Hanka Kliese
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst möchte ich auf die aufgeworfene Frage eingehen: Leben wir denn im Patriarchat, oder tun wir es nicht? Eine sehr, sehr spannende Frage, die sich eben nicht aus dem persönlichen Erleben, das man zu Hause in seiner Familie hat, beantworten lässt. Dieser kleine Denkfehler ist Ihnen gestern schon unterlaufen, Frau Jost, als Sie auf die Kinderrechte eingegangen sind und meinten, wir brauchten keine universellen Kinderrechte im Grundgesetz, weil es Ihren Kindern zu Hause ja gut gehe – was auch niemand bestreiten möchte. Aber darum geht es in dieser Frage nicht. Es geht um die Struktur. Ich zum Beispiel bin auch in einem Haushalt aufgewachsen, in dem die Partner wirklich komplett, auch im täglichen Leben, gleichgestellt waren. Das hat mir aber nicht die Erfahrung erspart, dass die Welt draußen eine andere ist. Natürlich bin ich dort jeden Tag an die sogenannte gläserne Decke gestoßen, habe jeden Tag Erfahrungen gemacht, die mir gezeigt haben, dass es Gleichstellung in der Realität so noch nicht gibt. Als ich mein erstes Spiel als Schiedsrichterin gepfiffen habe, bei einer Männermannschaft, durfte ich mich fragen lassen, ob ich nicht vielleicht erst einmal für die Herren einen Kaffee kochen will. Ich kann mir viele Herren in Ihrer Fraktion vorstellen, die das witzig gefunden oder diese Frage auch gern gestellt hätten. Oder als ich beim Ortsverein in der SPD angefangen habe – auch meine Partei ist von solchen Strukturen nicht frei –, habe ich natürlich zwischen Männern gesessen und Protokoll führen müssen. Das alles sind Hinweise dafür, dass es diese Strukturen gibt. Herr Voigt, natürlich – hallo, Herr Voigt! – gibt es auch Frauen, die das freiwillig tun, die das gerne tun. Das fördern wir auch. Wir fördern ja die Wahlfreiheit. Wahlfreiheit soll es immer geben. Ich finde das auch wichtig. (Zuruf des Abg. Dr. Rolf Weigand, AfD) Aber manchmal schreibt die Struktur Ungerechtigkeit schon vor, nämlich in dem Moment, in dem Frauen schlechter bezahlt sind als Männer, wenn Berufe, in denen Frauen arbeiten, schlechter bezahlt sind. Sobald sich zu Hause die Frage stellt, wer daheimbleibt, ist das derjenige oder diejenige, der oder die das geringere Gehalt hat. Es ist eine politische Entscheidung, ob wir das so weitertragen wollen oder nicht. Unsere Fraktion hat ganz klar für sich entschieden – das sehen auch andere in diesem Hause so –: Wir wollen das nicht. Abschließend zu der Frage: Leben wir im Patriarchat? (Martina Jost, AfD, steht am Mikrofon.) – Ich beantworte Ihnen gerne gleich eine Frage. Ich will nur sagen: Während Ihrer Rede musste ich an die wunderbare Schriftstellerin Irmtraud Morgner denken. Sie hat einmal gesagt: Manche Frauen leben nicht nur im Patriarchat – das Patriarchat lebt auch in ihnen. Das ist offensichtlich der Fall, und das meine ich gar nicht böse. (Beifall bei der SPD, den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der Staatministerin Katja Meier) Erste Vizepräsidentin Andrea Dombois: Möchten Sie eine Zwischenfrage stellen? – Frau Kliese, erlauben Sie die Zwischenfrage?
