Friedrich Josef Dörr
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Als ich eben die Sirenen gehört habe, hatte ich wieder ein gemischtes Gefühl. Ich dachte an Voralarm, Hochalarm und - Gott sei Dank - Entwarnung. Dann hat man um sich geschaut, was alles passiert ist. Ich hoffe, dass unserer Generation in unserem Land so etwas in Zukunft erspart bleibt. Ich rufe alle Politiker auf, dafür zu sorgen, dass es uns erspart bleibt. Wir haben hier den Einzelplan zu Bildung und Kultur. Was Kultur betrifft, so bin ich selbst in sehr bescheidenem Maße Kulturschaffender. Die AfD-Fraktion unterstützt alle kulturellen Bestrebungen und Anstrengungen, weil der Mensch nur Mensch ist mit der Kultur. Ohne Kultur ist er kein Mensch mehr. Das bedeutet, Kultur ist ein wichtiges Merkmal unseres Menschseins. Wir müssen unsere Kultur, unsere persönliche Kultur, die Kultur unseres Landes, unserer Stadt und so weiter unbedingt fördern. Bildung ist mein Beruf gewesen. Sie wissen alle, dass ich 45 Jahre im Schuldienst war. Davon war ich fast 40 Jahre Schulleiter. Ich habe also an dieser Front gearbeitet. Ich möchte, bevor ich meine kurzen Ausführungen beginne, darauf eingehen, was meine Vorrednerinnen gesagt haben. Zunächst einmal Frau Schmitt-Lang, die ja auch in der Schule tätig gewesen ist. Sie hat mir in sehr vielen Dingen aus der Seele gesprochen. Sie hat ein paar Probleme genannt, sie hätte mehr ansprechen können, wenn sie mehr Zeit gehabt hätte. (Sprechen der Abgeordneten Schmitt-Lang (CDU) und Commerçon (SPD).) Ich sehe schon, Herr Commerçon nutzt jede Gelegenheit. Ich hätte jetzt einen saarländischen Ausdruck gebrauchen können, was ich aber nicht tue. - Die Kollegin hat ein wichtiges Problem angesprochen, nämlich G8/G9. Wir haben seinerzeit im Saarland G8 eingeführt. Man hat Gründe angeführt, warum es besonders gut sei. Inzwischen hat man gemerkt, dass nicht alles gut war, was mit G8 verbunden ist, und führt flächendeckend G9 ein. Wir von der AfD sind ohnehin der Ansicht, dass beide Formen nebeneinander bestehen könnten, weil verschiedene Bedürfnisse da sind. Das sieht man ja an der Diskussion. Wo man sich nun für G9 entschieden hat, frage ich mich, der ich in der Schule sehr viel organisiert habe, weshalb man sechs, sieben oder acht Jahre braucht. Und dann wird gesagt: „Wir haben keinen Raum, wir haben keine Lehrer.“ - Ich habe andere Dinge gesehen und es wurden andere Probleme gelöst. Es wäre meiner Ansicht nach überhaupt kein Problem, bei den Eltern festzustellen, wer dafür ist, dass sein Kind, das jetzt in einer Klasse ist, in der G9 nicht vorgesehen ist, doch in den Genuss von G9 kommt. Auf Grundlage dieses Wissens könnte man dann entscheiden, welche Probleme bestehen und wie man sie lösen könnte. Dann könnte man das tun, was eigentlich erwartet ist. G9/G8 war also mein erster Punkt. (Abg. Dörr (AfD)) Der zweite Punkt ist die Gemeinschaftsschule. Sie ist eine benachteilige Schule und sie wird es - da helfen alle Pflästerchen nichts - auch weiterhin bleiben. Die Leute, die diese Brandbriefe geschrieben haben, schreiben sie nur deshalb nicht mehr, weil sie Nachteile befürchten, so möchte ich es einmal sagen. Sie halten sich ruhig und sagen nur hinter vorgehaltener Hand, was sie bedrückt. Das ist die zweite Sache. Das Dritte sind die Förderschulen. Ich bin seit frühester Zeit in den Förderschulen gewesen. Sie hatten auch schon andere Namen, sie hießen Hilfsschulen oder Sonderschulen. Jetzt heißen sie Förderschulen. Sie sind von bestimmten Gruppen, von Politikern schon immer bekämpft worden. Man verlangt oder fordert schon immer, dass sie abgeschafft werden. Viele Dinge, die in einem anderen Gewande daherkommen, sind im Grunde genommen nur verkappte Abschaffungstaktiken für diese