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Ines Kummer

GRÜNE 30.09.2020 Sitzungen 7/14

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Sport tut unserer Gesundheit und unserer Gesellschaft gut. Sport schafft Gemeinschaft. Sport baut Vorurteile und Barrieren ab, sogar bei den Personen, die ihn von der Zuschauertribüne oder als Couch-Potato passiv konsumieren. Wir BÜNDNISGRÜNE sehen Sport und das oft damit verbundene Vereinsleben als wichtigen Baustein für eine gesunde, vielfältige, tolerante sächsische Gesellschaft. In Sachsen sind in 4 447 Sportvereinen insgesamt 676 126 Mitglieder organisiert. Jetzt haben wir die Statistik bestimmt alle verinnerlicht. Das bedeutet einen Organisationsgrad der Sporttreibenden in der sächsischen Bevölkerung von über 16 %. Das ist viel und das ist großartig. Unser BÜNDNISGRÜNE-Anspruch: Jede und jeder soll sich sportlich aktiv betätigen können, unabhängig von Alter, Gesundheits- oder Fitnesszustand, Hautfarbe, Religion, Sprache, Geschlecht oder sexueller Orientierung – auch unabhängig davon, wo die Menschen leben: in der Stadt oder im ländlichen Raum. In Sportvereinen lernen sich die unterschiedlichsten Menschen kennen. Bei gemeinsamer sportlicher Aktivität wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Es werden Werte wie Fairness, Teamgeist, Respekt und Verantwortung gelernt und gelebt. Ein weiteres wichtiges Anliegen ist uns BÜNDNISGRÜNEN ein bewusster Umgang mit unserer Umwelt. Egal, wo Sport stattfindet – auf klassischen Sportflächen oder im öffentlichen urbanen Raum, auf Gewässern oder im Wald –, er soll im Einklang mit unserer Natur erfolgen. Meine Damen und Herren! Der Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie in diesem Frühjahr war für viele Menschen in vielerlei Hinsicht eine schwere Zeit. Das Trainieren in Vereinen war nicht möglich – für den Einzelnen bedeutete dies Bewegungsmangel und manchmal sogar Isolation. Für die Vereine bedeutete es darüber hinaus Angst um Einbrüche in den Mitgliederzahlen und finanzielle Nöte bis hin zu Existenzängsten. Zum Glück hat sich ein Einbruch bei den Mitgliederzahlen in Sportvereinen nicht bestätigt. Hierbei gilt es einmal, Danke an all die vielen Vereinsmitglieder, die ihrem Verein in dieser dramatischen Zeit solidarisch zur Seite stehen, zu sagen. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN und der SPD) Ich konnte mich in den letzten Wochen vor Ort überzeugen, wie engagiert Vereine mit Unterstützung der Kreissportbünde und des Landessportbunds den Fast-Normalbetrieb unter Corona-Bedingungen wieder zum sportlichen Laufen brachten. Sicherlich gibt es noch Verunsicherungen, die manchmal auch nachvollziehbar sind, oder Unverständnis in Sachen Allgemeinverfügung: in der Garderobe 1,50 Meter Abstand halten, aber auf dem Spielfeld sehr nah beieinander. Das ist mitunter schwer zu vermitteln. Meine Damen und Herren! Ich blicke trotzdem mit etwas Sorge auf die kommenden Herbst- und Wintermonate und auf die Infektionszahlen, die in Sachsen wieder steigen. Sportliche Aktivitäten werden sich mehr und mehr nach drinnen verlagern. Es ist nun besonders wichtig, den Vereinen weiterhin den Rücken zu stärken, damit sie ihre für die Gesellschaft und für den Einzelnen enorm wichtigen Aufgaben erfüllen können. Das bedeutet neben der verlässlichen Finanzierung Hilfe bei der Erstellung von Hygienekonzepten, gerade auch für die Unterstützung kreativer Ideen für gemeinsames Sporttreiben. Für den kommenden Doppelhaushalt erwarte ich daher keinen Rückschritt in der Sportförderung; vor allem die Unterstützung des Breitensports bleibt auf sicheren Füßen. Meine Damen und Herren! Das Sportgericht des Sächsischen Fußballverbands hat im April 2019 festgestellt, dass die Äußerung „Schwuchtel“ und noch weitaus schlimmere Ausdrücke nicht beleidigend, sondern fußballtypisch seien. Mein Pflegesohn spielte einige Zeit in der Stammmannschaft eines örtlichen Fußballvereins in meiner Heimatstadt. In seiner Mannschaft war er anerkannt und beliebt, Torjäger und schwarz. Im Stadion wurde ihm zugejubelt, außerhalb des Stadions gab es aber von den Menschen, die ihm eben noch zujubelten, Beleidigungen und Beschimpfungen wegen seiner Hautfarbe. Das waren gerade einmal zwei Beispiele von etlichen. Diskriminierungen wegen sexueller Orientierung, Hautfarbe, Geschlechts oder wegen der Herkunft sind auch 2020 im sächsischen Sport noch an der Tagesordnung. Das macht mich wütend. Antidiskriminierungsprojekte im Sport müssen deshalb weiterhin fester Bestandteil der sächsischen Sportlandschaft bleiben. Da dürfen und werden wir keine Luft ranlassen. Meine Damen und Herren! An dieser Stelle möchte ich die Fanprojekte in Aue, Chemnitz, Dresden, Leipzig, Plauen und Zwickau nennen, die für und vor allem mit Fußballfans in diesen Bereichen großartige Arbeit leisten, und ich möchte den Akteurinnen und Akteuren für dieses Engagement hier Danke sagen. