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Alwin Theobald

CDU 04.12.2024 Sitzungen 17/32

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Kirchenrat Hofmann! Sehr geehrte Saarländerinnen und Saarländer! Vor kaum mehr als zwei Wochen durfte ich als Vorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge viele von Ihnen in der Ludwigskirche und an den Gedenkstätten auf den Spicherer Höhen begrüßen, nämlich zur zentralen Gedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages und damit eines Tages, der sich im Laufe der Jahrzehnte von einem Tag der Trauer zu einem Tag der Mahnung, der Versöhnung, der Verständigung und des Friedens gewandelt hat, einem Gedenktag, der sinnbildlich auch heute wieder für eine Erinnerung steht, die im Wandel begriffen ist. Wir konnten für unsere Veranstaltung in der Ludwigskirche Lea Sophie Keller gewinnen. Sie ist eine junge Lehramtsstudentin, die es im Stil des Poetry-Slam auf eindrückliche Weise schaffte, der Todesangst von Familien, Müttern und Kindern im Bombenhagel Ausdruck zu verleihen, aber auch der gleichzeitigen Sehnsucht nach Normalität und Sicherheit. Dass ihr Vortrag niemanden unberührt ließ, konnte nur gelingen, weil sie sich zuvor intensiv mit der Thematik, der Geschichte und dem Erleben in der damaligen Zeit auseinandergesetzt hat. Wir konnten mit Norbert Hildesheim, geboren 1937, einen der immer weniger werdenden Zeitzeugen für uns gewinnen. Er berichtete aus eigenem Erleben von dem Verrat aus engstem Umfeld und der Verhaftung des Vaters durch die (Abg. Theobald (CDU)) Gestapo. Er erzählte von den Bombennächten in Saarbrücken infolge des von den Nazis angezettelten Weltkrieges. Er schilderte die Not, den Hunger und das Elend der unmittelbaren Nachkriegszeit. Auch seine Schilderungen und seine eindringlichen Botschaften ließen erkennbar niemanden unberührt. Zeitzeugen wie ihn gibt es jedoch immer weniger. Was geschehen ist, verblasst, vielleicht auch deshalb, weil selbst größtes Grauen im Laufe der Zeit immer abstrakter und immer weniger fassbar wird. Eine junge Volontärin der Saarbrücker Zeitung schrieb im Vorfeld des Volkstrauertages in einer Pro- und Kontrakolumne - ich zitiere mit der Erlaubnis von Frau Präsidentin -: „Der Volkstrauertag hat ausgedient.“ - Mal ehrlich, die wenigsten wissen noch, warum es ihn überhaupt gibt. Das ist eine Aussage, die uns wachrütteln sollte, denn das, was geschehen ist, darf nicht vergessen werden - schon gar nicht in einer Zeit, in der Hass und Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Ausgrenzung wieder hoffähig zu werden scheinen, einer Zeit, in der Judenhass und ein gewalttätiger, israelbezogener Antisemitismus wieder mehr denn je offen auf unseren Straßen und Plätzen zutage treten, und einer Zeit, in der manche versuchen, Geschichte umzudeuten und die schrecklichen Gräueltaten des menschenverachtenden Naziregimes zu relativieren. Unser Antrag hat deshalb eine ganz klare Botschaft gegen das Vergessen. Denn wenn wir vergessen, liebe Kolleginnen und Kollegen, laufen wir Gefahr, erneut unsere Menschlichkeit zu verlieren und damit die wichtigste Grundlage für eine friedliche, freiheitliche und offene demokratische Gesellschaft. (Beifall von der CDU und der SPD.) Die Schoah, der industrielle Massenmord an Millionen von Jüdinnen und Juden, an Roma und Sinti, an Menschen mit Behinderungen, an politisch Verfolgten und Andersdenkenden, ist und bleibt ein Verbrechen, das nicht begreifbar ist. Es ist deshalb unsere Verpflichtung und es muss unsere Aufgabe sein, nicht nur zu erinnern, sondern diese Erinnerung an die kommenden Generationen weiterzugeben. Roman Herzog, unser ehemaliger Bundespräsident, hat es treffend formuliert - ich zitiere erneut mit Erlaubnis von Frau Präsidentin: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Sie ist nicht der Schlusspunkt; sie ist immer wieder ein Anfang.