landtag.sachsen.de ↗

Antonia Mertsching

Die Linke 24.03.2021 Sitzungen 7/25

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Der Antrag macht einmal mehr deutlich, dass die BÜNDNISGRÜNEN mit in der Regierung hocken und wir deshalb im Sächsischen Landtag über Nahrungsmittelverschwendung diskutieren. Sehr gut! (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN) Der Antrag macht aber genauso deutlich, dass er wohl der Maximalkompromiss war. Ungefähr 306 000 Tonnen Nahrungsmittel werden in Sachsen pro Jahr verschwendet – wir haben es schon gehört –, das sind 75 Kilogramm pro Person. Heute Mittag haben wir noch über eine wettbewerbsfähige und nachhaltige Landwirtschaft gesprochen, aber nicht einmal 12 % der produzierten Nahrungsmittel landen auf dem Teller. 18 % gehen bei der Verarbeitung verloren. Das gehört im Übrigen auch zu den bemerkenswerten Folgen der Gemeinsamen Agrarpolitik. Ich nehme es gleich vorweg: Wir werden dem Antrag zustimmen. Er ist besser als nichts, und dann steht er ja sowieso unter Haushaltsvorbehalt. Ein großer Wurf ist er nicht, aber immerhin kommt die Förderung regionaler Initiativen wie Foodsharing vor, also wie wir den Überfluss in unserer Gesellschaft wenigstens ein bisschen sinnvoll verwenden können. Ich habe auch selber meine Erfahrungen im Foodsharing gesammelt. Immer sonntags – als ich noch hier in der Neustadt gewohnt habe – bin ich 18 Uhr zum Bäcker gegangen und habe den restlichen Kuchen oder auch Brötchen abgeholt. Es ist schon eine ziemliche Herausforderung, sich dann zu überlegen, wie man diese Massen an Brötchen die man in die Hand gedrückt bekommt, auch verteilt und wie man bei seinen Mitmenschen quasi darum betteln muss, dass einem das doch abgenommen wird. Ich konnte auch mehrere Jahre danach keine Brötchen mehr essen. Donnerstags bin ich immer zum Supermarkt um die Ecke gegangen und habe dort auch die restlichen Nahrungsmittel abgeholt. Das Schlimmste daran ist, wenn man sieht, wie die Tiere, die vorher schon im Stall gequält worden sind, dann als Fleisch daliegen und weggeschmissen werden sollen, und man dann noch versucht, es unter die Leute zu bekommen, damit die Tiere nicht umsonst gestorben sind. Ich habe auch meine Erfahrung mit dem Containern gesammelt. Ich bin nachts losgestiefelt, habe mir die Gummihandschuhe angezogen und die Stirnlampe aufgesetzt und habe in die Tonne geschaut, was denn da noch übrig ist. Dabei muss man natürlich auch aufpassen, dass man nicht erwischt wird. Es findet sich einiges an Schätzen in diesen Tonnen. Es ist wie Pilze sammeln, wenn man noch etwas findet, freut man sich. Dann watschelt man mit einer sehr hohen Geruchstoleranz nach Hause, packt die ganzen Sachen aus, muss es abwaschen, erst einmal schauen, was sofort verwertet werden muss oder was sich noch hält. Was kann man noch unters Volk bringen? Es ist eine ziemlich zeitintensive und anstrengende Angelegenheit. Und dafür, dass man die Gesellschaft von ihrem Überfluss befreit, wird man dann auch noch kriminalisiert. Das bringt mich zu drei Forderungen, die ich für aussichtsreicher beim Kampf gegen Nahrungsmittelverschwendung halte, weil sie eher an die Strukturen gehen: Erstens. Es ist zu klären, was dagegen getan werden kann, dass 30 % der produzierten Nahrungsmittel nicht einmal auf dem Teller landen. Zweitens. Wir brauchen Straffreiheit für das sogenannte Containern und ein Gesetz wie in Frankreich, demzufolge große Supermärkte nicht verkaufte Nahrungsmittel spenden müssen. Drittens. Wir brauchen – Volkmar Zschocke hat es schon gesagt – eine Diskussion darüber, ob das Mindesthaltbarkeitsdatum eine taugliche Angabe ist, um die Haltbarkeit von Nahrungsmitteln auszumachen, (Unruhe) denn es ist ein Mindestdatum. Viele Menschen denken aber: „Oh, der Joghurt ist abgelaufen, den werfe ich jetzt weg!“ Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Ein Joghurt hält sich eine ganze Weile. Von daher braucht es Ernährungsbildung. Woran erkenne ich verdorbene Nahrungsmittel? Worin besteht der Unterschied zwischen Schimmel am Brot und Schimmel am Käse? Was also landet in der Biotonne und was nicht? (Anhaltende Unruhe) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Frau Kollegin, ich muss Sie einmal ganz kurz unterbrechen. – Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich habe es unter diesem Tagesordnungspunkt schon einmal angesprochen: Es ist sehr, sehr laut. Man kann hier vorne fast nichts mehr verstehen. Man hört zwar Sie, aber den Redner oder die Rednerin nicht mehr. Deshalb bitte ich um etwas Ruhe. Vielen Dank. – Bitte schön.

Alle Reden von Antonia Mertsching Protokoll ↗