Sarah Buddeberg
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Cancel Culture also, dieser Begriff der durch die Feuilletons gejagt wird und – darauf muss man unbedingt hinweisen – einen anderen Begriff ablöst, der vorher dort starkgemacht wurde, auch von der AfD, nämlich den Kampfbegriff „Political Correctness“, weil der Kampf gegen die scheinbare Political Correctness viel schöner klang als dieses trotzige „Das wird man ja noch sagen dürfen!“. Wir kennen die Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der Benennung von Apotheken, von Süßigkeiten, aber auch bei zotigen Witzen und bei offensichtlichem Rassismus und Antisemitismus. Hier wird also gern unter dem Deckmantel von Satire und Humor der kalkulierte Tabubruch begangen, damit die braune Suppe ausgeschüttet werden kann und Stammtischparolen salonfähig gemacht werden können. Alle, die sich dagegen verwahren, werden diffamiert, ihnen wird Political Correctness vorgeworfen und sie werden als Gutmenschen beleidigt. In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn „Gutmensch“ eine Beleidigung ist? (Beifall bei den LINKEN) Deshalb möchte ich aus tiefer Überzeugung ein Plädoyer für eine sensible Sprache halten, für eine diskriminierungsfreie Sprache, die mit der Frage einhergeht, was die Grenzen von Satire sind; denn eines muss klar gesagt sein: Ja, Satire darf alles, aber Satire muss nicht alles. Es geht um Sensibilität, es geht um Empathie, um Reflexion und um Menschlichkeit. Ich möchte versuchen, das an einem einzigen einfachen Beispiel nachvollziehbar zu machen: Was bedeutet es für mich als weiße Person, wenn ich einen Schokokuss einen Schokokuss nenne? Nichts. Es kostet mich nichts, außer vielleicht ein wenig Reflexionsvermögen und etwas Übung, weil ich vorher ein anderes Wort benutzt habe. (Zuruf von der AfD) Jetzt Empathie – der Perspektivwechsel: Was bedeutet es für eine nicht weiße Person, für eine Person of Color, wenn ich weiter eine rassistische und kolonialistische Sprache verwende, obwohl ich andere Begriffe dafür habe? Für die bedeutet es viel; denn es ist Diskriminierung und die Fortführung von historischer, aber auch von persönlich erlebter Gewalt; denn diese Sprache ist gewaltvoll. Deshalb ist es auch ein Akt der Menschlichkeit, diese Gewalt einfach nicht auszuüben, weil ich es kann. Deshalb sage ich: Sprachsensibilität ist eine zivilisatorische Errungenschaft. (Beifall bei den LINKEN) Es ist kein Wunder, dass es die Programmatik der AfD ist, genau diesen Akt der Menschlichkeit kategorisch zu verweigern (Zurufe von der AfD) und gruppenbezogene Menschlichkeit mit einem trotzigen „Das wird man ja noch sagen dürfen!“ salonfähig zu machen. Es ist Ihre freie Entscheidung, wie Sie sprechen; denn wir leben nicht in einer Diktatur. Aber es ist auch eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen aufstehen und zivilisatorische Errungenschaften verteidigen. Auch dafür gibt es ein Wort, und das heißt Zivilcourage. Statt sich damit auseinanderzusetzen und sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, machen Sie das, was Sie am besten können und was in der Jugendsprache oder wahrscheinlich jetzt schon nicht mehr Jugendsprache als „Rumopfern“ bezeichnet wird; denn hier kommt es zu einer Täter-Opfer-Umkehr, wenn jetzt der Begriff der Cancel Culture etabliert wird. (Zurufe von der AfD) Wir haben es gerade gehört: Hier sieht man die Meinungsfreiheit bedroht, die Kultur und die Wissenschaft, und das sagt ausgerechnet die AfD! Wie verlogen kann man denn sein? Die AfD, die dafür bekannt ist, gegen unliebsame Institutionen und Personen mit juristischen Mitteln und mit Einschüchterung vorzugehen – darüber müssen wir hier reden! (Beifall bei den LINKEN, den BÜNDNISGRÜNEN und der SPD – Zurufe von der AfD) Wir müssen reden – um nur bei sächsischen Beispielen zu bleiben; es gibt Tausende mehr – über die Hochschulprofessorin Anja Besand, die mit allen Mitteln von der AfD bekämpft wurde, weil ihre Aussagen zur politischen Bildung der AfD dieser nicht entsprochen haben. Wir müssen reden über die Denunziationsplattform LehrerSOS, (Dr. Rolf Weigand, AfD: Das ist erlaubt! Hat der Juristische Dienst festgestellt! Das ist typisch LINKE! – Zuruf von der AfD: Über Indymedia!) mit der Meinungsäußerungen kontrolliert werden sollten und ein Klima der Angst an Schulen erzeugt werden sollte. Wir müssen reden über das Freiberger Theater. Wir haben dazu einen Dringlichkeitsantrag gestellt, weil auf Druck der AfD eine Dialogveranstaltung – eine Dialogveranstaltung! – am Theater verboten wurde. Das war ein offener Angriff auf die Kunstfreiheit. (Beifall bei den LINKEN – Zurufe von der AfD) Deswegen ist diese ganze Debatte eine klare Kampfansage der AfD an eine offene und vielfältige Gesellschaft, und das ist Ihre Agenda. Das Geschwafel über Cancel Culture ist ein Teil davon. Meine Fraktion und ich werden uns dem entgegenstellen. Wir werden uns selbstverständlich Intoleranz entgegenstellen. (Dr. Rolf Weigand, AfD: Machen Sie einmal etwas gegen das Abfackeln in Leipzig! Intoleranz!) Wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln die offene Gesellschaft verteidigen; (Jörg Urban, AfD: Mit allen Mitteln! Wir haben es gehört!) denn das ist unser Ziel: Antisemitismus canceln, Sexismus canceln, Homo- und Transfeindlichkeit canceln, Rassismus canceln (Dr. Rolf Weigand, AfD: Dazu gehört auch Antifaschismus! – Weitere Zurufe von der AfD) und faschistische Ideologie canceln für eine offene und freie Gesellschaft. Vielen Dank. (Beifall bei den LINKEN)
