Kathleen Kuhfuß
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir BÜNDNISGRÜNEN haben heute eine Aktuelle Debatte beantragt, weil wir glauben, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist, um die besonderen Schutz- und Entwicklungsrechte von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen. Kinder und Jugendliche brauchen einen ganz besonderen Sommer: eine Zeit mit Gleichaltrigen und an Orten, die ihnen guttun. Denn Kinder und Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen; sie haben andere Bedürfnisse und eine andere Wahrnehmung von Zeit. Der bisherige Fokus der Pandemie – das war richtig – lag darauf, dass wir versucht haben, Bildung zu Hause zu ermöglichen. Doch Kinder und Jugendliche brauchen mehr. Mit Gleichaltrigen auf dem Spielplatz spielen, gemeinsam eine Hütte im Wald bauen, den Fußball über den Schulhof bolzen oder mit Freundinnen an der Ecke stehen und tuscheln – das scheint für uns Erwachsene verzichtbar, für Kinder und Jugendliche ist es das aber nicht. Die fehlenden Möglichkeiten – sich auszuprobieren, Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen, mit Gleichaltrigen eine unbeschwerte Zeit zu verbringen – können zu Langzeitfolgen führen. Neben psychischen Auswirkungen hatten Kinder und Jugendliche zudem – wie wir alle – zu wenig Bewegung. Manche haben ihre motorischen Fähigkeiten kaum weiterentwickelt. Davon – diese Angst kann ich gleich nehmen – wird keine ganze Generation ungeschickt, fehlsichtig oder adipös. Aber jetzt, genau jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um spielerisch und freizeitorientiert Anregungen zu schaffen. Ich will auf die Dimension des zeitlichen Erlebens eingehen. 14 Monate im Leben eines Erwachsenen sind deutlich kürzer als im Leben eines Kindes. Wer heute in der ersten Klasse ist, weiß nicht, wie sich der normale Sozialverband in einer Klasse anfühlt. Wer heute zehn Jahre alt ist, war letztes Jahr nicht regelmäßig im Sportverein, hat keine Kindergeburtstage gefeiert. Wer heute 16 ist, kann sich vielleicht noch ganz grob an seinen letzten Kinobesuch erinnern, und wir haben eine Generation Achtzehnjähriger, die keine Ahnung hat, welche Freiheit sich hinter der Zahl 18 verbirgt. Deshalb ist es angezeigt, uns genau zu überlegen, wie wir uns bei den Kindern und Jugendlichen bedanken für das, was sie zur Pandemiebekämpfung beigetragen haben. Wir Erwachsene tragen die Verantwortung dafür, jetzt Räume Debatte Jugendliche in der Krise – sondern sich auch erholen können BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zu schaffen, damit Erfahrungen, Fähigkeiten und Kompetenzen aktiv nachgeholt werden können. Deshalb halten wir BÜNDNISGRÜNEN es für wichtig, jetzt einen Sommerpakt für Kinder und Jugendliche ins Leben zu rufen, damit Kinder nicht nur aufholen, sondern sich auch erholen können. Der Sommerpakt soll aus unserer Sicht aus fünf Teilen bestehen: Ferienlager, und zwar überall in Sachsen, für alle sächsischen Kinder und Jugendlichen. Planbarkeit und klare Perspektiven für die Jugendarbeit und die Jugendverbandsarbeit, gern auch über den Sommer hinaus. Leicht zugängliche Outdoor-Aktivitäten im Stadtteil und Quartier sowie eine Sport- und Bewegungsinitiative. Über all dem steht die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Ein solches Sommerpaket – oder gern auch: ein „Paket ab jetzt“ – ist kein Geschenk, sondern ein dringend notwendiges Angebot. Bevor wir in die Debatte einsteigen, möchte ich gern noch darauf schauen, warum wir das genau jetzt für richtig halten und warum es nicht eher möglich war. Die kurze Antwort ist: Die Pandemie hat es früher einfach nicht möglich gemacht. Die ausführlichere ist: Wir kommen mit dem Impfen gut voran, wir haben jetzt die Testkapazitäten – und zwar für alle Generationen, nicht mehr nur für die Pflegeheime –, und es ist Sommer. Der Sommer gibt uns die Möglichkeit, vieles draußen und in kleinen Gruppen zu unternehmen. Genau darauf zielen wir ab. Ich sage noch einmal sehr deutlich: Die Kontaktbeschränkungen und Freiheitseinschränkungen der vergangenen Monate waren aus unserer Sicht bitter nötig, damit alle Generationen den höchstmöglichen Gesundheitsschutz genießen konnten. Entgegen der AfD-Erzählung – um dem gleich vorzugreifen – wollten wir Kinder nicht „einsperren“ oder Familien zurücklassen. Uns ging es immer darum, über Homeschooling und die Reduktion Kontakte zu vermeiden. Aber wir haben in jeder Sonderausschusssitzung nachgefragt und nachverhandelt. Wir hatten immer das Kindeswohl klar im Blick. Wir haben gemeinsam als Regierung die Jugendämter und sozialen Träger unterstützt, damit sie Familien in schwierigen Lebensphasen begleiten können. Die Jugendarbeit hat einen großen Beitrag geleistet: Einszu-eins-Kontakte mit Kindern und Jugendlichen beim Spaziergang ermöglicht, zum Beispiel Ostergeschenke über den Zaun gehängt oder das digitale Jugendhaus erfunden. Sie waren da, wenn Kinder, Jugendliche und Familien in der Krise waren. Ich möchte mich dafür ganz herzlich bedanken. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN und der SPD) Für die unvorhersehbaren finanziellen Entwicklungen haben Bund, Länder und sogar einige Kommunen einen Rettungsschirm gespannt. Der Freistaat hat zum Beispiel die Jugendübernachtungsstätten mit einer Finanzspritze am Leben gehalten. Deshalb gibt es diese Jugendübernachtungsstätten jetzt noch. Deshalb gibt es auch Verbände und Strukturen. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um einen richtig guten Sommer für unsere Kinder und Jugendlichen in Sachsen zu organisieren. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN)
