Christine Ursula Streichert-Clivot
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Zuschauer im Hohen Hause! Wir sprechen heute über ein Thema, das nicht nur medizinisch sehr bedeutsam ist, sondern auch zutiefst gesellschaftlich, die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen. Es freut mich, dass wir zu dieser Stunde eine sehr engagierte Debatte darüber führen. Es geht nämlich um körperliches Wohlbefinden, um seelische Stabilität und auch um soziale Sicherheit unserer jungen Generation, und das von Anfang an in allen Lebensphasen und Lebensbereichen. Wer Kindergesundheit ernst nehmen will, der muss sie ganzheitlich betrachten. Kindergesundheit bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krankheit. Wir müssen neben dem körperlichen auch das seelische und das soziale Wohlbefinden der Kinder betrachten, und das über die gesamte Entwicklung der Kindheit bis hin zur Jugend und zum Erwachsenenleben, in allen Lebensbereichen. Die Gesundheit der Kinder muss es uns wert sein. Wenn wir Kinder dabei unterstützen, gesund aufzuwachsen, dann legen wir das Fundament für alles, was danach kommt: für ihren Bildungserfolg, für ihre Chancen auf soziale Teilhabe und für ihre psychische Widerstandsfähigkeit. Kurz gesagt: Nur wer gesund aufwächst, hat die Chance, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Deshalb ist Kindergesundheit kein Randthema, sondern eine zentrale Zukunftsaufgabe für unser Land. Leider sehen wir Entwicklungen, die uns Sorge machen müssen. Bewegungsmangel und ungesunde Ernährung nehmen zu, chronische Erkrankungen sind leider auf dem Vormarsch. Gleichzeitig geraten die Versorgungsstrukturen gerade im ländlichen Raum unter Druck. Daher hat die saarländische Landesregierung schon frühzeitig in ihrem Regierungsprogramm wesentliche Schritte unternommen, um die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen zu stärken. Im Bereich der saarländischen Kinder-, Jugend- und auch Bildungspolitik wird die Gesundheitsförderung als ein integraler Baustein zu einem gelingenden Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen verstanden. Im Zentrum stehen dabei die klassischen Felder der sogenannten Verhältnisprävention: Bewegung, gesunde Ernährung, gemeinschaftliche Erfahrungen, ein kompetenter Umgang mit digitalen Medien und die Förderung von Resilienz. Die Landesregierung hat durch das Saarländische Junge-Menschen-Beteiligungsgesetz auch die Möglichkeit geschaffen, dass sich junge Menschen direkt an den sie betreffenden gesundheitlichen Entscheidungen beteiligen können, und das insbesondere auf der kommunalen Ebene. Das hat bundesweit Maßstäbe gesetzt. Ich halte das nach wie vor, wenn wir über dieses Thema sprechen, für einen der wesentlichen Faktoren, junge Menschen an ihrer eigenen Zukunft und dem Umfeld, in dem sie leben, zu beteiligen. Auch das Saarländische Kinderschutzgesetz leistet auf verschiedenen Ebenen einen Beitrag zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Schutzkonzepte an Schulen und Vereinen werden mehr denn je gebraucht, auch da, wo vermeintlich etwas für die Gesundheit getan wird, wie beispielsweise jüngst erst im Spitzensport erlebt. Die Berichte der Sportlerinnen haben mich sehr erschüttert. Ich sage das gerade deshalb, weil es dort auch um Einschränkungen der gesundheitlichen Selbstbestimmung von Frauen ging. Unser Ziel ist klar: Jedes Kind im Saarland soll gesund aufwachsen. Jeder Mensch soll sich wohlfühlen können, unabhängig von der Herkunft, vom Wohnort oder von den familiären Voraussetzungen. Jedes Kind soll die Möglichkeit haben, seine Stimme einzubringen. Wie kann das gelingen? - Ich glaube, in einem ersten Punkt müssen Prävention und Gesundheitsförderung im Alltag ganzheitlich betrachtet werden. Gesundheitsvorsorge darf nicht erst in der Arztpraxis beginnen. Sie muss dort ansetzen, wo Kinder leben und lernen, nämlich in Kitas, Schulen, Vereinen und natürlich auch in Familien. Wir wollen Schulen und Kitas noch besser