Hendrik Hering
Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte Gäste! Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Zum 26. Mal findet an diesem Tag eine Sitzung des rheinland-pfälzischen Landtags statt. Es ist ein Tag, an dem wir innehalten, um auf die dunkelsten Jahre in der Geschichte Deutschlands, ja, der ganzen Welt zurückzublicken. Die Fragen, die wir uns dabei stellen, lauten: Wie konnte etwas solches geschehen? Wie konnten unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus zulassen? Wie konnten sie ihn oftmals sogar unterstützen? Warum wollte und konnte die Bevölkerung in Deutschland das damals nicht verhindern? Diese Fragen sind umso schmerzhafter, je mehr wir vom Leid der Überlebenden hören, je mehr wir vom millionenfachen Sterben wissen. All das hätte verhindert werden können, aber das wurde es nicht. Die Blicke zurück sind für uns auch deshalb schmerzhaft, weil sie uns als die Nachfahren der Täterinnen und Täter daran erinnern, dass es nicht irgendjemand war, der diese unvergleichbaren Verbrechen begangen hat. Es war nicht irgendjemand anderes, es war nicht irgendein Unheil, das von außen über Deutschland kam und mit unseren Vorfahren nichts zu tun hatte. Stand der Forschung ist, die meisten Deutschen waren überzeugte Nazis oder zumindest Mitläufer. Nur weniger als 1 % der Deutschen war tatsächlich aktiv im Widerstand. Auch wenn es wehtut, die Bilder von Täterinnen und Tätern finden sich in den meisten alten Familienfotoalben. Das aber nimmt uns als Gesellschaft und als Individuen in die Verantwortung. Nie wieder dürfen wir in Deutschland, nie wieder dürfen wir Deutsche zulassen, dass etwas solches geschieht. „Nie wieder“ darf keine Floskel sein, niemals. „Nie wieder“ heißt, dass wir uns denen entgegenstellen müssen, die das Gift des Nationalsozialismus noch heute in sich tragen und es in unsere Gesellschaft einsickern lassen wollen; denn dieses Denken gab es nicht nur von 1933 bis 1945. Der Hass auf Jüdinnen und Juden, auf Menschen mit Behinderungen, auf Menschen, die nicht von hier stammen, auf Menschen am Rande der Gesellschaft oder auf alle, die anders sind, dieses Denken gab es schon lange vorher. Dieses Denken hat dem Faschismus den Weg bereitet und ist nach 1945 nicht verschwunden. In Worten und Haltungen sehen wir heute mit erschreckender Klarheit die Parallelen zwischen den Nationalsozialisten von damals und Rechtsextremisten von heute: Demokratieverachtung, Verschwörungslügen, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass auf Minderheiten bis zu Deportationsfantasien. All das lässt erahnen, wie schnell demokratische Errungenschaften, die wir für gefestigt halten, verloren gehen können. Meine Damen und Herren, schon im März 1933 richteten die Nationalsozialisten erste Konzentrationslager ein und erprobten dort das spätere Terrorsystem. Auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz erinnern daran die Gedenkstätten KZ Osthofen und Neustadt an der Weinstraße. Im Foyer des Abgeordnetengebäudes zeigen wir aktuell eine Ausstellung zu diesen frühen deutschen KZs. Sie machen deutlich, dass der Weg in den späteren millionenfachen Massenmord nicht irgendwo weit weg begann, er begann hier und vor den Augen der Öffentlichkeit. Unter dem ausdrücklichen Beifall der Öffentlichkeit spielte sich auch die Entrechtung von Menschen ab, die seit je auf der Schattenseite des Lebens und am Rande der Gesellschaft standen, von Menschen, die als Außenseiter, als Geächtete galten. Wir sprechen von den mindestens 80.000, die von den Nationalsozialisten als sogenannte Asoziale oder Berufsverbrecher bezeichnet wurden. An sie, die Ignorierten und Vergessenen, wollen wir heute zum ersten Mal ausdrücklich erinnern. Das ist wichtig; denn kaum erfasst oder im Zusammenhang erforscht sind zum Beispiel diejenigen, die für Jahre in Fürsorgeeinrichtungen, in Heil- und Pflegeanstalten oder Heimen verschwanden. Dazu gehörten auch die Geschwister von Alfons Ims. Die Lebens- und Leidensgeschichte seiner Pfälzer Familie hat er in seinem bewegenden Buch niedergeschrieben. Die Namen der Orte, an denen diese Kinder und Jugendlichen zum Teil bis in die 1950er-Jahre gegen den Willen der Eltern festgehalten wurden, klingen zunächst harmlos: Kreis- Heil- und Pflegeanstalt Frankenthal, Diakonissenanstalt Speyer, Landeserziehungsheim St. Josef in Queichheim, aber auch Jugendarbeitserziehungslager Niedergangingen. Herr Ims, wir sind sehr geehrt, dass Sie heute bei uns sind und uns zum Schicksal Ihrer Brüder und Schwestern berichten. Zu denen, die aus der sogenannten Volksgemeinschaft ausgeschlossen wurden, gehörten auch Tagelöhner, Wohnungslose, Prostituierte, Fürsorgeempfänger sowie Sinti und Roma und alle, die die Nationalsozialisten willkürlich in diese Kategorien einordneten. Sie alle wurden in den Konzentrationslagern mit einem schwarzen Dreieck, dem schwarzen Winkel, auf der Häftlingskleidung gebrandmarkt. Wir finden in dieser Gruppe auch Jugendliche, die wegen Umhertreibens verhaftet wurden oder über Jahre teils sieben oder acht Konzentrationslager durchliefen. Bis zur Befreiung 1945 hatten sie nicht selten mehr als ein Drittel ihres Lebens in Konzentrationslagern verbracht. Selbst nach Kriegsende schien das niemanden zu kümmern. Andere aus dieser Gruppe von Verfolgten wurden zwangssterilisiert. Es traf gleichermaßen Männer, Frauen und Jugendliche. Nach 1945 führten sie oft ein zurückgezogenes Leben ohne Familie und in Einsamkeit. Die sogenannten Berufsverbrecher mussten einen grünen Winkel tragen. Oft waren diese Häftlinge wegen Eigentumsdelikten vorbestraft, hatten ihre Haftstrafe aber zumeist längst verbüßt. Ab 1933 wurden sie ohne konkreten Tatvorwurf erneut verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt. Die Willkür ging so weit, dass mitunter sogar junge Männer ohne Vorstrafen deportiert wurden, allein deshalb, weil ihnen örtliche Polizisten eine kriminelle Laufbahn vorhergesagt hatten. Hier zeigt sich die gesamte Niedertracht des Nationalsozialismus, niemand war vor diesem Terror geschützt. Zum Gedenken an die Opfer bitte ich Sie, die Mitglieder des Landtags und der Landesregierung und unsere Gäste, sich von Ihren Plätzen zu erheben. (Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen) Wir gedenken der jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die ermordet wurden. Wir gedenken der Gewerkschafter, Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten und allen, die als politische Gegner verfolgt wurden. Wir denken an Sinti und Roma, an verfolgte Christinnen und Christen, an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, an Homosexuelle, an die Zeugen Jehovas. Wir gedenken der rassistisch Verfolgten. Wir denken an die Kriegsgefangenen und Opfer der Militärgerichtsbarkeit, an die Menschen in den besetzten Ländern, an die Mutigen im Widerstand und der Résistance, die ihren Kampf für die Menschlichkeit häufig mit ihrem Leben bezahlen mussten. Wir denken an psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung. Wir denken an die als sogenannte Asoziale oder Berufsverbrecher ermordeten Männer, Frauen und Kinder. Wir denken auch an die Überlebenden und die vielen, die psychisch gebrochen, ohne Halt und Familie, entwurzelt und dem Abgrund entronnen versuchen mussten, irgendwie weiterzuleben. (Stilles Gedenken) Ich danke Ihnen. (Die Anwesenden nehmen wieder Platz) Ein kürzlich vom Landtag in Auftrag gegebenes Forschungsprojekt zeigt, das Wissen über Verfolgung und Leiden ist heute weitgehend bekannt, aber in rheinland-pfälzischen Familien wird dennoch nur selten über die Zeit des Holocaustes gesprochen. Die Forschungsergebnisse zeigen aber ebenso, die Enkel- und Urenkelgeneration will dieses Schweigen über die eigene Familiengeschichte brechen. Die jungen Menschen wollen darüber sprechen, was damals geschehen ist und wie ihre Familien damit verbunden sind. Das zeigt, je mehr wir an Erinnerung zulassen, umso mehr befördern wir ein Klima des Nachfragens und damit nicht zuletzt der Reflexion über das eigene Leben und seine Handlungsmöglichkeiten. Ich bin der festen Überzeugung, dass es diesen persönlichen und empathischen Zugang zur Erinnerungskultur braucht, um auch für kommende Generationen wertvoll zu sein und von ihnen weitergetragen zu werden. Meine Damen und Herren, erst im Jahr 2020 hat der Deutsche Bundestag die bis dahin ignorierten Gruppen sogenannter Asozialer und Berufsverbrecher offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Das ist ein Anfang, der spät kam. Wichtig ist umso mehr, dass es kein Anfang bleibt, sondern Anschub für Erinnerung und Aufklärung wird. Hier muss mehr geschehen, auch um auf die verhängnisvolle Kontinuität der Ausgrenzung bis in unsere heutige Zeit aufmerksam zu machen. Ein, wenn nicht der Fürsprecher, der sich jahrelang für die Rehabilitierung dieser Opfergruppe eingesetzt hat, ist heute bei uns. Ich begrüße herzlich Professor Frank Nonnenmacher aus Frankfurt. Seien Sie uns herzlich willkommen. Herr Nonnenmacher, Sie werden uns nachher die Geschehnisse von damals historisch einordnen, und das auch als Zeitzeuge der zweiten Generation. Das Vertuschen und Verdrängen der Nachkriegszeit hat nicht nur dazu geführt, dass viele Gewaltverbrecher straffrei blieben, sondern auch, dass sich das menschenverachtende Gedankengut des Nationalsozialismus in Teilen der Gesellschaft erhalten konnte. Das ist die zweite Schuld der Deutschen. Selbst nach Kriegsende wurden viele Opfergruppen weiterverfolgt, diskriminiert und ausgegrenzt. Dazu zählten praktisch alle, die von der sozialen Norm abwichen. Die frühe Bundesrepublik verweigerte ihnen aber nicht nur Anerkennung und finanzielle Entschädigung, sie stellte sie auch pauschal weiter unter Kriminalitätsverdacht. Meine Damen und Herren, ich habe es eingangs erwähnt, aber ich möchte es an dieser Stelle noch einmal betonen. „Nie wieder“ darf niemals bloße Floskel sein. Wenn wir dieser Tage lesen müssen, dass sich heute in Deutschland wieder Menschen treffen, unter ihnen Mandatsträger, um die Vertreibung und Deportation von Millionen Menschen zu planen, dann sehen wir, das Gift der Nazis war nie weg. Das Unsagbare ist wieder sagbar geworden. Es findet Zustimmung in Teilen von Politik und Gesellschaft. Lassen wir uns von den scheinbar harmlosen Begriffen nicht täuschen oder gar beruhigen. Wenn sie „Überfremdung“ oder „Asylflucht“ sagen, dann wollen sie ein ethnisch-homogenes Deutschland. Wenn sie „klassisches Familienbild“ sagen, meinen sie das Ausgrenzen und die Abwertung derjenigen, die nicht in diese Kategorie passen. Wenn sie „Inklusion“ als „Ideologieprojekt“ bezeichnen, wollen sie Menschen mit Behinderung ihre Rechte nehmen. Wenn sie „Remigration“ sagen, dann meinen sie „Deportation“. Bleiben wir also sprachlich präzise, und übernehmen wir nicht die Begriffe der Menschenfeinde und Antidemokraten. Sie meinen die Deportation von allen, die ihnen nicht passen, egal ob sie Deutsche sind oder nicht. Vor dem Faschismus ist niemand sicher. In aller Deutlichkeit sagte es der Auschwitzüberlebende Primo Levi in nur neun Worten: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Es liegt jetzt an uns, nicht zuzulassen, dass es wieder geschieht. In den vergangenen Tagen sind dafür Hunderttausende in ganz Deutschland auf die Straße gegangen, Tausende auch in Rheinland-Pfalz. Die kleine Gemeinde Kasel bei Trier schaffte es sogar in die Tagesschau. Von den 1.300 Einwohnern versammelten sich hier spontan 500, um ein Zeichen für Demokratie und gegen Rechtsextremismus zu setzen. Welch starkes Zeichen von Bürgersinn! Die Kirchen, die Vereine, Gewerkschaften, viele Unternehmerinnen und Unternehmen, sie schließen sich an und melden sich zu Wort. Doch erwächst daraus auch eine starke dauerhafte Demokratiebewegung? Wenn wir „Nie wieder“ wirklich ernst meinen, dann sind insbesondere auch die demokratischen Parteien aufgefordert, zusammenzustehen und ein konstruktives lösungsorientiertes Miteinander zu finden. Das erwarten die Menschen zu Recht. Für mich ist klar, der nächste Schritt wird weit schwieriger. Ich meine den Schritt von der Straße in den Alltag der Menschen; denn dieser Schritt verlangt Rückgrat und Haltung, nicht nur in der Menge der Gleichgesinnten, die so wichtig ist, weil sie uns gegenseitig stärkt, jeder einzelne von uns ist nun gefragt, nein zu sagen, im persönlichen Umfeld, bei Familienfeiern, im Sporttraining, auf der Arbeit, überall. Nein zu Hass gegen Jüdinnen und Juden, nein zur Hetze gegen Migranten und Migrantinnen, nein zu Ausgrenzung und Abwertung von armen Menschen, von Wohnungs- und Obdachlosen, nein zur Geschichtsvergessenheit. Lassen Sie uns gemeinsam für Demokratie und Menschlichkeit einstehen. Zeigen wir, was „Nie wieder“ bedeutet. Leben wir es! Musik Schmuel Blasz Chad Gadia Nora Hespers: Das war „Chad Gadia“, „kleines Lämmchen“, eines von drei Liedern, das traditionell am Sederabend zu Beginn des Pessachfestes gesungen wird, auch hier in der Version von Schmuel Blasz. Was bedeutete es eigentlich, im Nationalsozialismus als „asozial“ verfolgt zu werden oder als „Berufsverbrecher“? Was bedeutet es bis heute für die Angehörigen dieser verfolgten Familien? Davon möchten Ihnen jetzt Alfons Ludwig Ims und die Schülerinnen und Schüler des Mons-Tabor-Gymnasiums berichten. Alfons Ludwig Ims ist studierter Mathematiker. Er war in vielen Ländern der Welt in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit tätig. Geboren und aufgewachsen ist er in Kaiserslautern, im Kalkofen, einem sogenannten sozialen Brennpunkt, auch schon in der Zeit des Nationalsozialismus. Seine Eltern galten den Nazis als „moralisch minderwertig“, ebenso seine Geschwister. Sie kommen in die Fürsorge. Die Recherchen von Herrn Ims beginnen im Jahr 2005 und mit der Frage: „Haben Ihre Geschwister eigentlich überlebt?“ Zeitzeugenbericht Alfons Ludwig Ims: Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, sehr geehrte Frau stellvertretende Ministerpräsidentin, meine Damen und Herren! „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern; er will unter sich keine Sklaven sehn und über sich keinen Herrn.“ Dieses Menschenbild Bertolt Brechts war den Nazis absolut fremd, dass eben alle Mitglieder der Gesellschaft gleichwertig sind. Für die Nazis gab es eine unterschiedliche Wertigkeit des Menschen. Es gab die Herrenmenschen, die Herrenrasse – die wurde gehegt und gepflegt –, und es gab die Untermenschen, die Ballastexistenzen, die den Stiefel ins Gesicht bekamen. Zu den Letzteren gehörte meine Familie. Erstens: Zur Chronologie. Die Landflucht meiner Großeltern Ende des 19. Jahrhunderts von der Nordpfalz nach Kaiserslautern führte zu dem sozialen Abstieg meines Großvaters vom Schneider zum Hilfsarbeiter. 1900 kam mein Vater Heinrich Ims als fünftes von neun Kindern in ärmlichen Verhältnissen in Kaiserslautern zur Welt. Nach Abschluss der Volksschule zur Zeit des Ersten Weltkriegs gab es für ihn weder Ausbildung noch Arbeit. 1923 ließ er sich als Tagelöhner von den Pfälzer Separatisten anwerben, was ihn später in den Augen der Nazis zum „Stänkerer“, „vaterlandslosen Gesellen“ und „Landesverräter“ machte. 1924 wird das erste Kind meines Vaters und der Zimmermannstochter Anna Vollet in Wolfstein in der Pfalz geboren. Fünf Monate später heirateten die Eltern, wobei ihre Beziehung anfangs unter keinem guten Stern stand. Obwohl drei Kinder, hatten sie erst nach drei Jahren Ehe eine gemeinsame Wohnung. Mein Vater war oft arbeitslos, und die Familie lebte in Elend und Armut. Ein Kind ist 1934 im Alter von vier Monaten erfroren. Die Nazis machten aus diesem Sozialfall aus der Weimarer Republik „moralische Minderwertigkeit“ mit der Konsequenz, dass die Familie zerschlagen wurde. Dies begann 1936. Der Lehrer meines damals zehn Jahre alten Bruders beklagte, er würde „sehr häufig die Schule versäumen“, wäre eine „Gefahr für die Klasse“. Das Vormundschaftsgericht stellte ihn daraufhin unter „Schutzaufsicht“. Es folgt eine Auseinandersetzung zwischen den Institutionen über die Notwendigkeit von Fürsorgeerziehung, über die Ursache der Misere und damit über die „Wertigkeit der Familie für den Volkskörper“. Fortan war die Familie permanenten Kontrollen ausgeliefert. Polizei, Schulbehörde, Jugendamt, Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) und Justiz gaben sich die Klinke in die Hand, protokollierten fehlendes Mobiliar, zerlumpte Kleidung, katastrophale hygienische Zustände und die Verantwortungslosigkeit der Mutter. 1937: Nach der Geburt von Zwillingen haben mein Vater und Anna sieben Kinder. Es war aber keine „kinderreiche Familie“; denn nationalsozialistisch konnte – Zitat – „von einer kinderreichen Familie nur dann gesprochen werden, wenn es sich um eine erbtüchtige Familie handelt. Asoziale sind nie kinderreich; bei ihnen kann höchstens von einer asozialen Großfamilie gesprochen werden“. Hätte Anna dem Weiblichkeitsideal der Nazis entsprochen, dann wäre sie mit ihren sieben Kindern als „Fruchtschoß des Dritten Reiches“ – Goebbels – Anwärterin auf das silberne Ehrenkreuz der Deutschen Mutter gewesen. Von den Nazis wurde sie jedoch als „geistig minderwertig“ zwangssterilisiert. Das Vormundschaftsgericht sieht in erster Linie den Grund der Misere in der Mittellosigkeit der Eltern und spricht – Zitat – „von der Pflicht der armenrechtlichen Fürsorge, hier helfend einzugreifen“. Demgegenüber stellt die Polizei fest – Zitat –: „Der Ehemann Ims hat sich während der Separatistenzeit aktiv beteiligt, weshalb er die Voraussetzungen für die Gewährung der einmaligen Kinderbeihilfe in politischer Hinsicht nicht erfüllt. Seine Frau ist geistig minderwertig. Sie wurde zur Verhütung erbkranken Nachwuchses sterilisiert, womit die Familie das Anrecht auf Zuwendung laufender Kinderzulagen verlor.“ Die politische Logik hinter dieser Verweigerung von Sozialleistungen erklärte Reichsinnenminister Wilhelm Frick – Zitat –: „Was wir bisher ausgebaut haben, ist eine übertriebene Personenhygiene der Fürsorge für das Einzelindividuum ohne Rücksicht auf die Erkenntnisse der Vererbungslehre, der Lebensauslese und der Rassenhygiene. Diese Art moderner ‚Humanität’ und sozialer Fürsorge für das kranke, schwache und minderwertige Individuum muss sich für das Volk im Großen gesehen als größte Grausamkeit auswirken und schließlich zu seinem Untergang führen.“ Damit waren die Prinzipien christlicher Humanität und Fürsorge eindeutig aufgekündigt und die gesamte Sozialpolitik einem rigiden Selektionsschema von „wertvollem“ und „unwertem Leben“ unterworfen. Soziale Fürsorge war überflüssige „Wohlfahrtsduselei“ – Adolf Hitler 1922 in „Mein Kampf“. An ihre Stelle trat „Volkspflege“, sprich „Rassenhygiene“. September 1938: Das Vormundschaftsgericht verfügt Fürsorgeerziehung für meine älteste Schwester, und sie wird in die Diakonie in Speyer eingewiesen. Die Nazis geben sich nicht damit zufrieden, dass nur eine Tochter aus der Familie genommen wird. Sie haben die ganze Familie im Fokus. Aus ihrer Sicht waren die sozialen Probleme meines Vaters und seiner Familie einschließlich seiner Arbeitslosigkeit Ausdruck der „minderwertigen Erbanlagen“. Zitat: „Die Grundursache aller wiederholt festgestellten Mängel und Übelstände in der Familie Ims kann nicht in häuslicher Not und Armut gesehen werden: diese sind Folgen, nicht Ursachen. Ursache ist ausschließlich die moralische Minderwertigkeit beider Eheleute.“ Daraufhin entscheidet das Vormundschaftsgericht, dass die Kinder der Eheleute Ims zur Fürsorgeerziehung in der Diakonie in Speyer untergebracht werden. Ein Rassentheoretiker vertrat die Ansicht: „Die Fürsorgeerziehung für entartete Jugendliche lässt sich zu einem rassenpflegerischen Sieb ausgestalten.“ Februar 1939: Mit einer Ausnahme sind die Kinder aus der ersten Ehe meines Vaters „rassenhygienisch gesiebt“. Juni 1939: Die Stadtverwaltung von Kaiserslautern beschließt, den – Zitat – „menschlichen Ausschuss in einer Ecke zusammenzukehren“. Mein Vater, Anna und mein zweitältester Bruder werden auf dem Kalkofen, das Elendsviertel von Kaiserslautern, untergebracht. Die NSV und das Jugendamt beantragen auch für diesen Bruder Fürsorgeerziehung mit der Begründung: „Die Eltern sind nicht in der Lage, ihn zu einem brauchbaren Menschen zu erziehen. In diesem Milieu ist der Junge einer dauerhaften Gefahr ausgesetzt.“ Das Vormundschaftsgericht lehnt diesen Antrag ab mit der Begründung: „Wenn die Wohnung und Unterbringung ausschlaggebend sein soll, müsste wohl die Jugend des Kalkofens geschlossen in Fürsorgeerziehung.“ Ich beschränke mich auf meine älteste Schwester und die Zwillinge. Bei den Zwillingen sollte man annehmen, dass die Erfolgsaussichten hinsichtlich einer „Schicksalskorrektur“, das heißt normale Entwicklung, Erziehung, Schulbildung, bei entsprechender Fürsorge am größten waren. 