Frank Wagner
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Wir beschäftigen uns heute Morgen mit einem wichtigen Thema, dem sicheren Schwimmen. Das ist sehr aktuell, nicht nur aufgrund des Schulstarts. Wenn man sich verschiedene Berichte in den Medien anschaut, sieht man, dass man sich in vielen Regionen damit beschäftigt. Unter anderem gab es gestern einen Bericht, der auch in der Tagesschau zur Primetime gesendet wurde: Entlang des Rheins haben vier Städte beschlossen, ein Bade- und Schwimmverbot auszusprechen, weil in den vergangenen zehn Wochen 15 Menschen ertrunken sind. Ich kann nur bestätigen, was von der Kollegin Harenz ausgeführt wurde: Es gibt keine bestimmte Altersgruppe, sondern es zieht sich durch alle Generationen. Dort muss dringend gehandelt werden. Schwimmen können ist keine Nebensache. Schwimmen können ist eine grundlegende Kulturtechnik und bedeutet Sicherheit, Prävention und Teilhabe. Wer nicht schwimmen kann, bleibt ausgeschlossen: bei Klassenfahrten, beim Freibadbesuch in den Sommerferien, beim Vereinssport und bei vielen weiteren Veranstaltungen. Meine Damen und Herren, Nichtschwimmer sind nicht nur ausgeschlossen, sondern sie befinden sich in einer realen Gefahr. Es geht also nicht nur um ein Hobby, sondern um die Fähigkeit, die wir jedem Kind mitgeben müssen. Gerade im Saarland gibt es grundlegenden Handlungsbedarf. Im Jahr 2017 haben noch circa 69 Prozent der Grundschüler zumindest das Seepferdchen geschafft, also eine Strecke von 25 m zu schwimmen. 2022 waren es nur noch knapp 50 Prozent. Der Saarländische Schwimm-Bund hat auf Anfrage der Saarbrücker Zeitung eine Prognose abgegeben: 50 bis 70 Prozent der Kinder, die in die 5. Klasse kommen, können nicht sicher schwimmen. Hier müssen wir handeln. Gerade in der Corona-Zeit ist dieses Thema sehr intensiv diskutiert worden, weil es einen enormen Handlungsdruck gab. Über Monate sind Kurse ausgefallen. Ich will mit einem großen Dankeschön beginnen. Es war ein Kraftakt von allen Beteiligten: Landesregierung, Kommunen, aber vor allem DLRG, Saarländischer Schwimm-Bund, Kneippverband, Wasserwacht und vielen weiteren Vereinen, die sich eingebracht und dafür gesorgt haben, dass die Lücke an Kindern, die nicht schwimmen können, nicht noch größer geworden ist. Von daher ein großes Dankeschön an alle, die dafür gesorgt haben, dass wir es geschafft haben, in dieser schwierigen Corona-Zeit wieder aufzuschließen. Danke sehr. (Beifall von der CDU und bei der SPD.) Der Schwimmunterricht in unseren Schulen wird zunehmend zu einer Herausforderung. Das liegt nicht am Willen der Schulen oder an der Motivation der Lehrkräfte. Es handelt sich um fehlende Ressourcen. Wir haben zu wenig Wasserflächen, die Transportwege sind zu lang und wir haben zu wenig qualifiziertes Personal. Ich war mit der DLRG-Präsidentin Dagmar Heib bei der Sommertour unter anderem am Stausee Losheim, wo wir uns mit einer großen Ortsgruppe ausgetauscht haben. Mehrere Schwimmlehrer haben aus der Praxis berichtet, dass festzustellen ist, dass die Anzahl der Kinder, die nicht eigenständig sind - sich also nicht selbstständig umzie- (Abg. Wagner (CDU)) hen können, die zuerst vorsichtig ans Duschen herangeführt werden müssen, geschweige denn, das Wasser vorsichtig zu betreten - in den vergangenen Jahren eklatant angestiegen ist. Deshalb brauchen wir mehr Zeit und entsprechende Fachkräfte, die sich um diese Kinder kümmern. Die Heterogenität in diesen Kursen ist deutlich größer geworden. Verstärkt wird die Situation durch immer mehr