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Plenarprotokoll 18/79

27.01.2025 · 2 Redebeiträge · Originalprotokoll ↗

Hendrik Hering

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Herr Ministerpräsident, verehrte Gäste! Heute vor 80 Jahren öffneten sich die Lagertore von Auschwitz. Der jüdische Major Anatoly Shapiro erinnerte sich: „Wir brauchten fast drei Stunden, bis wir die verminten Tore entschärft hatten. Was ich dann sah, werde ich nie wieder vergessen. Skelette von Menschen kamen mir entgegen. Sie trugen Streifenanzüge, keine Schuhe. Es war eisig kalt.“ Die Befreier marschierten von Baracke zu Baracke. Der Wind bedeckte sie mit Asche. Der Schnee war schwarz, die Krematorien noch warm. Wie kein anderer Ort stehen die Lager von Auschwitz für den Abgrund der Menschheit. Auschwitz, das war eine monströse Mordmaschine jenseits aller Vorstellungen von Moral und Menschlichkeit, eine Hölle, der nur wenige entrinnen konnten. Umso mehr erfüllt es mich mit tiefer Dankbarkeit, dass einige der Überlebenden die Kraft und den Mut fanden, uns von dieser Hölle zu berichten. Sie haben einen großen Teil ihres Lebens der Erinnerung gewidmet und sich immer wieder für ein respektvolles, friedliches Miteinander eingesetzt. Jetzt aber sind nur noch wenige von ihnen da. Deshalb werden und wollen wir die Erinnerung stärker als bisher in die eigenen Hände nehmen. Wir müssen erwachsen werden. Sie, die Zeitzeugen, haben lange genug diese Last für uns getragen: Menschen wie der Holocaust-Überlebende Leon Weintraub. Er mahnte uns bei der Einweihung dieser Synagoge vor knapp 15 Jahren: „Das Schlimmste ist das Vergessen.“ Verehrte Gäste, im Gedenken an die Opfer bitte ich Sie, sich von Ihren Plätzen zu erheben. (Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen) Am heutigen Tag ehren wir das Andenken an die Verfolgten des NS-Regimes. Wir gedenken der Millionen unschuldigen Zivilisten, die Opfer des vorsätzlichen Massenmords wurden. Wir denken an 6 Millionen jüdische Menschen. 1 Million davon waren Kinder. Wir gedenken auch der ermordeten Roma und Sinti. Wir denken an Alte, psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung, die Opfer der NS-Ideologie wurden. Wir denken an Kommunisten und Sozialdemokraten und alle Frauen und Männer, die als politische Gegner verfolgt wurden. Wir gedenken der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Polen und der sowjetischen Kriegsgefangenen. Wir denken an die verfolgten Christen und Zeugen Jehovas, an Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden, an die Jenischen und Afrodeutschen und an die Verfolgten am Rande der Gesellschaft, an Obdachlose, Arme und sozial Schwache, die die Nazis als sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher gebrandmarkt hatten. Wir denken an Millionen von Menschen, die ihres Lebens, ihrer Heimat und ihrer Zukunft beraubt wurden. Wir haben uns erhoben, um zu versprechen, unsere ganze Kraft daran zu setzen, dass solches Unrecht nie wieder vorkommt. (Stilles Gedenken) Ich danke Ihnen. (Die Anwesenden nehmen wieder Platz) Meine Damen und Herren, heute ist ein Tag der Trauer. Ein Tag, der uns dazu auffordert, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Der Holocaust war nicht unvermeidbar. Der Holocaust konnte nur geschehen, weil viele Deutsche daran beteiligt waren, durch aktive Mithilfe ebenso wie durch Unterlassen. Seine Vorgeschichte begann auch nicht erst 1933; denn schon vor der NS-Diktatur, in der Weimarer Republik, erlebte Europa die erste große Krise der Demokratie. Von Portugal über Spanien und Italien bis nach Österreich und Jugoslawien, aber auch in Polen, der Ukraine, Ungarn und Rumänien, überall standen Demokratien unter Beschuss durch Extremisten und Nationalisten. Allein das sind erschreckende Parallelen zu unserer Gegenwart, doch nirgends geschah dies in vergleichbarer Radikalität und Brutalität wie in Deutschland. Bereits in der Weimarer Republik bestand die NS-Propaganda aus wenigen, sich ständig wiederholenden Schlagworten und einfachen Lösungen, aus gezielter Hetze und Desinformation. Die perfide Methode, Angst zu machen und aufzuwiegeln, sie war schon damals Programm. Zugleich entwickelten die Nazis ihre menschenverachtende Rassenideologie und beschworen das Schreckgespenst einer sogenannten Jüdischen Weltverschwörung herauf. Sie prangerten ein Versagen der demokratischen Parteien an. Sie verhöhnten die Institutionen. Sie verleumdeten die Repräsentanten der Demokratie und scheuten dabei auch nicht vor Gewalt zurück. Vor allem aber schürten sie Ängste in der Bevölkerung und befeuerten so den Hass auf die noch junge parlamentarische Republik. Und doch: Sie wären zu stoppen gewesen, wenn nicht so viele Menschen einfach weggesehen und geschwiegen hätten. Das Schweigen der Mehrheit, es war ohrenbetäubend. Mit diesem Schweigen verschoben sich immer schneller auch die gesellschaftlichen Normen. Ich zitiere: „Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“ So schreibt es der Autor Uwe Wittstock in seinem Buch „Februar 33“. So begann es damals, und so kann es wieder beginnen; denn der Antisemitismus, den wir heute erleben, ist nicht neu. Im Gegenteil: Er war nie weg. Er ist nach wie vor Teil unserer Gesellschaft und sucht sich seine Wege. Meine Damen und Herren, unter unseren Gästen sind heute auch Überlebende der NS-Diktatur sowie Angehörige und Nachkommen der Opfer. Es ist uns eine Ehre und Freude, dass Sie heute bei uns sind. Besonders begrüßen möchte ich Nicolaus Blättermann, 104 Jahre alt. Im Generationengespräch mit Julia Panasyuk werden wir von den schwierigen Aufbaujahren in Bad Kreuznach nach dem Holocaust hören und auch vom schweren Neuanfang überlebender Juden insgesamt in Deutschland. Im Land der Täter gab es keine „Stunde Null“ für sie. Der Hass auf Juden wie auch auf die vielen anderen Opfergruppen, dieser Hass wurde nur vertuscht und übertüncht. Ich begrüße an dieser Stelle den Juristen, Journalisten und Autor Dr. Ronen Steinke. Danke, dass Sie nachher in Ihrer Gedenkrede auch auf den Antisemitismus nach 1945 eingehen werden. Dieses Kapitel der deutschen Geschichte hat noch viel zu wenig Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden. Die Folgen spüren wir bis heute. Meine Damen und Herren, als Landtagspräsident, aber auch als Jurist, habe ich mir oft die Frage gestellt: Wie konnte es sein, dass so viele Verbrecher nach 1945 straflos davonkamen? Zum Beispiel der Ingenieur Karl Bischoff aus Neuhemsbach in der Pfalz: Er war Bauleiter der Krematorien von Auschwitz. Nach dem Krieg ließ er sich in Bremen nieder, als wäre nichts geschehen. Ihm half dabei eine Justiz, die aus einem Volk von Tätern ein Volk von mehr oder weniger ahnungslosen Gehilfen schuf. Je mehr die Justiz aber den Fokus auf wenige Hauptverantwortliche legte, desto besser ließ sich die Schuld der vielen verwischen. Es konnte damit gar nicht schnell genug gehen. So war das Gesetz über die Gewährung von Straffreiheit gleich eines der ersten Gesetze überhaupt, die der junge Deutsche Bundestag verabschiedete. Bei der Beratung im Dezember 1949 herrschte im Plenum Einigkeit darüber, dass es notwendig sei – ich zitiere –: „Vergessen über die Vergangenheit zu decken“. Mit überwältigender Mehrheit ging das Gesetz durch, sehr zum Vorteil von Hunderttausenden NS-Tätern und ihren willigen Helfern. Darin zeigt sich das Muster der deutschen Vergangenheitspolitik. Eine ernsthafte und vertiefte Auseinandersetzung mit dem allumspannenden Netz aus Mittätern und Mitläufern wurde unterbunden. Dabei waren die Täterinnen und Täter eben nicht nur die Größen der NS-Partei, die Himmlers, die Goebbels oder die Görings. Es waren vor allem ganz normale Menschen: die Angestellten oder Beamten in den Behörden, die Polizisten, die Wehrmachtssoldaten, die Ärzte und Pflegerinnen, die Richter und Anwälte, die Lokführer und Busfahrer. Sie alle hatten an ihren je unterschiedlichen Dienststellen den Massenmord erst möglich gemacht. Sie alle hatten hinterher ein massives Interesse daran, die Nazidiktatur als Werk einer kleinen verbrecherischen Clique darzustellen. Eine Wende kam erst 1963 mit dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt, den späteren Studentenunruhen und ebenso mit der berühmten Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985. Darin forderte Weizsäcker die Deutschen auf, endlich der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Doch Weizsäcker war seiner Zeit voraus. Noch 40 Jahre später sind wir blind und taub für so vieles, was vor 1945 bittere Realität war: