Martina Holzner
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Schön, dass auch Max Hewer von der GEW heute bei uns ist. Herzlich willkommen! (Beifall von der SPD und der CDU.) Ja, gesagt, getan. Wir liefern, Frau Schmitt-Lang. Das erste Jahr der Legislaturperiode ist noch nicht einmal vorbei, und der Gesetzesentwurf zur Einführung des neunjährigen Gymnasiums liegt schon auf dem Tisch. Ich freue mich ganz besonders, dass wir dieses riesige Projekt nun umsetzen. Die G9-Reform ist unserer Ministerpräsidentin Anke Rehlinger ein großes Anliegen. An dieser Stelle möchte ich mich bei ihr, aber auch bei dir, liebe Christine, und bei allen Fachabteilungen, die in diesen Prozess eingebunden sind, ganz herzlich bedanken. Denn für uns ist ganz klar: Gute Bildung braucht Zeit. Und diese Zeit geben wir unseren Kindern nun zurück. (Beifall von der SPD.) Ja, wir haben Wort gehalten. Mit der Umsetzung unter Beteiligung vieler Expertinnen und Experten legt die Landesregierung vor. Genau das, meine Damen und Herren, ist es doch, was die Saarländerinnen und Saarländer von uns erwartet haben und woran wir uns auch gerne messen lassen. Die Einführung des G9 am Gymnasium ist sehr gut gelaufen. Wir liegen im Zeitplan, die Reform ist auf einem guten Weg. Wichtig war uns dabei immer, nicht über die Köpfe von Eltern und Schülerinnen und Schülern hinweg zu entscheiden. (Lachen des Abgeordneten Wagner (CDU).) Ja, Herr Wagner, da können Sie ruhig lachen! (Zurufe des Abgeordneten Wagner (CDU).) Im vergangenen Jahr hat die Bildungsministerin alle Eltern über den aktuellen Stand, den Ablauf, die Ziele und die Änderungen durch G9 informiert. Liebe Christine, du stehst, aber auch wir als Fraktion stehen im stetigen Austausch mit der Schulgemeinschaft. Viele Gespräche und Anregungen aus dem Alltag der Klassen haben diesen Weg begleitet. Die Schülerinnen und Schüler, die nun die Klasse 5 und 6 besuchen, sind die ersten, die ihr Abitur in neun Jahren machen werden. Und hören Sie sich doch einmal bei den Eltern, in den Familien um! Sie werden feststellen, dass diese Entscheidung durchweg hohen Zuspruch findet. (Beifall von der SPD.) Lassen Sie mich an der Stelle noch ein Wort zu den weiteren Gesetzen und Anträgen zu diesem Thema sagen. Nein, Herr Dörr, eine Befragung der Eltern, ob sie G8 oder G9 möchten, ist nicht nötig, wie wir Ihnen bereits erklärt haben. Wir werden nicht erst feststellen, sondern wir haben bereits festgestellt, wie der Weg sein wird. Nun (Abg. Holzner (SPD)) ja, zum Dazulernen ist es nie zu spät, das haben auch Sie, Kolleginnen und Kollegen von der CDU hier im Landtag, endlich erkannt. Sie haben erkannt, dass der Irrweg G8 zwar schneller zum Abschluss führte, aber niemanden wirklich weitergebracht hat. (Beifall von der SPD.) Die Ziele, die man mit der Umstellung auf G8 im Schuljahr 2000/2001 verfolgte, wurden nicht erreicht. Die Wettbewerbsfähigkeit der Abiturientinnen und Abiturienten beim Eintritt in den Beruf konnte nicht verbessert werden, und eine höhere Bildungshomogenität über die Länder hinweg wurde ebenfalls nicht erreicht. Andere Länder haben genau das schon früher erkannt, sie haben sich für eine Kehrtwende zu G9 entschieden. Auch die Saar-SPD war schon immer für die Rückkehr zu G9; die CDU stand der Umsetzung im Weg. Fakt ist: G8 war immer Murks! Gut, dass es jetzt endlich abgeschafft wird. (Beifall von der SPD.) Höchste Zeit also, einen neuen Weg einzuschlagen. Es geht nicht darum, ein Schild aufzuhängen, Frau Schmitt-Lang, sondern einen neuen Weg zu gehen hin zu einem besseren G9. Das neue G9 steht für ein Lehrplan-Update, für starke Kernfächer und, meine Damen und Herren, vor allem für mehr Zeit für Schülerinnen und Schüler! (Beifall von der SPD.) Mit der Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums holen wir nicht einfach das alte G9 aus der Schublade, ganz im Gegenteil. Das neue G9 steht für ein