Friedrich Josef Dörr
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer, ich habe noch sieben Minuten Redezeit. Das reicht mir bei diesem Thema bei Weitem nicht. Ich muss also ganz scharf begrenzen. Das ist ein Thema, das ich als Schüler einer inklusiven Klasse erlebt habe - ich wurde 1944 eingeschult - und das ich als Lehrer einer inklusiven Klasse erlebt habe. 1959 habe ich vor dieser Klasse gestanden. Das habe ich als Lehrer erlebt, der 45 Jahre im Schuldienst war, davon fast 40 Jahre als Leiter einer Förderschule. Ich habe das Sonderschulwesen oder Förderschulwesen mit aufgebaut. Das ist eine große Ehre gewesen. Ich habe die Integration organisiert und ich habe einen pädagogischen Förderstützpunkt in Saarlouis gehabt, einen von wenigen im Saarland. Ich habe das alles aus erster Hand über lange Jahre erlebt. Dieses Inklusivmodell, man muss ja immer ein Fremdwort nehmen, zu Deutsch Einschlussmodell, das alle einschließen soll, ist zuerst einmal ein Sparmodell. Zu Beginn hat man gar nicht daran gedacht, Förderkräfte mit in die Klassen zu nehmen, es sollten einfach nur alle zusammen unterrichtet werden. Dieses Sparmodell habe ich als Schüler erlebt und es gab damals Schüler, die als unbildbar deklariert wurden und gar nicht am Schulsystem teilgenommen haben, oder andere, die zwei- oder dreimal sitzen geblieben sind, dann wegen ihres Alters nicht (Abg. Dörr (AfD)) mehr sitzen bleiben konnten und nicht mehr gefördert wurden. Es war ein Segen, dass das Förderschulsystem, das wir im Saarland haben, aufgebaut wurde und dass es noch immer besteht. Natürlich kostet es Geld. Es kostet die Regierung Geld, weil sie doppelt so viele Lehrer für die Schüler braucht, ich sage das mal in runden Zahlen, und es kostet den Schulträger Geld, weil die Säle anders gestaltet sind. Auch der Schulträger muss also pro Kind mehr investieren. Es ist teuer, aber es ist eine gute Lösung. Jetzt gibt es Leute, die aus ideologischen Gründen von Anfang an gegen die Sonderschulen waren. Früher hießen sie Hilfsschulen, dann Sonderschulen, jetzt Förderschulen. Es gibt Leute, die immer dagegen waren und jede Gelegenheit genutzt haben, um die Förderschulen abzuschaffen. In Italien ist das gelungen, da hat man alles zugemacht, damit gab es auch keine Förderschüler mehr. Man könnte genauso die Krankenhäuser zumachen, dann gäbe es keine Kranken mehr. Man hat in Italien inzwischen dazugelernt. Bei uns verbünden sich die Leute, die die Förderschulen nicht mögen, mit den Eltern, denen es schwerfällt anzuerkennen, dass das eigene Kind mit den anderen Kindern nicht mitkommt. Das ist immer schwer. Aber es fällt auf, weil dieses Kind eine andere Schule besucht. Im Verbund mit diesen Eltern hat man die Förderschulen Jahrzehnte bekämpft und auch diesmal, das unterstelle ich mal, war das ein Motiv. Trotzdem stellt man fest, die Förderschulen wachsen daneben noch immer. Das habe auch ich in den langen Jahren festgestellt, in denen ich den Integrationsunterricht, wie man ihn damals nannte, organisiert habe. Es gibt Leute, die ursprünglich nicht bereit waren, ihr Kind auf eine Förderschule zu schicken, dann aber gesehen haben, dass diese etwas mehr als zwei Stunden Förderung für ihr Kind nicht reichen, und die deshalb selbst die Umschulung beantragt haben. Wie ich eben erfahre habe, hat sich an dieser Stundenanzahl leider Gottes nichts geändert. Dadurch sind also schon damals die Förderschulen gewachsen. Dazu kommen Dinge, an die man oft nicht denkt. Es ist schon ein paar Mal gesagt worden, dass es auf das einzelne Kind ankommt. Das einzelne Kind können Sie nicht betrügen. Wenn es in einer Klasse sitzt, in der es nicht mitkommt, hat es Minderwertigkeitskomplexe. Der Lehrer fragt, wie die Hauptstadt von Frankreich heißt, und das Kind sagt Madrid. Der Lehrer sagt, das könne man gelten lassen. Dann sagt aber ein anderes Kind, die Hauptstadt sei Paris, worauf der Lehrer sagt, das sei richtig. Das wiederholt sich den ganzen Vormittag und die ganze Woche, dann traut sich das Kind nichts mehr zu. Diese Kinder blühen auf, wenn sie in einer Umgebung mit anderen sind, die dieselben Schwierigkeiten haben, in einer Umgebung, in der mit besonderen Methoden auf sie eingegangen wird. Dann blühen sie auf und bringen Leistungen, an die man vorher überhaupt nicht gedacht hat. Ich habe in meiner Schule 2003 - das war mein letztes Jahr - mit 24 Schülern extern den Hauptschulabschluss gemacht. Sie sind nicht bei uns geprüft worden. Über die Jahre haben über 100 Schüler bei mir in der Schule den Hauptschulabschluss gemacht und sie haben alle bestanden, zum Teil mit sehr guten Noten. Das war, weil sie inzwischen Selbstbewusstsein erlangt haben, weil sie inzwischen gefördert worden sind, so wie sie es gebraucht haben, und weil sie inzwischen wirklich vollständig Teil der Gemeinschaft und nicht ausgeschlossen waren. Ich weiß das und deshalb bin ich gegen die sogenannte Inklusion, weil sie eine Mogelpackung ist. Sie ist ein Sparmodell, weil man, wie die CDU es richtig dargestellt hat, die Voraussetzungen, die es bräuchte, dass es zumindest theoretisch klappt, nicht liefern kann. Deshalb ist sie eine Mogelpackung und eine Sparpackung. Ich sehe, meine Redezeit ist zu Ende. Ich kann nur auffordern, dass man dieses Experiment am Kind beendet und die Kinder in Förderschulen schickt, wo sie hingehören. Eines möchte ich noch hinzufügen: Professor Breitenbach, seinerzeit Kultusminister, hat mich in die Kommission zur Integration des behinderten Kindes berufen. Ich habe an dieser Kommission nur teilgenommen, weil er mich auch an einer Kommission zur Reform der Grundschule hat teilnehmen lassen, weil ich der Ansicht war und immer noch bin: Wenn die Grundschule so organisiert wäre, wie sie sein müsste, bräuchten viel weniger Kinder eine Förderschule zu besuchen. Der Weg, weniger Kinder auf die Förderschulen zu schicken, führt darüber, die Grundschule so zu organisieren, wie es sich gehört. - Herzlichen Dank. (Beifall von der AfD.)
