Friedrich Josef Dörr
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Dass nun so umorganisiert wird, dass aus dem achtjährigen Gymnasium ein neunjähriges Gymnasium wird, ist ein Fortschritt. Noch besser wäre es natürlich, würde es ermöglicht, das Gymnasium auch in acht Jahren zu absolvieren - für die Kinder, die gemeinsam mit ihren Eltern diesen Wunsch haben und die die erforderliche Begabung und Neigung mitbringen -, für manche Kinder vielleicht auch in zehn Jahren. Hier wurde ja viel von Zeit gesprochen, die man bräuchte. Es war die Rede von einstündigen Fächern und Ähnlichem. Ich will angesichts dessen das Ganze einmal in einen etwas größeren Rahmen einordnen: Was haben wir im Schulsystem in den zurückliegenden Jahrzehnten hinter uns gebracht? Wir haben hinter uns, dass aus der Sechstagewoche die Fünftagewoche wurde. Das ging mit Übergangslösungen - jeder zweite Samstag wurde ein freier Samstag, schließlich wurde jeder Samstag zum freien Samstag. Die Samstagsstunden mussten dabei auf die Restwoche verteilt werden. Das machte es für die Kinder natürlich nicht einfacher, man hat es aber gemacht, weil auch die Eltern das wollten, da sie, wie sie es aus der Arbeitswelt kannten, am Wochenende unbeschwerter agieren und am Wochenende mit den Kindern und der gesamten Familie etwas unternehmen konnten. Deshalb hat man auch die Hausaufgaben übers Wochenende abgeschafft. Nur die Älteren erinnern sich noch daran, dass es früher selbstverständlich war, auch von Samstag auf Montag Hausaufgaben aufzubekommen. Auch das wurde abgeschafft, und auch das hat eine Mehrbelastung für den Rest der Woche mit sich gebracht. Wir haben des Weiteren erlebt, dass im Schulsystem die Versetzung von Sommer auf Frühjahr vorgezogen wurde; damit ging ein Vierteljahr ab. Dann wurde es von Frühjahr auf den Sommer im Vorjahr vorgezogen, wieder ging Zeit ab, dieses Mal mehr als die Hälfte des Jahres. Ich nenne als Stichwort die beiden Kurzschuljahre; auch die hat das System verkraften müssen. Das alles haben unsere Kinder verkraften müssen. Sie mussten aber noch Weiteres verkraften: Standen bei Einführung der Pflichtschule noch Rechnen und Lesen im Vordergrund, bei den Gymnasien vielleicht auch noch Latein, kamen im Laufe der Jahrzehnte und vielleicht auch Jahrhunderte all die anderen Bildungsanliegen und Fächer hinzu. In meiner Zeit noch erlebt habe ich die Verkehrserziehung als Fach beziehungsweise Unterrichtsprinzip, ebenso die Geschlechtserziehung und so weiter. Das Schulsystem und die Kinder wurden also in immer kürzerer Zeit immer stärker gefordert. Deshalb ist es gut, dass die Regierung erkannt hat, dass der vor 20 Jahren gefasste Beschluss, das Gymnasium achtjährig auszugestalten, zurückzunehmen ist zugunsten eines neunjährigen Gymnasiums. Zweierlei fehlt mir dabei, den einen Punkt habe ich schon angesprochen: Zunächst sollte ich vielleicht noch daran erinnern, dass in früheren Zeiten nur ein kleiner Prozentsatz an Schülern das Gymnasium besucht hat. Zu meiner Jugendzeit waren es vielleicht 1 oder 2 Prozent. Später wurden daraus 5 bis 6 Prozent, heute sind es 40 Prozent. Das heißt auch, dass sehr viel mehr anders begabte Kinder, die nicht zur absoluten Spitze gehören, dieses Pensum schaffen müssen, das ihnen letztlich als Abitur abverlangt wird. Nunmehr haben wir die Situation, dass für dieses Pensum wieder neun Jahre zur Verfügung stehen. Es wäre aber natürlich gar nicht schlecht, das achtjährige Gymnasium beizubehalten für diejenigen, die das wollen und können, aber eben auch das zehnjährige anzubieten für Kinder, die sich noch etwas mehr Zeit lassen wollen, die vielleicht noch tiefer in Dinge einsteigen wollen, die vielleicht auch stärker an musischen Fächern teilnehmen könnten. Das alles ließe sich nun noch weiter ausführen. Diese Möglichkeiten sind aber im vorgelegten Entwurf nicht enthalten. Der zweite Aspekt, der mich sehr stört: Man hat eingesehen, dass das vor 20 Jahren Gemachte falsch gewesen ist. - (Sprechen.) Von der Klasse kenne ich das: Es gibt immer ein paar, die Blödsinn machen, die nicht aufpassen - und nachher wissen sie nicht, was der Lehrer gesagt hat. (Abg. Dörr (AfD)) (Sprechen und teilweise Heiterkeit.) Ja, das ist schon klar. Ich weiß jetzt nicht, weshalb Sie sich angesprochen gefühlt haben. (Amüsiertes Sprechen.) Ist eine Sache wichtig und gut, so ist nicht einzusehen, weshalb man sie nicht schnellstmöglich umsetzen sollte. Nach meiner Ansicht wäre das auch überhaupt kein Problem, da haben wir doch schon ganz andere Sachen hinter uns gebracht. Wir haben aus acht Jahren Volksschule neun Jahre Volksschule gemacht, aus sechs Jahren Lehrerseminar sieben Jahre Lehrerseminar. Es gibt noch viele andere Beispiele, das geht also durchaus. So etwas geht auch schnell. Hier aber lassen wir uns nun viele Jahre Zeit. Sich viele Jahre Zeit zu lassen heißt aber auch, dass es Kinder gibt, die heute im Gymnasium sitzen und von denen wir wissen, dass für sie die acht Jahre sehr schlecht sind, die nun aber in den acht Jahren das Abitur machen müssen. Von den Folgen von Corona für sie ganz zu schweigen. Diese Kinder gibt es. Warum kann man nun diesen Kindern nicht helfen? Ich habe einen Verdacht: Bei jeder Lösung, die man wählt, bleiben immer drei, vier Probleme übrig. Bei der gewählten Lösung gibt es, Frau Schmitt-Lang hat es angesprochen, das Problem der Finanzen. Es gibt immer viele solcher Probleme, und lässt man es zu, dass die Probleme überhandnehmen, kommt die Lösung nie. Man muss also die Lösung in den Vordergrund stellen und dann überprüfen, wie man die Probleme lösen kann. Hier gibt es also ein Problem beim Finanziellen. Man hat Angst, es müssten mehr Räume geschaffen werden und es müssten mehr Lehrer eingestellt werden. Ich glaube beides nur sehr beschränkt. Denn es sind auch Räume gehortet worden; ich will das gar nicht weiter ausführen. Jedenfalls könnte man doch den wirklichen Bedarf ganz einfach feststellen, indem man in den Schulen das abfragt, auch bei den Eltern: Welche Kinder wollen das G8 fortführen? Welche Kinder wollen ab sofort das G9? Mit dieser Abfrage wüsste man auch um den Bedarf. Nach meiner Ansicht hat man aber geradezu Angst vor dem Wissen um diesen Bedarf und verzichtet deshalb auf die Abfrage. Ich denke, es wäre normal und einfach, das zu tun. Das ist unser Anliegen: Wir sind dafür, dass G9 sofort kommt und dass man alle Kinder in seinen Genuss kommen lässt. Wir sind dafür, dass man die Leute fragt, wie groß der Bedarf tatsächlich ist. - Herzlichen Dank. (Beifall von der AfD.)