1941, zwei Jahre nach ihrer Einlieferung, gelten die Vierjährigen jedoch als „unerziehbar“ und „schwachsinnig“. Dieses Stigma wird ihre Behandlung durch die Behörden weiterhin prägen. Die Diakonie schlägt vor, sie in der Heil- und Pflegeanstalt in Frankenthal unterzubringen. Als Alternative nennt die Diakonie die „Euthanasie“-Zwischenanstalt in Scheuern, was meine Geschwister zu Grenzfällen der Euthanasie macht. Sie kommen aber zunächst nach Frankenthal. 1942: Das Vormundschaftsgericht überlegt, meine Schwester in die Familie zurückzugeben. Die Diakonie erhebt Einspruch und hält es – Zitat – „für ihre Pflicht, dem Amt nahezulegen, die Frage der Unfruchtbarmachung zu prüfen“. Meine Schwester ist vierzehneinhalb Jahre alt. Sie wird zur Beobachtung vorläufig in der Heil- und Pflegeanstalt Frankenthal untergebracht und ist wieder mit ihren jüngeren Brüdern zusammen. Zwei Monate später – ich würde fast sagen zum Glück – wird Frankenthal ausgebombt. Die Heil- und Pflegeanstalt wird zerstört, und die Kinder kommen in ein Heimerziehungslager in die Nähe von Landau. April 1943: Anna, die erste Frau meines Vaters, stirbt. Zweitens: eine gravierende Veränderung. Im März 1944 heiratet mein Vater meine Mutter Ludwina Rimmelspacher. Sie wurde 1910 in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Forchheim bei Karlsruhe geboren und war von Geburt an mit kleinen Missbildungen, einem leicht schiefen Mund und einem halb zugewachsen Ohr, gekennzeichnet. Nach der Schule war sie in der kleinbürgerlichen Landwirtschaft der Familie tätig. Ab etwa dem 20. Lebensjahr hat sie als Hausangestellte gearbeitet. 33-jährig lernt sie auf einem Weingut nahe Grünstadt meinen verwitweten Vater kennen und heiratet ihn. Die Wohnung meines Vaters auf dem berüchtigten Kalkofen war für sie ein enormer sozialer Abstieg. Sie wird in der Familie meines Vaters diskriminiert – für eine ihrer Schwägerinnen war sie „es Schäppmaul“ – und durch die Nazis – Zitat –: „Es finden sich die Erbuntauglichen mit dem instinktsicheren Gefühl der Zusammengehörigkeit zueinander.“ Oder an anderer Stelle – Zitat –: „Die typische Frau für den Asozialen ist nicht die Kriminelle, sondern die Schlampe.“ Somit wird meine Mutter durch die Heirat zur „asozialen Schlampe“. Wenn es eine Heldin in der Familiengeschichte gibt, dann ist das meine Mutter. Entsprechend ihrer moralischen Werte übernimmt sie die Verantwortung für die sieben Kinder, wobei der älteste gerade einmal 14 Jahre jünger ist als sie. Fünf Monate nach der Heirat erzielt sie den ersten Erfolg. Die beiden jüngeren Schwestern werden nach fünfeinhalb Jahren Fürsorgeerziehung nach Hause entlassen. Mai 1945: Die sozialpolitische Diskriminierung der Familie geht weiter. Meine Mutter kämpft nun gegen die naziverkrusteten Strukturen. Frühjahr 1947: Im Landeserziehungsheim werden 46 Kinder, darunter auch die Zwillinge, als „bildungsunfähig“ „ausgesiebt“ und zur Weitererziehung in der Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster untergebracht. In Klingenmünster bestand aber keine schulische Ausbildungsmöglichkeit. Die erste pädagogische Fachkraft kam Anfang der 60er-Jahre nach Klingenmünster. Meine Mutter schreibt unermüdlich Anträge, um die Zwillinge aus der Anstalt zu bekommen, die immer mit der gleichen Begründung „sie seien unerziehbar“ abgelehnt werden. Letztendlich wird den Eltern sogar gedroht – Zitat –: „Falls die Eltern weiterhin so uneinsichtig sind, müssen wir den Antrag stellen, ihnen die Fürsorgerechte zu entziehen.“ – 1947. Meine Mutter lässt sich nicht einschüchtern. Im Jahr 1951 bewirkt sie, dass die Zwillinge erstmals zu Weihnachten für 14 Tage beurlaubt werden. Sie wurden nie offiziell entlassen, sondern kehrten nur gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte in Klingenmünster nicht mehr dorthin zurück. Somit hat die nationalsozialistische Rassenhygiene für die Familie folgende traurige Bilanz: Anna Vollet, die erste Frau meines Vaters, ist, wie eine Nichte meines Vaters, eine von 400.000 Zwangssterilisierten. Mein Vater ist als „asozial“ und „moralisch minderwertig“ stigmatisiert, musste aber nicht, wie der Mann dieser Nichte, im KZ den schwarzen „Asozialen“- Winkel tragen. Die Familie lebte in dem sozialen Brennpunkt von Kaiserslautern. Mein ältester Bruder hat als Pflegekind sechs Jahre für einen Ortsbauernführer und Ortsgruppenleiter der NSDAP gearbeitet. Mein zweitältester Bruder kam mit vier Wochen Jugenderziehungslager einigermaßen glimpflich davon. Meine älteste Schwester ist als „angeboren schwachsinnig“ stigmatisiert und wohl nur durch die Bombardierung von Frankenthal der Zwangssterilisation entronnen. Die beiden jüngeren Schwestern hatten insofern Glück, als dass sie „nur“ fünfeinhalb Jahre in der Diakonie in Speyer waren. Die Zwillingsbrüder sind „fürsorglich“ erzogene Analphabeten, als „angeboren schwachsinnig“ stigmatisiert und wohl nur durch die Bombardierung von Frankenthal der Euthanasie entronnen. Meine Mutter muss mit dieser Bilanz zurechtkommen und kann in der Folgezeit ihren beiden leiblichen Kindern, meiner Schwester und mir, keine vorteilhaften Startbedingungen liefern. Meine Familiengeschichte zeigt, dass Rassenideologie auch Deutschblütige, und zwar auch jenseits der KZs, betraf. „Arisch“ zu sein war notwendig, aber nicht hinreichend. Nur wer „arisch“ und „erbtüchtig“ war, hatte ein berechtigtes Dasein. Drittens: zur „Verdauung“ der Geschichte. Aus Sicht der Nazis war „Asozialität“ erblich, also müsste ich ein „asoziales“ Gen in mir tragen. Warum sich das vielleicht nicht so offen zeigt, erklärt mein Lieblingszitat eines Rassentheoretikers: „Einzelne sozial brauchbare Kinder aus asozialen Großfamilien sind folgerichtig nichts anderes als ein Hinweis auf Seitensprünge der Mutter.“ Das ist Logik. Ich bin nicht als „Seitensprung meiner Mutter“, sondern als Sohn von Heinrich und Ludwina Ims im Jahr 1949 geboren und habe über 50 Jahre gebraucht, um mit meinem streng proletarischen Stammbaum und meiner Herkunft aus den sozialen Brennpunkten zurechtzukommen. Im Jahr 2007 begann ich mit Familienforschung und hatte dabei nicht im Entferntesten daran gedacht, dass ich mich mit der „Asozialen“-Politik der Nazis auseinandersetzen werde. Wie es kam, dass wir in einem sozialen Brennpunkt lebten, wurde weder problematisiert noch diskutiert. Erst mit der Erscheinung der Familienbiografie im April 2022 wurde es ein Thema und hat die Familie geteilt. Einige ziehen selbsttherapeutisch Stolz und Selbstachtung aus der Tatsache, dass sie trotz „asozialer Erblast“ dem Milieu entronnen sind, andere, obwohl auch aus dem Milieu entronnen, zeigen Widerstand, fühlen sich überfordert und wollen das Thema weiter unter den Teppich kehren. Eine Nichtoffenlegung wird oft mit Scham begründet. Ist aber Scham ein taugliches Konzept, um zu verstehen, warum tabuisiert und verdrängt wird, oder verschleiert dieser Begriff mehr als er benennt? Für mich ist hier Scham ein trojanisches Pferd. Scham ignoriert den gesellschaftlichen Kontext, der sie hervorruft und hinterfragt nicht, welche Konsequenzen die Familie durch die „Asozialen“-Politik der Nazis ertragen musste. Das Problem geht aber weit über das Nichthinterfragen hinaus. Würde ich mich schämen, weil mein Vater von den Nazis als „asozial“ und „moralisch minderwertig“ angesehen und behandelt wurde oder weil meine Geschwister nicht lesen und schreiben konnten? Worauf würde sich diese Scham beziehen? Auf die Nazis und wäre damit Fremdschämen für deren menschenverachtende Politik? – Ich finde, das ist fehl am Platz. Empörung und Wut wären angebrachter. Oder bezieht sie sich auf den „asozialen“ Vater bzw. die „angeboren schwachsinnigen“ Brüder? – Dann verschwinden aber die Begründungszusammenhänge, und ich würde die Normvorstellungen der Nazis übernehmen, das heißt, in der Scham wäre der Rassenwahn als dunkler Geist versteckt wie die griechischen Soldaten im trojanischen Pferd. Viertens – mein letzter Punkt –: Es gibt keine Gegenwart ohne Vergangenheit. Wir gedenken einem nach wie vor diskriminierten Teil der Gesellschaft. Für die von den Nazis sozialpolitisch Verfolgten gilt nicht das „Nie wieder“, auch nicht ein „Schon wieder“, sondern das „Immer noch“. Allein die Übernahme der Begrifflichkeit „asozial“ trägt zum Fortbestand der Diskriminierung der Ausgegrenzten bei, weil weder die soziale Stigmatisierung noch die menschenrechtsverachtende „Asozialen“-Politik der Nazis thematisiert, noch nicht einmal angedacht wird. Ein Verdrängen und Vergessen der verbrecherischen Rassenhygiene der Nazis schafft den Freiraum für die Trivialisierung der NS-Barbarei, aber nicht nur der Freiraum wird geschaffen, sondern die Diskriminierung sozialer Außenseiter wird fortgeführt, da für die Nichtnormalen, die Nichtangepassten das NaziBild des „Asozialen“ aufrechterhalten wird. Verdrängen schafft genau den Freiraum, in dem sich das menschenverachtende Denken der Täter wieder breitmachen kann, etwa durch den „Vogelschiss“- Begriff oder wenn eine 180 Grad-Erinnerungswende gefordert wird, um mit „wohltemperierter Grausamkeit den Stall auszumisten“. Es schafft den Freiraum für Remigrationsfantasien nach dem Motto „Deutschland wieder deutscher machen“, im Klartext „Reinigung des Volkskörpers“. Äußerst problematisch wird es, wenn der Grundgedanke bewusst verdeckt werden soll, dass „Asoziale“ keine Opfer waren, weil mit diesem „Abschaum“ damals richtig umgegangen wurde. So könnte man auch heutzutage mit diesen „Sozialschmarotzern“, diesen „Leistungsbetrügern“ und „Sozialstaatsabzockern“, den „Wirtschaftsflüchtlingen“ und „Sozialtouristen“ umgehen, wobei mit diesen Begriffen nicht die Steuerbetrüger, Steuerflüchtlinge oder Cum-Ex-Experten gemeint sind. Die Ideologie der Ungleichwertigkeit hat sich gewandelt. Anstelle der Rassenhygiene trat Klassismus. Die Schädlichkeit für den Volkskörper wurde durch das Stigma der verminderten Leistungsfähigkeit und ökonomischen Nutzlosigkeit ersetzt. Diese Ideologien zeigen sich in jeder Abwertung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer selbstbestimmten geschlechtlichen Identität oder ihrer sozialen Lage. Geschichte wiederholt sich angeblich nicht, aber der momentane Zeitgeist zeigt nicht nur in Deutschland immer stärkere nationalistische