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Dr. Magnus Jung

19.03.2025 Sitzungen 17/35

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Sehr geehrte Gäste aus Wissenschaft, Medizin und Verbänden, die extra zu diesem Tagesordnungspunkt erschienen sind! Ich bin sehr froh, dass der Landtag heute auf Initiative der SPD- und der CDU-Fraktion gemeinsam diesen wichtigen Antrag zum Thema geschlechtersensible Medizin und Endometriose berät. Das ist dringend notwendig, um Ungleichheiten zu verringern, die zu Unterschieden bei der Gesundheitslage von Saarländerinnen und Saarländern führt. Gesundheitliche Chancengleichheit bedeutet nämlich, dass alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer wirtschaftlichen Umstände oder ihrer Herkunft, die gleichen Möglichkeiten haben, ein gesundes Leben zu führen. Und das geht eben nicht, ohne in diesem Kontext einen Blick auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu werfen. Was bedeutet das für unsere Gesundheitspolitik? Geschlechterunterschiede in der Medizin und in der Gesundheitsversorgung zu berücksichtigen, bedeutet, dass wir unterschiedliche Anforderungen, die Personen unterschiedlichen Geschlechts an ihre Gesundheitsversorgung haben, ernst nehmen und diesen auch als Landesregierung in unserem politischen Handeln Rechnung tragen. Lange Zeit wurden etwa medizinische Studien überwiegend an männlichen Probanden durchgeführt, was zu Problemen bei der Versorgung von Frauen führte. Das hat sich zum Glück verbessert, aber Körper, Krankheiten und Symptome sind verschieden, und das ist bei vielen, auch Ärztinnen und Ärzten, trotz vieler Initiativen hierzulande noch zu wenig bekannt. Wenn wir uns die Häufigkeit bestimmter Krankheiten bei den Saarländerinnen und Saarländern anschauen, schlagen sich Unterschiede auch ganz konkret in Zahlen nieder, zum Beispiel bei Arthrose. In der saarländischen Bevölkerung hatten 2019/2020 29,1 Prozent der Frauen Arthrose, aber nur 16,3 Prozent der Männer. Das bedeutet, fast doppelt so viele Frauen wie Männer haben im Saarland eine diagnostizierte Arthrose. Bei den Herzinfarkten ist es so: Im Jahr 2022 hatten wir auf 100.000 Saarländerinnen und Saarländer 245 bekannte Herzinfarkte bei Frauen, bei Männern waren es 540 Fälle und damit fast doppelt so viele. Dieses Wissen darum ermöglicht es uns zum Beispiel, Präventionsangebote zu machen. Dann gibt es aber auch Krankheiten, die nur Frauen betreffen. Ein Beispiel dafür und Gegenstand des Antrags heute ist die Endometriose. Sie ist eine gutartige, jedoch chronisch und oft schmerzhaft verlaufende Erkrankung, bei der Gewebe, welches der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst. Für Betroffene ist damit oft ein langer Leidensweg verbunden, zum Beispiel weil das Krankheitsbild bei Hausärztinnen und Hausärzten weniger bekannt ist. Das führt zu langen Zeiträumen, bis es überhaupt zu einer Diagnose kommt, und dann muss noch die erforderliche Behandlung stattfinden. Das ist auch schon geschildert worden. Auch die Folgen im Alltag der Betroffenen können enorm sein. Menstruationsbeschwerden können den Familienalltag erschweren und auch das Arbeiten unmöglich machen. Das bedeutet hohe Fehlzeiten mit all den finanziellen Risiken. Eine weitere Folge kann ein unerfüllter Kinderwunsch sein. Besonders alarmierend ist, dass es bis heute keine bundesweite statistische Erfassung der Diagnosen gibt. Schätzungen zufolge ist mehr als jede zehnte Frau davon betroffen. Es gibt also viele wichtige Gründe dafür, dass wir im Bereich Gesundheit geschlechtersensibel agieren. Deshalb werden wir das auch in der Landesgleichstellungsstrategie zu einem der wesentlichen Schwerpunktthemen machen. Umso erfreulicher ist es, dass eine Krankheit wie Endometriose nun endlich politisch zum Thema wird, denn wir haben ihr viel zu lange nicht die Aufmerksamkeit gewidmet, die sie benötigt. All das Gesagte zeigt: Wir haben den Blick auf die besonderen Bedarfe der Geschlechter viel zu lange vernachlässigt und kommen nicht daran vorbei, uns künftig auch in der Gesundheitspolitik stärker unter anderem mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen zu befassen. Ich möchte nochmals betonen: Das ist eine Riesenchance für alle Saarländerinnen und Saarländer, für Frauen und Männer! (Beifall von