Dr. Matthias Rößler
Für die Staatsregierung sprach Herr Staatsminister Prof. Roland Wöller. Ich sehe keinen weiteren Redebedarf aus den Fraktionen heraus. Damit sind wir am Ende der ersten Aktuellen Debatte angekommen. Wir kommen zu Debatte – der sächsische Wald Handeln im Klimawandel BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN te Baumsterben in den Achtzigerjahren erinnern. Der Anblick dieser schaurigen, schier endlosen Reihen von Baumskeletten im Erzgebirge hat sich zumindest in meine kindliche Seele tief eingebrannt. Damals war es vor allem die Chemie- und Braunkohleindustrie auf beiden Seiten des Erzgebirgskammes, von der Schwefel- und Stickoxide ungefiltert über den Kamm geblasen wurden. Hundert Quadratkilometer Wald sind allein auf der deutschen Seite damals völlig abgestorben. Ich habe als Schüler ganze Wochenenden bei Baumpflanzaktionen verbracht, um irgendwie gegen die Katastrophe anzukämpfen und nicht hilflos zuzuschauen. Etwas tun zu können war für mich damals eine sehr wichtige Erfahrung. Gemeinsames Handeln hat dem Wald damals geholfen zu überleben. Es gab verschärfte Abgasvorschriften, Rauchgasentschwefelung, Katalysatorpflicht, flächendeckende Wiederaufforstungen. „Waldsterben 2.0“ – meine Damen und Herren, der Debattentitel klingt dramatisch. Die aktuelle Situation ist es aber auch. Die Ursachen der aktuellen Waldschäden lassen sich nicht mehr allein mit Filtern oder Abgaskatalysatoren bekämpfen; denn das Waldsterben hat globale Dimensionen angenommen. Nicht nur der sächsische Wald ist in den letzten drei Jahren von den schwersten Stürmen seit 25 Jahren getroffen worden, was zu Schadholzmengen von enormen Dimensionen führte. Die anhaltende Trockenheit der letzten zwei Jahre, und zwar nicht nur im Sommer, sondern auch im niederschlagsarmen Winter, steht ganz offenbar im Kontext globaler Klimaentwicklungen. Die Waldböden sind inzwischen großflächig ausgetrocknet. Wenn die Fichten zu wenig Wasser bekommen, können sie sich nicht gegen Schädlinge zur Wehr setzen. Infolgedessen sind in Ostsachsen, in Mittelsachsen und in Teilen des Erzgebirges Borkenkäferpopulationen in ungeahnter Größenordnung aufgetreten. In weiten Teilen Sachsens leiden die Kiefern, leiden Laubbäume wie die Buchen zunehmend unter der Trockenheit, unter Schadinsekten, unter Pilzen. 30 % der Waldbäume weisen inzwischen deutliche Schäden auf. Noch nie waren so viele Bäume angegriffen und geschädigt, meine Damen und Herren. Auch meine Heimatstadt Chemnitz besitzt einige Wälder im Erzgebirge. Man kann ganz klar sagen: Wirtschaftliche Preise sind mit diesem Bruch- und Käferholz für die Kommunen derzeit nicht mehr zu erzielen. Die heimischen Sägewerke können den enormen Anfall nicht mehr bewältigen. Beim Staatsbetrieb Sachsenforst sind die Ressourcen zur Beseitigung erschöpft. Das ist auch dramatisch für die Beschäftigten, die dort seit 30 Jahren ihre verantwortungsvolle Tätigkeit ausüben. Das betrifft nicht nur die aktuelle Arbeitsbelastung, sondern auch das Gefühl, zusehen zu müssen, wie die wertvolle Arbeit für den Aufbau nach dem Waldsterben jetzt wieder verloren geht. Gute Forstwirtschaft ist unter diesen Bedingungen nur noch schwer möglich. Sie einzustellen wäre allerdings keine Alternative. Das hätte ein großflächiges Absterben der Wälder zur Folge mit enormen volkswirtschaftlichen Schäden, mit dem Verlust der unbezahlbaren ökologischen Funktionen, die unser Wald hat. Der sächsische Wald braucht jetzt unser gemeinsames Handeln. Wir haben diesen Debattentitel ganz bewusst gewählt, um heute darüber zu reden, was unmittelbar und mit der notwendigen Konsequenz in diesem Jahr zur Schadensbeseitigung getan werden muss, was aber auch insgesamt für einen schnelleren Waldumbau getan werden muss, was für eine klimaangepasste Waldwirtschaft getan werden muss, was wir möglicherweise aus den Fehlern bei der Aufforstung nach den Rauchschäden in den Achtzigerjahren lernen müssen und – natürlich – was insgesamt für einen wirksamen Klimaschutz getan werden muss, um nicht nur dem Wald eine Zukunft zu geben. Wir sollten darüber reden, wie wir gemeinsam handeln müssen, weil der Sachsenforst, die kommunalen und die privaten Waldbesitzer die Katastrophe nicht mehr allein abwenden können. Wir müssen darüber reden, wie wir eine noch höhere Akzeptanz für die anstehenden und zum Teil sehr einschneidenden Maßnahmen bei der Bevölkerung erreichen können. Wir können darüber reden, wie sich Schülerinnen und Schüler und die vielen Waldinteressierten in dieser Situation stärker im Wald engagieren können. Meine Damen und Herren, so weit für den Anfang. Ich hoffe auf eine verantwortungsbewusst geführte Debatte. Vielen Dank. (Beifall bei den BÜNDNISGRÜNEN, der CDU, der AfD und der SPD)