in die Lage versetzen, Gesundheitsbildung alltagsgerecht und praxisnah umzusetzen. Zudem wollen wir den Sucht- und Medienpräventionsprogrammen einen neuen Schub geben. Wir wollen Kinder und Jugendliche umfassend beteiligen. Sie sind es, die wissen, wo der Schuh drückt. Sie sind es, die die Probleme ihrer Generation am besten kennen. Daher müssen sie zu Wort kommen und auch ernst genommen werden in dem, was sie sagen. Verbote alleine reichen meines Erachtens nicht aus. Wir schaffen es gemeinsam, wenn wir Kitas und Schulen dabei unterstützen, dass Kinder ihre Stimme entfalten können und Mitbestimmung ernst genommen wird. Gerade die Kitas legen hier ein wichtiges Fundament. Dort wird im Spiel, in der Bewegung und im gemeinsamen Alltag Gesundheit unmittelbar gelebt. Später in den Schulen geht es um Chancengleichheit. Gesundheitliche Nachteile dürfen nicht zu Bildungsnachteilen werden. Das ist auch unser Anspruch, wenn es um inklusive Bildung geht. Darum gehören Resilienz und Lebenskompetenz für uns genauso zum Erziehungsauftrag wie das Lesen, Schreiben und Rechnen. Um Gesundheit zu fördern, braucht es aber vor allem auch eine enge Zusammenarbeit mit Familien, Eltern und Erziehungsberechtigten, und dies bereits ab der frühen Kindheit. Kitas und Schulen können sensibilisieren und Kinder ermutigen, aber nur in der Offenheit der Familie kann Entsprechendes gelingen. Es geht darum, sie zu einem gesundheitserhaltenden Lebensstil mit guter Ernährung, Sport und Bewegung sowie dem Zugang zu Kunst und Kultur zu führen. Zweiter Punkt, wir müssen die Versorgung sichern und ausbauen. Auch dafür ist diese Debatte heute sehr wichtig. Um Kindergesundheit zu fördern, braucht es eine wohnortnahe, verlässliche, leicht zugängliche und gute medizinische Betreuung. Deshalb wird die Landesregierung mit dem Bund in die Diskussion gehen müssen, wie wir die Versorgung mit Kinder- und Jugendmediziner*innen noch bedarfsgerechter gewährleisten können. Es muss darum gehen, wie Prävention und Beratung besser honoriert werden und wie die Lotsenfunktion der Kinderärztinnen und Kinderärzte gestärkt werden kann. Um Kindergesundheit zu fördern, braucht es auch starke Kommunen, deren Aufgabe die öffentliche Daseinsvorsorge und damit auch der Schutz unserer Gesundheit ist. Ich glaube, diese Landesregierung zeigt sehr genau, wie man Kommunen unterstützen kann. Mit dem Investitionsprogramm für Kitas und dem Schulbauprogramm unterstützen wir den Bau moderner Lernorte mit Raum und Platz für Bewegung, individuelle Förderung, gesundes Essen und auch den Schutz vor klimatischen Veränderungen, wenn es darum geht, die Gebäude zukunftssicher zu machen. Auch die quartiersbezogene Armutsbekämpfung setzt hier an. Es freut mich sehr, dass Herr Mathis von Pu-GiS e. V. der Debatte beiwohnt. PuGiS e. V. als Träger des Projektes „Das Saarland lebt gesund!“ und der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit ist ein wichtiger Partner im Bereich der Gesundheitsförderung sowie Prävention und ist insbesondere im Feld der Armutsbekämpfung unterwegs. Ich bedanke mich stellvertretend bei Ihnen, Herr Mathis, bei allen, die diese Projekte auf den Weg bringen. Beispielsweise haben Sie vor wenigen Tagen mit meiner Staatssekretärin das Projekt GENE-RATION Z WIE ZUKUNFT ans BBZ in Merzig gebracht. Sie begleiten die beruflichen Schulen engagiert bei ihrer Umsetzung. (Beifall von der SPD.) Möglich wird das Ganze nur, weil man nicht übereinander redet, sondern miteinander eine Partnerschaft eingeht. Ich nenne hier vor allem auch das GKV-Bündnis, die gesetzlichen Krankenkassen, den Verband der Ersatzkassen, die DGUV und die Unfallkasse des Saarlandes, mit denen hier gemeinsam und auf Augenhöhe zusammengearbeitet wird. Der dritte Punkt ist die Beteiligung und Vernetzung. Das Netz an Untersuchungen ab der Geburt eines Kindes ist sehr eng. Sowohl mit den U-Untersuchungen als auch den Schuleingangsuntersuchungen haben wir gute Angebote. Die Verantwortung der