die Verleugnung eigener Schuld und damit die fortdauernde Demütigung der Opfer. Das zeigte sich besonders krass nach dem 7. Oktober 2023, nach dem bestialischen Angriff der Hamas auf wehrlose Israelis. Plötzlich mussten sich jüdische Bürgerinnen und Bürger auch hierzulande rechtfertigen und schützen. Das ist unerträglich. Es ist unerträglich, dass Bürgerinnen und Bürger ihre jüdische Religion verstecken müssen. Es ist unerträglich, dass man ihnen heute in Berlin nahelegt, die Kippa oder den Davidstern nicht öffentlich zu zeigen. Es ist unerträglich, dass erst vor wenigen Wochen in Worms das Haus, in dem der letzte Holocaust-Überlebende der Stadt, der Sinto Stefan Köcher, gewohnt hat, mit Nazischmierereien besprüht wurde, dass Stolpersteine und Mahnmale beschädigt werden. Meine Damen und Herren, auch aus diesem Grund sind wir heute hier in der Mainzer Synagoge und an der Seite der jüdischen Gemeinde. Wir wollen damit ein Zeichen setzen. Wir stehen zu Ihnen. Wir werden alles, wirklich alles, was in unserer Macht steht, tun, damit Sie sich sicher fühlen können. Der Antisemitismus, er ist wieder auf dem Vormarsch und mit ihm Gewalt, Rassismus und Demokratieverachtung. Er offenbart sich in einer Sprache, die verschleiert, die diskriminiert oder verlogen ist. Er zeigt sich in Propaganda, er offenbart sich in Lügen unter dem Deckmantel vermeintlicher Meinungsfreiheit, in Hass, Desinformation und Manipulation. Als vor einem Jahr das Wort „Remigration“ fiel, gingen Hunderttausende in unserem Land auf die Straße. Das war gut so. Der Begriff wird heute von einer Partei selbstbewusst im Wahlkampf genutzt. Eine Demokratie ist nicht nur ein politisches System. Sie ist auch eine Lebensform. Sie ist vor allem Auftrag und Verpflichtung, Minderheiten zu schützen und Rechtsstaatlichkeit zu sichern. Eine Demokratie, in der sich Minderheiten bedroht fühlen müssen, ist keine. Wir dürfen den Holocaust niemals vergessen, und wir dürfen nicht zulassen, dass andere ihn vergessen, verzerren oder gar leugnen. Wenn Hass und Ausgrenzung erst einmal die Oberhand gewinnen, ist es zu spät. Davon berichten uns die Überlebenden des Holocaust. Das mahnen uns die Opfer, und das lehrt uns die deutsche Geschichte. Die Lehren aus dem Nationalsozialismus haben uns die Mütter und Väter des Grundgesetzes in die Verfassung geschrieben, und sie haben Werkzeuge geschaffen, um Demokratie und Rechtsstaat für alle Zeiten gegen Angriffe zu sichern. Wir müssen aber mutig sein, die Werkzeuge, die uns an die Hand gegeben wurden, zu nutzen. Dazu braucht es entschlossene demokratische Parteien und eine selbstbewusste, mutige Zivilgesellschaft; denn wer zulässt, dass anderen die Freiheit geraubt wird, der verliert am Ende die eigene Freiheit. Wer zulässt, dass anderen die Würde genommen wird, der verliert am Ende die eigene Würde. So begann es, und so kann es wieder beginnen. Es hängt von uns ab. Es liegt an uns, welche Antworten wir finden: auf die Demokratieverachtung, die uns immer unverhohlener und brutaler begegnet, auf den Rechtsruck, der sich in Deutschland, Europa und weltweit vollzieht. Darauf kann es für Demokratinnen und Demokraten nur eine Antwort geben: Werdet politisch! Seht hin! Engagiert Euch! Wir sind eine starke Zivilgesellschaft mit starken Institutionen. Wir müssen aus der Defensive heraus. Musik Shai Terry, Mezzosopran Russell Poyner, Gitarre Oyfn Pripetshik (1901, jiddisch) Musik und Text: Mark Warschawski Ilanit Spinner: „Auf der Herdstelle“, ein jiddisches Kinderlied von Mark Warschawski, das von einem Rabbi handelt, der seinen Schülerinnen und Schülern das Alphabet beibringt. Das Lied wird übrigens heute noch in jüdischen Kindergärten gesungen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn verschiedene Generationen aufeinandertreffen und sich austauschen, dann ist das grundsätzlich immer spannend. Wenn einer von ihnen aber vor mehr als 70 Jahren in derselben kleinen Stadt in Rheinland-Pfalz die jüdische Gemeinde aufgebaut hat, die die andere Person dann Jahrzehnte später selbst besucht hat, dann ist das schon etwas ganz Besonderes. Moderiertes Generationengespräch Nicolaus Blättermann, 104-jähriger Überlebender des Holocaust und Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Kreuznach, im Gespräch mit Julia Panasyuk, junges Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen Ich freue mich jetzt sehr auf unser Generationengespräch und auf Nicolaus Blättermann. Er ist Zeitzeuge, Brückenbauer der Religionen, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Ehrenvorsitzender der jüdischen Gemeinde in Bad Kreuznach und noch so vieles mehr. Nicolaus Blättermann verlor seine ganze Familie im Holocaust, überlebte die Deportation in Arbeitslager und kam dann schließlich 1953 mit seiner Familie nach Bad Kreuznach. Schön, dass Sie hier sind. Nicolaus Blättermann: Ja, und von Bad Kreuznach kam ich – – – Ilanit Spinner: – Moment! Wir sind zu dritt hier oben. Ich muss auch noch Frau Panasyuk vorstellen. Sie ist in Bad Kreuznach, wo Sie die Gemeinde aufgebaut haben, Jahrzehnte später geboren. Ihre Familie kommt aus der Ukraine, ist in den 1990er-Jahren nach Deutschland gekommen. Inzwischen lebt sie in Mainz und ist dort aktives Mitglied der Gemeinde. Jetzt, Herr Blättermann, komme ich zu Ihnen. Ich habe es gerade gesagt: Sie kamen 1953 nach Bad Kreuznach. Damals hatte die jüdische Gemeinde 23 Mitglieder. Sie waren mit weitem Abstand das Jüngste und haben dann die Gemeinde dort aufgebaut. Wie haben Sie das damals erlebt? Nicolaus Blättermann: Ja, als ich nach Kreuznach kam, war ich der Jüngste der Gemeinde. Das waren Holocaust-Überlebende, die aus allen Ecken und Enden nach Kreuznach gekommen sind. Davon waren nur drei Kreuznacher. Die anderen waren aus Kirn, aus Idar-Oberstein, aus Meisenheim und so weiter. Die Gemeinde war zu der Zeit nicht in der Lage, irgendwie Gottesdienste durchzuführen. Das war so, dass die gekämpft haben um eine Wiedergutmachung, und das ist auch passiert, dass verschiedene eine Wiedergutmachung bekommen haben. Die Gemeinde selbst hat 1946, nachdem die Gemeinde aufgebaut wurde, ein Haus zurückbekommen als Wiedergutmachung. Das war das Haus am Schlossplatz, Ecke Gymnasialstraße. Da war der Sitz – damals, als ich kam – der jüdischen Gemeinde. 1990, nachdem die Zuwanderung angefangen hat, hat die Gemeinde Leben bekommen. Damals wusste man nicht: Wird sie überleben oder nicht? Das war tatsächlich eine sehr gute Sache, dass damals unser Zentralratsvorsitzender Heinz Galinski und der Ministerpräsident Helmut Kohl eine Vereinbarung getroffen haben für die sogenannten Kontingentflüchtlinge. Sie waren keine Flüchtlinge; das waren Einwanderer. Abgesehen davon war das für uns aber ein Gewinn. Dann hat meine Arbeit angefangen. Bis 1985 war ich sicher in meinem Beruf, war meine Familie und so weiter. Aktiv wurde ich erst nach 1985. Das heißt, ich war Geschäftsführer der Gemeinde und zweiter Vorsitzender der Gemeinde. Mir ist es gelungen, mit allen möglichen Hilfen von Sponsoren und Veranstaltungen und einem Haufen Spenden – die ganze Stadt Kreuznach hat gespendet –, vom Land ist auch ein Teil der Finanzierung gekommen, das Geld zusammenzubekommen, um die amerikanische Kirche zu erwerben. Das war auch nicht so einfach. Ilanit Spinner: Sie dürfen noch nicht alles vorwegnehmen. Dazu will ich Sie nämlich gleich fragen, wie eine amerikanische Kirche zur Synagoge wurde. Da müssen Sie mir jetzt noch einen Moment geben. Das nennt man heutzutage Cliffhanger. Wir bauen so ein bisschen einen Spannungsbogen auf für das Publikum, für die Zuschauer. (Vereinzelt Heiterkeit) Frau Panasyuk, Sie sind in Bad Kreuznach geboren. Ich glaube, Sie waren früher mit Ihrer Schwester öfter in der Gemeinde, die Herr Blättermann aufgebaut hat. Jetzt interessiert mich natürlich: Sind Sie sich irgendwann einmal begegnet, (Heiterkeit Nicolaus Blättermann) und haben Sie noch Erinnerungen an Ihre Zeit damals, als Sie in der Synagoge in Bad Kreuznach waren? Julia Panasyuk: Ja, auf jeden Fall. Das ist natürlich schon lange her, aber wir sind uns damals mehrmals begegnet. Natürlich ist jetzt auch das Aufeinandertreffen heute – das hätte ich nicht erwartet – sehr emotional. Sie heute wiederzusehen, nach all den vielen Jahren, das war ein ganz, ganz besonderer Moment für mich, auf jeden Fall. Damals sind meine Schwester und ich in die jüdische Gemeinde in Bad Kreuznach gegangen. Das war für uns natürlich wie eine ganz andere Welt zu dem Zeitpunkt, weil wir das von zu Hause aus leider nicht kannten, weil meine Familie, meine