Speicher
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen hier im Landtag, aber auch liebe Kolleginnen und Kollegen daheim in Roden und bei Ford! Heute ist der Tag danach. Gestern ist ein Tag gewesen, der in die Geschichtsbücher unseres Landes eingeht. Es war ein Tag, bei dem man sich immer erinnern wird, was man an diesem Tag gemacht hat, wann man die Nachricht endgültig erfahren hat und wann aus dem, was wir alle gemeinsam versucht haben zu verhindern, traurige Gewissheit geworden ist. Mir ging es heute Morgen so, wie man das bei einschneidenden Erlebnissen häufiger hat. Man wacht auf und weiß im ersten Moment nicht, ob das gestern ein Albtraum oder Realität war. Das, was wir gesehen haben in der Tagesschau und in großen deutschen Tageszeitungen, natürlich auch in unserer regionalen Presse, hat gezeigt, es war Realität und es war echt. Wir sind gestern drei Stunden durch meinen Stadtteil Roden gelaufen. Wir haben demonstriert. Es war für mich eine sehr bewegende Geschichte, denn die Orte, die ich aus meinem Alltag und vom Spielen in der Kindheit kenne, haben wir gemeinsam beschritten mit Leuten, mit Frauen und Männern, die dort arbeiten, mit Nachbarn, mit Leuten, die man aus der Kneipe oder der Schule kennt, einfach mit Leuten, die seit vielen Jahren und teilweise Jahrzehnten bei Ford arbeiten. Hervorheben muss ich meine besondere emotionale Betroffenheit. Ich gebe zu, dass es mir gestern an der einen oder anderen Stelle schwergefallen ist, die Tränen zu verbergen. Das war so als die Kolleginnen und Kollegen bei Ford aus (Abg. Speicher (CDU)) dem Werk herausgekommen sind, die Bengalos gebrannt haben und vorne das Banner stand. Es war eigentlich wie bei einem Trauerzug. Man kam sich vor, als ob man neben sich stehen würde. Es war aber auch so, als am Tor der Dillinger Hütte die Kolleginnen und Kollegen von Dillinger Hütte und Saarstahl in den Zug eingetreten sind. Ich habe mich erinnert an den Walk of Steel, als im umgekehrten Sinn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ford mitgelaufen sind und dafür demonstriert haben, dass wir auch morgen Stahlland bleiben. Deswegen ist es mir ein ganz großes Anliegen, jetzt einen Gruß zu senden, nicht nur im Namen der CDU-Fraktion, sondern, wie ich glaube, auch des gesamten Hauses an diejenigen, die jetzt in der Betriebsversammlung noch zuschauen, an die Freundinnen und Freunde in Roden, in Saarlouis, in den Ford-Werken. Ich bin froh über die positiven Rückmeldungen, die ich aus der Betriebsversammlung gehört habe, über die Ernsthaftigkeit, über die Konstruktivität dieser Debatte, darüber, dass wir hier Ford zum Thema einer Sondersitzung machen. Ihr könnt euch gewiss sein, wir stehen an eurer Seite! (Beifall von CDU und SPD.) Ford ist Wirtschaftsfaktor. Ich möchte hier nicht meine Rede von gestern Morgen wiederholen. Ich nenne nur zwei Kennziffern: Kaufkraft 900 Millionen Euro per annum. Ford heißt aber auch, dass in den Jahren, in denen ein neues Modell nach Saarlouis kam, die Hälfte der Unternehmensinvestitionen in diesem Land auf Ford zurückgingen. Ford ist Emotion. Das noch immer höchste Hochhaus im Land trägt den Namen von Ford. Es gab damals mit dem Steinrausch einen eigenen Stadtteil und all das führt dazu, dass es mir wichtig ist, diesen emotionalen Faktor zu nennen, aber auch denjenigen Danke zu sagen, die in den Betriebsräten, in den Gewerkschaften Verantwortung tragen. Man sitzt dort oftmals zwischen den Stühlen, fühlt sich vielleicht auch in einer Situation, in der man vielleicht nicht dem gerecht wird, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von