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Christine Ursula Streichert-Clivot

27.08.2025 Sitzungen 17/39

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Übergang von der Schule in den Beruf ist kein Nebenthema. Es ist der Schlüssel für die Zukunft unserer Menschen und damit auch der Schlüssel für die Zukunft unseres Landes, und ich danke an dieser Stelle für die engagierte Diskussion. Die jüngste Jugendbefragung „Ausbildungsperspektiven 2025“ der Bertelsmann Stiftung aus dem Juli 2025 gibt ein sehr klares Fazit. Die Ausbildung ist sehr beliebt, aber für viele nicht erreichbar. Die duale Ausbildung aber bleibt einer der beliebtesten Bildungswege nach dem Schulabschluss. Sie genießt ein durchweg sehr positives Image bei Jugendlichen. Gleichzeitig sagt uns diese Studie auch: Die Lust am Arbeiten ist groß! Die Verführung, schnell in den Arbeitsmarkt einzusteigen und schnell zu arbeiten, um Geld zu verdienen, ist besonders groß. 25 Prozent der Jugendlichen, insbesondere mit niedriger Schulbildung, gehen gerne auch direkt diesen Weg, um Geld zu verdienen - vielleicht auch deshalb, weil die Situation der eigenen Familie es erfordert. Die Studie geht auf Hürden ein. Jugendliche mit niedrigem Schulabschluss sind besonders pessimistisch. 35 Prozent von ihnen glauben nicht oder sind sich unsicher, dass sie einen Ausbildungsplatz bekommen werden. Jugendliche mit höherer Schulbildung fühlen sich dagegen oft überfordert von der Vielzahl an Informationen zur Berufswahl und wünschen sich mehr persönliche Beratung. Es darf daher auch mit Blick auf die Diskussionspunkte, die heute schon zur Sprache gekommen sind, am Übergang von Schule und Beruf nicht um einen weiteren Sozialabbau gehen, meine sehr geehrten Damen und Herren, sondern es muss um konkrete Antworten gehen. (Beifall von der SPD.) Statt Schreckensbilder an die Wand zu malen, beschreiben wir in der SPD-Landesregierung nicht nur Probleme, sondern wir lösen sie, wir gehen sie an. Wie sichern wir Übergänge? Wie stärken wir berufliche Orientierung? Und vor allem: Wie gewinnen wir die Fachkräfte, die unser Land braucht? Der Antrag der SPD-Fraktion gibt Antworten. Wir sagen klar: Kein junger Mensch darf beim Übergang in den Beruf verloren gehen. Das ist unser Anspruch, und das ist ein harter Anspruch. Die duale Ausbildung ist ein Erfolgsmodell, und zwar eines, um das wir international beneidet werden, auch das sollten wir uns in diesen Debatten immer wieder bewusst machen. Unsere Nachbarn in Frankreich orientieren sich bei ihrer Reform der schulischen Berufsausbildung an dem Beispiel Deutschlands. Wir haben einen ganz klaren Kurs. Gute Bildung fängt am Anfang an; zusammen mit der Jugendhilfe sorgen wir für Kitaplätze. Aktuell sind jetzt 94 Prozent der Kinder im Saarland mit einem Kitaplatz versorgt sind. 6 Prozent gehen ohne einen Kitaplatz in die Schule. Das sind rund 500 Kinder, 500 Einzelschicksale, 500 junge Menschen, die am Übergang zur Grundschule mit besonderen Herausforderungen an unseren Schulen ankommen. Wir lassen diese Kinder nicht im Regen stehen, sondern wir schauen mit allen Beteiligten, die diesen Übergang von der Kita organisieren, darauf, wie wir noch besser, noch effektiver, noch effizienter werden - mit Schule, Kita, Jugendhilfe und der Gesundheitsseite, Kinder- und Jugendärzten wie auch den Gesundheitsämtern. Ich bin sehr stolz, in einer Regierung zu sein, die das gemeinsam anpackt und nicht nur Probleme beschreibt. Wir