Mutter, aus der Ukraine kommt. In der damaligen Sowjetunion war es unüblich, das Judentum ausleben zu dürfen. Deswegen war das für uns und ist es für mich eben ein so wichtiger Kernpunkt in meinem Leben gewesen, dass da so der Grundbaustein – von Ihnen vor allem, Herr Blättermann – gelegt wurde. Es ist auf jeden Fall eine super große Ehre, jetzt mit Ihnen hier zusammenzusitzen. Tatsächlich habe ich auch einige warme Erinnerungen noch an die Zeit zurück. Meine Schwester und ich waren immer in der Gemeinde, wir waren im Religionsunterricht, im Malunterricht, haben immer einige Ausflüge gemacht, gesungen, getanzt, an Feiertagen zu Traditionen standen wir auf der Bühne und haben gesungen und getanzt. (Heiterkeit Nicolaus Blättermann) Das waren schon ganz besondere, prägende Momente und der Anfang der Bildung der jüdischen Identität von meiner Schwester und mir, weil wir es, wie gesagt, von zu Hause nicht so hatten. Deswegen ist das Privileg, das von der jüdischen Gemeinde in Bad Kreuznach mitgegeben zu bekommen, natürlich etwas ganz Besonderes. Ilanit Spinner: Das ist Ihr Verdienst, Herr Blättermann. Jetzt haben Sie es schon vorweggenommen: Sie haben damals in den 90er-Jahren die Kirchenkapelle der US Army umgestalten lassen zu einer Synagoge. Sie haben einmal gesagt, das sei die billigste Synagoge Deutschlands. (Vereinzelt Heiterkeit) Wie kamen Sie damals bitte auf diese Idee? Nicolaus Blättermann: Es gab immer nur Zufälle. Für mich war das damals 1990, als die Zuwanderung war, ein Traum, eine Synagoge zu bekommen. Ich hatte noch Verbindungen zu meinem Arbeitgeber. Ich war über 33 Jahre beschäftigt als leitender Ingenieur bei den amerikanischen Streitkräften. Ich war eigentlich der Bürgermeister der amerikanischen Community, kann man so sagen. Ich habe noch die Verbindungen gehabt. Für diese Kirche habe ich damals noch die Bauleitung gehabt. Diese Kirche ist eine Baptistenkirche gewesen, an der mehrere Religionen teilgenommen haben, auch die amerikanischen Soldaten jüdischen Glaubens. Wir als kleine Gemeinde waren auch immer dabei. Das heißt, der Gedanke war, diese Kirche zu bekommen, weil sie sich geeignet hat, sie zu einer Synagoge umzubauen. Mit allen möglichen Schikanen haben wir tatsächlich die Kirche bekommen. Die Finanzierung war nicht ganz da. Das Haus in Kreuznach, das wir als Wiedergutmachung bekommen haben, war ein Haus, das zu renovieren war, es musste instandgesetzt werden. Dafür hatten wir kein Geld gehabt. Es wurde vom Vorstand beschlossen, das Haus zu verkaufen und die Gelder zu nutzen, um die Kirche zu finanzieren. Es ist mir auch gelungen, das Haus zu verkaufen. Das heißt, wir haben vom Land Geld bekommen. Wir haben von einer riesigen Spendenaktion einen Haufen Geld bekommen. Das Haus haben wir zu einem sehr guten Preis von damals 850.000 DM verkauft bekommen. Zusammen kamen wir auf ungefähr über 1 Million DM. Das hat gereicht, um die Kirche in eine Synagoge umzubauen. Das ist passiert, nachdem der Standort aufgelöst wurde. Das war 1995. Das heißt, 2000 sind die Amerikaner abgezogen, und dann ging es los mit dem Umbau der Kirche. Es ist mir gelungen, daraus ein Schmuckstück zu machen. Das war eine Heimat für die ganzen Zuwanderer, die nach Kreuznach gekommen sind. Wir haben alles Mögliche dort gefeiert, unsere Gottesdienste und, und, und. Das war Leben, in dieser Gemeinde. Am 24. September 2002 wurde die Synagoge eingeweiht. Das war das, was ich haben wollte. Träume sind Schäume, aber dieser Traum ist in Erfüllung gegangen. (Vereinzelt Heiterkeit) Ilanit Spinner: Haben Sie sich deswegen erst mit 88 Jahren zur Ruhe gesetzt? Sie waren bis dahin aktives Gemeindemitglied. Waren Sie deswegen so lange aktiv, weil Sie sich Ihren Traum erfüllen wollten? Nicolaus Blättermann: Ich weiß nicht wie das war. Der liebe Gott hat mir Verschiedenes geschenkt, Gesundheit geschenkt. Das heißt, ich konnte bis 88 alles Mögliche noch tun und machen. Ich musste alles noch vorbereiten, damit jemand die Gemeinde übernimmt. Das ist mir auch gelungen. Der jetzige Vorstand ist Valeryan Ryvlin. Der macht alles weiter so, wie es einmal war. Ich habe damals vieles, vieles für unsere Jugend und für unsere Gemeindemitglieder getan. Die Vereinbarung, die getroffen wurde von Herrn Galinski, war eine ganz komische Vereinbarung. Es wurde nicht daran gedacht, wie die Menschen hier überhaupt leben sollten. Es war meine Aufgabe, bei Verschiedenem zu helfen. Es ist mir auch gelungen, dass jeder seine finanzielle Unterstützung bekommen hat. Es ist mir gelungen, der Gemeinde eine finanzielle Basis zu schaffen und so weiter und so fort. Ilanit Spinner: Ein Lebenswerk also, kann man sagen. Nicolaus Blättermann: Es hört sich so ganz locker an. Ilanit Spinner: Nein, nein, ganz sicher nicht. (Vereinzelt Heiterkeit) Nicolaus Blättermann: Da waren viele, viele, viele Dinge zu erledigen, und es ist mir gelungen. Das ist – in Kürze ist die Würze – geschildert, was wir so alles getan haben. Die Synagoge sieht jetzt so aus. (Nicolaus Blättermann zeigt Bilder der Synagoge in Bad Kreuznach) Ilanit Spinner: Vielen Dank für die Eindrücke. Sie haben sogar Bilder von der Synagoge. Ich könnte es jetzt beschreiben für unser Publikum. Wenn Sie die Fotos hier haben, würde ich vorschlagen, wer sie sehen möchte – – – Sie sind doch nachher im Anschluss noch ein bisschen da? Ich kann vielleicht ein oder zwei Fotos zeigen. (Ilanit Spinner hält die Bilder der Synagoge in Bad Kreuznach hoch) Oh, ich glaube, das sind Sie in jungen Jahren. Sie und die Synagoge. (Heiterkeit) Wer sich die Fotos nachher noch einmal genauer anschauen möchte, kann gern zu Herrn Blättermann kommen. Frau Panasyuk, ich mache jetzt einen harten Cut und frage Sie: Sie wohnen inzwischen in Mainz und sind dort aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde. Wie erleben Sie jüdisches Leben als junger jüdischer Mensch heute hier in Deutschland? Julia Panasyuk: Ich würde grundsätzlich sagen, wenn ich an jüdisches Leben meiner Generation denke, dann denke ich an Vielfalt, ich denke an Dynamik, ich denke daran, dass jeder irgendwie eine Stimme hat in dem Sinne, dass wir sozial, politisch engagiert sind. Generell ist untereinander die Gemeinschaft sehr stark, auch bei Veranstaltungen und Seminaren. Als Kinder sind meine Schwester und ich früher von Bad Kreuznach aus auf Machanot gefahren. Das sind jüdische Ferienfreizeitlager, jeden Sommer. Von da aus haben wir Seminare gemacht und haben eine Ausbildung zur Madricha gemacht, um Betreuerin im Jugendzentrum sein zu dürfen. Wir sind auch nach Frankfurt in die jüdische Gemeinde gegangen. Da sind wir so richtig in die Community hineingerutscht. Da war es auch allen klar. Da waren viele Veranstaltungen und eine starke Gemeinschaft. So würde ich grundsätzlich jüdisches Leben, vor allem meiner Generation jetzt beschreiben. An der Stelle ist es mir aber auch sehr wichtig, zu sagen, dass es natürlich ein jüdisches Leben vor dem 7. Oktober 2023 gab und ein jüdisches Leben nach dem 7. Oktober. Kurz als Hintergrund: Ich war am 7. Oktober tatsächlich vor Ort in Israel. Ich habe dort mein Praktikum gemacht, bis ich dann leider zurückfliegen musste, als am 7. Oktober die Hamas kaltblütig Israel überfallen hat. Ich habe Freunde, ich habe Familie dort. Meine Schwester lebt dort seit sieben Jahren. Das sind auf jeden Fall Bilder, Szenen und Erinnerungen, die so schnell aus meinem Kopf nicht herausgehen. Ich würde auch sagen, das Trauma sitzt tief. Als ich einige Tage später zurück nach Deutschland geflogen bin und zurückkam nach Mainz, da dachte ich, ich erfahre Solidarität, Verständnis und Unterstützung. Nicht einmal einige Tage später musste ich erfahren, dass die israelische Flagge vor dem Stadthaus hier in Mainz angezündet wurde, dass das Verständnis nicht einmal einen Tag später langsam immer mehr geschwunden ist. Was Israel passiert ist, ist am Ende uns allen passiert. Das hat uns alle heimgesucht. Der Hass hat uns heimgesucht. Der Antisemitismus hat uns heimgesucht, sowohl an den Universitäten – was wir weltweit sehen – als auch auf den Straßen, sowohl online als auch offline. Von den sozialen Medien will ich gar nicht anfangen, was da alles geschrieben wird. Es ist schrecklich, dass man sich jetzt, heutzutage, nach einer so langen Zeit, selbst die Frage stellen muss: Ziehe ich meine Davidsternkette an, wenn ich jetzt rausgehe? Erwähne ich beim Kennenlernen, dass meine Schwester in Israel lebt, dass ich Familie in Israel habe? Man musste jetzt wachsamer sein als Jude. Das ist leider die bittere Realität, in