Réka Klein
Liebe Kolleginnen - ich will jetzt nicht das generische Femininum benutzen, um hier ein Exempel zu statuieren, weil die Männer natürlich mitgemeint sind. Das mache ich nicht. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Liebe Frau Präsidentin! Mein T-Shirt hat heute schon sehr viel Aufmerksamkeit erregt. (Auf dem T-Shirt der Abgeordneten ist Meis- ter Yoda aus den Star ‑ Wars ‑ Filmen zu sehen.) Es war gestern Abend mit meinem Sohn so besprochen. Es ist ein T-Shirt, das meinem Sohn gehört. Die Freundin meiner Oma hat das gemalt. Ich dachte, das ist doch ganz schön, das ziehe ich an. Ich wurde darauf angesprochen: Oh Gott, ist das nicht politisch oder so? Ich habe mir heute Morgen mal Gedanken gemacht. Im Grunde genommen kann Meister Yoda auch politisch sein, denn er ist ein sehr sympathischer, grüner, alter Mann. (Abg. Klein (SPD)) (Heiterkeit. - Abg. Commerçon (SPD): Hubert Ulrich! - Lachen. - Zuruf: Nur nicht sympa- thisch.) Liebe Kolleginnen, jetzt wieder zur Sache: Meister Yoda hat mal gesagt: „Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Wissen Sie was? Ich finde, das passt erschreckend gut zu dem, was wir heute hier erleben. Denn wer Ängste schürt, bereitet den Boden für Ausgrenzung, für Misstrauen, für Spaltung und am Ende für Leid, gerade bei denen, die ohnehin schon zu wenig gesehen werden. Was Sie mit diesem Antrag auf Genderverbot fordern, ist nichts weiter als ein Angriff auf Sichtbarkeit, auf Respekt, auf gesellschaftlichen Fortschritt. (Beifall von der SPD.) Das, liebe Kolleginnen, ist kein Zufall. Das ist Strategie. Denn immer dann, wenn Sie zu den echten Problemen keine Lösung haben, dann kommt der tiefe Griff in die Empörungskiste, dann muss ein Sternchen zum Feindbild werden, dann ist die inklusive Sprache plötzlich die größte Bedrohung - nicht Armut, nicht Fachkräftemangel, nicht Gewalt gegen Kinder, nicht Pflegenotstand, nein, ein Gendersternchen. Während wir uns ernsthaft Gedanken machen, wie wir die Probleme der Saarländer*innen lösen können, reden Sie übers Gendern. Wir entlasten Familien mit beitragsfreien Kitas, wir verbessern den Kinderschutz. Wenn Sie in den Ausschüssen öfter anwesend wären, wüssten Sie, dass im Durchschnitt in jeder Klasse zwei Kinder sitzen, deren Kindeswohl gefährdet ist. Zwei Kinder pro Klasse! Aber statt zu fragen, wie wir diesen Kindern helfen können, wollen Sie Erzieher*innen vorschreiben, wie sie zu sprechen haben. Wer ist denn hier die Sprachpolizei, Herr Dörr? (Beifall von der SPD.) Statt über Kinderarmut, Fachkräftemangel oder Schulsozialarbeit zu reden, wollen Sie das Gendern verbieten. Wow. Das ist nicht nur verantwortungslos, es ist sogar verfassungswidrig. Egal, wie Ihre persönliche Haltung zur geschlechtergerechten Sprache aussehen mag: Die Diskriminierung von Frauen und geschlechtlichen Minderheiten als Politikform ist eine Gefahr für den demokratischen Rechtsstaat. Elisabeth Selbert, eine der Mütter des Grundgesetzes, nannte das schon in den Achtzigern einen Verfassungsbruch in Permanenz. Sie hatte recht. Heute hat diese Strategie eine neue Intensität erreicht. Antifeminismus und Antigenderhetze sind zur Brücke von rechten Rändern hinein in die gesellschaftliche Mitte geworden. Dem stellen wir uns entgegen. (Beifall von der SPD.) Wir als