Förderschulen, die ein Segen für unsere Kinder sind, die den Nutzen davon haben. Sie können deshalb niemals abgeschafft werden, weil die Eltern das gar nicht wollen. Die Kinder wollen es auch nicht. Das zu dem, was Frau Schmitt-Lang und Frau Holzner gesagt haben. Da merkt man immer wieder, sie war in dieser Geschichte tätig und sie kennt sich da aus. Sie ist da auch voll engagiert. Das alles kann man nur unterstützen. (Sprechen.) Aber bei einem muss man einen Schritt weitergehen. Ich habe das hier schon einmal gesagt. Ein Kind, das vier Jahre alt ist, ist kein anderes Kind als das, das acht Jahre alt ist. Das ist dasselbe Kind, nur vier Jahre jünger. Es ist überhaupt nicht einzusehen, wieso das nicht geht. (Sprechen und Lachen bei der SPD.) Herr Commerçon ist unerschöpflich. Er kann es nicht lassen. Es ist immer alles so lustig. Es ist aber für die Kinder gar nicht lustig, für die das nicht geschaffen wird, was ihnen zusteht. Was ich Ihnen sagen will - das habe ich schon einmal gesagt; ich tue es wieder , ein Kind von vier ‑ Jahren ist nicht ein anderes Kind als eines von acht Jahren; es ist nur vier Jahre jünger. Es sollte aber dieselben Rechte haben. Das heißt also, dass ein achtjähriges Kind das Recht hat, in die Schule zu gehen. Das war übrigens früher, bevor es die Förderschulen gab, nicht automatisch so. Es sind Kinder ausgeschult worden. Das darf man nicht vergessen. Ein achtjähriges Kind hat ein Recht, in die Schule zu gehen. Es hat auch die Pflicht, in die Schule zu gehen. Es hat aber auch ein Recht, in die Schule zu gehen. Es hat ein Recht darauf, in einem Schulsaal zu sitzen. Es hat ein Recht darauf, von einer kompetenten Lehrperson unterrichtet und erzogen zu werden. (Unruhe.) Da ist überhaupt nicht einzusehen, wieso bei einem vierjährigen Kind dieses Recht nicht da sein sollte. Wir sind der Ansicht, dass das vierjährige Kind auch ein Recht auf Beschulung und Bildung sowie auf Raum und auf ausgebildete Lehrkräfte oder Erzieher - wie auch immer man sie nennen will; das spielt überhaupt keine Rolle - hat. Dieses Kind hat ein Recht darauf. Da gibt es kein Entweder-oder. Die Eltern bezahlen nichts, dafür haben wir aber weniger Räume und so weiter. Alles, was für das achtjährige oder neunjährige Kind richtig ist, ist auch für das vierjährige Kind richtig. Das heißt, wir müssten eigentlich sofort dieses Kind in sein Recht setzen. Ich rege an zu überlegen, ob wir nicht neben der Schulpflicht auch ein Schulrecht einführen sollten, vielleicht sogar in Gesetzesform. So, wie es ein Schulpflichtgesetz gibt, könnte es vielleicht auch ein Schulrechtgesetz geben. So viel zu meinen Vorrednerinnen. (Unruhe und Sprechen.) Ich möchte das, was ich im Bereich Bildung sehe, unter zwei Schlagwörter setzen; für mehr ist hier auch keine Zeit. Das eine Schlagwort lautet Bildungsindustrie. Das habe ich hier schon öfter gesagt. Es fällt uns schwer, uns etwas darunter vorzustellen. Aber es ist die Gesamtheit der Bildung. Das sind Schulen, Lehrmittel, Lernmittel, die geschaffen werden, das sind Methoden, die erfunden werden, das sind Lehrer, die ausgebildet werden. Das sind viele Dinge. Das ist ein großer Zweig. Wir haben hier im Saarland noch Kohle, die wir aber nicht mehr fördern können. Uns fehlen die Bodenschätze und die Rohstoffe. Wir haben nur die Gehirne und die Herzen unserer Kinder. Da ist Bildung wichtig. Da können wir Bildung zum Industriezweig machen mit allem Drum und Dran, was Informatik, Nachrichtenwesen und so weiter ist. Das Zweite ist die Schule, die Schule an sich. Da setze ich einen Oberbegriff. Der Oberbegriff stammt von mir; er heißt: die entfesselte Schule. (Unruhe.) Er kann es nicht lassen. - Es ist eine Schule, die frei von den Fesseln ist. Das Wort entfesseln