gehen weiter. Mit der neuen Gemeinschaftsschulverordnung schaffen wir eine verbindliche Berufsorientierung für alle. Und damit nicht genug. Zu meiner Schulzeit durfte ich ein Praktikum machen, und zwar im Einzelhandel. Das hat mir bei der Orientierung sehr stark geholfen. Ich habe festgestellt, wie anspruchsvoll und wie anstrengend dieser Beruf ist. Es war mir klar, dass das nicht der Weg ist, den ich für mich sehe. Genau an dieser Stelle setzen Praktika an: Sie sollen dabei helfen, sich zu orientieren. Sie sollen nicht zwingen, in einen bestimmten Bereich hineinzugehen, weil der Staat der Auffassung ist, dass wir dort die meisten Kräfte brauchen, sondern sie sollen jungen Menschen in der 7., 8. oder 9. Klasse diese Orientierung geben. Neu ist jetzt, dass wir diese Praktikumserfahrung im Rahmen von Präsentationsprüfungen in den Abschluss mit einbinden. Das, was Schülerinnen und Schüler über mehrere Wochen im Praktikumsbetrieb erleben, können Sie gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern reflektieren, und diese Erfahrung wird Teil ihres Abschlusses. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Unternehmen im Bereich der Einstellung immer noch sehr stark auf Assessment Center setzen, dass sie vielleicht nicht mit der Vorbildung der Schülerinnen und Schüler einverstanden sind oder dass sie sagen: Das Zeugnis stellt mir die Kompetenzen des Schülers oder der Schülerin nicht ausreichend vor. - Aus diesem Grund stärken wir die Praxisorientierung in unseren Schulabschlüssen - beim Hauptschulabschluss und dem mittleren Bildungsabschluss. Ich bin mir sicher, wir werden auch noch in dieser Legislaturperiode darüber sprechen, wie wir das ebenso mit Blick auf die Schülerinnen und Schüler, die sich in unseren Gemeinschaftsschulen und Gymnasien auf das Abitur zubewegen, tun können. Das müssen wir mit Blick auf die Fachkräftebedarfe unserer Gesellschaft dringend tun. Mit der Berufswahlapp, die seit diesem Schuljahr am Start ist, holen wir Jugendliche genau dort ab, wo sie stehen. Mit ihrem eigenen Endgerät können sie Ausbildungswege, Praktika und Berufsbilder niedrigschwellig kennenlernen und sich ein eigenes Bild machen. Mit dem Programm „Einstieg durch Praktikum in Ausbildung“ ermöglichen wir Jugendlichen, die auf dem klassischen Bewerbungsweg keine Chance hätten, den direkten Einstieg über persönliche Kontakte im Betrieb. Ich sage Ihnen ganz offen, das Saarland hat genau auf diesem Gebiet seine Stärke: persönliche Kontakte. Ich war in der vergangenen Woche an einer Gemeinschaftsschule in Rohrbach. Dort organisiert die Schule in jedem Schuljahr Berufsmessen für die Schülerinnen und Schüler. Über 100 Betriebe arbeiten mit dieser Gemeinschaftsschule zusammen. Es ist genau dieser persönliche Kontakt, der schon in der Gemeinschaftsschule beginnt und damit den Weg in die berufliche Bildung und die duale Ausbildung ebnet. Dafür gilt allen Lehrerinnen und Lehrern, die das tagtäglich tun, mein herzlicher Dank. (Beifall von der SPD.) Gemeinsam mit den Kammern haben wir Ausbildungscoaches, die Jugendliche ganz praktisch begleiten, vom Bewerbungstraining bis zum Vorstellungsgespräch. Mit dem Wirtschaftsministerium organisieren wir in den Ferien die Praktikumswoche Saarland. In enger Zusammenarbeit öffnen sich Betriebe für Schülerinnen und Schüler ab Klassenstufe 8 und sorgen dafür, dass Unternehmen und junge Menschen früh zueinanderfinden. Wir haben also alle Phasen der Bildungsbiografie