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Christine Ursula Streichert-Clivot

16.09.2026 Sitzungen 17/51

Es war sehr viel in Ihrem Leben, Herr Dörr. Ich glaube, es war es. Leider hat die europapolitische und europäische Erfahrung bei Ihnen offensichtlich keine positiven Spuren hinterlassen, sonst hätten wir uns das alles, was Sie gerade erzählt haben, nicht anhören müssen. Ich weiß gar nicht, wie ich den Übergang finden soll, aber ich bin ehrlich gesagt entsetzt über das, was ich gerade gehört habe. Umso wichtiger ist es, dass wir unseren Kindern und Jugendlichen positive Europaerfahrungen geben und deutlich machen, dass Grenzen in unseren Köpfen und in unseren Worten keinen Platz haben dürfen. (Beifall von der SPD. - Abg. Haas (SPD) be- tritt den Saal und nimmt Platz.) Ich möchte an dieser Stelle mit einem ganz großen Dankeschön an den Abgeordneten Sascha Haas beginnen, der dieses Thema auch zu später Stunde noch auf die Agenda gesetzt hat. (Beifall von der SPD.) Ich kann mich sehr gut in seine Situation hineinempfinden. Bei mir ist es jetzt genau 25 Jahre her. Kurz nach dem 11.09.2001, wenige Tage danach, bin ich mit Koffer, Rucksack, damals noch mit einem Desktop-PC, in Forbach abgefahren. Ich habe den TGV über Paris nehmen dürfen und bin nach Bordeaux gereist. Ich hatte gefühlt meinen halben Hausstand dabei und bin aufgebrochen in ein Jahr voller Erfahrungen, in ein Auslandsstudium am Institut d‘études politiques in Bordeaux. Ja, ich bin bis heute ein Arbeiterkind und darauf bin ich verdammt stolz. Ich war keines, ich bin eines nach wie vor und das prägt meine Haltung und die Frage der Umsetzung von Bildungsgerechtigkeit bis heute. Ja, auch Eltern wie meine, die meine Bildungsbiografie mit großer Liebe, mit großen, auch finanziellen Opfern unterstützt haben, haben meinen Weg aktiv begleitet. Ich kann sagen, dass sie alles getan haben, dass ich heute an dem Platz stehen darf, an dem ich stehe. Aber, Herr Dörr, ich habe als Arbeiterkind strukturelle Diskriminierung erfahren. Ich muss Ihnen sagen, es gibt sie leider bis heute noch an ganz vielen Stellen. Die PISA-Studie hat uns das gerade erst wieder belegt. Sich hier hinzustellen und zu sagen, es gäbe sie nicht, ist einfach eine Unverschämtheit. (Beifall von der SPD.) Aus dieser Erfahrung heraus weiß ich, wie verdammt wichtig Erasmusprogramme sind. Nun habe ich davon während meines Studiums profitiert und ich sage noch etwas: Es war nicht nur das Erasmusprogramm, das mir mit einer monatlichen Unterstützung geholfen hat, sondern es war auch der französische Staat, der mit Wohnungsbeihilfe dafür gesorgt hat, dass ich auch eine Wohnung finanzieren konnte während meines Aufenthaltes in Frankreich. Mein Dank gilt an dieser Stelle dem Programm Erasmus und dem französischen Staat, dass er das gemacht hat. Wenn wir heute, 25 Jahre später, überlegen, wie wir in Deutschland über solche Unterstützungsinstrumente für Menschen diskutieren, die eine andere Staatsbürgerschaft haben, dann sollten wir uns vielleicht überlegen, dass wir in Europa schon wesentlich weiter waren und dass auch das in diese Debatte hineingehört. Deswegen noch mal ein ganz herzliches Dankeschön an Sascha Haas, dass er das hier zum Thema gemacht hat. Lieber Sascha, ich freue mich auch, dass du wieder reingekommen bist, um meinen Worten zu lauschen. Vielen Dank an dich! (Beifall von der SPD.) Ich kann das auch aus einem ganz persönlichen Grund nachvollziehen, denn für mich war das eine meiner besten Zeiten im Leben. Ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Aus vielerlei Hinsicht und vielleicht später bei einem kühlen Getränk kann ich dazu ein bisschen mehr erzählen. Als Studentin waren das für mich viele positive Erfahrungen, und zwar nicht nur wegen der Menschen, die ich dort kennengelernt habe, die in Frankreich leben, sondern weil ich ganz viele Menschen unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlichster Erfahrungen kennenlernen durfte. Das genau steht hinter diesem Mobilitätsprogramm, das es seit 1987 gibt. Erasmus steht für diese Erfahrung, weit weg zu sein, auch weit weg zu sein von Familie und Freundeskreis und das positive Gefühl zu haben, nach ein paar Wochen komplettem Eintauchen in eine andere Sprache in dieser Sprache plötzlich träumen zu können, die positiven Erfahrungen, eine ganz andere Welt kennenzulernen, neue kulturelle Erfahrungen auf allen Ebenen machen zu dürfen. Deshalb ist Erasmus+ nicht nur irgendein Programm, das Austausch über kürzere oder längere Distanzen und Zeiten ermöglicht. Es ist ein Programm, das die Idee eines gemeinsamen Europas feiert, ein gemeinsames Europa, an dem junge Menschen wachsen dürfen. Auch das können wir um 21.26 Uhr mit vollem Herzen sagen: Es ist ein wichtiges Programm, es braucht eine Verlängerung