zeitgemäßes Lehrplan-Update, bei dem die aktuellen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz berücksichtigt werden. Wir legen Wert darauf, dass die Lehrpläne aller Fächer überarbeitet werden, nicht nur die Lehrpläne der Fächer mit geänderter Stundenzahl. Die neuen Lehrpläne sollen den aktuellen Forschungsstand mit Schul- und Unterrichtserfahrung zusammenbringen. (Zuruf des Abgeordneten Wagner (CDU).) Mit dieser Reform verfolgen wir das Ziel, gymnasiale Bildung qualitativ weiterzuentwickeln. Während sich die bisherigen Lehrpläne vor allem am Einzelfach orientieren, sollen die künftigen Lehrpläne auch fächerverbindende und fachübergreifende Aspekte berücksichtigen. In Zeiten von Klimakrise und Fake News müssen Themen der Umwelt- und Medienbildung mehr Beachtung finden. Diese Optimierung der Lehrpläne ermöglicht den Schülerinnen und Schülern ein vernetztes Lernen und Denken. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir leben in einer digitalen Welt. Ohne Smartphone verlassen wir nicht unser Haus. Die Heizungssteuerung per App sorgt dafür, dass es warm ist, wenn wir nach Hause kommen. Wir sehen, wer klingelt, auch wenn wir nicht zu Hause sind, und Alexa sagt uns, wie das Wetter wird, bevor wir das Haus verlassen. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Digitalisierung ist es wichtig, dass junge Menschen die digitale Welt selbstbestimmt mitgestalten können. Informatik ist die Sprache des 21. Jahrhunderts. Wir sind stolz darauf, dass für die Schülerinnen und Schüler an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen Informatik ab Klassenstufe 7 nun Pflichtfach wird. (Beifall von der SPD.) Der Unterricht soll dabei nicht nur die technologische Perspektive berücksichtigen, sondern erklären, wie Dinge funktionieren. Er soll auch die Lebensrealität junger Menschen mit einbeziehen. So können zum Beispiel der Einsatz KIgesteuerter Fahrzeuge und die Themen Datenschutz und IT-Sicherheit in den sozialen Medien bearbeitet werden. Nur ein knappes Drittel der Lehramtsstudierenden im Fach Informatik sind derzeit Frauen. Der Frauenanteil in der IT-Branche liegt bei lediglich 18 Prozent. Informatik als Pflichtfach hat also auch das Potenzial, junge Frauen für diesen Bereich zu begeistern und ihnen einen Beruf in der IT-Branche oder ein Informatikstudium schmackhaft zu machen. Da sind wir uns einig, liebe Christine, das ist ein guter Beitrag zur Herstellung von Chancengleichheit. (Beifall von der SPD.) Das neue G9 steht auch für eine neue Stundentafel. Mit der neuen Stundentafel erfolgt eine Stärkung der Kernfächer. Wir haben alle noch die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends im Kopf. Er hat gezeigt, wie wichtig Grundkompetenzen für unsere Schülerinnen und Schüler sind. Kernfächer wie Deutsch und Mathematik vermitteln Fähigkeiten, die im privaten und beruflichen Alltag unverzichtbar sind, sei es beim täglichen Einkaufen, beim Verfassen der Steuererklärung oder beim Verstehen von Behördenschreiben. Genau hier setzt das neue G9 an, indem die Kernfächer Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache durchgehend und länger unterrichtet werden können. Die Grundkompetenzen der Schülerinnen und Schüler werden so gestärkt. Das zusätzliche Schuljahr und die hinzukommende Unterrichtszeit bieten die Möglichkeit, sich intensiver und länger mit dem Unterrichtsstoff zu beschäftigen. So bleibt durch das zusätzliche Jahr mehr Zeit, das Gelernte zu wiederholen und zu vertiefen, und das mit deutlich weniger Stress und Zeitdruck. (Beifall von der SPD.) Dies führt mich zu meinem letzten und wesentlichsten Punkt: Das neue G9 steht für mehr Zeit. Worauf haben Kinder und Jugendlichen noch Lust, wenn sie regelmäßig bis zur achten Stunde in der Schule sitzen und sie dann noch eine (Abg. Holzner (SPD)) Viertelstunde auf den Bus warten müssen, der sie nach Hause bringt? Sie ahnen es. Zu