Réka Klein
Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin! Liebe Saarländer*innen! Liebe Kolleg*innen! Werte Gäste, Frau Sandra Kern von Sterneneltern e. V., Frau Dr. Groterath von dem Landesfrauenrat sowie Herr Eller, Herr Gessner, Herr Kleutsch und Herr Lamberti von der IKK Südwest, seien Sie uns herzlich willkommen! (Beifall von der SPD.) Sie waren nicht ganz unwesentlich für die Entstehung des heutigen Antrags zum Thema gestaffelter Mutterschutz. Sie haben sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und auch uns Parlamentarier*innen immer wieder an Ihrem Wissen und Ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lassen. An dieser Stelle darf ich auch vom Kollegen Schäfer herzliche Grüße ausrichten und Sie herzlich willkommen heißen. Die Entscheidung zur Elternschaft ist eine Reise voller Hoffnung und unermesslicher Liebe, aber auch Ängsten. Es ist eine aktive Entscheidung, bei der sich das Leben zwangsläufig ändert, ein sehr emotionaler Weg für alle Betroffenen, der für die gebärende Mutter zusätzlich auch noch ein sehr körperlicher ist. Als Mutter und Abgeordnete stehe ich heute vor Ihnen, um über dieses Thema zu sprechen, das nicht nur eine politische Relevanz hat, sondern auch zutiefst menschliche Empfindungen berührt, das Thema Mutterschaft und das Leid, das mit dem Verlust eines ungeborenen Kindes verbunden ist. Mutterschaft ist eine Reise voller Höhen und Tiefen, eine Reise, die uns Frauen und unsere Familien tief prägt. Doch leider ist diese Reise nicht immer von Glück und Freude geprägt. Viele von uns kennen dieses Leid, das mit dem Verlust eines ungeborenen Kindes verbunden ist. Fehlund Totgeburten sind Teil der Realität vieler Frauen und ihrer Familien, und doch werden sie oft immer noch als Tabuthema behandelt. Wir alle kennen die unausgesprochene Regel: Vor den ersten drei Monaten sagt man niemandem etwas von der Schwangerschaft. Klarer kann man das Tabu gar nicht beschreiben. Liebe Kolleg*innen, ich habe eine Freundin, die eine Fehlgeburt in den ersten drei Monaten durchleben musste. Ich erzähle Ihnen das, weil dieses Beispiel zeigt, welche Auswirkungen diese gesellschaftliche Tabuisierung mit sich bringt. Unter dem Motto: „Stell dich nicht so an“ beziehungsweise „Stell dich nicht so an, das Ganze war doch nur in den ersten drei Monaten“, wurde ihr die Trauer um ihr verlorenes Kind einfach abgesprochen. Ja, es war in den ersten drei Monaten, aber dass diese Frau sich in dieser Zeit mit dem Gedanken Mutter zu werden, intensiv auseinandergesetzt hat, dass das etwas mit ihr und ihrem Umfeld gemacht hat, wird viel zu selten gesehen. Sie hat sich Gedanken um das Kinderzimmer gemacht, wie sie ihr Kind nennen will. Sie war täglich am eigenen Leibe damit konfrontiert, dass sie ein Kind mit sich trägt, durch Ziehen im Bauch, durch die Übelkeit. Um das ungeborene Kind zu schützen, stellt sie ihre Ernährung um, verzichtet auf rohen Käse und vieles andere, was sie zuerst mal googeln muss. Sie kauft sich ein Päckchen Folsäure, denn sie will wirklich alles richtig machen. Von einem auf die andere Sekunde verliert sie das Kind: Eine Blutung auf der Toilette, sie geht zum Frauenarzt, der Fötus ist abgegangen. Ja, der Fötus ist abgegangen, für sie heißt das aber, dass ihre nahe Zukunft sich gerade noch einmal komplett geändert hat: Sie wird aus dieser Schwangerschaft keine Mutter sein. Sie wird nicht Mutter dieses Kindes sein. Die Packung Folsäure räumt sie weg, jetzt braucht sie sie ja nicht mehr. Die Wunschliste mit den Babysachen kann sie von ihrem Handy noch nicht löschen. Sie ist traurig, was klar ist, denn sie trauert um ihr Kind. Hinzu kommt, dass eine Fehlgeburt auch körperliche Auswirkungen hat: Blutungen, eventuell muss eine Ausschabung durchgeführt werden, Arztbesuche stehen an. Weil „man“ in den ersten drei Monaten nicht darüber spricht, weiß sie gar nicht, dass viele Frauen und Familien das gleiche Schicksal erleiden. Viele Mütter, die eine Fehlgeburt durchmachen, fühlen sich dadurch alleine. In nicht seltenen Fällen kommt es zu Schuldgefühlen: Was habe ich falsch gemacht? Habe ich etwas Falsches gegessen? Habe ich zu schwer gehoben? Es sind Fragen rund um das Warum, wenn es doch bei all den anderen klappt. Ein Irrglaube, nicht die Realität. Es ist an der Zeit, dass wir dieses Tabu brechen und betroffenen Frauen und ihren Familien den Raum geben, offen über ihre Erfahrungen zu sprechen, ohne Angst vor Verurteilung, ohne Stigmatisierung. (Beifall von der SPD.) Dieses Tabu muss gebrochen werden, damit sich die vielen Betroffenen nicht mehr alleine fühlen, denn die Realität ist: Ihr seid nicht alleine. Liebe Kolleg*innen, wir wollen nicht, dass Frauen, die eine Fehl- oder Totgeburt erleiden, sich wie (Abg. Klein (SPD)) Bittsteller*innen fühlen müssen, wenn sie zum Arzt gehen, um sich krankschreiben zu lassen. Eine Frau, die ihr Kind verliert, ist nicht krank, nein, sie ist eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Ihr Körper und ihre Seele brauchen Raum und Zeit, um diesen Verlust zu verarbeiten. Was ganz wichtig ist: Sie soll auch wissen, dass wir als Gesellschaft sie auch als Mutter sehen, wenn sie als solche gesehen werden möchte. Es ist unsere Verantwortung als Gesetzgeber*innen, sicherzustellen, dass betroffene Frauen den Schutz, die Unterstützung und die Rechte erhalten, die sie brauchen und verdienen. Deshalb bitte ich Sie alle, diesen Antrag zu unterstützen und begrüße sehr, dass sich die CDU-Landtagsfraktion unserem Antrag angeschlossen hat. (Beifall von der SPD.) Lassen Sie uns gemeinsam ein Zeichen setzen, dass wir als Gesellschaft bereit sind, uns mit dem Thema Mutterschaft und den damit verbundenen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Lassen Sie uns eine Kultur der Solidarität und des Mitgefühls schaffen. - Danke. (Beifall von der SPD.)