“ - Dieses „Immer wieder ein Anfang“ liegt in unserer Verantwortung. Engagierte Gruppen und Verbände wie beispielsweise das Netzwerk für Demokratie und Courage, die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend im Saarland, der Landesjugendring und auch der Volksbund leisten in diesem Sinne unschätzbar Wertvolles in der offenen Jugendarbeit und der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Verbände, aber auch im außerunterrichtlichen Bereich an unseren Schulen. Sie bieten in ihren Bildungsprogrammen Fahrten zu Gedenkstätten wie dem ehemaligen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, nach Auschwitz und anderen Orten der Geschichte an, für Jugendgruppen ebenso wie für Schulklassen. Sie arbeiten mit Schülerinnen und Schülern die Biografien und die Geschichten von Menschen auf, die zu Opfern des Naziregimes wurden, und sie führen mit Jugendgruppen Workcamps in Gedenkstätten durch, der Volksbund beispielsweise auf Usedom, der Landesjugendring mit seinem Projekt „Buddeln und Bilden“ an der Gedenkstätte Neue Bremm hier in Saarbrücken. Dieses Bemühen und dieses große Engagement erreichen viele junge Menschen. Trotzdem bleibt es bislang leider nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Geschichte verlangt aber mehr von uns. Unser Ziel ist es deshalb, dass alle Schülerinnen und Schüler im Saarland mindestens ein Mal während ihrer Schulzeit eine Gedenkstätte oder ein ehemaliges Konzentrationslager besuchen, eingebettet in den Unterricht mit gründlicher Vor- und Nachbereitung. Warum? - Weil der direkte Kontakt mit diesen Orten des Gedenkens, des Lernens und des Verstehens mehr sagt als jedes Geschichtsbuch, mehr bewegt als jede theoretische Diskussion. Beim Volksbund erlebe ich immer wieder, wie solche Stätten junge Menschen - auch meine eigenen Töchter - berühren, sie zum Nachdenken bringen und in ihrem Wertebewusstsein prägen. Die jüngsten Ereignisse von den grausamen Angriffen auf Israel im Oktober 2023 bis hin zum Anstieg antisemitischer und rassistischer Vorfälle auch hier in Deutschland zeigen uns eindringlich, wie brüchig die Lehren aus der Geschichte sein können. Es liegt an uns, sicherzustellen, dass „Nie wieder“ nicht zu einer hohlen Phrase verkommt. Die Arbeit der Gedenkstätten und Erinnerungsorte ist hierbei unverzichtbar. Sie geben den Opfern Namen und Gesichter. Sie lassen uns innehalten und spüren, was es bedeutet, wenn Demokratie und Menschlichkeit versagen. Sie zeigen uns, wohin Hass, Gleichgültigkeit und Hetze führen können. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Bildung ist der Schlüssel. Doch Theorie alleine reicht nicht aus. Der Besuch einer Gedenkstätte bringt die Dimensionen des Unrechts und der Verantwortung direkt und unmittelbar zu den jungen Menschen. Jean-Claude Juncker hat dies mit den Worten beschrieben: Soldatenfriedhöfe sind die größten Schreie gegen den Krieg. - Genau das muss die Arbeit mit jungen Menschen vermitteln: eine Erinnerungskultur, die den Frieden fördert und vor den Gefahren von Hass und Gewalt warnt. Wenn Schülerinnen und Schüler beispielsweise die Kälte eines Barackenraumes spüren, die endlosen Reihen von Koffern oder Schuhen sehen, dann (Abg. Theobald (CDU)) berührt das ihre Herzen. Es bleibt nicht abstrakt, es wird real. Wir wissen, dass Antisemitismus, Rassismus und Extremismus nicht im luftleeren Raum entstehen. Sie gedeihen dort, wo Geschichte nicht erzählt, nicht verstanden und auch nicht reflektiert wird. Ein verpflichtender Gedenkstättenbesuch ist - davon bin ich zutiefst überzeugt - ein machtvolles Instrument, um genau dem entgegenzuwirken. Wir als CDU und ich persönlich als Landesvorsitzender des Volksbundes wissen, wie entscheidend diese Maßnahmen sein können. Erinnern bedeutet nicht, in der Vergangenheit zu verharren, sondern sie als Warnung für die Zukunft zu verstehen. Ich bitte Sie daher heute eindringlich, diesem Antrag zuzustimmen, nicht nur für uns, sondern für unsere Kinder und Enkel, damit sie in einer Welt aufwachsen können, die aus der Geschichte gelernt hat und diese Lehren bewahrt. Lassen Sie uns gemeinsam ein Zeichen für das Erinnern, für die Menschlichkeit, für die Zukunft setzen. - Vielen Dank. (Beifall von der CDU und der SPD.)

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