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, den LINKEN und der SPD) Für viele Fußballfans ist das Fansein viel mehr als reiner Sportkonsum. Das Fansein ist ein wichtiger Teil ihrer Identität. Das Fußballstadion ist für Fans fast schon ein zweites Zuhause. Es ist ein Ort, an dem sich aktive Fans auch sozial und politisch engagieren. Hier setzen Fanprojekte an und leisten sozialpädagogische Arbeit – unabhängig von den Fußballvereinen. Fanprojekte stehen für zwei Dinge: ein sicheres Stadionerlebnis und jede und jeder hat seinen Platz. Hierfür werden Themen wie Sexismus, Homophobie, Rassismus oder Gewalt offen angesprochen und diskutiert. Ich möchte dies an der Arbeit des Fanprojektes Dresden, das ich im Juli dieses Jahres besucht habe, kurz verdeutlichen. Dort lernen zum Beispiel in Workshops Schülerinnen und Schüler bei einer themenspezifischen Stadiontour: Was bedeutet Fairplay im Alltag, welche Formen von Gewalt oder Diskriminierung gibt es, und was kann man im Alltag selbst dagegen tun? Ein weiteres tolles Projekt ist die Spieltagsbegleitung des Fanprojekts. Diese Arbeit hilft sehr, Konflikte zwischen Fußballfans und der Polizei zu vermeiden oder zu deeskalieren, und ist deshalb ein wichtiger Beitrag zur Vermeidung von Gewalt. Ansprechpartner des Fanprojekts sind am Spieltag immer vor Ort. Für Auswärtsspiele hat das Fanprojekt in einem Pilotprojekt einen Auswärtsfragebogen entwickelt. Dieser hilft, Vorfälle im Zusammenhang mit Spielen aus Sicht der Fans zu bewerten. Er hilft auch, um Rückschlüsse ziehen zu können, was verbessert werden kann. Für Fanprojekte braucht man weiterhin eine verlässliche finanzielle Rahmenbedingung. Die Deutsche Fußballliga und der Deutsche Fußballbund finanzieren neben dem Freistaat Sachsen und den Kommunen das Fanprojekt. Deshalb danke ich an dieser Stelle herzlich für die Nachricht, dass die Kürzungsbestrebungen zurückgenommen wurden und damit den Fanprojekten doch ein Stück weit finanzieller Rückhalt gegeben wurde. Diskriminierung, Rassismus und Gewalt sind auch in den Fußballregionalligen und in anderen Sportarten ein Thema. Sport ist in Sachsen manchmal nicht so inklusiv und verbindend, wie wir es uns wünschen. Es gibt geschlechterspezifische Diskriminierungen, und zwar nach beiden Seiten. Da reichen schon blöde Sprüche, wenn Jungs Yoga machen oder Mädchen Fußball spielen wollen. Rechtes Gedankengut ist in manchen Sportvereinen etwas, das man doch einmal äußern kann. In Sportvereinen können sich rechtsextreme Strukturen etablieren. Zum Beispiel sehen wir mit Sorge solche Verbindungen bei den sogenannten Fight Clubs. Der Dokumentarfilm am letzten Montag auf ProSieben hat tiefe Einblicke in diese Szene gegeben. Sexuelle Orientierung ist aus meiner Sicht in vielen Vereinen noch ein Tabuthema. Ich gebe nur das Stichwort Homophobie im Fußball. Queere Personen sind im Sport kaum sichtbar, ob als Trainerinnen und Trainer, Sportlerinnen und Sportler oder Funktionärinnen und Funktionäre. In der Realität outen sich queere Personen überwiegend am Ende ihrer sportlichen Karriere und nicht innerhalb ihrer sportlichen Zeit, und zwar aus Angst vor Diskriminierung oder Stigmatisierung oder auf Druck von Sponsoren. Ich möchte noch die Einbindung von Menschen mit Migrationsgeschichte in der Gesellschaft ansprechen. Zunächst einmal sind Sportvereine eine wunderbare Basis für gemeinsames Kennenlernen und für kulturellen Austausch. Über gemeinsame Aktivitäten im Sport bietet sich ein leichter Einstieg ins Gespräch, an dessen Ende die Erkenntnis steht: Wir können gemeinsam lachen und Spaß haben. Gleichzeitig bedarf es gezielter Maßnahmen, um Menschen mit Migrationsgeschichte weiterhin Teilnahmemöglichkeiten zu geben. Sportvereine müssen für all diese Themenfelder gerüstet werden. Dabei brauchen sie dringend fachliche Unterstützung. Der Landessportbund leistet dafür schon eine ganze Menge. Ich weiß aber auch, dass die vielfältigen Aufgaben viel mehr Zeit erfordern, als bisher dafür