Schulen, in Gesundheitsbildung zu investieren, steigt mit zunehmendem Alter der Schülerinnen und Schüler. Wir brauchen hier eine noch bessere Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren, angefangen beim Gesundheitswesen über Kitas, Schulen und Jugendhilfe bis hin zu den Kommunen. Noch mehr denn je müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass etwas ins Rutschen gekommen ist. Nach der Pandemie sind wir uns bewusster denn je, wie wichtig offene Kitas und Schulen für die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen sind, wie wichtig der freie Zugang zu Angeboten der Kinder- und Jugendmedizin ist und wie wichtig der uneingeschränkte Zugang zu Schulsozialarbeiter*innen oder schulpsychologischen Angeboten ist, gerade auch weil diese Stellen wichtige Signalgeber sind, wenn die Gesundheit unserer Kinder angegriffen wird. Schulen und Kitas sind nicht nur Lernorte, sie sind längst Lebensorte, an denen Kinder Geborgenheit erfahren, soziale Beziehungen aufbauen und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Damit erfüllen sie ihren Erziehungsauftrag in einem sehr umfassenden Sinne. Sie vermitteln Wissen, aber auch Werte, Haltungen und Kompetenzen, die für ein gesundes Leben unverzichtbar sind. Sie sind auch Orte, an denen gesellschaftliche Missstände spürbar und greifbar sind. Kinder, die hungrig in die Schule kommen, unter Bewegungsmangel leiden oder psychisch belastet sind, können ihr Potenzial nicht entfalten, egal wie engagiert unsere Lehrkräfte sind. Es reicht nicht, den Kitas und Schulen die alleinige Erziehung in die Schuhe zu schieben. Das tun wir gerne und oft. Es braucht auch eine stetige Verantwortungsübernahme anderer Akteure. Zur Vernetzung gehört für mich auch, wissenschaftliche Erkenntnisse mit einzubringen. Wir wissen heute, wie wichtig es ist, dass junge Menschen sich gut fühlen. Wir haben diese Expertise auch im Land. Wir wissen aus der GUCKhin-Studie, die vom Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes unterstützt wurde, dass Krisen sich stark auf die seelische Gesundheit von Kindern auswirken. Frau Professorin Michael der Universität des Saarlandes zeigt, was zu tun ist. Mit Krisen und negativen Nachrichten sind Kinder und Jugendliche gerade in digitalen Räumen inzwischen täglich konfrontiert. Die Herausforderung besteht dort, wo Kinder unbegleitet im medialen Bezug sind. Das ist immer früher der Fall. Jeder, der durch die Bahnhofstraße läuft, kann das leibhaftig sehen. Sobald ein Kind ein Smartphone in den Händen halten kann, wird es auf diese Weise ruhiggestellt. Das macht etwas mit der Entwicklung der Kinder, sowohl mit der seelischen als auch der körperlichen Entwicklung. Frau Professorin Möhler, die Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat erst jüngst auf diese Folgen hingewiesen. Das zeigt, ein Smartphone-Verbot alleine wird diese Entwicklung nicht stoppen. Es braucht eine sehr enge Aufklärung von Eltern und eine Erläuterung, um was es geht. Es sind Eltern, die Kindern den Zugang zu diesen Endgeräten ermöglichen. Wir müssen sie sensibilisieren, die Folgen ernst zu nehmen. Es ist die Kombination von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die wir in unserem Bundesland haben, und Routinedaten, wie wir sie beispielsweise aus den Schuleingangsuntersuchungen oder den Ergebnissen der Krankenkassen haben. Die Landesregierung arbeitet hier Seite an Seite und in sehr engem Austausch. Ich verweise gerne auch auf die Debatte zur Prävention an Kitas und Schulen, die wir im vergangenen Plenum hatten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Kinder- und Jugendgesundheit ist keine Randaufgabe. Sie ist der Kern von Bildungsgerechtigkeit und damit eine zentrale Zukunftsaufgabe für unser Land. Kindergesundheit betrifft nichts weniger als die Zukunft unserer Kinder und damit die Zukunft unserer gesamten Gesellschaft. - Glück auf. (Beifall von der SPD.)
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