Eltern, die selbst nicht schwimmen können. Ich möchte verdeutlichen: Ich glaube, dass es nicht unbedingt ein zeitliches Problem ist, sondern ein Problem der Haltung und auch des Willens. Es ist zu erkennen: Viele der Eltern - das muss man ehrlich aussprechen - verstecken sich hinter den Vereinen, hinter der DLRG, hinter dem Kneippverein und vielen anderen, die den Kindern das Schwimmen beibringen sollen, und gehen selbst nicht aktiv voran, wie es bei uns gang und gäbe war, dass man mit den Eltern oder mit dem großen Bruder oder der großen Schwester ins Schwimmbad gegangen ist und ans Wasser herangeführt wurde. Dann konnte der Schwimmlehrer im Kurs viel früher mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Auch da muss gehandelt werden. Ich gehe kurz auf den vorliegenden Antrag und das Gesetz ein. Es wurde schon einiges dazu gesagt. Im Antrag wird gefordert, dass die Daten an Nichtschwimmern in den Abschlussklassen erhoben werden. Das ist bereits erfolgt. Die Daten liegen vor, diese müssen auch fortgeschrieben werden, ganz klar. Gerade im vergangenen Ausschuss wurden die Zahlen sehr deutlich und transparent vorgetragen. Es wurden auch Fragen beantwortet. Anscheinend hat Ihre Fraktion nicht mitbekommen, wie die aktuelle Datenlage ist. Das Entscheidende ist aber: Eine neue Abfrage wird uns nicht weiterbringen. Sie schafft kein zusätzliches Schwimmbad, sie schafft keine zusätzlichen Zeiten, keine zusätzlichen Transportwege beziehungsweise Schwimmlehrer. Zum Gesetz: Das Ganze gesetzlich als Grundbildungsziel zu verankern, hört sich im ersten Moment vielleicht gut und ambitioniert an. Wenn man aber genauer hinschaut, wird einem relativ schnell klar - auch das haben wir schon deutlich gehört -: Man muss die Dinge realistisch betrachten. Fangen wir mit der Definition des sicheren Schwimmens an, wie sie in Ihrem Gesetzentwurf steht. Sicheres Schwimmen bedeutet Freischwimmerabzeichen Bronze, 15 Minuten sicher schwimmen. Wir sind schon froh, wenn das Seepferdchen erreicht wird. Dass die weiteren Schritte folgen müssen, ist der erste Punkt. Der entscheidende Punkt ist aber: Es muss gesamtgesellschaftlich gehandelt werden. Ein Gesetz wird uns nicht weiterbringen. Mit einem Gesetz kann ich vor allem nicht das sichere Schwimmen verordnen. Von daher ist das der falsche Weg. Wir werden diesen Gesetzentwurf und den Antrag ablehnen. (Beifall von der CDU und vereinzelt bei der SPD.) Der rechtliche Rahmen ist nicht das Problem, sondern die fehlenden Rahmenbedingungen sind es: zu weite Wege, zu wenig Schwimmzeit. Auch das wurde eben kurz erläutert. Ich selbst kann sagen, wie es bei mir als Schwimmlehrer in Merzig war. Von einer Merziger Schule ist es nicht so weit ins Schwimmbad. Wir waren froh, wenn wir bei insgesamt 90 Minuten oder teilweise noch mehr Zeit 30 Minuten Schwimmzeit hatten. Wir haben die Pause schon für den Transportweg mitgenommen, das ist die Realität. Die meisten haben noch deutlich weniger Schwimmzeit. Daher brauchen wir mehr Flexibilität, Blöcke und zusätzliche Zeiten, um die Kinder vor allem an das Schwimmen heranzuführen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, noch den einen oder anderen Hinweis in diese Debatte einzubringen. Wir brauchen eine echte Schwimmoffensive, wie sie schon einmal bei Corona umgesetzt wurde. Ich glaube, diese Offensive müssen wir jetzt gemeinsam wieder voranbringen, denn die Zahlen sind alarmierend und es genügt nicht, beim Status quo zu verharren. Wir müssen vielmehr an mehreren Stellschrauben drehen. Erstens, und das wird