Christine Ursula Streichert-Clivot
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Kein Kind sucht sich aus, in welche sprachliche Welt es geboren wird, ob zu Hause viel vorgelesen wird, ob vielleicht mehrere Sprachen gesprochen werden, ob überhaupt Zeit für Gespräche bleibt oder ob die Kommunikation sich ausschließlich mit digitalen Tools wie „Alexa“ darstellt. All das und auch, ob ein Kind eine Kita früh besucht, prägen den Start ins Leben. Wenn Kinder in unseren Schulen ankommen, stehen sie nicht an derselben Startlinie. Manche bringen einen Rucksack voller Wörter mit. Andere bringen dieselbe Neugier, auch Fantasie und Begabung mit, aber noch nicht dieselben sprachlichen Möglichkeiten in der deutschen Sprache. Wir wissen, dass diese Unterschiede schon am Anfang darüber entscheiden, welche Chancen ein Kind später im Leben hat. Denn ein Kind, das am ersten Schultag im Klassenraum sitzt, ist neugierig. Es ist vielleicht ein bisschen aufgeregt und es möchte vor allem dazugehören. Es will verstehen, was die Lehrerin oder der Lehrer erklärt. Es will mit den anderen Kindern spielen, sprechen, Freundschaften schließen. Es will Fragen stellen, lernen und Antworten geben und auch stolz erzählen, was es selbst schon alles weiß und kann. Doch was passiert, wenn dieses Kind die Sprache des Unterrichts noch nicht ausreichend versteht? Dann wird Schule schnell zu einer Herausforderung, noch bevor dieses Kind überhaupt zeigen kann, was eigentlich in ihm steckt. Dann trauen sich Kinder weniger, Fragen zu stellen. Sie ziehen sich zurück. Sie verlieren an Selbstvertrauen und nicht selten sorgen sich Eltern auch, ob ihr Kind mithalten kann. Diese Frage ist im Übrigen ganz unabhängig davon, ob ein Kind in einem deutschsprachigen Haushalt großgeworden ist oder in einem nichtdeutschsprachigen Haushalt. Genau das ist oft die Realität in unserem Bildungssystem. Sprache ist die Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Start ins Leben. Sie bedeutet Teilhabe, Selbstvertrauen und die Chance, gehört zu werden. Sie wird deshalb auch immer wieder als der Schlüssel zur Welt bezeichnet. Deshalb ist frühe Sprachförderung keine Nebensache der Bildungspolitik. Sie ist eine Frage der Bildungsgerechtigkeit. Sie ist entscheidend für die Zukunft jedes einzelnen Kindes. Gleichzeitig zeigt uns die Realität, dass rund 30 Prozent der Kinder im Saarland bei der Einschulung noch nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. In unseren Startchancen-Schulen sind es 50 Prozent. Das ist keine abstrakte Statistik. Hinter jeder Zahl steht eine Geschichte, ein Kind, eine Zukunft und für die Landesregierung ein klarer Handlungsauftrag. Die breite Zustimmung zu dem Programm „Startklar Deutsch“, die überzeugende Tatkraft der Leitungen der 28 Grundschulen und über 90 Kitas in der Modellphase ist Ansporn. Meine sehr verehrten Damen und Herren, die jüngsten Hinweise der Lehrerverbände nehmen wir sehr ernst und wir sind deshalb mit ihnen zu genau diesen Fragestellungen im Austausch. Denn sie machen auf etwas aufmerksam, das weit über den ersten Schultag hinausreicht: Sprachliche Hürden verschwinden nicht von selbst. Wenn sie zu spät erkannt werden, ziehen sie sich häufig durch den weiteren Bildungsverlauf, durch die Grundschule, durch weiterführende Schulen und später bis an den Übergang in Ausbildung und Beruf. Genau darin liegt der entscheidende Punkt. Die Lehrerverbände widersprechen dem Ziel früher Sprachförderung nicht. Sie beschreiben vielmehr die Folgen, wenn Unterstützung nicht früh genug beginnt und nicht anschlussfähig weitergeführt wird. Unsere Antwort darauf ist klar: Wir dürfen nicht erst dann reagieren, wenn Probleme im Unterricht sichtbar sind. Wir müssen Übergänge so gestalten, dass aus sprachlichen Anfangsnachteilen keine dauerhaften Bildungsbarrieren entstehen. Deshalb sind in den vergangenen Jahren wichtige Weichen gestellt worden, die Förderung in der deutschen Sprache als durchgängiges Prinzip zu etablieren. Der erste und wichtigste dieser Übergänge ist der Wechsel von der Kita in die Grundschule. Genau hier setzen wir mit „Startklar Deutsch“ an. „Mit Startklar Deutsch - alle Chancen für alle Kinder“ schaffen wir zusätzliche Möglichkeiten der Sprachförderung für Kinder, die beim Übergang in die Schule einen Unterstützungsbedarf haben. Denn wir wollen früh fördern, statt später immer neu aufzuholen. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Kinder auszugrenzen oder sie in irgendeiner Weise zu stigmatisieren. Das ist im Übrigen eine ganz zentrale Rückmeldung, die uns auch aus den Kindertageseinrichtungen genauso gegeben wurde, dass wir nämlich wertschätzen, welche Leistung die Kinder mitbringen und dass wir gerade muttersprachliche Kompetenzen der Kinder sehr wertschätzen. Unser Ziel ist vielmehr, Unterstützung dort anzubieten, wo sie gebraucht wird, und zwar so selbstverständlich, dass es für Kinder Teil des Alltags ist. Die Förderung findet deshalb im vertrauten Umfeld der Kinder statt, eingebettet in den Alltag der Kindertageseinrichtung. Gerade die Arbeitsweise in Kitas bietet hierfür gute Voraussetzungen. Kinder lernen dort in kleinen Gruppen, in Projekten, im gemeinsamen Spiel. Sie sprechen miteinander, sie hören Geschichten, sie erzählen selbst. Genau in solchen Situationen entwickelt sich Sprache ganz natürlich. Deshalb ist es wichtig, Sprachförderung nicht als isolierte Maßnahme zu verstehen, sondern als Teil eines pädagogischen Alltags, der von Austausch, Neugierde und gemeinsamer Entwicklung geprägt ist. Gerade dort, wo Kinder sich sicher fühlen und Vertrauen zu den pädagogischen Fachkräften haben, entstehen die Voraussetzungen für sprachliche Entwicklung. Mit „Startklar Deutsch“ schließen wir dabei auch eine wichtige Lücke. Wir erreichen künftig alle Kinder, auch diejenigen, die bislang keinen Kitaplatz haben. Ihre Familien erhalten Unterstützung, um einen Kitaplatz zu finden. Sollte dies nicht gelingen, wird es ein Ersatzangebot geben. Gerade das ist gute Übergangspolitik, nicht darauf zu hoffen, dass Kinder schon irgendwie mitkommen, sondern Verantwortung so zu organisieren, dass kein Kind an einer Systemgrenze verloren geht. Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich mit einem Narrativ aufräumen, das heute hier kam und das in der politischen Debatte immer wieder auftaucht, dem Eindruck, das Programm „Früh Deutsch lernen“ sei das bessere System gewesen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass wir mit „Startklar Deutsch“ deutlich früher, umfassender und wirksamer ansetzen. Wir bringen die Kinder nicht auf die Straße und damit zu den Sprachförderangeboten, sondern wir bringen die Fachkräfte zu den Kindern. Das ist der bessere Weg. (Beifall von der SPD.) Gleichzeitig ist uns bewusst, dass neue bildungspolitische Ansätze nicht einfach am Reißbrett beschlossen werden können, auch wenn hier gelegentlich der Eindruck erweckt wird. Bildungspolitik funktioniert nicht nach dem Prinzip, wir beschließen heute etwas und morgen ist alles anders. Manchmal wäre es schön, wenn es so wäre, aber so ist es nicht. Gute Bildungspolitik entsteht Schritt für Schritt. Sie entsteht durch Erfahrung, durch Rückmeldung aus der Praxis und durch eine ehrliche Auswertung dessen, was tatsächlich funktioniert. Gerade bei einem Thema wie der frühen Sprachförderung ist dieser Weg besonders sinnvoll, denn es geht nicht um kurzfristige Maßnahmen oder schnelle politische Erfolge, sondern um nachhaltige Strukturen, die über viele Jahre hinweg tragen müssen. Die Modellphase ist Ausdruck dieser verantwortungsvollen Bildungspolitik. Wir beginnen an den Startchancen-Grundschulen mit besonders hohen Unterstützungsbedarfen. Insgesamt beteiligen sich 28 Grundschulen mit 92 kooperierenden Kitas. Damit können wir voraussichtlich rund 2.000 Kinder erreichen. Wir erproben neue Ansätze, wir sammeln Erfahrungen, wir hören auf die Rückmeldungen aus der Praxis und entwickeln auf dieser Grundlage Lösungen, die langfristig Bestand haben können. In diesem Zusammenhang spielt auch das Ersatzangebot im Rahmen der Schulversuche eine wichtige Rolle. Es stellt sicher, dass Kinder, die zusätzliche Unterstützung benötigen, diese Unterstützung erhalten. Gleichzeitig bleibt die notwendige Flexibilität erhalten, um unterschiedliche Wege zu erproben und weiterzuentwickeln. Wenn wir über frühe Sprachförderung sprechen, sprechen wir auch über die Bedeutung frühkindlicher Bildung insgesamt. Unsere Kitas leisten jeden Tag eine enorme Arbeit. Die pädagogischen Fachkräfte begleiten Kinder in eine entscheidende Phase ihrer Entwicklung. Sie fördern Sprache, sie stärken soziale Kompetenz, sie unterstützen Neugier und Entdecker*innenfreude. Damit legen sie eine Grundlage, die weit über die Kitazeit hinausgeht. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir diese Arbeit politisch und finanziell mit guten Rahmenbedingungen unterstützen, und das tun wir. Seit 2023 hat das Saarland rund 12 Millionen Euro in Sprachfachkräfte und Sprachfachberatung in Kitas investiert. 116 unserer 214 Sprachförderlehrkräfte im Saarland unterstützen unsere Grundschulen landesweit. Im aktuellen Haushalt kommen 52 neue Grundschullehrkräfte und 50 weitere Sprachförderlehrkräfte hinzu. Wir sind also auch mit der Versorgung von Sprachförderlehrkräften an der Spitze der letzten Jahre angekommen. Ich glaube, das sind sehr klare Signale dafür, dass uns die Förderung der deutschen Sprache eine Herzensangelegenheit ist. (Beifall von der SPD.) Wir wissen zugleich, dass der Übergang in die Grundschule nicht der letzte sensible Punkt der Bildungsbiografie ist. Die Lehrerverbände weisen zu Recht darauf hin, dass Sprachförderung auch in späteren Klassenstufen an Gemeinschaftsschulen, Förderschulen und beruflichen Schulen eine große Rolle spielt. Wenn Jugendliche ohne ausreichende Deutschkenntnisse in diese Phasen eintreten, werden Defizite oft von einer Schulform zur nächsten getragen. Gleichzeitig haben wir Schülerinnen und Schüler, die erst zu einem späteren Zeitpunkt im saarländischen Schulsystem ankommen. Nicht selten bringen diese Flucht- und Migrationserfahrungen mit, sind teilweise traumatisiert oder nicht alphabetisiert. Deshalb denken wir Übergänge nicht punktuell, sondern systematisch. Was wir am Übergang von der Kita in die Grundschule aufbauen, muss anschlussfähig bleiben. Natürlich spielt uns die Zeit in die Hände: Jedes Kind, das sehr früh in unseren Schulen ankommt, kann bestmöglich gefördert und unterstützt werden. An unseren weiterführenden Schulen sind aktuell insgesamt 98 Sprachförderlehrkräfte aktiv, 55 davon in unseren Gemeinschaftsschulen. Genau darum arbeiten wir an einem systematischen Übergangsmanagement von der Sekundarstufe I in die berufliche Schule. Besonders deutlich werden die Herausforderungen dort, wo die Zeit im Bildungssystem knapp und der Schulabschluss bereits in Reichweite ist. Dann muss in kurzer Frist gelingen, was andernorts über Jahre wachsen kann: eine Sprache aufbauen, fachliche Anforderungen bewältigen, Prüfungen vorbereiten und zugleich den nächsten Übergang im Blick halten. In diesem Zusammenhang reden wir von älteren Jugendlichen, nicht von Kindern, die Sprache ganz anders und selbstverständlich in der Alltagspraxis lernen. Gerade in diesen Phasen zeigt sich, wie entscheidend verlässliche Förderung, klare Strukturen und gut gestaltete Übergänge sind, denn es darf nicht davon abhängen, wie spät jemand in unser Bildungssystem eintritt, ob am Ende ein Abschluss und echte Teilhabe gelingen können. Weil uns die Zusammenarbeit mit der Praxis wichtig ist, entwickeln wir dieses Programm gemeinsam mit unseren Gemeinschaftsschulen, den Förderschulen und den beruflichen Schulen, den Arbeitsgemeinschaften der Schulleitungen und den Vertretungen der Personalräte. Ein guter Schulabschluss ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben und wir brauchen jeden auf unserem Arbeitsmarkt, um unseren Fachkräftebedarf sichern zu können. Mit starker Berufsorientierung, gezielter Sprachförderung und einer Stärkung der Basiskompetenzen, die für den Schulabschluss wichtig sind, stärken wir den Übergang. Unser Ziel ist klar: weniger Brüche, mehr Anschlussfähigkeit, mehr Verlässlichkeit im Bildungsverlauf durch frühe Förderung, konsequente Begleitung und eine Sicherung der Übergänge. (Beifall von der SPD.) Ich komme zum Schluss. Bildungspolitik entscheidet sich nicht in Konzeptpapieren. Sie entscheidet sich im Alltag unserer Kinder und Jugendlichen. Wenn ein Kind beginnt, neue Worte zu entdecken, wenn ein Kind versteht, was im Unterricht erklärt wird, wenn ein Kind merkt: „Ich kann das und ich gehöre dazu“, wenn wir jungen Menschen mit Respekt begegnen, ihnen etwas zutrauen und sie in der Entwicklung ihrer Sprache fördern, investieren wir in gerechte Bildungschancen, in gesellschaftliche Teilhabe und in die Zukunft unseres Landes. Wir sehen jedes Kind, wir stärken jedes Kind und wir sichern Übergänge junger Menschen, denn gute Bildungspolitik beginnt mit einer einfachen Überzeugung: Kein Kind soll in der Schule leise bleiben müssen, weil ihm die Worte fehlen. - Glück auf! (Anhaltender Beifall von der SPD.)
Alle Reden von Christine Ursula Streichert-Clivot Protokoll ↗