der wir jetzt leben. Dementsprechend kann ich leider nur sagen: Jüdisches Leben heute ist für uns, dass wir eine starke Gemeinschaft haben, vor allem hier in Mainz in der jüdischen Gemeinde. Ich habe, nachdem ich nach dem 7. Oktober zurück nach Mainz gekommen bin, stark die Zuflucht hier in der Gemeinde gesucht. Dementsprechend ist auch die jüdische Gemeinde hier in Mainz für mich sehr wichtig, weil sie mich aufgefangen hat und ich hier die Solidarität erhalten habe, die ich mir so erhofft hatte, von meinem Umfeld zu bekommen, als ich zurückgekommen bin. Seitdem ist die Gemeinschaft hier sehr stark. Jeder engagiert sich. Es bedeutet mir sehr viel, ein Teil dieser Gemeinde hier in Mainz sein zu dürfen. Ilanit Spinner: Herr Blättermann, Sie haben in einem Interview gesagt – weil wir gerade über das jüdische Leben heute sprechen –, dass die Jugend, der Nachwuchs gerade in den kleinen Gemeinden einfach fehlt. Was können wir daran ändern? Nicolaus Blättermann: Es kann nur eines passieren: Dass die größeren Gemeinden, die sich eine Existenz aufgebaut haben, wo die Jugend da ist, mit den kleinen Gemeinden zusammenarbeiten. Das heißt, die kleine Gemeinde muss nicht fusionieren, weil wir alle autonom sind. Das wäre aber ein Weg, die Gemeinde Kreuznach weiter zu erhalten. In Kreuznach haben wir 170 Mitglieder. Das sind Menschen, die ein bestimmtes Alter erreicht haben. Wir haben zwar auch noch junge Familien da, aber nicht so viele. Das heißt, die Gemeinde kann nur überleben, wenn sie tatsächlich Nachfahren hat. Die Sache ist die: Wir haben in Deutschland 100 jüdische Gemeinden. Davon sind zehn größere Gemeinden wie Frankfurt, München, Köln – – Ilanit Spinner: Berlin. Nicolaus Blättermann: – – Düsseldorf und, und, und – Mainz auch. Das wäre der Weg, dass man die Gemeinde Kreuznach nicht vernachlässigt, damit die Gemeinde Kreuznach weiter existiert. Als ich mit 88 aufgehört habe, hat Herr Ryvlin das übernommen. Er wurde zum Vorsitzenden gewählt und machte alles so weiter, wie es sein sollte. Wir haben Gottesdienste, wir haben tolle Veranstaltungen. Das geht alles so weiter. Zu meiner Zeit war es so, dass wir noch keine Synagoge gehabt haben. Gefeiert haben wir in evangelischen Kirchen, wir sind nach Mannheim gefahren und hin und her. Auf alle Fälle hat erst, nachdem die Synagoge eingeweiht wurde, das normale Leben der Gemeinde angefangen. Die Jugend damals hat viel teilgenommen. Die Kinder und Familien, die zu uns kamen, haben kein Wort Deutsch verstanden oder gesprochen. Ich habe auch einen Deutschunterricht eingerichtet. Ich habe mit dem Direktor des Lina-Hilger-Gymnasiums in Kreuznach eine Vereinbarung getroffen, dass alle Kinder Deutschunterricht bekommen, bevor ihr Studium weitergeht. Das ist mir auch gelungen. Die Kinder wurden alle versorgt. Die haben Abitur gemacht, die haben alles, was dazugehört. Die Menschen, die zu uns gekommen sind, haben eine Heimat bekommen. Sie wurden abgesichert. Wir wussten nicht, wo die herkommen, was da passiert ist usw. Das war eine Sache, die mir tatsächlich gelungen ist. Das war eine Freude für mich, dass die Gemeinde ihre Existenz gesichert hat. Sie ist jetzt auch gesichert. Damals wurde ein Vertrag abgeschlossen. Das war noch die Zeit von Ignatz Bubis als Vorsitzender des Zentralrats. Da wurde ein Vertrag abgeschlossen mit dem Land. Das Land unterstützt uns auch mit einer bestimmten Summe. Die Summe reicht gerade für die Existenz der Gemeinde, den Saal, die Gottesdienste und alles, was eine Gemeinde braucht. Zweitens ist es so, dass von allen unseren Mitgliedern, die irgendwie beschäftigt sind, die Steuergelder bei dem Finanzamt zusammenkommen. Das Finanzamt verteilt das an alle Gemeinden. Wir bekommen auch eine bestimmte Summe dafür. Das heißt, das Geld, das wir haben, reicht gerade aus, aber wir haben keine anderen Mittel, wenn etwas mit der Synagoge ist, wenn wir sanieren müssten. Da haben wir leider keine Mittel. Da sind wir angewiesen auf Hilfe. Ilanit Spinner: Vielen Dank. Ich danke Ihnen vielmals. Ich weiß, wir könnten eigentlich noch ewig weitersprechen, aber Sie haben es vorhin selbst gesagt: In der Kürze liegt die Würze. Ich muss Sie da jetzt selbst beim Wort nehmen und bedanke mich aber vielmals für das interessante Generationengespräch. Danke Nicolaus Blättermann, dass Sie heute hier sind, und vielen Dank Julia Panasyuk. Nicolaus Blättermann: Es ist mir eine Freude, das zu hören. Es ist mir eine Freude, hier zu sein, eine Freude, Menschen kennenzulernen, die ich nie vorher gesehen habe. Ilanit Spinner: Sie müssen mir bitte nachher Ihr Geheimnis verraten, wie man mit 104 noch so fit und agil ist. Nicolaus Blättermann: 104 und ein bisschen mehr noch. (Beifall und Heiterkeit) Ilanit Spinner: Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebes Publikum, es ist mir eine äußerst große Freude, nun einen von mir sehr geschätzten Kollegen ankündigen zu dürfen. Ich schaue ihn ganz unauffällig an. Er ist leitender Redakteur und Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung. Er ist promovierter Jurist. Er ist Lehrbeauftragter, hat zahlreiche Bücher geschrieben, von denen Sie bestimmt das eine oder andere schon gelesen haben. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen Israel, Antisemitismus, Rechtsextremismus, aber auch die Demokratiegefährdung. Für seine Artikel und Bücher ist er unter anderem mit dem Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus und dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet worden. Eine Erinnerungskultur, die nach vorne blickt, muss auf Gemeinsamkeiten setzen, nicht auf Unterschiede. Das sagte er unlängst bei einer Podiumsdiskussion in München. Ich freue mich sehr, dass er heute hier bei uns ist, Dr. Ronen Steinke. Gedenkrede Dr. Ronen Steinke: Was für einen enormen Mut, meine Damen und Herren, was für einen enormen Mut hat wohl Anna Maximowitsch aufbringen müssen. Sie war als junge Mutter im Konzentrationslager Auschwitz und hat sich nachts, manchmal auf allen vieren, zur Kinderbaracke geschlichen, in der ihre damals drei Jahre alte Tochter Lidia war, an der dort medizinisch experimentiert wurde. Sie hat ihrem Kind ein Stück Brot oder einen Apfel gebracht, die sie tagsüber beim Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers einsammeln konnte. Sie hat in jeder dieser Nächte ihr Leben riskiert, um ihrer Tochter etwas zu essen zu bringen und, vielleicht genauso lebenswichtig, auch etwas Zuneigung. Meine Damen und Herren! Ich stehe vor Ihnen als jemand, der zwei Generationen nach dem Krieg geboren wurde. Meine Großeltern mütterlicherseits haben in Rumänien knapp den Holocaust überlebt, sie haben die Todeszüge nach Auschwitz nicht betreten müssen. Sie sind stattdessen in Bukarest unter deutscher Besatzung als jüdische Zwangsarbeiter geschunden worden. Sie sind von der heranrückenden Roten Armee gerade noch rechtzeitig befreit worden, bevor es zur Deportation gekommen wäre. Meine Mutter ist mit diesen Erinnerungen aufgewachsen, mein deutscher Vater ist, als er meine Mutter kennenlernte, zum Judentum konvertiert. Ich spreche zu Ihnen hier in Rheinland-Pfalz in einem Teil Deutschlands, der für Juden eine besondere Bedeutung hat. Hier stehen einige der ältesten jüdischen Gemeinden, prägende Synagogen, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen, vor allem in Speyer, Worms und hier in Mainz, inzwischen auch als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Umso größer war vielleicht für die hiesigen Juden die Fallhöhe, das Entsetzen, das Nicht-fassen-können, das Nicht-glauben-wollen, als sich ihre jahrhundertelange Ausgrenzung in der Mitte des 20. Jahrhunderts plötzlich zu dem Plan zuspitzte, sie ein für alle Mal umzubringen, restlos alle, einschließlich der Kinder. Ich möchte das Privileg, das ich heute habe, das Privileg, dass ich zu Ihnen sprechen darf, zu Menschen, die mit großer Verantwortung durch die Bürgerinnen und Bürger in Rheinland-Pfalz betraut worden sind, nutzen, um etwas über Mut zu sagen. In den Jahren, die nach Auschwitz führten, und die nie nach Auschwitz hätten führen müssen, hatten viele Millionen Menschen in Deutschland die Chance zu widersprechen. Es hätte oft keines Heldenmuts bedurft, ein paar Worte des Widerspruchs – schon das hätte oft einen Unterschied gemacht. Stattdessen sahen viele Menschen bewusst weg, zogen sich zurück, mischten sich nicht ein, wenn SA-Leute in ihren braunen Hemden und Knobelbechern ankamen, um die jüdische Nachbarsfamilie nachts aus ihren Betten zu prügeln. Auch Menschen im heutigen Deutschland, denen