und rassistische Ausprägungen. So werden wieder Antidemokratinnen und Antidemokraten in unsere Parlamente gewählt, die ihren Antrieb aus Ideologien der Ungleichwertigkeit ziehen. Die universellen Menschenrechte, also auch unsere verfassungsmäßige Ordnung, sind das exakte Gegenteil zum NS-Staat. Eine Verharmlosung, Relativierung oder Negierung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und der rassenideologischen Barbarei richtet sich damit gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung als Kernbestand des Grundgesetzes. Deren drei bestimmende Kernelemente sind Menschenwürde, Demokratieprinzip und Rechtsstaatlichkeit. Sie sind die Messlatte für die demokratische Qualität unserer Gesellschaft, sie sind auch die Leitplanken für den Umgang mit schwachen und benachteiligten Gruppen und somit eine Messlatte für die moralische Qualität unserer Gesellschaft. An diese Werte möchte ich erinnern. Diese Werte gilt es zu verteidigen. (Anhaltend Beifall im Hause) Biografien von NS-Verfolgten aus dem Westerwald Helin Yitmez: Heute vor 79 Jahren erfolgte die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Unter den Befreiten befand sich mit August Schäfer aus Nister ein als sogenannter Arbeitsscheuer und Asozialer verfolgter Häftling. Dass die NSSchergen auch für diese Gruppe keine Gnade kannten, zeigt die Notiz, die der jüdische Häftlingsarzt Dr. Otto Wolken bei der Ankunft von Schäfers Deportationszug im Vernichtungslager Birkenau festgehalten hatte: Max Zerfas: „Am 5. Dezember 1943 kam spät abends ein Transport körperschwacher Häftlinge aus dem Lager Flossenbürg in unseren Lagerabschnitt. Alle sollten vergast werden. Es handelte sich durchwegs um nichtjüdische Häftlinge. Die Vergasung von ‚Ariern’ ist inzwischen eingestellt worden, und so kam der ganze Transport zu uns. In Flossenbürg sind 1200 Mann verladen worden. 948 [von ihnen] sind lebend in Auschwitz angekommen. Etwa 80 der Allerschwächsten wurden auf Befehl des Lagerführers nicht in einen der Blöcke gelassen, sondern auf den Holzhof gebracht und dort im Freien – es herrschte strenger Frost – in den Schnee gelegt. Es wurde sogar befohlen, sie mit Wasser zu bespritzen, um den Erfrierungsprozess zu beschleunigen.“ Helin Yitmez: Schäfer hatte kurz nach seiner Ankunft bei einer Körpergröße von 1,83 m nur noch ein Gewicht von 47 kg und noch 14 Monate Haft in Auschwitz-Birkenau vor sich. Zeitweise war er in einer Baracke in direkter Nähe zur Gaskammer Zeuge des Unfassbaren. Sanjay Sivakumar: Ein zunächst in geregelten Bahnen verlaufendes Leben war 1929 mit der aufziehenden Weltwirtschaftskrise aus den Fugen geraten. Der als Packer in einer Holzgroßhandlung beschäftigte August Schäfer wurde arbeitslos, sein über Darlehen finanzierter Hausbau überforderte ihn, die jüngste Tochter starb. Schäfer verlor die Nerven. Als er nach der Ehescheidung zwei Notstandsarbeiten ablehnte, wurde er im April 1938 in Schutzhaft genommen und nach Buchenwald verschleppt, ins tödlichste aller Konzentrationslager vor dem Krieg. Er gehörte damit zu den ersten 2.000 sogenannten Arbeitsscheuen, die auf Weisung des Reichsführers SS Heinrich Himmler bei zweimaliger Ablehnung einer zugewiesenen Arbeit von den Arbeitsämtern zu melden und in ein KZ zu überführen waren. Dort trugen sie auf der gestreiften Kleidung den schwarzen Winkel und standen in der Häftlingshierarchie weit unten. Schäfer wurde nach Hitlers 50. Geburtstag im Rahmen einer Amnestie zunächst entlassen, aber 1942 – wie so viele andere – als Rückfälliger erneut verhaftet und ins KZ Flossenbürg deportiert. Er überlebte hier und auch später in Auschwitz, weil er vermutlich Kommandos im Häftlingskrankenbau zugeteilt wurde. Nach seiner Rückkehr in sein Heimatdorf lebte er von 33 Reichsmark Rente und blieb bis zu seinem Tod 1959 der Ausgestoßene, dem seine Mitbürger aus dem Weg gingen. Berno Lause: Was verbindet dieses Schicksal mit dem zweiten Fall, den wir aus dem Westerwald heute vorstellen? – Ebenso „lästig“ wie Schäfer erschien der Geheimen Staatspolizei der tiefgläubige Schreiner Franz Kleck aus Merkelbach. Der ehemalige Ordensbruder der Jesuiten scheute sich nicht, als katholischer Bezirksjungscharführer Vertretern des NS-Staates entschlossen entgegenzutreten. Im Januar 1936 kam es zur Konfrontation mit einem NSDAP-Stützpunktleiter, als dieser eine Jungscharstunde als illegale Veranstaltung deutete. Kleck passte sich dem rüden Umgangston an: Seda Tunc: „Es ist unverschämt, uns als freie, deutsche Jugend in solch einer Weise zu führer trete ich für diese Jungen ein!“ Berno Lause: Seine Courage bezahlte der Jugendfunktionär im November 1937 – an einem Höhepunkt der Kirchenverfolgungen – mit seiner Verhaftung. Zum ursprünglichen Verdacht der Herstellung illegaler Flugblätter kam eine Anklage nach dem Homosexuellenparagrafen 175 hinzu. Franz Kleck durchlief mehrere Gefängnisse, bis er 1941 freikam und nach Saarbrücken ging. Wie Schäfer wurde er 1942 erneut verhaftet und wegen angeblich unzüchtiger Handlungen mit Männern zu 18 Monaten Gefängnis und anschließender fünfjähriger Sicherungsverwahrung verurteilt. 1944 verschleppte man ihn in die Konzentrationslager Natzweiler und Dachau. Aus dem ursprünglich politisch Verfolgten war ein sogenannter Berufsverbrecher geworden, der den grünen Winkel zuletzt getragen haben dürfte, als Sicherungsverwahrter in umgekehrter Form. Franz Kleck starb wenige Wochen vor der Befreiung im März 1945 in Dachau. Maxim Chetchouga: Biografien wie diese beiden vorgestellten wurden durch die Nazis gebrochen und zerstört. Unser Lehrer Dr. Markus Müller hat noch zahllose weitere Schicksale aus dem Westerwaldkreis über Jahre hinweg systematisch erforscht, die bis in die Gegenwart verschwiegen und vergessen wurden. Ein Leistungskurs hat unter seiner Anleitung selbst unentdeckte Lebensläufe aufgearbeitet und veröffentlicht. Die beiden Grundkurse Geschichte, die wir heute hier vertreten, haben Gedenktafeln für Franz Kleck und August Schäfer entworfen, die vor Ort künftig dauerhaft an die beiden Männer erinnern werden. Während eine Plakette an seinem Elternhaus in Merkelbach schon an Kleck erinnert, wird die Gedenktafel für August Schäfer in Nister an einer ehemaligen „Hitler-Eiche“ angebracht werden und damit eine symbolische Umwidmung markieren. Begangenes Unrecht wird sichtbar vor Augen geführt, die Opfer endlich rehabilitiert. Der erste Artikel des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ war uns eine persönliche Verpflichtung. Vielen Dank. (Beifall im Hause) Nora Hespers: Vielen Dank an die Schülerinnen und Schüler des Mons-Tabor-Gymnasiums, namentlich Helin Yitmez, Max Zerfas, Sanjay Sivakumar, Berno Lause, Seda Tunc und Maxim Chetchouga, die uns die eindrücklichen Biografien von August Schäfer und Franz Kleck geschildert haben. Dahinter steckt großes privates Engagement, auch durch den Lehrer dieser Klassen, Herrn Dr. Markus Müller. Von seinen Schülerinnen und Schülern soll ich Ihnen ausrichten: Mehr solcher Projekte im Geschichtsunterricht, bitte! – (Beifall im Hause) Privates Engagement war es auch, das 2020 überhaupt die offizielle Anerkennung dieser verleugneten Opfergruppen möglich gemacht hat durch eine Petition an den Bundestag, initiiert von Frank Nonnenmacher, Professor für Politische Bildung – inzwischen im Ruhestand – an der Goethe-Universität in Frankfurt und Neffe von Ernst Nonnenmacher, der während des Nationalsozialismus als sogenannter Berufsverbrecher verfolgt wurde. Frank Nonnenmacher fordert die stärkere und flächendeckende Aufarbeitung einer historischen Lücke, deren Folgen bis ins Heute reichen. Historische Einordnung Professor Dr. Frank Nonnenmacher: Vielen Dank für die Einladung, Herr Landtagspräsident. Vielen Dank, Frau stellvertretende Ministerpräsidentin. – Ich bin sehr glücklich, dass diese Veranstaltung stattfindet. Sie ist eine einmalige Geschichte – leider. Ich hoffe, dass sie in anderen Landesparlamenten und im Bundesparlament Schule macht. Heute vor 79 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Es ist sehr gut, dass wir uns daran erinnern, an jenen einzigartigen Völkermord, den wir die Shoah nennen. Es gehört inzwischen zu unserer Gedenkkultur, dass wir uns auch an die anderen Opfer erinnern, nämlich an die mit dem roten Winkel markierten politischen Häftlinge – selbstverständlich – oder auch die Sinti und Roma, die Homosexuellen, die Eugenikopfer. Seit dem Bundestagsbeschluss vom 18. Februar 2020 gehören jetzt offiziell endlich auch diejenigen Opfer des Nazisystems dazu, die als „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ diskriminiert und in den KZ gequält und in großer Zahl ermordet wurden. Sanjay Sivakumar hat eben gerade über August Schäfer gesprochen, über einen von den Nazis Verfolgten berichtet, der im KZ Flossenbürg war und dort mit dem schwarzen Winkel der „Asozialen“ markiert wurde. Ich bin unter anderem hier, weil auch mein Onkel Ernst Nonnenmacher zur gleichen Zeit in diesem Konzentrationslager war. Es ist durchaus möglich, dass August und Ernst sich dort begegnet sind. Mein Onkel Ernst, geboren 1908, und sein jüngerer Halbbruder Gustav waren die Söhne einer ledigen Mutter, die in der Weimarer Republik unter elendsten Bedingungen lebte. Die Fürsorge nahm den Jüngeren, meinen Vater Gustav Nonnenmacher, der später Bildhauer in Worms wurde, der Mutter weg und gab ihn in ein Waisenhaus. Ernst, der Ältere, lernte schon als Junge sehr früh, dass es notwendig ist, alles Mögliche für das Überleben zu „organisieren“, zum Beispiel, indem er auf dem Wochenmarkt etwas Essbares mitgehen ließ oder indem er Kohlen klaute, weil sonst das Kanonenöfchen kalt geblieben wäre. Er wurde dann später Wanderarbeiter, mehrfach straffällig, zum Beispiel wegen Diebstahls, Bettelei – was damals ein strafbares Delikt war –, Hehlerei und Verstoßes gegen die Meldegesetze. Im Mai 1941, nach vollständiger Verbüßung seiner letzten Haftstrafe, hatte er in Stuttgart Arbeit gefunden und wollte sich polizeilich anmelden. Die Polizei nahm ihn aber fest. Für Leute wie Dich haben wir extra Einrichtungen, lautete die Begründung. – Er wurde ohne weiteres Verfahren in das KZ Flossenbürg transportiert. Er bekam dort erst einen schwarzen und nach wenigen Tagen einen grünen Winkel der „Berufsverbrecher“ wie Franz Kleck aus dem Projekt Montabaur. Zum Kern der Naziideologie