SPD-geführte Landesregierung handeln statt zu spalten. Wir sorgen dafür, dass Kinder nicht durchs Raster fallen - Saarländisches Kinder- und Jugendschutzgesetz. Wir sorgen dafür, dass Alleinerziehende am Monatsende nicht verzweifeln - beitragsfreie Kitas ab 2027. Wir sorgen dafür, dass junge Menschen in diesem Land eine Zukunft haben - Transformationsfonds - und dass sie in einer Sprache vorkommen, in der sie sich wiederfinden dürfen. Denn Sprache ist politisch, Sprache wirkt, Sprache schafft Wirklichkeiten. Wer Menschen sprachlich ausblendet, blendet sie oft auch gesellschaftlich aus. Darum geht es beim Gendern, nicht um Ideologie, sondern um Sichtbarkeit, um Respekt, um Gerechtigkeit. Genau das passt der AfD nicht ins Weltbild, denn Sie wollen nicht, dass alle dazugehören. Sie wollen zurück in die Ordnung - wir haben es heute schon gehört -, in der bestimmte Menschen den Ton angeben und alle anderen still zu sein haben. Wir leben aber in einer vielfältigen Gesellschaft, mit Familien in allen Konstellationen, mit Kindern, die sich nicht in klassische Rollen pressen lassen, mit jungen Menschen, die nicht mitgemeint, sondern gesehen, gefördert, gehört und ernst genommen sein wollen. Wissen Sie was? Ich persönlich finde das ziemlich stark. Die Zeiten „gendern“ sich. Das haben sie schon immer. Liebe Grüße an Marlies Krämer - die Saarländerin, die Kämpferin, die Kundin. (Beifall von der SPD.) Eine Frau, die gezeigt hat, dass Sprache nicht egal ist und dass man sich nicht abfinden muss mit „mitgemeint“. Ich gendere. Das mache ich, und ich bekomme sehr viel Kritik dafür, Kritik, bei der ich mir denke: Wow! Ich lass dich so sprechen, wie du willst, lass mich doch so sprechen, wie ich es will. - Ich mache das nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es will. Ich will, dass niemand ausgeschlossen wird durch meine Sprache. Und ich sage ganz klar: Niemand muss gendern, und niemand muss deswegen die Augen rollen. Menschen, die gendern wollen, das zu verbieten, ist grotesk und gefährlich. (Beifall von der SPD.) Denn Sie wollen Sprache kontrollieren. Sie wollen Meinungen kontrollieren. Sie wollen bestimmen, wer sprechen darf und wer besser schweigt. Sie werfen auch mit dem Begriff „woke“ um sich, „Wokismus“, als wäre das ein Schimpfwort. Jesses! Aber lassen Sie mich, mit Ihrer Erlaubnis, Frau Präsidentin, kurz vorlesen, was „woke“ denn heißt: Woke ist die Vergangenheitsform von „to wake up“. Ja? - Englisch. Also „aufgewacht“. Ursprünglich ein Begriff der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, heute steht er für Wachsamkeit, Haltung, Empathie, für das Engagement gegen Rassismus, Ungerechtigkeit und Diskriminierung, für das Recht, gesehen und gehört zu werden. (Abg. Klein (SPD)) (Beifall von der SPD.) Na gut, wenn das woke ist, dann bin ich gerne wach. Wach für das, was Sprache auslösen kann. Wach für Kinder, die nicht gehört werden. Wach für eine Gesellschaft, in der niemand hinten runterfällt, nur weil er oder sie anders ist. Sie kennen doch bestimmt alle diesen ganz sympathischen Sticker „Lebe so, dass die AfD was dagegen hätte“. Ich sage ganz offen: Ich lebe gerne so, dass die AfD etwas dagegen hätte. (Zurufe von der SPD: Ich auch!) In diesem Sinne: Schönen Tag, liebe DemokratInnen! (Beifall von der SPD.)
