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Wolfram Günther

23.06.2021 Sitzungen 7/32

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! In dem Antrag fordert die Koalition die Regierung auf, modellhaft FSC-Zertifizierungen im Staatswald umzusetzen, Betonung auf „modellhaft“. Wir haben dazu gerade einiges gehört. Warum FSC? Es ist als Siegel in abrechenbarer Art und Weise auf eine naturgemäßere Forstbewirtschaftung ausgerichtet und vor allem auf eine integrierte Forstbewirtschaftung, die den Naturschutzgedanken in die gesamte Flächenbewirtschaftung integriert, und das eben nicht nur mit unbestimmten Begriffen, sondern abrechenbar und konkret. Ja, der Ursprung dieses FSC-Siegels liegt tatsächlich beim Tropenholz und der gesamten Problematik, wie Regenwälder illegal abgeholzt werden. Das ist nicht unser Problem, aber genau deswegen gibt es FSC-Richtlinien, die für uns in Deutschland gelten und eben nicht dieselben sind wie die, die etwa in Südamerika gelten. Wir haben es von den Vorrednerinnen und Vorrednern schon gehört: Es gibt eben Unterschiede zu dem bestehenden Zertifizierungssystem PEFC, also ganz wesentlich die Prozessschutzflächen von 10 %, aber auch die Bodenbearbeitung, eben kein Eingreifen in den Mineralboden, kein flächiges Eingreifen, keinen Vollumbruch. Das stärkt einfach die natürlichen Kräfte des Bodens. Eine Begrenzung nicht standortheimischer Baumarten auf 20 % ist ein Beitrag zur Biodiversität, weil fremdländische Arten mit Sicherheit nicht komplett ausgeschlossen sind. Man sagt immer, Pi mal Daumen leben an einer einheimischen Pflanze 20 andere Arten, und bei fremdländischen Arten ist es eben nur ein Bruchteil davon. Auch dieser Aufgabe der Schaffung von mehr Biodiversität müssen wir uns stellen. Es gibt keine schematischen Erntenutzungs- und Verjüngungsverfahren. Explizit ist auch der Vorrang der natürlichen Waldverjüngung. Auch diese Werte lernen wir zunehmend zu schätzen. Gerade in Anbetracht der Folgen des Klimawandels merken wir, dass Pflanzgut, das von der Naturverjüngung kommt, regelmäßig viel stabiler ist, um den Widrigkeiten zu trotzen. Auch das ist also ein wertvoller Baustein, was Waldumbau und Wiederbewaldung anbelangt. Saat- und Pflanzgut kommt aus Forstbaumschulen mit wenig Pflanzenschutzmittel- und Düngereinsatz. Wir haben eine gemeinsame Strategie, wie wir diese Werte senken. Das ist eine Strategie, die wir bundesweit – auch in Sachsen – beschlossen haben. Sie braucht natürlich immer einzelne Maßnahmen, mit denen sie dann konkret umgesetzt werden soll. Der Rückegassenabstand von 40 Metern zum Schutz des Bodens ist ganz wesentlich. Biotop- und Totholzstrategie: unter anderem die zehn Biotopbäume je Hektar. Das ist auch eine abrechenbare Größe, ganz wichtig. Vor allen Dingen: der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Bioziden nur nach einer behördlichen Anordnung, das Ganze also mit einer unabhängigen Instanz. Bleifreie Munition bei der Jagd, natürliche Waldgesellschaft, Verjüngung ohne Schutz, ohne Zaun. Auch das ist ein wichtiges Anliegen: dass man es hinbekommt, dass das ganze Geld nicht nur in die Umzäunung fließt, weil das schnell falsch ausgegebenes Geld sein kann. Wenn irgendein Sturm das umlegt, dann ist der Jungbestand ganz schnell wieder weggefressen. Nicht zuletzt: die tarifliche Entlohnung der beteiligten Betriebe. Tatsächlich ist das auch noch ein Thema hier in Deutschland, dass wir, was die Einhaltung des Tariflohns anbelangt, noch lange nicht am Ziel angekommen sind. Wegen dieser konkreten Vorteile, dieser abrechenbaren Vorteile, sind wir auch nicht die Einzigen, die sich auf den Weg machen. In Deutschland sind es die Landesforstbetriebe und Staatsforste in Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Schleswig-Holstein, die schon komplett auf FSC umgestellt haben. Es gibt also schon ganz viele Vorerfahrungen. In Sachsen sind es immerhin die Körperschaftswälder. Wir haben schon von Chemnitz gehört, aber auch von Leipzig. Weltweit, muss man sagen, sind es schon 226 Millionen Hektar. Im Vergleich sind es weltweit 330 Millionen Hektar für PEFC. In Deutschland sind mittlerweile schon 12 % der Waldfläche FSC-zertifiziert. Wir haben uns im Koalitionsvertrag darauf verständigt, dass wir das Ganze erst einmal modellhaft angehen. Deswegen: Was sind die nächsten Schritte? Vielleicht noch einen Satz dazu, warum es auch betriebswirtschaftlich klug ist; denn zunehmend mehr Abnehmer und auch Weiterverarbeiter von Holz, aber auch Verbraucherinnen und Verbraucher legen Wert auf solch ein Zertifikat. Wir wollen uns das Ziel setzen, auch in Sachsen tatsächlich geschlossene Wertschöpfungsketten aufzubauen. Wir bemerken jetzt gerade die Probleme, der starke Export von Rundholz und von Schnittholz nach China, nach Amerika, wobei wir sagen, wir brauchen es hier auch für unsere Bauwirtschaft. Es gibt einen