im Blick. Aber natürlich wollen wir noch mehr. Wir können nicht damit zufrieden sein, dass Schülerinnen und Schüler in den Gemeinschaftsschulen und den Förderschulen die Schule verlassen und keinen berufsqualifizierenden Abschluss haben, der ihnen den direkten Weg in die duale Ausbildung ermöglicht. Deswegen bin ich sehr froh, dass die Schulleitungsvereinigungen der Gemeinschaftsschulen, der Förderschulen und der beruflichen Schulen zusammen mit den Personalvertretungen meiner Einladung gefolgt sind; wir schauen uns diesen Übergang noch mal an. Es geht nicht darum, dass die jeweiligen Systeme übereinander sprechen, sondern wir müssen diesen Übergang gemeinsam organisieren. Wir müssen die gleiche Sprache sprechen mit Blick auf die Förderbedarfe junger Menschen, aber wir müssen auch die Expertise, die gerade unsere beruflichen Schulen haben, wenn es um die Beschreibung der Berufswelt und die Kontakte in den Arbeitsmarkt hinein geht, nutzen, und zwar gewinnbringend und frühzeitig. Wir stehen an dieser Stelle in einer Verantwortungsgemeinschaft. Ich bin der Meinung, wir müssen bei jungen Menschen das Feuer entfachen, damit sie dann, wenn sie gut ausgebildet und vorbereitet sind, auch stark in den Arbeitsmarkt einsteigen können. Wenn das nicht der Fall ist, produzieren wir ein Prekariat, wir produzieren Armut, und das kann dieser Sozialstaat auf Dauer nicht auffangen. Deswegen freue ich mich über diese sehr enge Zusammenarbeit. (Beifall von der SPD.) Wenn es um Fachkräftesicherung geht, haben wir natürlich im Bildungsbereich die Schaltstellen an manchen Stellen selbst in der Hand. Ich will ein paar Zahlen nennen, die deutlich machen, wie wir im Bereich des erzieherischen und pädagogischen Fachkräftebedarfes nach vorne gehen. Wir investieren konsequent. Im vergangenen Schuljahr 2024/2025 haben wir verschiedene Entscheidungen getroffen, um Lehrkräfte zu gewinnen. Auch das gehört zur Fachkräftesicherung. Wir haben aktuell in unseren Studienseminaren 421 Lehrkräfte der einzelnen Schulformen in Ausbildung, um den zukünftigen Bedarf an gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern zu sichern. Wir brauchen diese Lehrerinnen und Lehrer in allen Schulformen. Die Herausforderungen sind klar beschrieben. Wir haben da kein Erkenntnisproblem, sondern wir müssen uns zusammenraufen. Auch die Erzieherinnen-Ausbildung ist wichtig. Wir wissen, dass ein Kitaplatz die Voraussetzung dafür ist, dass Eltern und insbesondere Frauen schnell wieder am Arbeitsmarkt Fuß fassen können und dass sie im besten Falle nicht nur in Teilzeit arbeiten, weil wir wissen, welche Konsequenzen das für Altersarmut hat, sondern dass sie in Vollzeit verlässlich ein System der Kindertagesbetreuung haben. So darf ich sagen, wir haben aktuell 2.500 Menschen in Ausbildung im Bereich der Erzieherinnen und Erzieher und der Heilerziehungspflege. Diese Menschen werden in den kommenden Jahren Schritt für Schritt auf den Arbeitsmarkt kommen, und die Stellen werden immer wieder nachbesetzt, wenn dann weitere junge Menschen in der Ausbildung sind. Damit nicht genug, im Bereich der Erzieherinnen - ich darf, glaube ich, an dieser Stelle die weibliche Form verwenden, weil wir immer noch sehr viele Frauen in diesem Beruf haben -, haben wir es lange versäumt, die Frage zu stellen, warum gerade in diesem Ausbildungsberuf Frauen Geld mitbringen müssen, um die Ausbildung zu machen. Das erklärt vielleicht auch, warum die Ausbildung heute gerade