gehörte, dass die Menschen durch ihre Vorstrafen bewiesen hätten, dass sie genetisch defekt seien – also war auch das ein genetischer Defekt, genau wie in der Erzählung von Alfons Ims – und sie deshalb aus der arischen Gesellschaft „ausgemerzt“ werden müssten. Zu diesem Zweck hat auch mein Onkel Ernst im Granitsteinbruch im KZ Flossenbürg Schwerstarbeit verrichten müssen und sollte so, wie es offiziell hieß, „durch Arbeit vernichtet“ werden. Ernst drückte es mir gegenüber später so aus: Als ich meine zivilen Sachen abgab und die gestreifte Häftlingskleidung anziehen musste, verlor ich mein Menschsein. – Er erlebte die volle Härte im Steinbruch. Er wurde von einem herabstürzenden Felsbrocken getroffen; die Schmerzen begleiteten ihn ein Leben lang. Er wurde auch auf den berüchtigten Bock geschnallt – das kann ich jetzt wegen Zeitmangels nicht erklären – und bekam die 25 Peitschenhiebe gleich doppelt. Nach etwa eineinhalb Jahren war er kurz vorm „Eingehen“, wie es in der Lagersprache hieß. Da geschah etwas Unerwartetes: Beim Morgenappell wurde gefragt: Wer von Euch Schuften kann Korbflechten? – Als Jugendlicher hatte Ernst das in einem Erziehungsheim gelernt und konnte es gut. Die meisten, die sich gemeldet hatten, bekamen die berühmten „25 auf’n Arsch“, weil sie in ihren Papieren bewiesen hatten, dass sie kein Korbflechten konnten, sondern sich nur mit der Hoffnung auf ein besseres Kommando gemeldet hatten. Ernst aber hatte den Beleg, dass er Korbflechten konnte, und kam ins KZ Sachsenhausen. Später beschrieb er das so: Das Korbflechten war für mich wichtig. Man hat da ein Material in der Hand gehabt und hat ein ganzes Stück fertig gemacht. Wenn es fertig war, hat man gewusst: Das habe ich gemacht. Das ist mir dann in Flossenbürg zugute gekommen. – So kam er nach Sachsenhausen. Es war reines Glück, dass er dort in einem Kommando war, in dem die Häftlinge defekte Geschosskörbe reparieren mussten, Tausende von Geschosskörben jeden Tag, die mit der Bahn transportiert wurden. Es war von den Arbeitsbedingungen her ein vergleichsweise gutes Kommando, denn die Bedingungen zum Überleben waren deutlich besser als im Steinbruch von Flossenbürg, schon allein weil die Arbeit wettergeschützt in einer Halle und im Sitzen stattfand. Ernst freundete sich mit seinem Vorarbeiter, einem „Politischen“ namens Fritz Fiege an und mit Otto Auerswald, ebenfalls einer mit dem roten Winkel. Gemeinsam versuchten sie zu überleben. Dann kam der 27. Januar 1945, die Befreiung des KZ Auschwitz. Die Nachrichten darüber und das bevorstehende Ende des NS-Staats kamen auch im Lager an. Die Stimmung unter den Häftlingen war geprägt von Hoffnung auf eine baldige Befreiung und gleichzeitig panischer Angst, dass man sie vielleicht nicht mehr erleben würde. Es dauerte aber noch fast drei quälend lange Monate, bis auch die verbliebenen Häftlinge des KZ Sachsenhausen am 22. April 1945 durch sowjetische Truppen befreit wurden. Ehemalige KZ-Häftlinge waren, wie gesagt, keineswegs automatisch als Opfer des Faschismus anerkannt. Entsprechend mussten in der Bundesrepublik zum Beispiel Homosexuelle und die Volksgruppe der Sinti und Roma lange, lange kämpfen, um als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden. Für die Gequälten und Ermordeten mit dem grünen und dem schwarzen Winkel kämpfte jahrzehntelang niemand. Die Betroffenen schwiegen. Sie schrieben keine Erinnerungsliteratur. Über sie wurde nicht geforscht. Sie wurden nicht als Opfer anerkannt. Sie kamen im staatlichen Gedenken nicht vor. Erst mit dem Bundestagsbeschluss vom Februar 2020 – die meisten Betroffenen leben ohnehin nicht mehr – wurde unmissverständlich und ohne jedes Wenn und Aber klargestellt – ich zitiere –: Kein Mensch war zu Recht im KZ, auch Menschen mit dem schwarzen und dem grünen Winkel nicht. – Erst allmählich setzt sich aber die Erkenntnis durch, warum diese Verfolgung schon unter normalen rechtsstaatlichen Perspektiven rechtswidrig war. Die Haft im KZ war an keine konkrete Straftat gebunden. Es lag keine vor. Es gab keine richterliche Anordnung. Es gab keine Anfechtungsmöglichkeit. Die Maßnahmen waren unbefristet. Schon allein aus diesen Gründen war die Verfolgung der „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ von Anfang an menschenrechtswidrig. Wie ging es nun mit Ernst nach der Befreiung weiter? – Wie verabredet trafen sich die Freunde Fritz und Ernst in Witzenhausen bei Kassel und eröffneten dort eine Korbmacherei. Fritz wurde als politischer Häftling sofort als Opfer des Faschismus anerkannt, durfte infolgedessen gleich ein Geschäft eröffnen, erhielt Haftentschädigung und die Erlaubnis, für das Geschäft ein Fahrzeug anzuschaffen. Ernst hingegen scheiterte mit seinem Begehren um eine Anerkennung. Ihm wurde sofort unmissverständlich und klar bedeutet, dass er nicht politisch, religiös oder rassisch verfolgt worden sei, er also zu Recht im KZ gesessen habe. Die Freunde wollten nicht aufgeben. Fritz hatte erfahren, dass ihr gemeinsamer Genosse Otto Auerswald – den ich vorhin erwähnt habe – inzwischen Polizeipräsident in Zwickau war und sogar Vorsitzender des dortigen Ausschusses, der über die Anerkennung von Verfolgten als Opfer des Faschismus entschied. In diesen lokalen Ausschüssen waren die Stimmen der ehemaligen politischen Häftlinge entscheidend. Die Hoffnung war, dass Otto, der Ernst aus dem Lager gut kannte, für eine offizielle Anerkennung sorgen würde. Otto aber kam von der Ausschusssitzung zurück und erklärte in aller Klarheit, dass es in der deutschen Gesellschaft und auch bei den Besatzungsmächten durchaus Vorbehalte gegen alle ehemaligen KZ-Häftlinge gebe, auch und selbst die „Politischen“ müssten um ihre Anerkennung kämpfen. Wir sprechen von Ende 1945/46. Dann fiel der entscheidende Satz: In dieser Situation können wir es uns nicht erlauben, uns nachsagen zu lassen, dass wir uns mit Kriminellen auf eine Stufe stellen. – Diese Aussage traf Ernst hart. Er schluckte zunächst alles hinunter, aber der Vorfall setzte nachhaltig einen Keil zwischen die Schicksalsgenossen. Die Freundschaft zwischen Ernst und Fritz zerbrach. Ernst zog weg von Witzenhausen. Er blieb eine kurze Zeit in Frankfurt und zog dann nach Mainz. Er arbeitete bis zur Verrentung bei der Deutschen Asphalt. Er arbeitete dort „im Teer“, ich habe es einmal gesehen. Er wurde aktives Mitglied in der IG BauSteine-Erden und Betriebsrat. Er heiratete, wohnte zunächst behelfsmäßig in der Alice-Kaserne und schließlich bis zu seinem Tod 1989 in Mainz-Finthen am Katzenberg 8. Zunächst schwieg er über seine KZ-Zeit, wie die meisten mit dem schwarzen und dem grünen Winkel, wohl auch – viele davon –, weil sie indirekt die Kategorien der Nazis anerkannten. Für ihn war das aber nicht der Fall. In persönlichen Gesprächen mit mir in den 70er- und 80er-Jahren zeigte er seine tiefe Verletzung. Weißt Du, erklärte er mir, bis zum Mai 1941 – der Einlieferung nach Flossenbürg – hatte ich noch ein Grundgefühl von Selbstachtung, von dem ich glaubte, dass es mir niemand nehmen kann. Dass es den Nazis, der SS, im Lager gelungen ist, dieses Selbstbewusstsein zu zerstören, dass ich hilflos erleben musste, wie brutal und mit welchem zynischen Genuss sie ihre Macht zur Demütigung von Menschen gebrauchten, und wie sie auch mir die Würde nahmen, dafür hasse ich sie bis heute. – Trotzdem verkroch er sich nicht. Er war ein politisch wacher Mensch. Er war für eine Aussöhnung mit der Sowjetunion, er empörte sich über das FilbingerZitat „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein“ –, und trotz seiner Gehbehinderung fuhr er 1983 mit nach Bonn und demonstrierte gegen die Raketenstationierung der USA. Er ging gerne ins Mainzer Unterhaus, gewann dort Freunde wie Renate Fritz-Schillo, Artur Bergk und Ce-Eff Krüger – wahrscheinlich bei einigen bekannt. Ihnen konnte er von seiner KZ-Zeit schon damals erzählen, von dem grünen Winkel, und sie verstanden ihn. Vor 40 Jahren traf er dort Konstantin Wecker, der von Ernsts Erzählungen so berührt war, dass er ihm das Lied vom „Sturmbannführer Meier“ gewidmet hat. Die ganze Geschichte ist später in einem Jahrbuch des Unterhaus-Kabarett publiziert worden. Lieber Ernst, obwohl Du vor und nach 1945 als „Berufsverbrecher“ bezeichnet worden bist, hast Du in Mainz schon vor über 40 Jahren Deine Geschichte erzählt und die Menschen als Antifaschist beeindruckt. Darauf bin ich heute noch stolz. Du wärst entsetzt, wenn Du wüsstest, dass heute eine neofaschistische Partei in den Parlamenten sitzt und von 30 % träumt. Du würdest wieder mit auf die Straße gehen und würdest mindestens ein Verbotsprüfungsverfahren fordern, und auch ich finde, dafür ist es höchste Zeit. In dem Jubiläumsband „25 Jahre Mainzer Forumtheater Unterhaus“, der 1990 erschien, ist Ernst Nonnenmacher eine ganze Seite gewidmet. Ich wünsche mir und fände es angemessen, wenn in Mainz zur Erinnerung an Ernst Nonnenmacher ein Stolperstein verlegt würde. Meine Zeit ist gleich zu Ende, aber ich habe aus aktuellem Anlass noch eine Schlussbemerkung. Ein Journalist des Südwest-Fernsehens hat vorgestern in der Sendung „Zur Sache Rheinland-Pfalz“ über die verleugneten Opfer gesprochen und auch über den Bundestagsbeschluss von 2020, in dem die Anerkennung der Verleugneten und die Bereitstellung von Forschungsgeldern, zum Beispiel für die jahrzehntelang ausgebliebene Erforschung der Rolle der Verfolgungsinstanzen, die bei Alfons Ims deutlich und klar zum Vorschein kam, über die Rolle der lokalen Polizeien, über die Rolle der Wohlfahrts- und Gesundheitsämter und anderer Institutionen, beschlossen wurden. Der Journalist hat bei der Bundesregierung vorgestern nach der Umsetzung dieses Beschlusses gefragt und die lapidare Antwort erhalten, die Bundesregierung sehe – ich zitiere –: keinen Bedarf für eine weitere Forschungsförderung in diesem Bereich. – Merken Sie sich das bitte gut, und werden Sie aktiv als Politiker. Das bitte ich Sie. Ich habe als Nachkomme und als Vorsitzender des Verbands für das Erinnern an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus die Hoffnung und die Bitte, dass nicht erneut auch dazu geschwiegen wird, sondern dass diese Haltung in Politik und Medien wahrgenommen und kritisch kommentiert wird. Noch einmal meinen herzlichen Dank an dieses Hohe Haus und an Herrn Landtagspräsident Hering, dass Sie diese Veranstaltung heute möglich gemacht haben und dass ich hier reden durfte. Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben. (Anhaltend Beifall im Hause) Gesprächsrunde Nora Hespers: Vielen Dank, Herr Professor Nonnenmacher, für diese sehr emotionale Schilderung der Lebensgeschichte Ihres Onkels Ernst Nonnenmacher. Mit dieser Einordnung wollen wir unsere Gesprächsrunde eröffnen, und ich darf Sie schon einmal bitten, Platz zu nehmen. Ich möchte Ihnen die beiden weiteren Gäste vorstellen, die wir in dieser Gesprächsrunde haben, nämlich Frau Dr. Julia Hörath. Sie ist historisch arbeitende Politologin, hat mit zahlreichen KZ-Gedenkstätten zusammengearbeitet, und ihre Doktorarbeit trägt den Titel „,Asoziale‘ und ,Berufsverbrecher‘ in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938“. Herzlich willkommen, Frau Dr. Hörath! (Beifall im Hause) Als weitere Teilnehmerin darf ich Marie Zachger auf das Podium bitten. Marie Zachger hat Public History studiert, arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Das ist südöstlich von Hamburg. Diese Gedenkstätte leistet seit Jahren Pionierarbeit in der Vermittlung von Wissen über das NS-Unrecht via Social Media. Frau Zachger bringt zum Beispiel einem sehr jungen und internationalen Publikum NS-Geschichte via TikTok näher. Wir wollen in dieser Runde darüber sprechen, wie ein Erinnern und Gedenken an diese bislang ignorierte Opfergruppe der sogenannten Asozialen und Berufsverbrecher im Hier und Jetzt aussehen kann. Dazu müsste das Thema aber erst einmal breiter bekannt sein. Frau Zachger, deshalb wollte ich Sie fragen: Können Sie sich noch daran erinnern, wann es das erste Mal für Sie war, dass Sie von dieser verleugneten verfolgten Gruppe gehört haben? Marie Zachger: Nun, ich kann vielleicht schildern, wann es das erste Mal war, als ich mich intensiver mit der Gruppe beschäftigt habe. Das ist nämlich gar nicht so lange her, ca. zwei Jahre, und hängt auch mit dem Beginn meiner Arbeit in der KZ-Gedenkstätte und der Eröffnung einer Ausstellung im Hamburger Rathaus zusammen, die sich den Schicksalen von Hamburgerinnen und Hamburgern gewidmet hat, die als vermeintlich „Asoziale“ oder eben „Berufsverbrecher“ verfolgt waren. Davor, muss ich gestehen, waren mir die verschiedenen Bezeichnungen natürlich ein Begriff, aber ich konnte sie nicht mit den vielen Biografien und Schicksalen, mit dieser Bandbreite an Schicksalen füllen. Dafür begegnet die einem tatsächlich zu selten in der Erinnerungslandschaft in Deutschland. Nora Hespers: Frau Dr. Hörath, Sie haben zu diesem Thema promoviert. Sie waren aber auch Mitinitiatorin der Petition von Frank Nonnenmacher, die im Bundestag dazu geführt hat, dass diese Opfergruppe offiziell anerkannt worden ist. Was war denn für Sie Anlass, zu dem Thema zu forschen; denn das war schließlich weit vor dieser offiziellen Anerkennung? Dr. Julia Hörath: Das war in der Tat wissenschaftliche Neugierde. Ich bin Anfang der 2000er in einem Seminar an der FU Berlin auf die Verfolgungsgeschichte der sogenannten Asozialen und Berufsverbrecher bzw. Berufsverbrecherinnen gestoßen bzw. auf das Wenige, was zu dem Zeitpunkt über diese beiden Gruppen bekannt war. Das weckte tatsächlich mehr Fragen, als es Antworten gab. Insbesondere die These, dass die Verfolgung dieser beiden Gruppen erst kurz vor dem Krieg eingesetzt habe, ließ mich zweifeln, weil es durchaus einige Hinweise gab, dass es schon eine frühere Verfolgungspraxis gegeben hat. Das war dann der Punkt, an dem ich angesetzt habe zu graben. Zutage trat dann tatsächlich eine bis dato weithin ungeschriebene Verfolgungsgeschichte für die Zeit vor 1938. Nora Hespers: Herr Professor Nonnenmacher, im nächsten Jahr ist das Ende der NaziDiktatur 80 Jahre her. Erst vor vier Jahren gab es eine offizielle Anerkennung dieser verleugneten Opfergruppe. Warum ist da nicht früher etwas passiert? Prof. Dr. Frank Nonnenmacher: Nun, den entscheidenden Grund habe ich mit meiner Erzählung angedeutet, als Ernst versucht hatte, als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden und schon sehr, sehr früh klar war, es gibt nur die drei Kategorien politisch, rassisch, sozial verfolgt, und da gehören diese Menschen, nicht nur die grün- und schwarzwinkeligen, sondern – ich habe es vorhin genannt – auch Homosexuelle oder Sinti und Roma, nicht dazu. Zu erfahren, dass es eine Schande ist, im KZ gewesen zu sein, hat in vielen Familien diese falsche Scham ausgelöst. Natürlich hat Alfons Ims völlig recht. Wer diese Kategorie anerkennt, gibt den Nazis recht, dass man sich dafür schämen muss, aus Sicht der Nazis „Asozialer“ oder „Berufsverbrecher“ gewesen zu sein. Ich habe auch angedeutet, dass das für meinen Onkel ein wenig anders war. Es trifft für ihn eine kurze Zeit lang zu, nach diesem frustrierenden Erlebnis mit seinen Freunden mit dem roten Winkel, die gesagt haben: Nein, wir können nicht für Dich sprechen; denn wir können es uns nicht erlauben, uns mit Kriminellen auf eine Stufe zu stellen. – Ein Zitat, das ich gerne noch einmal wiederhole bei der Gelegenheit. Da fing, auch bei ihm, das Schweigen an. Er hat es dann sehr schnell, weil er sich als Antifaschist fühlte, aufgegeben, sich in Mainz geöffnet und war insofern eine Ausnahme. Dass er eine Ausnahme ist, haben wir festgestellt, als wir – – – Rede ich zu lange? Nora Hespers: Sie dürfen reden. Prof. Dr. Frank Nonnenmacher: Das haben wir festgestellt, als wir im Januar den Verband der verleugneten Opfer des Nationalsozialismus gegründet haben, in dem auch Alfons Ims Mitglied ist. Es war sehr, sehr schwer, überhaupt Personen zu finden, die Nachkommen von „Asozialen“ – immer wieder diese blöden Nazi-Begriffe –, also Nachkommen der ignorierten Opfer des Nationalsozialismus sind; denn es gibt keine Kartei oder Quellen zu dieser Personengruppe. Wir mussten enorm im Trüben fischen, um dann mit einer Zahl von 40 Menschen diesen Verband gründen zu können, was ich im Nachhinein relativ viel finde. Von diesen Menschen, die alle zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine solche Versammlung gekommen sind, weil es so etwas nicht gab, waren eine ganze Menge dabei, die gesagt haben: Ich bin zum ersten Mal außerhalb meiner Familie. Ich habe noch nie mit meinem Nachbarn darüber geredet. Wir hatten ein familieninternes Redeverbot. – Wir haben es dann immerhin innerhalb eines Jahres geschafft, dass jetzt ein Buch fertig geworden ist, in dem 20 Personen, die einen Vorfahren mit dem schwarzen oder grünen Winkel haben – darunter Alfons Ims –, die Verfolgungsgeschichte ihres Vorfahren erzählen, von ihrer Geschichte, eingeleitet von der Wissenschaftlerin Julia Hörath. Das ist eine Publikation, die es im Grunde so in der Erinnerungsliteratur noch nicht gegeben hat. Es gibt wenige Einzelbiografien wie Deine (Der Redende wendet sich an Alfons Ims) und auch die Biografie über meinen Onkel. „Du hattest es besser als ich“ heißt sie merkwürdigerweise. Es würde jetzt aber zu weit gehen, wenn ich das erklären würde. Ich will nur sagen, die Gründe für das jahrzehntelange Beschweigen liegen natürlich auch in der offiziellen Ausgrenzung der Nachkriegszeit bis zur Gründung der Bundesrepublik und lange, lange darüber hinaus. Deswegen wurde auch nicht geforscht. Vielleicht kommen wir noch zu diesem Punkt, den ich als allerletzten angesprochen habe, über die Forschungen, die jetzt durch eine Regierungserklärung vor zwei Tagen als gar nicht notwendig bezeichnet wurden. Nora Hespers: Frau Dr. Hörath, er hat es gerade schon angesprochen, was bedeutet denn dieses lange Schweigen für die Forschung? Was bedeuten diese riesigen Lücken, die es gibt? Dr. Julia Hörath: Das Verdrängen dieser beiden Opfergruppen aus dem öffentlichen Erinnerungsdiskurs und dem Gedenken sowie die Ignoranz der Wissenschaft gegenüber diesen beiden Opfergruppen hängen natürlich eng miteinander zusammen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Anstoß, sich überhaupt mit den Konzentrationslagern zu beschäftigen, von den ehemaligen Opfern gekommen ist, von denjenigen, die Erinnerungsliteratur über ihre Zeit in den Konzentrationslagern verfasst haben. Das waren in der Regel die politischen und die jüdischen Häftlinge. Wie wir jetzt schon mehrfach am heutigen Tag gehört haben, waren diese Häftlingsgruppen, wie die gesamte Mehrheitsgesellschaft, keineswegs frei von Vorurteilen gegenüber den Angehörigen sozialer Randgruppen, die unter den Labeln „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ von den Nationalsozialisten in die Konzentrationslager eingewiesen wurden. Diese Vorurteile setzten sich natürlich in den Erinnerungsberichten fort. Die Forschung hat es einfach lange versäumt, diese Quellen, die berechtigterweise ein sehr zentraler Quellenfundus für die Forschung sind, an diesen Punkten kritisch zu lesen und noch einmal mehr quellenkritisch zu lesen, als man das ohnehin schon tun sollte, sie mit allen Quellen zu kontextualisieren und zu kontrastieren. Da besteht bis heute ein großer Nachholbedarf. Ich möchte vielleicht kurz noch unterstreichen, was schon angedeutet worden ist. Die Opfergruppen, über die wir heute sprechen, die sogenannten Asozialen und Berufsverbrecher bzw. Berufsverbrecherinnen schrieben in der Regel nicht über ihre Erfahrungen in der KZ-Haft. Das hatte zwei sehr große Gründe, glaube ich. Der eine war, dass sie in der Regel den bildungsfernen Schichten entstammten und bisweilen des Lesens und Schreibens kaum mächtig gewesen sind. Der andere Grund ist aber die jetzt schon mehrfach angesprochene Scham, dass man eben auch nicht öffentlich darüber sprechen oder schreiben wollte. Nora Hespers: Frau Zachger, Sie vermitteln diese Geschichte auf Social Media. Das ist eine wenig bekannte Geschichte. Wie reagieren denn Followerinnen und Follower darauf, wenn sie mit dieser Geschichte konfrontiert werden? Marie Zachger: Wir können auf jeden Fall ganz allgemein schon einmal ein sehr großes Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus verzeichnen. Ich glaube, das ist häufig eine These, die vor allem der jüngeren Generation vorgeworfen wird. Das sehen wir auf jeden Fall nicht, beispielsweise anhand der Aufrufzahlen, vor allem, wenn es um diese Themen geht, also um die Opfergruppen, die weniger bekannt sind. Da lesen wir viele Kommentare, die uns erst einmal für diese Form der Aufklärung danken, die uns schreiben, dass