Friedrich Josef Dörr
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Saarländerinnen und Saarländer! Im Herbst 1944 bin ich in die erste Klasse der Volksschule eingeschult worden, und dort gab es die totale, die absolute Inklusion. Von dieser Klasse - es waren 56 Kinder, das weiß ich noch - hat nur ein Schüler das Gymnasium besucht, alle anderen sind in der Volksschule weiter nach oben gewandert bis zur 8. Klasse. Das war die totale Inklusion. Die Folge davon war, dass später, als mehr Kinder zum Gymnasium gehen wollten, der Druck auf die anderen immer stärker wurde, auch auf das Lehrpersonal, und man die in der Volksschule praktisch abgehängt hat. Ich habe das persönlich erlebt; das war schlimm für Lehrer und schlimm für Schüler. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, hat man als Schüler zuerst einmal Hilfsschulen besucht - es gab nur zwei im Saarland -, und man hat dann auch weitere Hilfsschulen gegründet. Allerdings war das Motiv ein nicht so sehr gutes, denn es ging nur darum, die „besseren Schüler“ zu fördern und den „Ballast“ abzuwerfen. Allerdings haben sich Männer und Frauen gefunden, die sich um diese Kinder gekümmert haben. Ich war einer davon, und ich habe dann auch 40 Jahre lang geholfen, das saarländische Sonderschulwesen aufzubauen und auszubauen. (Abg. Dörr (AfD)) Das Sonderschulwesen ist ein Erfolgsmodell im Saarland. Wir haben inzwischen Förderschulen für alle Behinderungen - wobei ich auch die Vorredner unterstütze, die gesagt haben, es gebe keine „behinderten Kinder“ beziehungsweise keine „Behinderten“. Ich sage es mal andersherum: Alle sind wir doch irgendwie behindert! Wenn ich mich hier umschaue, tragen sehr viele eine Brille; ich habe meine Brille in der Tasche dabei. Aber auch auf anderen Gebieten sind wir mehr oder weniger behindert. Die Kinder sind allerdings eben auf diese Weise aussortiert worden, und man hat das dann nach Behinderungen, die auch wirklich existieren, gegliedert. Es gibt also Schulen für Blinde, Schulen für Gehörlose, Schulen für geistig Behinderte, Sprachbehinderte, und so weiter. Und man ist sogar so weit gegangen, bei jeder schweren Behinderung, etwa Blindheit, auch die leichte Behinderung nicht zu vernachlässigen, daher gibt es die Schule für Sehbehinderte. So ist eine Schule neben der Schule für Gehörlose auch die Schule für Schwerhörige und so weiter. Natürlich kommt man beim Ausbau eines solchen Systems zu einem Punkt, ab dem man dazu neigt, zu übertreiben. Schon bei der geringsten Schwierigkeit, wenn es nicht so klappt in der Schule, heißt es: Ja, das Kind kann man in dieser Schule nicht unterrichten, das muss in eine Sonderschule. - Heute sagt man „Förderschule“, und man schult dieses Kind aus. Auch dieses Vorgehen ist natürlich ein Irrweg. Da ist die Idee aufgekommen, die Sonderschulen, heute Förderschulen, zu beseitigen, indem man die integrative Unterrichtung fördert. Ich habe am Aufbau der integrativen Unterrichtung mitgewirkt, auch im Kultusministerium, und inzwischen ist da ein System etabliert, das wirklich vorbildlich ist: Die Eltern können wählen: Will ich das Kind in eine besondere Schule schicken? Oder möchte ich, dass das Kind integrativ in der Schule unterrichtet wird? - Meine Definition - die habe ich an anderer Stelle nie gelesen - von integrativer Unterrichtung war immer: Ist die Behinderung gering und der Abstand zur Schule groß, muss man das Kind ja nicht die weiten Wege machen lassen bei einer geringen Behinderung. In diesem Fall kann das Kind auch in der Schule gefördert werden. - Dieses System haben wir, und das ist ein sehr gutes System. Jetzt kommt die Inklusion, so wie sie jetzt propagiert wird: multiprofessionell und so weiter. Zunächst einmal ist zu sagen, dass diese Form der Inklusion ein verkapptes Sparmodell ist. Denn die dafür erforderlichen Leute hat man einfach nicht. Die hat man vielleicht mal in der einen Schule oder in der anderen Schule. Auch wenn jetzt die Brandbriefe nicht mehr kommen, so sind die Probleme geblieben, die Probleme haben sich nicht geändert. Kernproblem ist aber - das Wort ist hier schon einige Male gefallen - die mangelnde Wertschätzung für diese Kinder, die in der Klasse bleiben und nicht in einer ihnen angemessenen Schule gefördert werden können. Wenn ich ein Kind frage, wie die Hauptstadt von Frankreich heißt, und das Kind sagt „Belgien“, dann muss ich gar nicht sagen, dass das falsch war. Denn gehe ich zum nächsten Kind weiter, und das antwortet, die Hauptstadt von Frankreich ist Paris, dann sage ich „Prima!“, und das erste Kind merkt dann schon, dass es die Sache nicht kann. Es gibt nicht den Fall, dass Kinder in der Schule, auch wenn sie noch so von eigens dafür ausgebildeten Lehrern, die in die Schule kommen, gefördert werden, nicht merken, dass sie in diese Klasse, in diese Gemeinschaft nicht hineingehören. Das wird ihnen fortwährend vorgeführt, und das heißt auch, dass die Wertschätzung ausbleibt. Das dafür aufgewandte Geld könnte also besser verwandt werden. Wir sind dafür, dass diese ideologiemotivierte, diese ideologisch motivierte Inklusion sofort abgeschafft wird. - Herzlichen Dank! (Beifall von der AfD.)
