Dr. Magnus Jung
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Gesundheit ist eines der höchsten Güter in unserer Gesellschaft. Sie entscheidet über Lebensqualität, über Teilhabe und darüber, wie selbstbestimmt Menschen ihr Leben gestalten können. Es lohnt sich, dass wir uns den Wert eines gesunden Lebens immer wieder vor Augen führen. Ich bin froh, dass Gesundheit rund um den Internationalen Frauentag einen Platz in Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Politik und letztlich auch in diesem Haus gefunden hat, denn eine gute Gesundheitsversorgung und die gleichen Ausgangsbedingungen für ein gesundes Leben entscheiden über Würde. Ziel von Gesundheitspolitik muss es daher sein, allen Menschen gleiche Chancen auf jenes gesunde Leben zu ermöglichen. Doch wenn wir genauer hinschauen, stellen wir fest: Diese Chancengleichheit ist noch nicht überall erreicht. Ich denke, es überrascht niemanden, wenn ich sage: Ungleiche Machtverhältnisse und Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft spiegeln sich oft auch in der Gesundheitsversorgung wider. Wenn wir über Gleichstellung und Gleichberechtigung sprechen, müssen wir uns selbstverständlich auch der Gesundheit widmen. Das ist notwendig, denn es gibt einen Gender Health Gap, also eine geschlechterspezifische Gesundheitslücke. Was ist damit gemeint? Ganz einfach: Es gibt in Prävention, Diagnostik, Behandlung und medizinischer Forschung Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Dabei geht es nicht nur um biologische Unterschiede, sondern auch um soziale Faktoren wie Rollenbilder, Gesundheitsverhalten und strukturelle Rahmenbedingungen unseres Gesundheitssystems. Wichtig ist: Von einem fairen Gesundheitssystem profitieren alle, Frauen wie Männer. Besonders deutlich wird der Gender Health Gap in der medizinischen Forschung und Versorgung. Lange Zeit orientierten sich viele klinische Studien vor allem am männlichen Körper. Dadurch bestehen bis heute Wissenslücken über geschlechtsspezifische Symptome, Krankheitsverläufe oder die Wirkung von Medikamenten. Für Frauen kann das bedeuten, dass Medikamente anders wirken, stärkere Nebenwirkungen verursachen oder Erkrankungen später erkannt werden. Diese strukturellen Ungleichheiten zeigen sich ganz konkret bei vielen Erkrankungen. Wir haben es heute schon bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehört: Herzinfarkte treten bei Männern zwar häufiger und früher auf, Frauen erleben jedoch oft andere Symptome, etwa Übelkeit, Rückenschmerzen, starke Erschöpfung oder Atemnot. Diese Symptome werden häufig nicht oder nicht sofort als Herzinfarkt erkannt. Frauen kommen deshalb im Durchschnitt später ins Krankenhaus und erhalten häufig erst später eine Diagnose. Besonders eindrücklich zeigt sich der Gender Health Gap bei der Endometriose. Obwohl ausschließlich Frauen erkranken und Millionen betroffen sind, vergehen im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre bis zur Diagnose. Schmerzen werden nicht selten bagatellisiert oder als psychosomatisch eingeordnet. Für die betroffenen Frauen bedeutet das oft einen langen Leidensweg. Doch auch Männer sind von Fehldiagnosen betroffen. Ein Beispiel ist die Osteoporose. Sie gilt häufig als Frauenkrankheit, da überwiegend Frauen betroffen sind. Doch auch viele Männer erkranken, sie werden jedoch deutlich seltener untersucht oder behandelt. Auch bei der Nutzung von Präventionsangeboten bestehen Unterschiede. Frauen nehmen Vorsorgeuntersuchungen im Durchschnitt häufiger wahr. Männer hingegen nutzen solche Angebote seltener oder erst zu spät. Die Folge kann sein, dass Krankheiten bei Männern später erkannt werden, mit entsprechend schlechteren Behandlungschancen. Wie