einem erwarten. Deswegen ein Dankeschön an dieser Stelle auch an Markus Thal, an Holger Michel, an Lars Desgranges, stellvertretend für die Vertrauensleute und die Betriebsräte bei Ford. (Beifall von der CDU und bei der SPD.) Viele haben Hoffnung geschöpft. Wir haben vor circa 2 Wochen das Interview von Jürgen Barke gehört und das war für viele Anlass zu sagen, diese Äußerungen würden gemacht, weil es berechtigte Hoffnung gäbe, dass eben auch die Autos der Zukunft nach 2025 in Saarlouis gebaut werden. Schuld, dass es nicht so ist, tragen auf keinen Fall die Beschäftigten. Sie haben alles dafür getan, sie haben zum Teil mit dem eigenen Arbeitsplatz bezahlt. 2018 nach dem Wegfall der Nachtschicht und dem Streichen der C Max Produktionslinie haben 1.600 auf ihren ‑ ‑ Arbeitsplatz verzichtet. Es war ein Fehler im Management. Ich erwähne nur, dass 2013 das erste E-Auto von Ford in Saarlouis gebaut wurde. Was daraus wurde, das wussten zum Teil noch nicht einmal diejenigen, die Verantwortung tragen. Insofern ist heute eben nicht mehr genug Arbeit da, damit man diese Produktionszahlen erreicht. Lassen Sie mich ein Wort zum Standort sagen. Das ist heute ein Industriecluster, wie wir es ganz, ganz selten in der Bundesrepublik - und ich möchte auch sagen: in Europa - erleben. Dillinger Hütte, die Kokerei, der Hafen, der Zuliefererpark, die Ford-Werke, nebendran das Industrie- und Gewerbegebiet Röderberg. Dort arbeiteten 15.000 Frauen und Männer auf einer Fläche von knapp 2 km². Noch immer sind es Zehntausend, die dort arbeiten. Und wir müssen in den nächsten Jahren alles dafür tun, dass diese wirkliche Perle als Industriestandort erhalten bleibt: Gleisanschluss, 200 ha, es ist ein Hafenanschluss vorhanden, zwei Autobahnen führen dorthin. Es ist die Aufgabe von Ford, aber es ist vor allem die Aufgabe der Landesregierung, dass das, was heute Industriecluster ist, zu einem echten Zukunftscluster für unsere Großregion wird! (Beifall von der CDU.) Deswegen mahne ich auch zur Eile. 3 Jahre sind eine verdammt kurze Zeit. 3 Jahre sind wenig, wenn man bedenkt, wie hoch die Herausforderungen sind. Das Landschaftsbild insgesamt wird sich ändern. Dort, wo heute noch zwei Hochöfen 90 m emporragen, wird hoffentlich bald eine gesamte Roheisenphase stattfinden. Dort, wo heute das Ford-Schild steht und Autos komplett gebaut werden, wird es neue Möglichkeiten geben müssen. Deswegen war gestern der Tag der Trauer und es wird immer ein Tag der Trauer bleiben. Aber heute ist auch der Tag, nach vorne zu schauen. Das Kapitel Autoland Saarland darf gestern nicht beendet worden sein. Wir müssen ein modernes Land der Mobilität von morgen werden. Wir müssen die Möglichkeiten und das Potenzial, das wir zweifellos haben, nutzen und deswegen müssen die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Dieses Potenzial steckt in den Händen, der Arbeit von Tausenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bei Ford und den Zulieferbetrieben, aber insgesamt im Industriebereich des Saarlandes. Dieses Potenzial steckt in den Köpfen der Männer und Frauen hier an der Saar und dieses Potenzial steckt vor allem auch in den Herzen der Saarländerinnen und Saarländer. Wir haben gelernt, wenn man hinfällt, dann steht man wieder auf. Strukturwandel können wir und deswegen geht es darum, dass wir in den nächsten Jahren die richtigen Entscheidungen treffen. Ich schlie- (Abg. Speicher (CDU)) ße wie gestern mit dem bergmännischen Gruß, weil er für mehr steht als nur für eine Grußformel, er steht für ein Lebensgefühl: Glück auf! (Beifall von der CDU.)