hat zwei Bedeutungen. Ich verstehe es in beiden Bedeutungen. Unsere Schule muss befreit werden. Es ist die überreglementierte Schule, die wir haben. Ich habe ein kleines Büchlein mitgebracht. Ich mache dafür keine Reklame, weil es schon vergriffen ist. (Lachen und Sprechen. - Zuruf: Lass es doch zuhause. - Weiterer Zuruf: Wie hoch war die Auflage?) Die Auflage war 2.000. Das Buch ist allerdings schon 1985 geschrieben worden. Es hat genug Zeit gehabt, vergriffen zu werden. (Unruhe und Sprechen.) (Abg. Dörr (AfD)) Ich lese daraus vor: „Es sind schon viele dicke Bücher über Schule und Bildung geschrieben worden, auch von Leuten mit dünner Erfahrung. Oft sind diese Werke mit Fremdwörtern gespickt, manchmal vielleicht auch nach dem Motto, man muss die seichten Wasser trüben, um Tiefe vorzutäuschen. Nach 26 Jahren Lehrerfahrung, davon 19 als Schulleiter, möchte ich der interessierten Leserschaft in dieser kleinen Schrift Schulprobleme aufzeigen und Lösungen vorschlagen.“ Das ist jetzt schon eine Weile her. (Fortdauernd Unruhe und Sprechen.) Einige von Ihnen haben damals noch gar nicht gelebt, wenn ich den Herrn Reiter als Beispiel nehme, der der Jüngste im Landtag ist, aber die Probleme waren schon da. Wenn ich damals als Titel gewählt habe „Schule, ja bitte“, dann nur deshalb, weil viele Leute gedacht haben „Schule, nein danke“, weil ihnen die Schule nur Probleme geschaffen und keine Vorteile gebracht hat. Ich habe zwei große Abschnitte drin. Die sind noch heute für mich gültig. Der erste Abschnitt lautet: Von der Auslese zur Förderschule. Das ist immer noch hochaktuell. Der zweite Abschnitt lautet: Von der (über)reglementierten zur selbstständigen Schule. Das arbeite ich in dem Büchlein ab. Es datiert 25 Jahre später, nämlich vom Jahr 2010. Das andere Buch ist auch schon vergriffen. Es ist also auch keine Propaganda. (Sprechen.) Das Buch heißt: Die Schule als weiterverarbeitender Betrieb. - Das ist ein gewagter Titel. Das Kind kommt als Rohstoff in die Schule und dann wird es gebildet und erzogen. Es soll als erwachsener Mensch gesellschaftsfördernd fertig sein. Bei diesem Büchlein, das 25 Jahre später herauskam, habe ich vorne als erstes aufgelistet, was an mich von vielen Leuten herangetragen wurde, zum Teil auch Widersprüchliches. Manche Dinge haben sich widersprochen. Zum Beispiel haben Leute mehr Fremdsprachen verlangt; andere Leute haben keine Fremdsprachen verlangt. (Erneut Sprechen.) Ich will Ihnen eine kleine Kostprobe davon geben, weil sich nämlich leider Gottes nicht viel geändert hat. Jetzt sind schon wieder zwölf Jahre vorbei. (Unruhe.) Zu viele Schüler erreichen keinen Schulabschluss. Zu lange Wegstrecken sind von den Kindern bis zur Schule zurückzulegen. Es ist zeitraubend, kraftraubend, gefährlich und teuer. Die Schulanlage entspricht nicht den Erfordernissen einer erfolgreichen Arbeit - Schulgebäude mit Klassen-, Fach- und Arbeitsräumen, Schulhof, Sportstätten, Aula, Schulgarten, Verwaltungsräume und so weiter. Weiterhin heißt es: Schuleinrichtungen sowie Lehr- und Lernmittel sind nicht auf dem neuesten Stand. Es gibt festgelegte Schulbezirke für bestimmte Schulen, zum Beispiel Grundschulen und Förderschulen, und damit verbunden der Zwang, eine bestimmte Schule besuchen zu müssen. Gefährdung in der Schule und auf dem Weg zur Schule, Gewalt, Tabak, Alkohol, Drogen, mangelnde Durchlässigkeit von Schule zu Schule, innerhalb einer Schule von Klasse zu Klasse. (Abg. Schmitt-Lang (CDU): Lesen Sie uns jetzt das Buch vor?) Die Schule ist nicht für alle Bürgerinnen und Bürger da. - Ich habe Ihnen auch zugehört, Frau Schmitt-Lang. Sie können ja auch rausgehen, wenn Sie wollen. (Zuruf der Abgeordneten Schmitt-Lang (CDU).) Machen Sie es doch! Machen Sie es doch!