immer spielen viele soziale Faktoren eine Rolle. Mehrfachbelastungen durch Beruf und Care-Arbeit, Einkommensunterschiede oder gesellschaftliche Erwartungen können sich auf das Gesundheitsverhalten auswirken. Bevor ich auf das eingehe, was schon passiert ist, möchte ich kurz auf einige Forderungen des Landtages eingehen. Wenn wir darüber sprechen, welche neuen Inhalte in die medizinische Ausbildung gehören, müssen wir auch über Zuständigkeiten sprechen. Über das Medizinstudium entscheidet der Bund. Die Approbationsordnung wird vom Bundesministerium für Gesundheit erlassen. Neue Themen kommen meist aus den Fachgesellschaften und der Wissenschaft. Geprüft und umgesetzt werden sie auf Bundesebene. Bei der fachärztlichen Weiterbildung ist das anders organisiert. Hier entscheiden die Landesärztekammern über Inhalte und Anforderungen. Die Bundesärztekammer koordiniert und empfiehlt, aber die konkreten Beschlüsse fallen in den Ländern. Kurz gesagt: Studium ist Bundessache, Weiterbildung ist Sache der Selbstverwaltung in den Ländern. Ich bemühe mich bereits seit Jahren auf Bundesebene um eine bessere Aufklärung, Diagnosestellung und Versorgung von Frauen, die von Endometriose betroffen sind. Eine nationale Endometriose-Strategie halte ich für sinnvoll. Sie erfordert jedoch die Einbindung zahlreicher Akteure aus unterschiedlichen Bereichen. Aufgrund der Vielfalt der Beteiligten und ihrer unterschiedlichen Perspektiven gestaltet sich die Ausarbeitung einer solchen Strategie komplex. Ausarbeitung und Umsetzung einer solchen Strategie sind daher ein langfristiger Prozess, der sorgfältige Planung, Abstimmung und ein schrittweises Vorgehen erfordert. Auch die Selbsthilfe liegt uns besonders am Herzen. Wir wissen, wie wichtig es ist, Menschen und Gruppen zu stärken, die eigenständig Lösungen für ihre Herausforderungen entwickeln. Die Landesvereinigung Selbsthilfe erhält 20.000 Euro, die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland wiederum 193.000 Euro Zuwendungen jährlich. Umso wichtiger ist es, dass Prävention, Versorgung und Forschung stärker auf diese Unterschiede eingehen. Seit unserer letzten Diskussion im Plenum ist einiges passiert, auch wenn klar ist, dass wir viele Themen weiter im Blick behalten müssen. Im Rahmen des Frauenmonats März hat mein Haus jüngst für Frauengesundheit sensibilisiert. So waren wir mit dem Mammobil in der Saarbrücker Fußgängerzone und haben Frauen einen unkomplizierten Zugang zur Brustkrebsvorsorge ermöglicht. Letzten Samstag haben wir mit einer Gynäkologin und dem engagierten Praxisteam zum Thema Brustkrebs sensibilisiert, denn im Saarland gehen nur knapp die Hälfte der Frauen, die zum Screening aufgefordert sind, zur Mammographie. Das müssen wir ändern. Das geht nur mit Information, denn die Angebote sind da. Das Ministerium hat darüber hinaus einen Informationsflyer zu frauen- und gendersensibler Gesundheit aufgelegt. Auch diesen haben wir am Samstag verteilt und wollen ihn an die Praxen bringen. Wenn wir über die Gesundheit von Frauen sprechen, reden wir auch über eine besondere Zeit im Leben vieler Frauen: die Schwangerschaft. Damit werdende Mütter Risiken frühzeitig erkennen, hat die saarländische Landesregierung gemeinsam mit der ® RpDoc Solutions GmbH im letzten Jahr das Projekt „Saarland. Sicher für 2“ gestartet. Die kostenfreie App hilft uns unter anderem dabei, potenziell ungeeignete Arzneimittel zu identifizieren. Ich hatte eingangs schon vom Gender Health Gap bei der Osteoporose gesprochen. Mit dem Disease-Management-Programm Osteoporose, das seit Oktober 2025 im Saarland angeboten wird, entsteht eine strukturierte und koordinierte Versorgung für Patientinnen und Patienten mit dieser