der SPD und der CDU.) Eine geschlechtersensible Betrachtung ermöglicht eine gezielte Prävention, Diagnostik und Therapie. Ein solcher Ansatz stellt den Menschen in den Mittelpunkt, ermöglicht differenzierte Therapien und kommt letztendlich der medizinischen Versorgung aller zugute. Nur so können wir Betroffenen von Krankheiten wie der Endometriose die Gesundheitsversorgung bieten, die sie brauchen. Ich bin froh, dass wir im Saarland an vielen Stellen in Praxis und Forschung schon gut aufgestellt sind, zum Beispiel wenn es um geschlechtersensible Medizin allgemein, aber auch ganz konkret um Endometriose geht. Mit seinem Endometriosezentrum am Universitätsklinikum geht das Saarland schon mit gutem Beispiel voran. So sind etwa die Wartezeiten für einen Termin hier deutlich geringer als im Bundesdurchschnitt. Seit 2023 gibt es zudem das Zentrum für Geschlechterspezifische Biologie und Medizin, CGBM, an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes. Dort werden geschlechtsspezifische Unterschiede in Biologie und Medizin erforscht. Daneben beschäftigen sich AkteurInnen wie die Ärztekammer, frauen- und gleichstellungspolitische Verbände, zum Beispiel der Landesfrauenrat Saarland, aber auch Vereine aus dem gesundheitspolitischen Bereich mit dem Thema. Umso mehr freue ich mich, dass wir die Expertinnen und Experten des Zentrums und der genannten weiteren Akteure auch bei der Entwicklung der saarländischen Gleichstellungsstrategie einbeziehen konnten und dies in der Umsetzung auch noch einmal in verstärkter Weise tun werden. Die saarländische Landesregierung greift die Stärkung der geschlechtersensiblen Gesundheitsversorgung als ein Handlungsfeld in der Gleichstellungsstrategie auf. Das bedeutet: Gleichstellungsfragen werden konsequent mitgedacht. Dieser Ansatz ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Er legt den Grundstein dafür, dass das Feld der geschlechtersensiblen Medizin und Versorgung mit allen Patientinnen und Patienten, Partnerinnen und Partnern aus Fachkreisen, Ärzteschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft strategisch ausgebaut werden kann und das Thema institutionell und nachhaltig im Saarland auf andere Beine gestellt wird. Die Landesregierung möchte den Grundstein dafür legen. In einem ersten Schritt sollen dafür für das Saarland Gesundheitsdaten nach Geschlecht differenziert transparent und zugänglich gemacht werden. Das ist ein Meilenstein, wenn es darum geht, Unterschiede und Bedarfe sichtbar zu machen. Gleichzeitig wollen wir das Wissen in der saarländischen Bevölkerung verbessern, zum Beispiel zu Fragen wie: Wie unterscheiden sich Symptome bei einem Herzinfarkt bei Frauen und Männern? - Das stärkt die Prävention, die Kollegin Klein hat es eben auch schon erläutert. Klar ist auch: Wir müssen den Akteuren im Land, die sich diesem Thema widmen, weiterhin den Rücken stärken. Das Wissen muss weiter mit den Kooperationspartnern in die entsprechenden Fachkreise getragen werden und auch in den Lehrplänen der akademischen und nichtakademischen Gesundheitsberufe auf der Tagesordnung stehen. Ich bin als Gesundheitsminister davon überzeugt, wir können und müssen noch besser werden. Wir haben im Saarland dazu das notwendige Know-how, und was wir dazu brauchen, sowohl in der Forschung als auch in der Zivilgesellschaft und der Praxis, ist vorhanden. Wir möchten beim Thema geschlechtersensible Medizin selbstbewusst und mutig vorangehen, um die Gesundheitsversorgung nachhaltig zu stärken und unter anderem Betroffenen von Endometriose die ärztliche Versorgung zur Verfügung zu stellen, die sie brauchen. Ich freue mich, dass uns der Landtag heute auch den Auftrag gibt, dieses Thema über den Bundesrat in die Bundespolitik hineinzubringen. Die nationale Strategie wurde bereits in der Debatte angesprochen. Ich glaube, wir können als Saarland, wie an anderer Stelle in der Vergangenheit auch, einen guten Impuls geben, dass dieses Thema nach vorne kommt. Schauen wir mal, was im Koalitionsvertrag dazu stehen wird und was noch zusätzlich von uns in die Debatte eingebracht wird. Wir sind startklar, uns auch an dieser Stelle einzubringen. - Vielen Dank für die Debatte am heutigen Tag und für die Aufmerksamkeit. (Beifall von der SPD.)

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