jede Verklärung oder Beschönigung des NS fernliegt, können zugestehen – ich tue es auch –, dass junge Männer, die zur Wehrmacht eingezogen wurden, zwangsweise eingezogen wurden, in Uniformen gesteckt, an die eine oder andere Front geworfen, in Maschinengewehrfeuer hineingestoßen, Ängste zu überwinden hatten. Man kann auch sagen, dass sie mutig sein mussten, so wie andere Soldaten auch. An Courage nach innen allerdings, an der Bereitschaft zum Widerspruch gegen die Obrigkeit herrschte in der Wehrmacht, herrschte im gesamten deutschen Militärapparat ein staunenswerter Mangel. Wenn heute manch jüngere Menschen, vor allem Männer finden, diese alte Welt von Befehl und Gehorsam, von Oben und Unten habe immerhin doch klare Verhältnisse beinhaltet, Stärke, etwas Respekteinflößendes, Männliches, nun, was für ein Unsinn. Wer nur die Hacken zusammenschlägt und tut, was man ihm sagt, der ist nicht stark. Mit Blick auf die heute oft zu hörende Entschuldigung für einzelne Verbrechen, zum Beispiel man habe bloß Befehle befolgt, und bei Verweigerung hätte man selbst das Leben riskiert, kommt die geschichtliche Forschung mittlerweile zu einem beunruhigenden Befund. Bis heute, so lernen wir, gibt es keinen Beweis dafür, dass je ein Soldat oder Polizist wegen der Weigerung, an Erschießungen oder anderen NS-Verbrechen teilzunehmen, getötet worden wäre. Einzig Entlassungen sind bekannt. Das heißt, nicht mitzumachen beim Massenmord an Zivilisten, Frauen, Kindern, hätte noch nicht einmal viel Mut erfordert, nur den ganz kleinen Mut, dass man seinen Status, seine Karriere, seinen Komfort riskiert, dass man riskiert, versetzt zu werden, vielleicht belächelt oder als Schwächling verspottet von Kameraden. Bei entsetzlich vielen Deutschen hat es nicht einmal für diesen minimalen Mut gereicht. Vorherrschend war die Feigheit. Kennzeichnend vielleicht für diese gesamte Phase unserer deutschen Geschichte war die Feigheit. Die diversen Ausreden, die für uns heute sehr vertraut klingen, man habe von nichts gewusst, man habe sowieso nichts ändern können, sind dann erst nachträglich hinterhergeschoben worden – Ausflüchte, um abzulenken. Der soldatische Mut, von dem ich gerade sprach, wäre gar nicht nötig gewesen, wenn es den Menschen im zivilen Leben zuvor nicht so sehr an Mut gemangelt hätte. Das ist, was im Rückblick bleibt. Nie in der deutschen Geschichte hat es derart vielen Menschen in diesem Land in derart eklatantem Maße an Rückgrat gemangelt wie damals. Wenn ich heute Rückgrat sage, dann will ich, dann muss ich eine Differenzierung hinzugeben. Mut zum Widerstand, das kann man auf zweierlei Weise verstehen. Das meint durchaus nicht nur Widerstand gegen eine Übermacht, gegen eine Kraft, der man sich mit gleicher Kraft entgegenstellen muss, mit Rückgrat, mit dem stärksten Teil des Skeletts, mit Festigkeit, eine Probe der eigenen Robustheit, in diesem archaischen Sinne, nein, Widerstand, Widerstehen, dazu gehört im Leben vielleicht genauso oft, dass man einer Versuchung widersteht, die ganz und gar nicht laut oder aggressiv daherkommt, im Gegenteil, die durchaus süße kleine Versuchung, das leise lockende Geflüster, man solle zum Beispiel nicht zu sehr auf sein Gewissen horchen und es sich stattdessen einfach machen auf dem Rücken von Minderheiten, auf dem Rücken von gesellschaftlich vielleicht ohnehin wenig geliebten Gruppen. So wie es die Jüdinnen und Juden bis heute sind, zumindest sagen uns das leider immer wieder Befragungen, wonach zum Beispiel ein Viertel der Deutschen keine Juden als Nachbarn haben möchte. So wie es auch die Roma und Sinti bis heute sind, zumindest sagen uns Befragungen bis heute, dass sogar die Hälfte der Deutschen keine Sinti und Roma als Nachbarn haben möchte. So wie es geflüchtete Menschen aus anderen Ländern sind. Wir erleben heute, wie von der Kriminalität über die leeren kommunalen Kassen bis hin zum fehlenden Zahnarzttermin die verschiedensten komplexen Probleme ganz simpel auf diese wenig geliebte kleine Gruppe geschoben werden. Für ein derart lockendes Geflüster, für die Versuchung, eine gesellschaftliche Randgruppe vereinfachend als Sündenbock herzunehmen, damit man selbst sich besser fühlt, braucht man in der Politik nicht viel Geschick. Man braucht dafür auch nicht viel Führungsqualität. Es ist intellektuell einfach, und es ist schäbig. Wo das hinführt, darüber sollten wir nicht nur an diesem 27. Januar nachdenken. Auch in diesem Parlament, meine Damen und Herren, auch in diesem rheinland-pfälzischen Landtag bauen heute einige genau auf diese Art von süßer Verlockung. Sie appellieren nicht an den Mut der Menschen, den Mut, ihre Welt zu verbessern, sich anzustrengen, auch dazuzulernen, wenn sich die Welt verändert. Sie machen den Menschen stattdessen ein anderes Angebot. Dieses lautet: Wenn die Menschen sich schwach fühlen, wofür es ganz reale verständliche Gründe geben kann, dann sollten sie sich bewusst machen, es gibt noch schwächere. Die kann man treten, dann fühlt man sich schon einmal weniger ohnmächtig, auch wenn sich real natürlich nichts dadurch verbessert. Diejenigen Politikerinnen und Politiker, von denen ich spreche und denen in Deutschland, während wir hier sitzen, jeder Fünfte bereit ist, die Stimme zu geben, sie versuchen es mit diesem Appell an die Feigheit auch bei jüdischen Menschen. Sie versuchen es, indem sie suggerieren, wir Juden bräuchten einen starken Verbündeten gegen die Muslime oder die Menschen, die in den Flüchtlingsunterkünften leben. Nur, wenn man diese träte, würde es aufwärtsgehen. Meine Damen und Herren, bei der jüdischen Gemeinde beißen sie damit auf Granit. Diese jüdische Gemeinde in Mainz, in Rheinland-Pfalz, aber auch insgesamt in Deutschland kennt sehr gut den Unterschied zwischen Feigheit, einer Sündenbockpolitik, einem Nach-unten-treten und echtem menschlichen Mut, mit dem man eine Gesellschaft voranbringen und aufbauen, Ungewohntes wagen und Neues versuchen kann. Was für einen unermesslichen Mut haben die Menschen der jüdischen Gemeinde gebraucht, um nach 1945 hier wieder eine Zukunft aufzubauen, auch hier in Rheinland-Pfalz inmitten der Täter von gestern, die schon wieder in Positionen der Macht saßen, so wie der SS-Mann und Massenmörder Georg Heuser, der in den 1950er-Jahren sogar Präsident des Landeskriminalamts war, das damals noch in Koblenz saß. Lieber Nicolaus Blättermann, Sie haben gerade von dieser Zeit berichtet. Ich danke Ihnen von Herzen dafür. Was für eine Kraft müssen Sie gebraucht haben, die jüdischen Menschen, um in diesem Land nach neuen Wegen zu suchen, nach neuer Liebe, neuer Hoffnung, neuen Berufen, neuen Freundschaften, neuen Nachbarschaften – viele von ihnen noch mit eintätowierten Nummern auf dem Arm, mit denen man sie einst markiert hatte wie Vieh. Ich bin geboren worden, als diese Aufbauarbeit schon im Gang war. Ich kam in Bayern zur Welt, kurz nachdem der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in meiner Heimatstadt Erlangen von einem Neonazi ermordet worden war. Das war 1980, zwei Schüsse aus nächster Nähe. Die Polizei hat die Ermittlungen dann so lange verschleppt, bis der Täter über alle Berge war. Sie hat gleichzeitig noch lange die Mitglieder der jüdischen Gemeinde selbst unter Verdacht gestellt, mit diesem Mord etwas zu tun zu haben. Was für eine Kraft müssen die Menschen in der jüdischen Gemeinde gebraucht haben, um trotzdem weiterzumachen und nicht bitter zu werden. Als ich dann in die jüdische Grundschule gegangen bin, wurde dort einmal eingebrochen und randaliert, Fensterscheiben und Tonarbeiten von Kindern wurden mit großer krimineller Energie zerdeppert. Als ich davon am Tag darauf einem Freund erzählte, der schon ein bisschen älter war und auf die weiterführende Schule ging, fragte er mich sofort, ob die Täter auch irgendwelche Symbole oder Parolen hinterlassen hätten. Ich habe diese Frage gar nicht verstanden. Wieso Parolen? Wieso Symbole? Meinem Freund war damals schon klar, dass es eigentlich nicht üblich ist, dass Grundschulen zu Zielscheiben des Hasses werden, und es wohl etwas damit zu tun hat, dass sie jüdisch waren. Mir war das als Kind noch gar nicht klar. Heute staune ich. Wie viel Courage brauchen junge jüdische Mädchen, jüdischen Jungen, die sich in ihrer öffentlichen Schule, in der sie vielleicht die einzigen in der Klasse sind, offen dazu bekennen, jüdisch zu sein, die sich vielleicht entscheiden, eine Kette mit Davidstern zu tragen. Sie brauchen durchaus leider einiges an Courage, wenn sie zum Beispiel auf dem Schulhof mit Blick auf den Gaza-Krieg beschimpft