und vor allem eine finanzielle Aufstockung. Europa darf nicht erst an der Hochschule beginnen. Das verfolgen wir im Saarland mit ganz großem Engagement. Das muss in dieser Debatte über Erasmus+ auch hervorgehoben werden. Wir müssen junge Menschen früher erreichen, bevor ihre Bildungswege auseinandergehen. Auch das hat Sascha Haas sehr gut dargestellt. Eine Schülerin muss nicht erst Abitur machen und studieren, um Europa erleben zu können. Ein Schüler an einer Gemeinschaftsschule oder einer beruflichen Schule hat nicht weniger Anspruch auf diese Erfahrung als später ein Student oder eine Studentin. Europäische Erfahrung darf weder vom Geldbeutel der Eltern noch vom Bildungsweg abhängen. Bundesweit nimmt etwa rund 1 Prozent der Schülerinnen und Schüler an Projekten von Erasmus+ teil. Ja, die Gymnasien sind in diesen Angeboten überrepräsentiert. Genau das ändern wir derzeit im Saarland, indem wir dieses Programm allen Schulen zugänglich machen. Wir unterstützen das Programm Erasmus+ im Saarland ganz konkret. Wir haben ein sogenanntes Konsortium gegründet, das heißt, wir tun all das, was für Schulen in der Regel mit erheblichen Belastungen einhergeht, wenn sie Austausch, Erfahrungen und Auslandsaufenthalte organisieren müssen. Wir entlasten sie von einem erheblichen Teil des organisatorischen Aufwandes. Ja, dieses Programm ist leider immer noch ein Bürokratieprogramm. Deswegen gibt es diese Unterstützung für die Schulen. Inzwischen sind 19 Berufsbildungszentren und 39 allgemeinbildende Schulen an diesem Programm beteiligt. Alleine für das Projektjahr 2026/2027 werden in diesem Programm Erasmus+ Mittel in Höhe von 1 Million Euro umgesetzt. Wir holen das Programm Erasmus+ aus einer Nische. Wir machen europäischen Austausch zu einer Möglichkeit für unterschiedliche Schulformen. Wir nehmen den Schulen einen Teil der Bürokratie ab, damit nicht die Frage entscheidend ist, ob wir den Antrag überhaupt stemmen können, sondern welche europäischen Erfahrungen wir unseren Schülerinnen und Schülern ermöglichen können. Das ist genau das, was uns die Schulen jetzt zurückmelden. Der Zugriff und der Run auf dieses Programm hier im Saarland sind immens groß. - Sascha, wenn du heute noch in die Schule gehen würdest, hättest du mit Sicherheit diese Erfahrungen sammeln können. Es ist wichtig und richtig, dass wir diesen Weg konsequent weitergehen. (Beifall von der SPD.) Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung aller Organisationen. Meine familiären Verbindungen sind nicht durch Erasmus+ entstanden, aber immerhin durch den Élysée-Vertrag. Ich danke den vielen Organisationen, die in diesem Feld aktiv sind und sich für Erasmus+ einsetzen, unter anderem das Deutsch-Französische Jugendwerk. Das tue ich auch in meiner Funktion als Beauftragte des Bundesrates für Bildung im EU-Ministerrat, weil genau dort diese Programme beraten werden. All das begleitet unsere Arbeit sehr. Dass der saarländische Landtag diesen Rückenwind für diese Debatten gibt, ist enorm wichtig. Ich sage das auch mit Blick auf die Präsidentin dieses Hohen Hauses: Ich glaube, ihr setzt damit einen wichtigen Impuls, nicht nur für den europäischen Austausch, sondern ihr könnt stolz sagen, im saarländischen Landtag stehen wir hinter den Programmen und das können wir weitertragen. Dafür an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön. (Beifall von der SPD.) Dieses Programm sorgt dafür, dass Europa ein Gesicht bekommt. Es bekommt nicht nur eines, sondern ganz viele. Das ist für uns als saarländische Grenzregion extrem wichtig. Wir wissen, dass offene Grenzen nicht automatisch Begegnungen schaffen. Nähe auf der Landkarte bedeutet nicht automatisch Nähe zwischen Menschen, sondern sie muss geschaffen werden. Junge Menschen müssen die Möglichkeit haben, diese Grenze tatsächlich zu überschreiten, gemeinsam zu lernen, gemeinsame Sprachen zu lernen, andere Arbeitsumfelder kennenzulernen. Dafür sorgt dieses Programm. Jeder junge Mensch im Saarland soll die Chance auf eine europäische Erfahrung bekommen können, nicht nur diejenigen, deren Eltern sie finanzieren können, und nicht erst diejenigen, die später studieren, sondern all diejenigen, die sich für gute Bildung, die mit einer europäischen Erfahrung in Verbindung gesetzt wird, auf den Weg machen. Junge Menschen sollen Europa nicht nur kennen, sondern es auch erlebt haben. Ich bitte um Zustimmung zu diesem Antrag. Ich danke dir von Herzen, Sascha, dir und all denjenigen, die über alle Bundesländer gerade sehr intensiv an diesem Thema arbeiten, für diese große Unterstützung. Wir werden das gemeinsam mit eurer Unterstützung in den Bundesrat und auf EU-Ebene weitertragen. Darauf freue ich mich jetzt schon. - Glück auf! (Beifall von der SPD.)

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