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Hanka Kliese

SPD 30.09.2020 Sitzungen 7/14

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Am vergangenen Wochenende besuchte ich die Gedenkstätte „Der Laden“, welche die Erinnerungen an Erwin Strittmatter in Brandenburg wachhält. Dort arbeitete eine Rentnerin im Ehrenamt, die einst über eine ABM rein zufällig auf das Thema Erwin Strittmatter und Erinnerungskultur gekommen war. Es sind genau diese kleinen Erinnerungsorte, die mit sehr viel Liebe errichtet sind und eine stabile Förderung und professionelle Unterstützung verdient haben, so zum Beispiel das Käthe-Kollwitz-Haus in Moritzburg. In Sachsen haben wir, was das anbelangt, schon viel erreicht. Auf den parteiübergreifenden Konsens bei der Novellierung des Gedenkstättengesetzes im Jahr 2012 wurde bereits verwiesen. Wir haben vor acht Jahren eine neue Grundlage sowohl bezüglich des Umfangs der Aufgaben als auch in der inhaltlichen Ausgestaltung geschaffen. Das Thema Bildungsarbeit wurde ausdrücklich ins Gesetz aufgenommen und hat die Dimension des Gesetzes verändert. Doch die Novellierung war nicht allein notwendig, um den sogenannten Gedenkstättenfrieden herzustellen. Sie war auch wichtig, um den neuen Anforderungen von Erinnerungskultur gerecht zu werden. Denn Erinnerungskultur ist immer dynamisch. Sie muss sich entwickeln. Sie muss auf neue Herausforderungen eingehen und auf den gesellschaftlichen Wandel reagieren. Es ist unbenommen: Aufgabe der Stiftung und ihrer Gremien, allen voran des Stiftungsrates und der Geschäftsführung, ist, diesem gesetzlichen Auftrag nachzukommen. Mit den anstehenden personellen Veränderungen bei der Geschäftsführung öffnet sich uns eine Tür, durch die wir miteinander gehen sollten. Drei Punkte sollten in der Entwicklungskonzeption beherzigt werden: Erstens, das Thema Zeitzeugen. Viele von Ihnen wissen, wie eindrucksvoll es ist, wenn man von einem Zeitzeugen durch eine Gedenkstätte geführt wird, und was das mit einem macht. Ich merke es immer wieder in der Gedenkstätte, die ich ehrenamtlich an einem Gedenkort mit leiten darf, was es mit Menschen macht, mit Schülerinnen und Schülern, wenn sie von einem Zeitzeugen persönlich geführt werden. Die Aufmerksamkeit ist ganz anders, und die Bewunderung für das, was Menschen geleistet haben, ist enorm. Auf diese Art und Weise kann man viele junge Menschen erreichen, aber leider werden uns diese Zeitzeugen in absehbarer Zeit fehlen. Deswegen brauchen wir neue Methoden. Eine Methode kann beispielsweise Augmented Reality, eine computergestützte Erweiterung der Realität, sein. Es mag uns heute noch fremd erscheinen, aber in absehbarer Zeit werden unsere Kinder mit ihren Smartphones durch die Gedenkstätten laufen, und das nicht, um ihre Nachrichten zu checken, sondern um sich mittels Augmented Reality in eine andere Welt, in die Vergangenheit, hineinversetzen zu können. Auch Graphic Novels, also Comics, können Kindern heute schon helfen, komplexe historische Themen konkret und spannend aufzubereiten. Die Gedenkstätte „Andreasstraße“ in Erfurt, aber auch die „Bautzner Straße“ machen das vor. Zukünftig muss sich der Fokus der Gedenkstättenarbeit aber auch – und das ist mein zweiter Punkt – mehr als bisher auf den wissenschaftlichen Austausch richten. Intern benötigen wir mehr Partizipation und Vernetzung. Aber auch extern sollte die Stiftung Sächsische Gedenkstätten wieder verstärkt am bundesweiten und am internationalen Diskurs partizipieren. Gerade weil wir in Sachsen besondere Gedenkstätten, zum Teil mit dreifachen Repressionsperioden, haben, ist die deutsche Erinnerungskultur eine besondere und kann sich auf diese Weise in die europäische Erinnerungskultur in ganz besonderem Maße einbringen. Schließlich sollte eine Entwicklungskonzeption auch Fragen von Steuerungsprozessen, einer erhöhten Transparenz von Gremienentscheidungen sowie eines Miteinanders beantworten. Erinnerungskulturelle Initiativen, Aufarbeitungsinitiativen, kleine Archive, Ehrenamtler sind wichtige Pfeiler und Partner für die historische politische Bildung. Abschließend möchte ich noch ein Anliegen vorbringen, das ich persönlich für die künftige Erinnerungsarbeit habe. Ich glaube, wir machen heute zu oft den Fehler, historische Zäsuren isoliert von unserem jetzigen Tun zu betrachten. Die Verbrechen des Nationalsozialismus wurden in den vergangenen Jahrzehnten so stark in ihrer dämonenhaften Gestalt abgebildet, dass uns diese Verbrechen kaum noch menschlich erschienen. Dabei müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass es eben gerade Menschen waren, die das getan haben, die es geduldet haben, die entsprechende Gesetze erließen und die die Grundlagen für diese dämonenhaften Taten schufen. Wir sind gut beraten, die Vergangenheit in eine Relation zu unserem heutigen Tun zu bringen, Tag für Tag. Aus gegebenen Anlass habe ich von Ruth Bader Ginsburg ein Zitat dazu herausgesucht. Sie verweist im Jahr 1992 auf eine Notwendigkeit, sie sagt: „Wir hatten“ – mit „wir“ meint sie die USA – „im Zweiten Weltkrieg gegen eine abscheuliche Ausgeburt des Rassismus gekämpft, und doch waren unsere Truppen, wie wir sie in den USA erlebten, für den Großteil des Krieges nach Rassen getrennt. Der Rassismus, wie wir ihn in den USA erlebten, stand in einem krassen Gegensatz zu dem, wofür wir in Übersee gekämpft haben.“ Genau aus einem solchen Grund müssen wir immer und immer wieder uns selbst kritisch hinterfragen, damit Erinnerungskultur eben kein Selbstzweck ist, und es ist die Aufgabe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und ihre Arbeit, die Menschen in Sachsen zu dieser selbstkritischen und sich immer wieder selbst nach dem richtigen Tun hinterfragenden Haltung zu ermutigen und zu befähigen. Vielen Dank. (Beifall bei der SPD, der CDU und den BÜNDNISGRÜNEN) Zweiter Vizepräsident André Wendt: Das war Kollegin Kliese von der SPD-Fraktion. Nun hat die AfD das Wort; Herr Kollege Kühne, bitte schön.

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