Hause angekommen sind noch keine Hausaufgaben gemacht, das Referat für die nächste Woche wurde noch nicht vorbereitet, ganz zu schweigen von den Französischvokabeln, die noch gelernt werden müssen. Sehr geehrte Abgeordnete der CDU, wo Sie eine vermurkste Stundentafel sehen, steckt für uns mehr Zeit zum Lernen und zum Leben drin! (Beifall von der SPD.) Wir erhöhen erst die Stundentafel der Sekundarstufe I, dann die der Klassenstufen 5 bis 10 auf 178 Jahreswochenstunden und schaffen gleichzeitig eine Entlastung für die Jugendlichen. Das kann ich als Mutter nur befürworten. Moderne Bildungspädagogik belegt, dass Zeitund Lerndruck, ein straffer Zeitplan eben nicht zu effektivem Lernen führen. Die Motivation und der Spaß am Lernen vergehen schnell, wenn die Lehrkraft den Lernstoff nur durchbringen muss, die Schülerinnen und Schüler gar nicht mehr hinterherkommen. Dass darunter auch die Eltern leiden, diese Erfahrung haben viele von uns auch schon gemacht. Nach einem anstrengenden Schultag brauchen Jugendliche einen Ausgleich. Mit der zusätzlich gewonnenen Zeit am Nachmittag können die Jugendlichen ihren Hobbys oder einem Nebenjob nachgehen, Sport treiben, an einer AG teilnehmen oder sich ehrenamtlich in einem Verein engagieren. Und, meine Damen und Herren, ja, auch unsere Vereine sind Bildungsträger - Bildungsträger, zu denen unsere Jugendlichen freiwillig gehen. Eine ehrenamtliche Selbstverwaltung, eine lokale Organisationsstruktur, die Herstellung von Öffentlichkeit, Mehrheitsentscheidungen, durch all das kann ein Verein demokratische Bildung lebensweltlich vermitteln. Wir Saarländerinnen und Saarländer wissen es zu schätzen, dass das Land, in dem wir leben, ein Vereinsland ist. In manch anderem Bundesland würde man sich wünschen, dass es so viel ehrenamtliches Engagement gibt wie hier bei uns im Saarland. Mit G9 bleibt den Schülerinnen und Schülern mehr Zeit für Ihre persönliche Entwicklung. Zum Zeitpunkt des Abiturs sind sie volljährig, selbstständiger und auch reifer. Eine Entscheidung über die eigene berufliche Zukunft zu treffen, fällt ihnen somit leichter. (Beifall von der SPD.) Was hat ein leistungsorientiertes Schulmodell für den Arbeitsmarkt gebracht, wenn die Jugendlichen nach acht Jahren erst mal eine Pause von dem ganzen Lernstress benötigen? Vielen haben nach dem Abitur einen Auslandsaufenthalt, ein FSJ, BFD und Weiteres dem Berufsleben vorgezogen, waren einfach noch unentschlossen. In den Lehrplänen des neuen G9 wird deshalb auch ein stärkerer Fokus auf die Berufsorientierung gelegt, sodass Schülerinnen und Schüler bereits frühzeitig Unterstützung bei der Wahl der passenden Ausbildung oder des passenden Studiums erhalten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern, wir freuen uns, dass das neue G9 begonnen hat. Mit dem Gesetzentwurf schaffen wir nun den passenden rechtlichen Rahmen. An dieser Stelle möchte ich es auch nicht versäumen, unseren Fachkräften zu danken, den Schulleiterinnen und Schulleitern, den Schulsozialarbeitern und -sozialarbeiterinnen, allen, die sich in der Schulgemeinschaft einbringen, die unsere Jugendlichen auf ihrem Weg begleiten und bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit unterstützen. (Beifall von der SPD.) Dieser Entwurf wurde unter der Beteiligung vieler Experten ausgearbeitet mit dem Ziel, unsere Schülerinnen und Schüler zeitlich zu entlasten und die Inhalte gymnasialer Bildung zu modernisieren. Ich freue mich auf die Experten, die wir bei den Anhörungen im Februar hören werden, denn dort werden weitere, für uns gute und wichtige Hinweise zu erhalten sein, die für den kommenden Prozess hilfreich sind. Diese Reform kann nur zum Erfolg werden, wenn wir gemeinsam mit anpacken. Setzen wir uns also ein für die bestmögliche Bildung unserer Schülerinnen und Schüler. Begleiten wir sie auf ihrem Weg durch das neue G9. - Vielen Dank. (Beifall von der SPD.)