ganz starken Bedarf nach zertifiziertem Holz und zertifizierten Weiterverarbeitungsprodukten. Es ist gut, wenn wir als Sachsenforst genau das liefern können, was zunehmend auch honoriert wird. Zertifizierung ist nicht nur ein Thema im Wald. Wir kennen es auch aus der Tierhaltung. Wir kennen es auch aus vielen anderen Bereichen, dass es für immer mehr Menschen eine große Rolle spielt. Wie gehen wir jetzt damit um? Wir werden drei von insgesamt zwölf Forstbezirken, die wir in Sachsen haben, in dieses System einbeziehen: den Forstbezirk Chemnitz – das ist ein Waldumbauschwerpunkt von der Fichte zu Laubmischwäldern, jetzt genau im Übergang, wo wir das ausprobieren –, den Forstbezirk Marienberg – dort besteht auch ein hoher Waldumbaubedarf in der Regulation, gerade mit den Schalenwildbeständen als Herausforderung – und den Forstbezirk Neustadt, im Vergleich auch zum angrenzenden Nationalpark Sächsische Schweiz mit einer naturnahen integrativen Waldbewirtschaftung und weil dort praktisch eigentlich weitgehend solche Bestimmungen schon gelten. Dazu kommen unsere drei Großschutzgebiete. Das betrifft erstens den Nationalpark Sächsische Schweiz selbst, wo wir vor allem auch viel Prozessschutz machen wollen mit den Fichtenwäldern und starker Erholungsnutzung. Es ist interessant, wie man das zusammenbekommt, auch in Zeiten des Borkenkäfers. Zweitens ist es das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft mit seinen Kiefernwäldern. Auch das sind spannende Bogen zwischen menschlicher Nutzung und Biosphärenkriterien. Drittens betrachten wir die Naturschutzgebiete Königsbrücker Heide und Gohrischheide, Elbniederterrasse Zeithain als das größte Wildnisgebiet in Sachsen. Das ist der Umfang, in dem wir das Ganze modellhaft probieren. Es werden am 29. Juni Sondierungsgespräche stattfinden mit Prof. Sven Wagner, Professor für Waldbau, und Prof. Goddert von Oheimb, Professor für Biodiversität und Naturschutz an der Technischen Universität Dresden, zur fachlichen Abstimmung dieser Aufgaben und der Begleitung dieses Modellprojekts, das danach starten soll. Der Zeitplan für das zweite Halbjahr ist, dass der Sachsenforst an ein Zertifizierungsunternehmen den Auftrag gibt, ein Voraudit durchzuführen, damit man die Unterschiede, die es zwischen den verschiedenen Zertifizierungssystemen gibt, genau herausarbeitet. Das Ganze wird in Begleitung durch Verbände stattfinden. Das sind mehrere Partner, unter anderem der Sächsische Forstunternehmerverband und der Sächsische Waldbesitzerverband. Die jeweils angrenzenden Waldbesitzer, körperschaftliche und private, werden beteiligt. Der Sächsische Landesjagdverband, die anerkannten Naturschutzverbände, die IG BAU, der Personalrat, der Verband der Säge- und Holzindustrie Sachsen sind auch eingebunden. Das ist eine ganz breite Einbindung von verschiedensten Akteurinnen und Akteuren. 2022 soll es die erste Betriebsprüfung, ein Zertifizierungsaudit und einen ersten Zertifizierungsbericht geben. Im dritten Quartal gibt es dann eine Zertifikatserteilung nach dem Standard FSC Deutschland, wenn alles gut geht. Der Regelzeitraum beträgt fünf Jahre. Wir reden also von 2022 plus fünf. Die Laufzeit im Modellprojekt ist damit bis 2027 festgelegt. 2024 werden wir nach dann netto einem Jahr, in dem wir es erstmals praktisch umgesetzt haben, erste Ergebnisse auswerten. Da muss man aber sehen, was nach einem Jahr schon feststellbar ist. Deshalb beginnen die wissenschaftliche Begleitung und die Beteiligung der Verbände bereits am Anfang des Projektes. Dann wird es eine Zwischenauswertung geben. Wir werden dazu im Landtag berichten. Wir können heute schon zusagen, dass wir das auf jeden Fall machen werden. Spätestens nach Ablauf des fünfjährigen Zertifizierungszeitraumes, also 2027, wird es eine umfassende Untersuchung zu Vor- und Nachteilen beider Systeme – FSC und PEFC – geben. Durch die Einbindung der genannten Akteurinnen und Akteure ist, glaube ich, gewährleistet, dass das eine neutrale Vor- und Nachteilsabwägung sein wird. Wir haben schon bei den Koalitionsverhandlungen gemerkt, dass die Euphorie, mit der wir an dieses Thema herangehen, durchaus unterschiedlich verteilt ist. Aber ich glaube, dass dieser Weg, das jetzt modellhaft in drei von zwölf Forstbezirken zu probieren, durchaus einen guten Kompromiss darstellt. Man muss sich immer erst einmal auf den Weg machen. Die Auswertungen, die dann vorliegen, werden uns wir dann viele Anlässe bieten, die Vorund Nachteile fachlich fundiert miteinander zu diskutieren. In diesem Sinne würde ich mich freuen, wenn dem Antrag der Koalition ausreichend Zustimmung zuteilwürde. Vielen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, der SPD und der Staatsregierung) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Vielen Dank, Herr Staatsminister Günther. Das Schlusswort hat jetzt Kollege von Breitenbuch.

Protokoll ↗