Erkrankung. Das sind mehrere konkrete Punkte, die seit dem letzten Jahr auf den Weg gebracht wurden. Sie sehen also: Es bewegt sich etwas. Darüber hinaus zeigt sich aber auch, dass wir im Saarland schon gut aufgestellt sind und wir als Politik sehr engagierte Initiativen, Kliniken sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an unserer Seite haben, sowohl in der Prävention als auch der Versorgung. Im Saarland gibt es bereits wichtige Initiativen. Das Netzwerk „Das Saarland lebt gesund“ bündelt zahlreiche Projekte der Gesundheitsförderung, Kampagnen wie „Herzschlag“ informieren über Herzinfarkte und Schlaganfall und vermitteln niedrigschwellig Wissen zu Risikofaktoren und Präventionsmöglichkeiten. Aus dem Bereich der Versorgung: Am Universitätsklinikum des Saarlandes wurde ein spezialisiertes Endometriosezentrum aufgebaut, in dem verschiedene Fachrichtungen interdisziplinär zusammenarbeiten, um betroffenen Frauen eine bessere Diagnostik und Therapie zu ermöglichen. Zudem möchte ich die Frauenherzsprechstunde am Knappschaftsklinikum in Sulzbach erwähnen, die gezielt auf geschlechtsspezifische Besonderheiten bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingeht. Sie haben dazu alles Notwendige ausgeführt. Wichtige Initiativen kommen aber auch aus der Wissenschaft. Seit 2023 gibt es das Centrum für geschlechtsspezifische Biologie und Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes. Dort werden geschlechtsspezifische Unterschiede in Biologie und Medizin erforscht; auch dazu haben wir in der heutigen Aussprache schon einiges gehört. Die saarländische Landesregierung, insbesondere der Kollege von Weizsäcker als Wissenschaftsminister, unterstützt das Centrum engagiert bei der Umsetzung der großen Pläne, die man dort in den letzten Wochen und Monaten entwickelt hat. Die saarländische Landesregierung greift zudem die Stärkung der geschlechterspezifischen Gesundheitsversorgung als Handlungsfeld in der Gleichstellungsstrategie auf, Gleichstellungsfragen werden in der Gesundheitspolitik konsequent mitgedacht. Das Saarland trägt in den kommenden Jahren zudem eine besondere Verantwortung: Ab April übernehmen wir für zwei Jahre den Vorsitz der Nationalen Lenkungsgruppe Impfen. Wir wollen diese Verantwortung nutzen, um gemeinsam mit den anderen Ländern, dem Bund und dem Gesundheitswesen die Impfaufklärung bezüglich HPV zu stärken, damit mehr junge Menschen frühzeitig geschützt sind. Im Jahr 2024 waren im Saarland nur 58 Prozent der 15-jährigen Mädchen und sogar nur 34 Prozent der 15-jährigen Jungen vollständig gegen HPV geimpft. Im Rahmen der Gleichstellungsstrategie arbeiten wir aktuell daran, geschlechterdifferenziert vorliegende Gesundheitsdaten auf einer neuen Internetplattform zur Verfügung zu stellen. Eine moderne Gesundheitspolitik schaut, auch das wurde heute schon gesagt, auf Prävention, Diagnostik, Behandlung und medizinische Forschung auch mit einer „Geschlechterbrille“. Ich kann Ihnen versichern, dass wir dies tun und auch weiterhin tun werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich will mich ganz herzlich bedanken für die engagierte Debatte zu diesem Thema am heutigen Nachmittag. Die Tatsache, dass wir diese Debatte führen, dass wir sie auch mit beachtlicher Regelmäßigkeit führen, unterstreicht, wie wichtig uns gemeinsam dieses Anliegen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Umstand, im Parlament, am wichtigsten Ort der Demokratie, dieses Thema regelmäßig auf der Tagesordnung vorzufinden, ein wichtiger Beitrag dafür ist, auch in der Sache voranzukommen. Dafür noch einmal einen herzlichen Dank! Ich bitte nun um Zustimmung zum Antrag. - Danke schön. (Beifall von der SPD und bei der CDU.)