sie vorher noch nichts darüber wussten, die Anschlussfragen stellen und bei denen wir dann merken, dass die Videos nicht nur geschaut, sondern auch reflektiert und vielleicht auch Gegenwartsbezüge hergestellt werden. Gleichzeitig muss man aber auch – das gehört dann auch zur Wahrheit – sagen, dass vereinzelt zumindest Kommentare kommen können, die relativierend sind, die teils sogar gehässig sein können und versuchen, das Leid der Betroffenen zu schmälern oder eine Art der Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben, was auch schon angesprochen wurde, und die „Gründe“ für die Verhaftungen dann eben bei den Opfern und nicht bei den Tätern suchen. Dann merken wir natürlich als Gedenkstätte, wogegen wir ganz aktiv arbeiten müssen, wo noch Narrative vorherrschen, die noch diese Stigmatisierungen zeigen, die sich natürlich sowohl im analogen Bereich der Gesellschaft als auch im digitalen widerspiegeln. Nora Hespers: Frau Dr. Hörath, welche Auswirkungen hat denn die offizielle Anerkennung 2020 auf das öffentliche Interesse an der Geschichte dieser verleugneten Opfergruppen? Dr. Julia Hörath: Das öffentliche Interesse ist in meiner Wahrnehmung seither deutlich gewachsen. Das merke ich zum einen ganz persönlich schlichtweg an der gewachsenen Zahl von Anfragen für Vorträge und Interviews. Mir ist es in jüngerer Zeit aber tatsächlich auch zum ersten, vielleicht zweiten Mal passiert, dass ich, wenn ich mit zeitgeschichtlich interessierten, aber fachfremden Personen über mein Forschungsthema sprach, dass diese dann nicht mit völligem Erstaunen reagiert haben, sondern schon eine Kenntnis von der Verfolgung dieser beiden Gruppen hatten. Das ist eindeutig neu. Ich erinnere mich noch sehr gut an 2014, die Eröffnungsveranstaltung der Sommeruniversität Ravensbrück, die sich damals mit den sogenannten Asozialen beschäftigte. Dort hielt damals Sabine Kunst, die damalige Ministerin für Bildung, Forschung und Wissenschaft in Brandenburg das Grußwort. Das ist meines Wissens nach tatsächlich das erste Mal gewesen, dass sich eine Politikerin öffentlich mit diesem Thema und mit diesen Opfergruppen befasst und sich dazu geäußert hat. mich wirklich sehr. Das ist ein großer Meilenstein. Nora Hespers: Herr Professor Nonnenmacher, erleben Sie das ähnlich mit dem öffentlichen Interesse? Prof. Dr. Frank Nonnenmacher: Einerseits ja, klar. Ich bekomme auch sehr viel mehr Einladungen. Ich mache aber schon seit fünf Jahren zur Biografie meines Onkels Ernst Nonnenmacher Veranstaltungen. Ich bin auch an vielen Schulen und stelle jedes Mal fest, dass dort ein großes Interesse ist. Wenn man einmal eine Einladung hat, dann ist das Interesse extrem groß. Ich stelle dann aber auch immer wieder fest: Sehr selten passiert mir das, was Du gesagt hast, (Der Redner wendet sich an Dr. Julia Hörath) dass da schon viele Informationen oder Vorkenntnisse sind. Sehr oft heißt es ganz selbstkritisch: Davon habe ich noch nie etwas gehört. Darüber weiß ich nichts. – Obwohl das Menschen sind, die sich der Problematik bewusst sind, Historiker oder Geschichtslehrer und Geschichtslehrerinnen sind, die also durchaus im Thema sind. Diese Opfergruppe der Grün- und Schwarzgewinkelten gehört aber auch bei denjenigen, die durchaus Ahnung haben und engagierte Antifaschisten sind, zu einem blinden Fleck. Das hat sich jetzt in der Tat etwas gebessert. Was heute hier in Mainz stattfindet, ist natürlich ein enormer Push. Ich hoffe nur, dass über die Einzigartigkeit dieser Veranstaltung heute nicht nur in der Allgemeinen Zeitung Mainz berichtet wird, sondern auch in den großen Medien. Vielleicht wird auch einmal eine Talkshow oder etwas solches gemacht. Ich hasse zwar Talkshows, (Vereinzelt Heiterkeit im Hause) aber sie sind Multiplikatoren, die wichtig sind. Ich möchte einen Antrag an Frau Zachger stellen. Nora Hespers: Bitte. Das würde ich sonst machen, aber machen Sie. Prof. Dr. Frank Nonnenmacher: Ich stelle fest, die klassischen Medien, Fernsehen und Printmedien, sind wenig bis schwer erreichbar und motivierbar, sich mit dem Thema zu beschäftigen, weil es ein sogenanntes schweres Thema ist, wie mir die Journalisten immer wieder sagen. Ich bin halt traditionell. Ich schreibe etwas und schreibe viele, viele Zeilen, und dann sagt der Journalist sofort, das sei viel zu lang. Sie, liebe Frau Zachger, machen etwas, das ich nicht kann, glaube ich. So ist meine Vorstellung von Ihrem Job, dass Sie in ganz anderer Sprache, vielleicht auch in anderer, zupackender Kürze, etwas in die Medienwelt setzen, was dann auch von jungen Menschen gehört und Ihnen zurückgespielt wird. Wir sollten irgendwie zusammenarbeiten. (Heiterkeit im Hause) Marie Zachger: Sehr gerne. Prof. Dr. Frank Nonnenmacher: Ich kann nämlich nicht das, was Sie können. Nora Hespers: Das wäre nämlich meine Frage. Frau Zachger, was würden Sie vorschlagen? Was wäre denn etwas, das Sie zum Beispiel mit Herrn Professor Nonnenmacher zusammen für den TikTok-Kanal machen könnten? Marie Zachger: Das mag jetzt banal klingen, aber letzten Endes müssen wir einfach die Geschichten erzählen. Damit meine ich nicht nur die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit in dem Sinne oder in den Sozialen Medien, in der Schule – natürlich auch sehr wichtig –, aber ich denke, wir müssen dieser Gruppe diesen Raum geben, die zwar viel zu spät, aber eben als Opfer des Nationalsozialismus und vor allem als Opfer anerkannt ist, die lange verleugnet wurden. Wir müssen ihnen einfach diesen Raum geben, um darüber sprechen zu können. Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist weiterhin die Auseinandersetzung mit der eigenen Familienbiografie, was jetzt immer wieder angesprochen wurde, aus den Gründen der Scham vielleicht oder aus Sorge vor Vorverurteilungen, weil dieses Stigma immer noch und teilweise sehr stark vorhanden ist. Dagegen müssen wir natürlich arbeiten. Nora Hespers: Frau Dr. Hörath, inwiefern spiegelt sich dieses öffentliche Interesse eigentlich in Forschungsvorhaben wider? Werden sie jetzt mehr? – Wir haben schon gehört, so richtig gefördert werden sie nicht. Dr. Julia Hörath: Nein, so richtig gefördert werden sie leider nicht. Das ist in der Tat richtig. Ich hoffe, dass quasi der öffentliche Druck jetzt tatsächlich steigt, stärker in die Forschungsförderung einzusteigen. Ich erhoffe mir das insbesondere von der Wanderausstellung, die in diesem Jahr zu dem Thema eröffnet werden soll. Es ist ein Resultat des Bundestagsbeschlusses, dass jetzt gerade die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg mit der Erarbeitung einer Wanderausstellung über das Verfolgungsschicksal dieser beiden Gruppen betraut sind. Sie soll noch in diesem Jahr eröffnet werden. Ich hoffe, dass dadurch dann noch einmal ein erhöhter Druck entsteht, die weiteren Teile dieses Bundestagsbeschlusses umzusetzen, der nämlich durchaus die Förderung von Forschungsvorhaben, insbesondere zu dem Verfolgungsapparat, aber auch zu Täterbiografien, wirklich klar als Punkte benennt. Es ist äußerst bedauerlich, dass noch nicht mehr passiert ist; denn diese Forschungsdesiderate sind in der Tat noch relativ groß. Die polizeiliche Verfolgung von sozialen Randgruppen in den besetzten und annektierten Gebieten ist noch weitgehend eine Terra incognita. Da findet jetzt gerade in Österreich ein großer Aufarbeitungsprozess statt. Das ist total wichtig, aber das ist sozusagen leider bisher nur ein Vorreiter. Die Rolle der Arbeitsämter bei dieser großen Verhaftungsaktion 1938 gegen „Asoziale“, die als Aktion „Arbeitsscheu Reich“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist, müsste aufgearbeitet werden. Die Rolle der Landräte und Bürgermeister, insbesondere in der Frühphase der Verfolgung, die Frage, wie die Lebenssituationen der sogenannten Asozialen und Berufsverbrecher und Berufsverbrecherinnen in einzelnen KZ gewesen sind, bis hin zu der Frage der Winkelvergabe – wer entschied eigentlich wann und wie darüber, wer den schwarzen und den grünen und auch die anderen Winkel bekam –, da gibt es eine ganze Reihe Fragen, die die Forschung noch lange beschäftigen werden. Ich denke, da könnten auch einzelne Bundesländer durchaus Impulse setzen, indem ein Landtag, eine Landesregierung, zum Beispiel die Erforschung der NS-Geschichte, ihrer Wohlfahrtsämter, ihrer Fürsorgeeinrichtungen, ihrer Arbeitsämter in Auftrag gibt und das dementsprechend fördert. Nora Hespers: Vielen Dank dieser Runde für die zahlreichen Einblicke in den Stand der Forschung und in die Gedenkstättenarbeit. Wenn Sie jetzt durch diese Veranstaltung denken, irgendwie klingt das nach etwas, das in meiner Familie vielleicht auch vorhanden ist, dann schauen Sie doch einmal auf die Seite „www.dieverleugneten-vevon.de“. Dort erreichen Sie den vor einem Jahr gegründeten Verband für das Erinnern an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus. Den ersten Vorsitzenden, Professor Nonnenmacher, haben Sie gerade hier live erlebt. Jetzt möchte ich gerne das Wort an die stellvertretende Ministerpräsidentin Katharina Binz geben, die noch ein paar abschließende Worte an Sie richten möchte. Ansprache Stellvertretende Ministerpräsidentin Katharina Binz: Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, sehr geehrte Gäste! Als im Jahr 1996 der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erstmals begangen wurde, mahnte der damalige Bundespräsident Roman Herzog, es dürfe nicht beim Gedenken bleiben, sondern es müsse ein Nachdenken über die Folgerungen aus den schrecklichen Verbrechen während der NS-Diktatur stattfinden. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach dieser Rede gilt dieser Appell leider mehr als je zuvor. Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober hat bei Jüdinnen und Juden das Trauma der Shoah reaktiviert. Über 1.200 Tote werden betrauert. Viele Israelis bangen noch weiter um die Geiseln in den Händen der Hamas. Hier in Deutschland und auch in Rheinland-Pfalz sind seither wieder viele Jüdinnen und Juden verstärkt antisemitischer Gewalt ausgesetzt. Wir stehen unumstößlich an der Seite der Jüdinnen und Juden in unserem Land, und wir tun alles, um sie vor Hass und Hetze zu schützen. Viele Menschen in Deutschland und in Rheinland-Pfalz haben Angehörige in Israel und auch in den Palästinensergebieten. Meine Gedanken sind bei der Zivilbevölkerung beider Seiten, die unter den Folgen des schrecklichen Terrors der Hamas zu leiden haben. Wenn wir nun heute der schrecklichen Taten des NS-Regimes gedenken und über die Opfer nachdenken, erkennen wir, dass das Judentum nur eines der Merkmale war, die die Nationalsozialisten zum Stigma erhoben. Sinti und Roma, queere Menschen, politisch Andersdenkende, Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung, Osteuropäerinnen und Osteuropäer sowie Menschen, die zu Zwangsarbeit versklavt und verschleppt wurden, fielen den Nationalsozialisten ebenso zum Opfer. Diese Stigmata dienten dazu, die Gesellschaft zu spalten. Sie dienten dazu, ein „Wir“ und ein „Die“ zu konstruieren. Mit dieser Ausgrenzung und Stigmatisierung fing es an. Diese Ausgrenzung war grundlegend für die nationalsozialistische Ideologie, und sie war der Anfang, aus dem die Taten wurden und auf deren Boden sie erst möglich, erst denkbar wurden. In diesem Jahr steht nun an diesem Gedenktag zum ersten Mal eine Gruppe im Fokus, die viel zu lange auf Anerkennung warten musste, eine Gruppe, die sich nicht so leicht unter einen gemeinsamen Begriff fassen ließ und für die – wir haben es heute mehrfach festgestellt – es uns widerstrebt, die damaligen Begriffe noch immer zu verwenden. Es war keine – gegebenenfalls auch nur unterstellte – politische Betätigung, Religion oder Herkunft, die zur Verfolgung führte. Es waren Zuschreibungen des Verhaltens oder des Charakters, die die Verfolgten stigmatisieren sollten. Unter den sogenannten Asozialen und Berufsverbrechern wurden viele subsumiert, die in der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ nicht gewollt waren: Arbeits- und Wohnungslose, Fürsorgeempfänger, Suchtkranke, sogenannte Berufsverbrecher, Prostituierte oder vermeintlich unangepasste Jugendliche. Sie alle waren vor den Fängen der Nationalsozialisten und den Denunzianten in der Bevölkerung nicht sicher. Hinter dieser Gruppe stehen ebenso unzählige Einzelschicksale, mit ihren Angehörigen und Freunden. Lieber Herr Ims, Sie haben uns heute sehr eindrucksvoll und sehr bewegend vom Leiden Ihrer Familie berichtet. Es hat Sie sicherlich viel Kraft und Mut gekostet, all diese Informationen in den vergangenen Jahren zu sammeln und letztlich dann zu veröffentlichen. Auf den letzten Seiten Ihres Buchs richten Sie einen Appell an alle demokratischen Kräfte, sich gegen eine Verharmlosung oder Negierung der NS-Verbrechen einzusetzen. Ihre Arbeit hält die Erinnerung an die Opfer wach, und dafür danken wir Ihnen sehr. (Beifall im Hause) Dass diese Verbrechen und deren Leidtragende offiziell anerkannt wurden, wenn auch so spät, ist maßgeblich Ihnen, Herr Professor Dr. Nonnenmacher, und Ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu verdanken. Wir haben heute ebenfalls gehört, Ihre Familie war auch unmittelbar betroffen. Ihr Onkel war mehrere Jahre in den KZ Flossenbürg und Sachsenhausen inhaftiert. Aus Scham und Angst vor Diskriminierung schwieg er auch nach dem Nationalsozialismus lieber über das, was er erdulden musste. Es mussten erst Angehörige wie Sie, lieber Herr Professor Nonnenmacher und lieber Herr Ims, die Courage haben, das erlittene Unrecht einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Glauben Sie mir, Ihre Rufe, die Sie heute hier an uns gerichtet haben, werden nicht ungehört verhallen. Es wird sicherlich viele Briefe nach Berlin geben, die noch einmal die Einhaltung des Bundestagsbeschlusses einfordern. (Beifall im Hause) Es sind auch Projekte wie das der Schülerinnen und Schüler des Mons-TaborGymnasiums, die helfen, Vorurteile und Ablehnung zu bekämpfen. Ihr habt Euch mit den Menschen und ihren Biografien beschäftigt, die von den Nationalsozialisten als „Belastung“ und „Gemeinschaftsfremde“ ausgesondert wurden. Ich danke Euch sehr herzlich für Euer großes Engagement, und ich kann nur hoffen, dass viele junge Menschen Eurem Beispiel folgen und sich mit den Lebensgeschichten der Verfolgten auch in ihrer Umgebung befassen. (Beifall im Hause) Über die damaligen Opfer heute zu sprechen, hilft nicht nur uns in der Gegenwart, das Geschehene und wie es dazu kommen konnte, überhaupt erst besser zu verstehen. Es hilft auch den Opfern, ihnen ihre Würde zurückzugeben, die ihnen die Nationalsozialisten durch die Aberkennung der Individualität, durch die Stigmatisierung nehmen wollten. Jeder Mensch ist anders und einzigartig. Viele Fähigkeiten und Talente erkennt man erst auf den zweiten Blick, oder sie bleiben einem gänzlich fremd. Sie mögen anders sein oder leben als man selbst, aber wir sind alle gleich viel wert. Unser Grundgesetz feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Jubiläum. Aus der Garantie der freien Entwicklung der Persönlichkeit ergibt sich, dass niemand gezwungen werden darf, einer vorgegebenen Norm zu entsprechen. Zu den Grundrechten gehört aber auch, dass wir Menschen, die ins Stolpern geraten sind und die ihren Weg zurück in die Gesellschaft noch suchen müssen, nicht ausgrenzen oder alleine lassen. Es steht uns nicht zu, Menschen zu verurteilen, ohne zu wissen, was sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind, oder in welche Situation sie geraten sind, wie sie aufgewachsen sind und welche Möglichkeiten ihnen überhaupt zur Verfügung standen. Wir müssen sie unterstützen, ihr Leben neu zu ordnen. Ich nenne Ihnen einige Beispiele, mit denen wir Chancen geben und Perspektiven eröffnen wollen, statt abzustempeln und auszusortieren. Jeder Mensch sollte ein Dach über dem Kopf haben. Mit dem Programm „Housing first“ wollen wir Wohnungslosen zunächst eine Unterkunft und damit Halt und Schutz bieten, bevor viele andere niedrigschwellige Angebote eine erneute Obdachlosigkeit verhindern sollen. Für die Beratung und Behandlung suchtkranker Menschen steht ein differenziertes und gut ausgebautes Hilfesystem zur Verfügung. Die Justizvollzugsanstalten begleiten Straftäter bei ihrer Resozialisierung, angefangen bei der Schuldnerberatung über Antigewalttrainings bis hin zu Suchtberatungen. Das sind nur wenige Beispiele dafür, wie der Staat Menschen heute dabei hilft, wieder Fuß in der Gesellschaft zu fassen. Die Ausgrenzung und die Verfolgung von Menschen, die an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt wurden, muss aber auch von jedem Einzelnen von uns aktiv bekämpft werden. Es braucht eben mehr als nur politische Maßnahmen. Es sind vor allen Dingen die persönlichen Kontakte, die Begegnungen im Alltag und die Kraft der Vielen, die den Unterschied machen. Wenn Roman Herzog vor 28 Jahren von einem Nachdenken sprach, dann müssen wir über eine neue Kultur des Mitfühlens oder – um im Sprachbild zu bleiben – des Mitdenkens sprechen. Keiner darf sich darauf ausruhen, dass Not leidende Menschen von sich aus die benötigte Hilfe bei staatlichen Institutionen oder gemeinnützigen Vereinen suchen. Wir müssen alle gesellschaftlichen Gruppen mitdenken, und besonders denen helfend zur Seite stehen, denen es schwerfällt, Hilfe zu finden. Mitdenken bedeutet aber auch, Position zu beziehen und den Mund aufzumachen, wenn Stereotype bedient werden und verächtlich über Minderheiten gehetzt wird, auf dem Schulhof, im Sportverein, bei der Familienfeier, in der Kneipe oder auch in der WhatsApp-Gruppe. Viele Menschen haben in den vergangenen Tagen ihre Stimme erhoben und sind auf die Straße gegangen. Sie wenden sich gegen Extremisten, die Deutsche und Menschen, die in Deutschland leben, in Menschen erster und zweiter Klasse sortieren wollen, und die erneut anfangen, unsere Gesellschaft in ein „Wir“ und ein „Die“ zu spalten. Jetzt ist genau die Zeit, aufzustehen und sich klar zu den Werten zu bekennen, auf denen unsere Demokratie aufgebaut ist; denn es gibt keine Menschen erster und zweiter Klasse, weder in Rheinland-Pfalz noch sonst irgendwo auf der Welt. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Das Grundgesetz manifestiert dieses Gebot gleich zu Beginn in Artikel 3. Wer das heute infrage stellt, der hat aus der Geschichte nichts gelernt. Wenn wir an Tagen wie heute nicht nur gedenken, sondern auch über die Lehren nachdenken, dann sage ich ganz klar: Es ist jetzt an der Zeit, das Schweigen zu beenden und laut zu werden. Es gilt jetzt, sich den antidemokratischen, den rassistischen, den intoleranten Kräften in unserer Gesellschaft entgegenzustellen, die unsere freiheitlichen Grundwerte unterwandern wollen. Daher haben alle, die für unsere Demokratie demonstriert haben und noch demonstrieren werden, meine volle Solidarität und meinen Dank; denn „Nie wieder!“ heißt zu widersprechen, wenn wir antisemitische oder rassistische Aussagen hören. „Nie wieder!“ bedeutet, sich den Feinden unserer Demokratie entgegenzustellen. Hunderttausende haben in den vergangenen Tagen und Wochen gezeigt, dass Deutschland eine wache und starke Zivilgesellschaft hat; denn „Nie wieder!“ ist jetzt. Meine sehr geehrten Damen und Herren, im ganzen Land wird heute an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Besuchen Sie die Gedenkstätten, schauen Sie sich die Ausstellungen hier im Deutschhaus oder im Abgeordnetenhaus an, sprechen Sie mit den Hinterbliebenen und fordern Sie Ihr Umfeld auf, sich mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten, die im Namen des Deutschen Volkes begangen wurden, zu beschäftigen. Nehmen Sie sich die Zeit, darüber nachzudenken, was Sie dort erfahren und welche ganz konkrete Verantwortung für Sie daraus erwächst. Ich danke allen Beteiligten, die den heutigen Tag gestaltet haben, hier im Landtag, aber auch bei den vielen Veranstaltungen im ganzen Land. Sie sind es, die die Erinnerung wachhalten, und wir sind es und bleiben es den Opfern schuldig. Vielen Dank. (Beifall des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der SPD, der CDU, der FDP und der FREIEN WÄHLER) Nora Hespers: Vielen Dank, Katharina Binz, für diese eindringlichen Worte zum Schluss. Ich hoffe, Sie alle konnten heute von dieser Gedenksitzung in Erinnerung an mitnehmen. Lassen Sie uns im Austausch bleiben und gemeinsam weiter für ein friedliches und demokratisches Miteinander streiten. Zum Abschluss hören Sie noch einmal den Projektchor „Lebensmelodien“ des Landesmusikgymnasiums Montabaur unter der Leitung von Stephan Müller mit „Mikdasch Melech“ von Josef Mandelbaum. Musik Josef Mandelbaum Mikdasch Melech (Anhaltend starker Beifall im Hause) Schlusswort