werden, so als könnten sie irgendetwas dafür. Es ist für die ältere Generation immer wieder bewundernswert, wie viele Kinder dennoch sagen: Ich werde mich nicht verstecken, ich stehe zu mir. Wie bewundernswert mutig sind Erwachsene, die sich heute entscheiden, sich in jüdischen Gemeinden zu engagieren. Die Motivation ist oft unspektakulär, nicht anders als bei Menschen, die sich zum Beispiel in ihrer örtlichen christlichen Kirchengemeinde engagieren. Es geht nicht immer um tiefe Theologie oder ein Gefühl des Müssens, es geht oft einfach nur um den Adventsbasar, um das Keksebacken und das Kinderprogramm, das Sozialleben, aber wenn man jüdisch ist und sich in dieser Weise engagiert, vielleicht im Vorstand einer Gemeinde, dann muss einem klar sein, dass man damit den Kopf herausstreckt und treffbar wird. Es wäre schön, wenn dieses kleine private Engagement, dieses Sozialleben nicht so viel Mut erfordern würde, aber so ist es heute. Wie viel Kraft gehört auch dazu, dass sich gutwillige Menschen, egal welcher Herkunft, die sich um ihre Mitmenschen bemühen, die eigenen Vorurteile eingestehen, die jeder Mensch hat, und daran arbeiten, diese Vorurteile abzubauen, weil diese uns sonst hemmen und zurückhalten, weil sie verhindern, dass wir vorankommen und gute Entscheidungen für uns treffen. Das kostet Mut – natürlich. Das ist ungemütlich, aber das ermöglicht erst den Fortschritt. Wie feige, wie klein, wie erbärmlich muss man auf der anderen Seite sein, um sich stattdessen gemütlich an Vorurteile zu klammern, hinterrücks über die jüdischen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden lustig zu machen, nachts eine Grundschule zu attackieren oder um, wenn wir an diesem Tag heute von Erinnerung und Trauer sprechen, stattdessen an Stammtischen oder sogar an Rednerpulten von „Schuldkult“ zu faseln, wie es manche tun, weil ihnen selbst der minimale Mut abgeht, einmal in den Spiegel zu blicken, zu feige, um sich dem Bild zu stellen, in das sie dann blicken müssten, zu klein an Geist und Charakter, um den unangenehmen Fragen, die unsere deutsche Geschichte aufwirft, nicht auszuweichen. Das sind Fragen wie diese: Wenn die gesamte Hochkultur dieses Landes, sein Goethe, sein Beethoven, sein Rilke, die vielen Millionen Menschen, die sonntags in die Kirche gegangen sind, in den 30er-Jahren nicht verhindern konnten, dass dennoch Millionen Menschen bereit waren, ihre Nachbarn zum Massenmord freizugeben, was schützt uns dann davor, auch in der Zukunft? Meine Damen und Herren, ich will diese Frage heute nicht beantworten, weil ich nicht glaube, dass die Suche nach Antworten darauf abgeschlossen wäre, auch 80, 90 Jahre danach nicht. Man darf die Suche auch nicht abschließen. Man sollte diese Suche vielleicht auch nicht abschließen wollen. Nur ein Gedanke dazu: Vielleicht ist Mut ein Teil dieser Antwort. Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit. Gestern, Heute, Morgen Dokumentation einer Suche Schulprojekt des Staatstheaters Mainz unter der Regie von Simone Glatt (Signalton) Ida: Liebe Hulda Franz, Janka: Lieber Karl Schloss, Stella: Lieber Johannes Mayer, Janka: Du hast Dein geliebtes Rheinhessen verlassen und bist dennoch nicht entkommen. Ida: Auch wenn ich Dich nicht kenne, muss ich des Öfteren an Euch und auch an Dich denken: Janka: Albert Koch. Stella: Ludwig B. Janka: Liebe Katharina, liebe Emilie, Stella: liebe Maria Schewtschuk, Ida: Deine Geschichte ist erschreckend, Dein Leben zu früh beendet. Mit Deinen zwölf Jahren bist Du jünger als meine kleine Schwester. Stella: Ida: Janka: Chorisch aufgeteilt: Heute schreibe ich Dir, aus einer nicht allzu fernen Zeit, über das, was geschah, über Trauer und Leid, in einer Welt, wo Hass und Furcht regierten, in einer Zeit, in der viele schlimme Dinge passierten. Minderheiten wurden nicht toleriert, der Hass gegen sie ist expandiert, verfolgt, entrechtet, umgebracht, in dieser bitteren, jahrelangen Kriegesnacht. Voller Angst war diese laute Stille verlorener Menschen, mit Freiheitswille. Menschen, wie Du und ich es sind, andere, die es nicht erkennen, als wären sie blind. Millionen von Seelen, die verloren gingen. Ihre Träume und Hoffnungen, niemand konnte sie bringen. Du, ein Kind wie viele, voller Lachen und Licht, wurdest in eine Dunkelheit gestoßen, die man nicht vergisst. (Signalton) Janka: Worms, 3. Januar 1937 Trotz diesen und manchen anderen Bedenken wären wir bereit, den Versuch zu wagen. Bei aller Anhänglichkeit an die alte Heimat und obwohl ich doch gewiss in ihr verwurzelt bin, muss ich täglich klarer erkennen, dass ich hier nichts mehr zu erwarten habe. Ein ärmliches Dasein zu führen, das allein würde mich noch nicht erschrecken, dem Kampf ums tägliche Brot weiche ich nicht aus, – – (Signalton) Stella: 13. Februar 1970 – München Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim 5. September 1972 – München Geiselnahme und Ermordung israelischer Sportlerinnen undSportler Janka: – – aber der seelische Druck, die vielen Behinderungen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet, die ganze feindliche Atmosphäre werden auf die Dauer immer schwerer erträglich. Wie schwer ist es, nur eine Wohnung zu aufgenommen werden. Wenn man wirklich eine findet, wie angenehm ist der Gedanke, vielleicht mit Leuten unter einem Dach zu wohnen, deren Überzeugung es ist, dass die Juden „die Volk gewordene Kriminalität“ usw. sind, – – Stella: 19. Dezember 1980 – Erlangen In der Wohnung getötet: Shlomo Lewin und Frida Poeschke Janka: – – und wie lange wird diese widerwillige Duldung noch währen? Niemand weiß, ob nicht der nächste Tag ein Gesetz bringt, das uns auch noch unserer letzten kümmerlichen Rechte beraubt. Es wird gewiss für uns nicht leicht sein, sich unter gänzlich anderen Bedingungen einzuleben. Ich habe schon im Voraus bitteres Heimweh nach Rheinhessen. Auch müssen wir uns darüber klar sein, dass es dann kein Zurück mehr für uns gibt. Sollen wir es wagen? Stella: 23. Februar 1992 – Frankfurt am Main Auf dem Heimweg erschossen: Blanka Zmigrod Janka: 29. Dezember 1938 Großmutter hat uns dieser Tage ganz reizend geschrieben, sie würde am liebsten bleiben, wo sie ist, aber wenn alles fortgeht, kann sie doch nicht gegen Frühjahr in Mainz hätte bleiben können, aber dies scheint unmöglich zu sein. Tante Paula drängt sehr, und wir wollen uns nicht Vorwürfe zu machen haben. Man kann ja nie wissen, ob nicht plötzlich wieder ein spontaner Ausbruch von „Volkswut“ zu erwarten ist. Ida: 12. Dezember 2024 (Signalton) Der Judenhass ist nach einer neuen Studie in Deutschland fest etabliert. Experten von RIAS warnen vor rechtsextremen Denkmustern. Was bedeutet das für den Alltag von Jüdinnen und Juden? Janka: Dezember 1941 – Niederlande Und dazu diese anstrengenden Zeiten, die schon für junge kräftige Menschen schwer genug sind, wie viel mehr für uns, die wir doch mehr und mehr alt und hinfällig werden. Man muss schon seine allerletzten seelischen Reserven mobilisieren, um sich gegenüber diesem ständigen Ansturm der Ereignisse zu behaupten. Und manchmal fragt man sich ernstlich: Warum, ja warum soll und will man sich eigentlich noch behaupten? Stella: 21. November 1992 – Wülfrath Herzstillstand nach Schlägen: Alfred Salomon Ida: Aus einer Bertelsmann-Studie von 2015 geht hervor, dass traditioneller Antisemitismus „relativ konsistent, stabil und änderungsresistent“ sei. 23 % der Bevölkerung stimmten zum Beispiel der Aussage zu: „Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss.“ Im Vergleich zu 2013 sind die Zustimmungswerte leicht gesunken. Die Ergebnisse legen nahe, dass diese Form von Antisemitismus besonders unter älteren Befragten verbreitet ist. Stella: 2021 – Oberlinhaus Pflegehelferin ermordet vier behinderte Menschen Janka: Die schönen Zeiten, die einmal waren oder von denen man sich einbildet, dass sie einmal waren, sind dahin und kehren nicht wieder, oder glaubst Du etwa, dass ich noch einmal die Frösche in Kleinknechts Weiher quaken höre oder dass ich jenen „grünen Baum der Nacht“ noch einmal sehe, wo ich einst an schönen Sommerabenden manchmal einen einsamen Schoppen trank? Ich wüsste noch so manchen lieben Ort, wo ich gern noch einmal hinter einem guten Glas Wein säße, wo ich aber gewiss niemals sitzen werde. Ida: Antiziganistische Straftaten laut Statistik auf neuem Höchststand. Zahlen zeigen aber nur die Spitze des Eisbergs. (Signalton) Alle: 9. Oktober 2019 – Halle Stella: Geplantes Massaker mit Schusswaffen in der Synagoge Ida: Die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen hat laut der repräsentativen „Mitte-Studie“ 2023 in den vergangenen Jahren zugenommen, sowohl bei sekundärem und klassischem als auch israelbezogenem Antisemitismus. Zu „klassisch“ antisemitischen Aussagen gehört etwa „Durch ihr Verhalten sind Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig“. Der Aussage stimmen 7,2 % der Befragten zu, 10,8 % der Befragten teils/teils. 