für junge Männer weniger attraktiv ist. Wir sind im Saarland den Weg gegangen, mit Unterstützung des Bundes und inzwischen ausschließlich mit eigenen Landesmitteln, die sogenannte praxisintegrierte Erzieherausbildung innerhalb von drei Jahren aufzubauen. Erzieherinnen werden in dieser Ausbildung bezahlt. Ich glaube, das ist eine große Errungenschaft der Sozialdemokratie. (Beifall von der SPD.) Wir stehen vor großen Herausforderungen, diese Landesregierung redet diese Herausforderungen nicht klein. Wenn es um den Übergang von der allgemeinbildenden Schule in die berufliche Schule geht, müssen wir gemeinsam und engagiert arbeiten. Wir müssen die Sprachförderung auch an diesem Übergang in den Blick nehmen, sowohl bei der Professionalisierung unserer Lehrkräfte als auch bezogen auf gute, neue und digitalgestützte Konzepte. Wir reden hier über junge Erwachsene, mit denen wir sowohl durch die Begleitung unserer Sprachförderlehrkräfte als auch durch gute, schnelle und neue Entwicklungen auf dem Markt des Spracherwerbs, wie zum Beispiel KI-gestützte Angebote, viel Gutes erreichen können. Ich freue mich sehr, dass wir in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium und dem Arbeitsministerium den sogenannten Sprach-Booster für die Ausbildung ab dem Jahr 2026 ins Leben gerufen haben. Das bedeutet, dass eben nicht mehr jeder in seinem Kompetenzbereich - das BAMF, die Bundesagentur für Arbeit und wir als Schule - schaut, wo er die Räder drehen kann, sondern dass wir alle Ressourcen zusammenwerfen und Schülerinnen und Schüler, junge Auszubildende im Einstieg in den Beruf mit den zusätzlichen Sprachkompetenzen versehen, die gerade in Bezug auf sehr spezialisierte Ausbildungsberufe ein spezifisches Fachwissen erfordern. Ich freue mich, mein Dank geht auch an meine beiden Kollegen, dass wir so eng und so gut zusammenarbeiten, was gestern auch der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist unsere Strategie. Das sind keine Schlagworte, sondern das ist ganz konkrete Politik in der Umsetzung, gemeinsam mit unseren Schulen, den Kammern und den Mitbestimmungsgremien. Übergänge gestalten geht nur in einem Zusammenspiel, es ist zugleich Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Wer heute in Ausbildung geht, sichert morgen die Fachkräftebasis unseres Landes. Wer heute in Ausbildung geht, sichert den Wohlstand unseres Landes. Wer heute in Ausbildung geht, sichert auch die Identität unseres Landes. Menschen, die einen gut bezahlten Beruf haben, gestalten unser gesellschaftliches Umfeld, in Schulen, in Vereinen, im Sport, in der Kultur. Das heißt, wir reden hier nicht nur über die Fachkräftegewinnung, sondern auch darüber, wie zukünftig unser Land noch lebenswert und liebenswert bleibt. (Beifall von der SPD.) Wir geben mit dieser Strategie jungen Menschen Sicherheit und der saarländischen Wirtschaft die Fachkräfte, die sie braucht. Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir stehen mitten in einer Zeit der Transformation. Unsere Aufgabe ist es, jungen Menschen Hand in Hand Halt zu geben und sie gemeinsam zu befähigen, den Wandel und die Transformation als Chance zu begreifen. Genau das tun wir systematisch, verlässlich und auch zukunftsorientiert. Darum sage ich es noch einmal: Kein junger Mensch darf durchs Raster fallen! Das ist unser Anspruch, an dem lassen wir uns messen. - Glück auf! (Beifall von der SPD.)

Alle Reden von Christine Ursula Streichert-Clivot Protokoll ↗