Thomas Löser
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Aktuelle Debatte lautet: „30 Jahre im selben Land und doch nicht in derselben Liga: Ostdeutsche Fußballvereine fast ohne Chance zum Aufstieg!“ Zunächst einmal zur Bestandsaufnahme: Es wurde schon gesagt, dass RB Leipzig in der 1. Liga spielt. Es wurde nicht erwähnt, dass Turbine Potsdam in der 1. Frauen-Bundesliga spielt. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, der SPD und der Staatsregierung) In der 2. Liga spielt Erzgebirge Aue; das wurde auch gesagt. Aber jetzt kommt es – halten Sie sich fest –: In der Liga Frauen Nord spielen Turbine Potsdam 2, Carl Zeiss Jena und Rasenballsport Leipzig. Die Frauen sind in der 2. Liga sehr erfolgreich. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der SPD und der Staatsregierung) Über die 3. Liga – gestatten Sie mir das als Dresdner – wurde schon gesprochen, und als ewiger Dynamo-Fan würde ich darüber nicht gern sprechen, hoffe aber, dass Dynamo irgendwann wieder aufsteigt. Ostdeutsche Fußballklubs unterrepräsentiert: Wenn man sich die Tabellen anschaut und das pauschal nimmt, stimmt es zunächst einmal. Man muss sich – und das habe ich in der Debatte eigentlich erwartet – fragen, woran das liegt. Sich nur zu beschweren, dass der Osten immer benachteiligt wird, ist sicher viel zu einfach. Blicken wir einmal in die Geschichte: Fußball im Osten war anders aufgestellt als im Westen. Es gab gezielten staatlichen Aufbau von Schwerpunktklubs. Es gab Leistungskonzentrationen in zehn Klubs und Spielertransfers in diese Klubs. Es gab keinen internationalen Transfer. Diese Mannschaften waren im besten Sinne des Wortes Lokalmannschaften. Für sich gesehen war der ostdeutsche Fußball erfolgreich. Bei Olympia 1972 in München holte die DDR Bronze, vier Jahre später in Montreal Gold. 1974 gewann der 1. FC Magdeburg den Europapokal der Pokalsieger im Finale gegen Mailand, der einzige internationale Titel für eine Klubmannschaft aus der DDR. Erwähnt werden soll auch das Spiel von Dynamo Dresden im Halbfinale des UEFA-Pokals gegen Stuttgart 1989; leider hat es damals nicht gereicht. Warum konnte dieser Erfolg nicht über 1989/1990 gerettet werden? Die Fußballklubs im Westen wurden schon seit 40 Jahren eher kommerzialisiert. Westliche Fußballvereine sind Wirtschaftsunternehmen. Managementstrukturen hatten Zeit, sich zu entwickeln. Das kann man generell kritisieren. Die Ausrichtung auf gnadenlosen Kommerz macht sich in vielen Lebensbereichen unserer Gesellschaft breit. Die Logik des Kapitals greift eben auch bei Fußballunternehmen. Nach der Wende mussten die DDR-Vereine erst einmal umdenken, Know-how musste erworben werden. Sicher gab es auch falsche Berater, durch die sich Vereine haben blenden lassen. Viele gute Spieler – erwähnt seien Matthias Sammer, Andreas Thom, Michael Ballack – wechselten in den anderen Teil, in westdeutsche Vereine. Auf der anderen Seite gab es wenig, was westdeutsche Profis in den Osten gelockt hätte. Eine zentrale Rolle spielt, glaube ich, bis heute, dass der Osten strukturschwächer ist und sich große Unternehmen, die für das Sponsoring des – sage ich einmal – Kommerzfußballs, zum Beispiel eines Fußballklubs RB Leipzig, notwendig sind, hier nicht so einfach ansiedeln. Die Unternehmen, die wir haben, können sich dieses teure Sponsoring entweder nicht leisten, oder sie tun es nicht. Wenn wir einmal ganz praktisch fragen, was zu tun ist: Der Aufstieg in die 1. und sogar schon in die 2. Bundesliga ist schwer. Erst ab der 2. Liga lohnt sich das richtig. Es gibt dann die Fördergelder durch die DFL und Medienerlöse. Ich glaube schon, dass es darum geht, Sponsoren für die Vereine zu gewinnen. Es wurde schon gesagt, dass lokal sehr viel getan wird und diese Vereine einen großen Background in der Nachwuchsförderung, in der Verankerung vor Ort haben. Wir brauchen bessere Nachwuchsförderung, und es ist schade, dass der Deutsche Fußball-Bund, der DFB, die Zuschüsse für die U-19- und U-17-Teams in den Regionalligen gestrichen hat. Die Klubs brauchen auch wieder Einnahmen. Sie sind durch die Corona-Pandemie gebeutelt. Es ist, glaube ich, gut, dass wir das mit Hygienekonzept wieder gestatten. Fazit: Tatsache ist, dass der ostdeutsche Fußball, wenn man ihn einmal rein rechnerisch sieht, nicht so repräsentiert ist. Er hat nicht die Strukturen. Für den Aufbau gab es im Westen viel mehr Zeit. Aber ist es deshalb an der Zeit, zu jammern? Heute lohnt sich einmal ein Blick in die „SZ“, die große Themenseite. Ich habe sie einmal mitgebracht. (Der Redner hält die Zeitung hoch.) Von wegen Jammerossis: Für 70 % der Ostdeutschen, so wird hier ausgeführt, haben sich die Hoffnungen seit 1989 erfüllt. 90 % der Einwohner Sachsens sind stolz auf das, was in den letzten 30 Jahren erreicht wurde. Das soll die Probleme nicht kleinreden, die es gibt – auch im Osten –; aber ich sage einmal, weltweit gibt es Probleme. Die Leute, die in Griechenland, in Moria, leben, haben ganz andere Probleme. Der Schlüsselsatz in diesem Beitrag ist, und das finde ich interessant: „Wenn die Ostdeutschen ihr Leben heute mit den früheren Zuständen in der DDR vergleichen, entwerfen sie ein positives Bild. Vergleichen sie sich mit den Westdeutschen, fangen sie an zu klagen.“ Die Frage ist: Was machen wir damit? Verbitterung oder mit Leidenschaft und Power etwas Neues schaffen? – Ich bin für Letzteres. Sport frei! – und vielen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, der SPD und der Staatsregierung)