16,5 % der Befragten stimmen der Aussage zu „Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reichs ihren Vorteil zu ziehen“, 18,8 % bejahen diese Aussage teils/teils. Stella: 18. Oktober 2023 – Berlin Brandanschlag auf jüdisches Gemeindezentrum Janka: Wir haben uns mit der Geschichte befasst, Ida: mit Studien von heute, Janka: mit Originalquellen wie Briefen. Stella: Wir haben mit Nachkommen von Betroffenen gesprochen. Ida: Wir haben gelernt, dass § 175 erst 1994 komplett gestrichen wurde. Stella: Wir haben erfahren, dass Menschen, die von den Nazis als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden, erst 2020 als Opfergruppe anerkannt wurden. Janka: Wir hören heute noch Worte wie „asozial“ oder „behindert“ als Schimpfwort. Ida: Obdachlose werden durch windige Designs aus dem Stadtraum verdrängt. Stella: Die Opfer der sogenannten Euthanasie der Nazis sollten im November 2024 anerkannt werden. Alle: 2024! Janka: Und ganz allgemein können wir noch nicht einmal annähernd von Inklusion sprechen. Ida: Antisemitische und rassistisch motivierte Gewalttaten sind auf einem Höchstniveau. Stella: Wir haben Angst bekommen. Janka: Wir haben angefangen, uns Sorgen zu machen. Ida: Wir waren schockiert. Wir waren traurig. Stella: Wir gedenken und gedenken, wir lernen im Geschichtsunterricht, und dennoch bleibt es unbegreiflich – das Leid, die Toten und die Entscheidungen dahinter. Janka: Wir wurden wütend. Ida: 1945 ist 80 Jahre her. Alle: Ein Menschenleben. Stella: Das ist nicht lang. Dieses Gedankengut ist immer noch da. Es war nie weg. Janka: Klein und groß, nach innen und nach außen. Ida: Wir sind heute hier, um zu gedenken, aber was bedeutet Gedenken? – Einfach „Nie wieder!“ sagen, wenn wir doch gesehen, gehört und gelernt haben, dass nach 1945 noch nicht alles vorbei war, dass die Aufarbeitung rein historisch noch bis heute andauert? Stella: Und in dem Bewusstsein der Gesellschaft sowieso, in unseren Köpfen. (Alle wollen abgehen Stella bleibt stehen, die anderen drehen sich noch einmal um) Stella: Ich habe gelogen. (Pause) Ja, ich habe gelogen und gesagt, dass mir die heutige Diskriminierung nicht bewusst war, aber das stimmt nicht. Ich weiß es, wenn mir auffällt, dass einige Begriffe, die wir heute verwenden, von den Nazis stammen. Ich weiß es, wenn ich erfahre, dass manche Opfergruppen des Holocaust bis heute noch immer nicht anerkannt sind. Ich weiß es, wenn ich von immer noch vorherrschenden Vorurteilen mitbekomme. Ich weiß es, wenn die Tische in der Schule mit Hakenkreuzen beschmiert sind. Janka: Wahrscheinlich ist es uns allen bewusst. Mal mehr, mal weniger. Manchmal geben wir es zu, und manchmal verdrängen wir es. Ida: Was tun wir also, wenn wir es doch wissen, wissen, dass es wieder passieren kann, wissen, dass sich auch heute nicht jeder hier sicher fühlen kann? Janka: Gedenken bedeutet nicht nur, sich an die Vergangenheit zu erinnern, Gedenken bedeutet, die Zukunft zu gestalten, Ida: und zwar anders, Stella: mit dem Bewusstsein, was passiert ist und was heute auch noch passiert, wer sich in unserer Gesellschaft nicht sicher fühlen kann und Angst haben muss. Janka: Wenn wir an die Synagoge in Halle denken Ida: oder an Hanau, Stella: an den NSU, Janka: wenn wir sehen, dass gegen Minderheiten gehetzt wird, Ida: wenn wir mitbekommen, wie Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, Stella: ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder Identität, Janka: aufgrund einer Krankheit oder Behinderung Ida: oder aufgrund von Armut diskriminiert werden, Stella: angegriffen werden, Janka: dann liegt es an uns, uns dagegen zu stellen. Dann liegt es an jedem, etwas zu sagen, Ida: zu tun. Stella: Wer tut es denn sonst? Janka: Gedenken ist nicht nur ein Substantiv, Ida: gedenken ist ein Verb, Stella: ein Verb, das die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft verbindet. (Beifall) Ilanit Spinner: Der Blick in die Vergangenheit, aber auch die Auseinandersetzung mit der Gegenwart zeigt uns Wege in die Zukunft. Vielen Dank für dieses tolle Schulprojekt des Staatstheaters Mainz. Nun freue ich mich auf den Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und darf Alexander Schweitzer nach oben bitten. – Herr Ministerpräsident, Sie haben das Wort. Ansprache

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Alexander Schweitzer

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, meine Damen und Herren Abgeordnete, liebe Kolleginnen und Kollegen des Landtags, sehr geehrte Frau Kischner, sehr geehrte Frau Panasyuk und lieber Herr Blättermann, lieber Herr Steinke! Ich danke Ihnen, Herr Landtagspräsident, und dem Landtag für die Einladung. Ich danke auch der jüdischen Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen, dass wir unter ihrem Dach zusammenkommen dürfen. In ganz Deutschland gedenken wir heute, am 27. Januar, den Opfern des Nationalsozialismus. Ich spreche heute vor Ihnen als einer der Letzten heute in der Tagesordnung und im Ablauf, möchte Ihnen aber sagen, es kann kein Ende des Gedenkens geben. Ich bin auch davon überzeugt, dass das Nachdenken und das Gedenken über die Verbrechen des NS-Regimes niemals enden dürfen. Sie müssen immer wieder aufs Neue beginnen. Das gilt auch für alle anderen Tage des Jahres. Das kollektive Erinnern bedeutet die Auseinandersetzung mit dem so dunklen Kapitel der NS-Zeit, und das Gedenken an die Opfer der Shoah gehört zu unserer Verantwortung. Dieser Verantwortung müssen wir auch heute jeden Tag gerecht werden. Mich berührt es, heute, 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die sowjetische Armee, mit Ihnen in der sogenannten Neuen Synagoge, in diesem offenen Haus sein zu dürfen und gemeinsam zu gedenken. Diese Synagoge ist wie viele Synagogen eine Kraftquelle und ein Ort echter Begegnung. Dass Sie, liebe Frau Kischner, und verehrte Mitglieder der jüdischen Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen heute die Türen für diese Gedenkveranstaltung des Landtags öffnen, ist ein großes Geschenk. Die Gemeinde der Neuen Synagoge stellt sich selbstbewusst in die SchUM-Tradition, ein Welterbe – Ronen Steinke hat es schon angesprochen –, das erste jüdische Welterbe, für das wir als Landesregierung Sorge tragen, und wir wollen auch dafür Sorge tragen, dass es noch bekannter wird. Wir schauen heute gemeinsam zurück und erinnern uns an das Wort, das Hannah Arendt in einem heute übrigens noch verfügbaren und nachzuschauenden Gespräch mit Günter Gaus gewählt hat. Sie hat damals erzählt, wie entscheidend es für sie und ihren Mann war, 1943 von Auschwitz erfahren zu haben. Sie dachte – ich zitiere Hannah Arendt –: „Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.“ Wir erleben auch heute noch, dass es seit Jahren eine heftige Auseinandersetzung um das Verhältnis der Erinnerung an die Shoah und die Erinnerung an postkoloniale Verbrechen gibt. Mir ist es gerade heute wichtig zu betonen, dass nach unserer Einschätzung die Shoah ein Zivilisationsbruch war und bis heute in unserer Erinnerung einer ist. Lieber Herr Blättermann, Sie haben heute über Ihre ganz persönlichen Erfahrungen gesprochen und haben, wenn ich das sagen darf, in wunderbarer Weise sehr menschlich, ansteckend und berührend darüber gesprochen, wie es war, im Land der Täter wieder eine jüdische Gemeinde aufzubauen und an die nächste und nachfolgenden Generationen zu geben. Dass Sie heute hier sind, erfüllt uns alle mit Demut und tiefer Dankbarkeit. Es war der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, der den Weg für die Schrecken des NS-Regimes geebnet hat. Heute – es ist vorhin von den jungen Menschen dargestellt worden –, 80 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, müssen wir mit Erschrecken feststellen, dass antisemitische Einstellungen bis weit in die Mitte unserer Gesellschaft zu finden sind. Antisemitismus – lassen Sie mich das sagen – ist in allen sozialen, kulturellen und politischen Szenen zu finden. Was sich verändert und verändert hat: Antisemitismus versteckt sich nicht mehr, sondern bedroht unsere Gesellschaft auf ganz unterschiedlichen Ebenen, in verschiedensten Gewändern und viel zu oft und immer öfter offen, unverhohlen, impertinent