vorhanden ist. Wir BÜNDNISGRÜNE wollen eine Antidiskriminierungsstelle im Umfeld des Landessportbundes errichten. Diese sollte bis 2021 aufgebaut werden. Neben Weiterbildungsprojekten zu Themen wie Diskriminierung von geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung, Rechtsextremismus und sexualisierte Gewalt – auch im Kinder- und Jugendbereich – soll es eine Beschwerdestelle und Ansprechpartner geben, die Aufklärungsprojekte in die Vereine hineintragen. Ein weiteres wichtiges bündnisgrünes Anliegen ist die Förderung von Spitzensportlerinnen, Trainerinnen und Frauen in Führungspositionen im sportlichen Bereich. Über Sportlerinnen wird weniger berichtet. Sie verdienen oftmals weniger als ihre männlichen Kollegen und werden in vielen Sportarten belächelt. Selbst durch Sprache werden sportliche Leistungen marginalisiert, und zwar mit Formulierungen wie: „die Mädels sind ja hübsch“ oder „süß“. Bei den Kollegen von der AfD-Fraktion sind Frauen überhaupt nicht vorgekommen. Es freut mich ganz besonders, dass wir nun im Eisschnelllauf gleich zwei Frauen als Trainerinnen haben. Jenny Wolf wird Bundestrainerin im Eisschnelllauf, Co-Trainerin wird Gunda Niemann-Stirnemann. Für Sachsen müssen wir an solchen Erfolgsmeldungen noch arbeiten. Wir BÜNDNISGRÜNE möchten Frauen im Sport gezielt fördern. Wir wollen duale Karrieremöglichkeiten schaffen, damit Training, Wettbewerb und Berufsleben unter einen Hut passen. Circa 6 000 Frauen und Mädchen sind Mitglied im Sächsischen Fußballverband, Tendenz steigend. Frauenfußball ist ein starker Leistungsträger. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU und der SPD) Wir brauchen weiterhin die Debatte um gleichwertige Anerkennung der Leistungen von Frauen – nicht nur im Profifußballbereich –, und zwar ohne diskriminierende und sexistische Störgeräusche. Als letzten Punkt möchte ich das Thema Nachhaltigkeit ansprechen. Die Sportförderrichtlinie wird überarbeitet, das Thema Nachhaltigkeit muss darin aufgenommen werden. Berücksichtigung muss finden, ob Sportstätten mehrfach genutzt werden können. Werden Kunstrasenplätze gebaut, sollen umweltfreundliche, nachwachsende und recycelbare Füllmaterialien wie Kork und Kokosfasern priorisiert werden. Außerdem muss ein Nachhaltigkeitskonzept Bedingung für die Förderfähigkeit durch den Freistaat Sachsen sein. Meine Damen und Herren! Wir BÜNDNISGRÜNE sehen grundsätzlich die Vorteile von Sportgroßveranstaltungen. Sie stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt und haben Vorbildcharakter über den Sport hinaus. Nun steht fest, dass die Bob- und Skeleton-WM 2021 erneut in Altenberg stattfinden wird. Es freut mich, dass den sächsischen Organisatoren so viel Vertrauen entgegengebracht wird. Eine weniger euphorische Bemerkung sei mir jedoch erlaubt. Ich sehe Wintersportveranstaltungen im Freistaat vor dem Hintergrund des Klimawandels und des steigenden Bedarfs an Kunstschnee eher kritisch. Von daher wäre es begrüßenswert, wenn bei der Erstellung eines neuen Wassermanagements für den Freistaat auch die Wintersportregionen und ihr Bedarf an der Ressource Wasser in Betracht gezogen werden und dass mit den betroffenen Regionen und Akteurinnen und Akteuren Konzepte für die Zeit mit weniger, viel weniger oder gar keinem Schnee auf den Weg gebracht werden. Auch in den Wintersportregionen wird es einen Strukturwandel geben. Ökologische und soziale Kriterien müssen fester Bestandteil von Konzeptionen für Großsportveranstaltungen werden. Vorbild geben kann hier der Leitfaden für die nachhaltige Organisation von Veranstaltungen des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und des Bundesumweltamtes oder der Leitfaden für umweltfreundliche Sportveranstaltungen des Deutschen Olympischen Sportbundes sowie des Bundesministeriums des Innern. Meine Damen und Herren! Ich komme zum Ende und möchte dies mit einem Zitat von Martin Kessel tun: „Der Sport ist eine Tätigkeitsform des Glücks. Beim Glück bin ich mir sehr sicher, dass es sich einstellt. Zu Recht sagt man ja: ‚Ich wünsche Ihnen viel Glück und viel Erfolg mit dem neuen Sportplatz.‘ Und nicht zuletzt haben Mediziner und Psychologen festgestellt: Sport setzt Stoffe in unserem Körper frei, die wir als Glückshormone bezeichnen können. Wer Sport treibt, ist fröhlicher, optimistischer als andere!“ Danke für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, der SPD und der Staatsregierung)

Alle Reden von Ines Kummer Protokoll ↗