ein von oben verordnetes Ideologie-Ding, wenn es eigentlich, wie wir gesehen haben, ein jahrhundertelanger Kampf feministischer Bewegungen war, der dazu geführt hat, dass jetzt sogar die Staatsregierung mit der Doppelnennung begonnen hat, einen Schritt hin zu geschlechtergerechter Sprache zu machen. Vielen herzlichen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, den LINKEN, der SPD und der Staatsministerin Katja Meier) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Für die SPDFraktion Frau Abg. Kliese, bitte.
