Marika Tändler-Walenta
Werter Herr Präsident! Werte Abgeordnete! Ja, wir feiern in diesem Jahr 30 Jahre deutsche Einheit. Dabei steht aber der ostdeutsche Fußball im Bundesvergleich mit fast leeren Händen da. Die Bundesregierung produziert wieder ihren Bericht zum Stand der Deutschen Einheit, und wieder fehlt das Kapitel zur Entwicklung des Fußballs. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung und damit 28 Jahre nach der letzten Saison der DDR-Oberliga sind traditionelle Mannschaften aus Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern eher in den unteren Ligen beheimatet und damit nicht in den Ligen, welche mit TV-Geldern ziemlich gut ausgestattet sind. Um Heimat, um ein Lebensgefühl soll es auch in dieser Debatte gehen. Nicht ohne Grund verschafft die bekannte Sendung „Sport im Osten“ den Machern Marktanteile bis in einen zweistelligen Prozentbereich. Ostvereine haben eine Tradition und eine große Fanbasis. Auch ein Artikel der „New York Times“ anlässlich des damaligen Abstiegs von Hansa Rostock aus der Bundesliga verdeutlicht das. In dem Artikel widmen die Autoren eine halbe Seite dem Abstieg und kommen zu dem Fazit: „Für die Menschen im Osten ist das ein trauriges Zeichen, dass die Lücke zum Westen des Landes gewachsen ist.“ Wenn man sich die Grafiken von den Sitzen der Erst- und Zweitligisten im Vergleich zu den wirtschaftsstärksten Gebieten anschaut, dann wird man sehen, dass dort, wo die Wirtschaftskraft hoch ist, auch die meisten Erst- und Zweitligisten beheimatet sind. Man darf auch nicht vergessen, was nach der Wende passiert ist: dass viele, auch die hier lebenden Menschen, weggegangen sind. Das betrifft auch Spieler. Rund 150 ehemalige Spieler der DDR sind in den ersten fünf Jahren zu Westvereinen gewechselt, Spieler wie Andreas Thom, Ulf Kirsten, Thomas Doll, Matthias Sammer und Michael Ballack. Alle Fußballfans wissen um die aus Sicht des Westens legendäre Einkaufstour von Rainer Calmund. Diese hat aber nie wirklich aufgehört; denn die circa 700 Talente, die seit der Wende von den hiesigen Sportschulen ausgebildet wurden, sind woanders. Zusammenfassend kann man ein Fazit ziehen: Der ostdeutsche Fußball befindet sich in einem Teufelskreis: kein Geld, keine Bundesliga, keine Attraktivität für Sponsoren. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung müssen wir uns die Frage nach den Ungerechtigkeiten in vielen Bereichen stellen, auch im deutschen Fußball. Ja, der Fußball hätte vor allem etwas zu einer emotionalen Angleichung der Lebensverhältnisse beitragen können. Es fehlt die Lobby für die Ostklubs, auch gegenüber DFB und DFL. Schauen Sie sich doch einmal die Zusammensetzung des DFB an. Bei 17 Vorständlern sind zwei Personen aus dem Osten. Was soll das Fazit dieser Debatte sein? Es gibt ein Spiegelbild. Fußball ist das Spiegelbild der Gesellschaft und auch der Verhältnisse zwischen Ost und West in vielen Bereichen: in den Rektoraten an den Hochschulen, in den Firmen – ich hatte es vorhin alles gesagt – und auch beim Fußball. Deshalb ist es für Ostligavereine schwer, hochzukommen. Wenn man einmal in der dritten Liga ist – alle, die ein wenig Ahnung haben, wissen, wie schwer es ist –, dann brechen die TV-Gelder ein. Reden Sie doch einmal mit den Vereinen! Das ist nicht ohne Grund ein Problem. Das sollte auch hier im Landtag eine Rolle spielen. Die Leerstelle, die der ostdeutsche Fußball schon jetzt hinterlassen hat, ist das traurigste Kapital der deutschen Fußballgeschichte. Vielen Dank. (Beifall bei den LINKEN)