als deutliches Signal vor allem von der DLRG geäußert, brauchen wir mehr Wasserflächen. Das bedeutet die Sanierung der bestehenden Bäder und dort, wo es notwendig ist, auch Neubauten. Hier muss von Land und Kommunen gemeinsam hingeschaut werden, dabei muss man sich auch ehrlich machen: Wo ist vielleicht ein weißer Fleck? Wo das der Fall ist, muss definitiv ein Schwimmbad verfügbar gemacht werden. Diese Dinge müssen wir auf den Tisch legen und uns auch gemeinsam dafür einsetzen, dass es genügend Wasserflächen gibt. Es muss dabei Kooperation zwischen den Kommunen, Vereinen und der DLRG geben. Wir brauchen zudem mehr Personal. Das lässt sich nicht so einfach lösen, indem man dafür eine kleine Fortbildung macht. Es bedeutet eine enorme Verantwortung, mit Kindern ins Schwimmbad zu gehen, Kindern das Schwimmen beizubringen. Daher wird dafür viel Zeit benötigt. Wir brauchen also eine Qualifizierungsoffensive für Lehrkräfte. Die Zusammenarbeit mit der DLRG und mit anderen Verbänden ist hierbei sehr wichtig. Man kann nur erstaunt wahrnehmen, wie die es geschafft haben, in den vergangenen Jahren so viele neue Schwimmlehrer auszubilden. Angesichts dessen gilt es, Synergien zu heben, um einfach mehr Personal in den Schwimmunterricht in unseren Schulen einzubringen. Wir brauchen auch mehr Zeit. Dieses Problem wird sich nur über alternative Modelle lösen las- (Abg. Wagner (CDU)) sen: Wir brauchen Blockunterricht, wir brauchen Projekttage. Ich erinnere auch an die Ferienschwimmschulen, die zwar an der einen oder anderen Stelle noch umgesetzt werden, aber letztlich nur noch sehr selten. Auch hier war es vorbildhaft, wie das in der Corona-Zeit gelaufen ist. Gerade die Sommerferien kann man ja intensiv nutzen, um vor allem die Kinder an den Schwimmunterricht heranzuführen. Die soziale Gerechtigkeit gilt es zu beachten; das Schwimmenlernen darf nicht am Geldbeutel scheitern. Ein ganz wichtiges Thema ist auch, dass die Familien aktiv einbezogen und beraten werden müssen. Ihnen muss bewusst gemacht werden, wofür sie letztendlich verantwortlich sind. Es muss klar sein, dass sie als Vorbild vorangehen müssen. Die Kinder müssen einfach mit der Familie ins Schwimmbad gehen, damit sie zumindest einmal ans Wasser gewöhnt werden. Wir brauchen auch ein Monitoring mit Wirkung. Die Zahlen, die vorhanden sind, müssen nun auch fortgeschrieben werden. Abschließend will ich noch einmal Anerkennung für das, was in unseren Schulen geleistet wird, zum Ausdruck bringen: Dort wird Großartiges geleistet. Es wird ein Schwimmunterricht gestemmt, der oft nur unter sehr schwierigen Bedingungen durchzuführen ist: Es gibt lange Transportzeiten, es muss ein hoher organisatorischer Aufwand betrieben werden. Wie wir aber in der zurückliegenden Ausschusssitzung gehört haben, führen, so erinnere ich es, 98 Prozent der Grundschulen regelmäßig Schwimmunterricht durch. Das ist ein gutes Zeichen. Dafür wirklich ein großes Kompliment an unsere Grundschulen, die damit Großartiges leisten! Vielen Dank dafür! Letztlich ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es wird nur gemeinsam gehen, die Aufgabe darf nicht allein bei den Schulen abgeladen werden, vielmehr müssen Eltern, Vereine, Kommunen und Verbände Hand in Hand wirken. Das muss koordiniert werden, dabei ist die Landesregierung gefordert. Wir brauchen eine Schwimmoffensive, diese werden wir sehr gerne auch im Rahmen des kommenden Haushalts begleiten. Den vorliegenden Antrag und den Gesetzentwurf lehnen wir hingegen ab. - Danke. (Beifall von der CDU.)