und frech. Wenn Juden und Jüdinnen in Angst leben, dann ist das nicht ein Problem von Juden und Jüdinnen, sondern der Zustand, dass unsere Demokratie und der demokratische Konsens Risse bekommen kann. Viele, die heute hier sind, wissen, wie jüdisches Leben von Angst bestimmt wird. Wir haben es vorhin von Frau Panasyuk gehört, auch in Deutschland, im Land der Täter. Wenn ich höre, und das haben wir gehört, dass junge Menschen darüber nachdenken, ob sie die Kette mit dem Davidstern doch besser zu Hause lassen oder unter dem T-Shirt oder die Kippa unter einer Baseballkappe verstecken, dann ist das zutiefst beschämend. Beschämend zu sein aber reicht nicht, es reicht nicht mehr. Es ist eine Herausforderung für uns alle. Wir dürfen das nicht länger hinnehmen. Darum sage ich auch als Ministerpräsident ganz deutlich, ich würde gern sagen, es muss selbstverständlich sein, eine Kippa zu tragen, ich muss heute sagen, es muss wieder selbstverständlich werden, in diesem Land eine Kippa tragen zu dürfen, meine Damen und Herren. Mich besorgt, dass wir in Deutschland sehen – ich kann Rheinland-Pfalz leider davon nicht ausnehmen –, dass der Judenhass zunimmt. Auch wir in Rheinland-Pfalz haben nicht die Zurückhaltung, die wir in anderen Bereichen vielleicht hätten, wenn wir uns vergleichen mit Berlin oder großstädtischen Stadtvierteln, können uns nicht davon freimachen, dass dergleichen bei uns nicht auch vorkommt. Auch bei uns gibt es Vorfälle – sie wurden schon genannt –, und auch wir wissen sehr genau, wir lesen, registrieren und verfolgen es, dass der Antisemitismus und die Zahl der antisemitischen Straftaten mit dem 7. Oktober zugenommen haben, meine Damen und Herren. Lassen Sie mich deshalb an dieser Stelle völlig klar sagen, auch als Standortbestimmung der Landesregierung, für die ich insgesamt stehe: Der 7. Oktober war das schlimmste Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah. Nichts anderes war es, und als nichts anderes kann es bezeichnet werden, ein schreckenserregender Terrorangriff der Hamas. Viele Menschen, auch in Rheinland-Pfalz, haben Familie und Freunde in Israel, und ihre Gedanken sind unsere Gedanken. Wir hoffen auf Frieden und können nur hoffen, dass die Waffenruhe ein Anfang ist, in einen dauerhaften Frieden zu kommen. Lassen Sie mich noch einmal sagen, liebe Frau Kischner, die Sicherheit und der Schutz von Jüdinnen und Juden ist eine Aufgabe des Staats und eine Aufgabe meiner Landesregierung. Wir stehen nicht nur fest an Ihrer Seite, wir stehen gemeinsam mit dem Ziel, dass Sie sicher, selbstbewusst und ganz selbstverständlich als Jüdinnen und Juden leben können. Konkret heißt das, wir schützen jüdische Einrichtungen, aber es macht mich gleichzeitig traurig, das betonen zu müssen. Es sollte jedem Kind selbstverständlich sein, in die Kita zu gehen, es sollte jedem Menschen, egal welchen Alters, selbstverständlich sein, seinen Glauben leben zu dürfen. Damit das wieder selbstverständlich wird, sind wir zusammen im Dialog und versuchen, mit unseren Sicherheitsbehörden, mit all dem, was wir staatlicherseits tun können, die Perspektive von Jüdinnen und Juden in unserer Nachbarschaft mit einzubinden. Das sind die jüdischen Gemeinden, das ist der Studierendenverband, das sind Bürgerinnen und Bürger ganz allgemein. Wir haben als Landesregierung ganz gezielt die Anstrengungen in Bildung und Schule verstärkt, über Judentum, Antisemitismus und über den Nahostkonflikt zu informieren und zu sprechen. Wir haben den Sozialkundeunterricht erhöht. Wir haben die Gedenk- und Zeugenarbeit gestärkt. So müssen sich zum Beispiel alle Schülerinnen und Schüler an einem Gedenkort oder mithilfe von Zeitzeugenberichten mit der Shoah auseinandersetzen. Darum begrüße ich es sehr, dass wir nun einen weiteren Lernort hinzubekommen, wenn wir den ehemaligen Gestapo-Keller Neustadt an der Weinstraße als dritten staatlichen Gedenkort in Rheinland-Pfalz in unsere Obhut nehmen, neben der Gedenkstätte KZ Osthofen oder der Gedenkstätte des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert. Gedenken ist, die Zukunft zu gestalten. So haben es die jungen Menschen vorhin ausgedrückt. Ich glaube, das ist die Aufgabe, vor der wir alle stehen. Das bedeutet, es ist nicht nur die Aufgabe des Ministerpräsidenten, der Landesregierung, von uns Abgeordnetenkolleginnen und -kollegen, sondern es ist eine Aufgabe, die sich Demokratinnen und Demokraten als Bürgerinnen und Bürger jeden Tag selbst zu geben haben. Spaltung, das ist der Beginn in „wir“ und „die anderen“. Ausgespuckte Wörter, Verletzungen zunächst einmal auf der verbalen und dann auf der emotionalen Ebene, das ist der Einstieg in die Gewalt. Als Staat dürfen wir nicht wegsehen und treten mit allen Mitteln des Rechtsstaats entgegen. Ich sage aber auch: Wer wegschaut, nicht widerspricht, wer schweigt, der hat ebenfalls keinen Beitrag zur Demokratie geleistet. Mich besorgt, dass wir so etwas erleben wie eine schleichende Normalisierung, dass wir Dinge achselzuckend für akzeptierbar halten, die es niemals sein dürfen. Mich besorgt, dass Antisemitismus salonfähig geworden ist. Das gilt für Kneipentresen genauso wie für Social-Media-Postings. Mich besorgt und treibt um, meine Damen und Herren, dass wir gerade über die Social-Media-Plattformen einen permanenten Angriff auf den demokratischen Konsens in unserem Land erleben. Lassen Sie mich hinzufügen, wenn gerade in diesen wenigen Stunden des vergangenen Wochenendes ausgerechnet vor dem 27. Januar ein amerikanischer Oligarch, der eine große Plattform in seinem Eigentum hat, in Deutschland dazu aufruft, dass das Gedenken aufhören soll, dann ist das ein Angriff auf den demokratischen Konsens. Jedem und jeder, der und die dazu gejubelt hat, sage ich nur, schämen sollt Ihr Euch, meine Damen und Herren. Lassen Sie mich darauf hinweisen, dass der Auftrag, den wir alle haben, ist, die offene Gesellschaft zu bewahren. Die offene Gesellschaft ist auch eine Gesellschaft, die auf Integration setzt, die sich gegen Manipulation starkmacht, die erkennt, wo Angstmache und organisierte Lüge unterwegs sind. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass nichts ein Gottesgeschenk ist in unserem demokratischen Miteinander, sondern es etwas ist, was wir, wenn auch nicht geschenkt bekommen haben, doch zumindest jeden Tag aufs Neue verteidigen müssen, nämlich die freiheitliche Demokratie. Sie kann sich auch verändern. Sie kann ärmer werden, sie kann erfrieren, und sie kann uns irgendwann aus der Hand rutschen. Das ist für mich, meine Damen und Herren, eine Situation, in der sich unser Land, unsere Gesellschaft in diesen Tagen durchaus befindet. Deshalb ist das Gedenken nicht etwas, das sich darauf reduziert, dass wir in den Rückspiegel schauen, wir uns ausschließlich mit der Geschichte unseres Volks beschäftigen, sondern wir uns mit der Geschichte beschäftigen, daraus lernen und jeden Tag aufs Neue gemeinsam die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen. Natürlich rufen wir „Nie wieder!“ – was denn auch sonst, meine Damen und Herren –, aber dieses „Nie wieder!“ darf nicht zur Floskel werden. Darum muss zu dem „Nie wieder!“ von uns allen, von uns allen ein Beitrag kommen, dass das „Nie wieder!“ nicht nur eine Aussage, sondern Realität ist und bleibt in diesem Land. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit. (Beifall) Ilanit Spinner: Damit wir aus der Geschichte lernen können, ist es wichtig, nie zu vergessen, was damals passiert ist. Das gilt nicht nur heute, an diesem 27. Januar. Ich möchte mich bei Ihnen, liebes Publikum, meine sehr geehrten Damen und Herren, vielmals für die Aufmerksamkeit, für das Zuhören bedanken. Wir kommen jetzt langsam zum Ende dieser Gedenkveranstaltung und hören zum Abschluss zwei wunderschöne hebräische Musikstücke: Amud Ha’Esh und Halikha LeKeisarya. Ich darf mich nun schon einmal von Ihnen verabschieden und tue das mit Worten von Shimon Peres aus seiner großartigen Rede am 27. Januar 2010 in Berlin vor dem Deutschen Bundestag: Ja, wir müssen erinnern, aber die Shoah darf uns nicht davon abhalten, an das Gute zu glauben, an die Hoffnung, an das Leben. – In diesem Sinne „L’Chaim“, „Auf das Leben“, und Ihnen noch einen wunderschönen Tag. (Beifall) Musik Shai Terry, Mezzosopran Russell Poyner, Gitarre Amud Ha’Esh (1981, hebräisch) Komposition: Shem Tov-Levi Text: Ehud Manor Halikha LeKeisarya – Eli Eli (1942, hebräisch) Komposition: David Zehavi Text: Hannah Szenes (Beifall) Ende der Sitzung: 12.45 Uhr

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