Hendrik Hering
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Landtag, verehrte Gäste, die Sie unseren Livestream verfolgen! Wir hörten die israelische Mezzosopranistin Shai Terry, begleitet von André Röll am Piano mit „Shalom Aleichem – Friede sei mit Euch“, einem Gebet und einer Segensbitte im Judentum, die am Schabbat vor dem Kiddusch- und Schabbat-Essen gesprochen oder – wie heute – gesungen wird. Frau Terry ist Stipendiatin der Mainzer Anni-EislerLehmann-Stiftung. Meine Damen und Herren, die Corona-Pandemie bestimmt seit zwei Jahren unseren Alltag und unsere Gedanken, nicht nur hier im Landtag, sondern in so gut wie jedem Gespräch, das geführt wird, in der Familie, am Arbeitsplatz oder mit Freunden. Im Sommer ist bei uns in Rheinland-Pfalz die Flutkatastrophe im Ahrtal hinzugekommen. Es ist nur allzu verständlich, wenn diese Themen zurzeit viel Kraft kosten und uns alle intensiv beschäftigen. Es gibt aber Tage, an denen wir innehalten sollten. Es sind Tage, die für unser demokratisches Miteinander unverzichtbar sind. Heute ist so ein Tag. Wir sind heute zusammengekommen, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Ich begrüße diejenigen, die diese Veranstaltung online verfolgen, darunter zahlreiche Schulklassen und viele Menschen, die sich in ihrer Freizeit dafür einsetzen, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachgehalten wird. Sie helfen dadurch mit, dass Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden. Sie helfen mit, die Geschehnisse in unsere Gegenwart einzuordnen und geben so auch künftigen Generationen Halt und Orientierung. Ihnen gelten unser aufrichtiger Dank und unsere Anerkennung. Leider kann ich Ihnen im Namen des Parlaments auch in diesem Jahr nur über den Monitor danken und nicht persönlich. Hier im Saal begrüße ich Ministerpräsidentin Malu Dreyer, die Kolleginnen und Kollegen Abgeordneten und die Ministerinnen und Minister. Ganz besonders begrüße ich heute unsere Zeitzeugin Monique Lévi-Strauss. (Beifall im Hause) Sie wird nachher zu uns sprechen. Seien Sie uns auf das Allerherzlichste willkommen! Meine Damen und Herren, heute vor 77 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten Soldaten der Roten Armee die wenigen Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Sie stießen dort, wie an anderen Orten, auf die Spuren von ungeheuerlichen Verbrechen und des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden, den Sinti und Roma und vielen weiteren Opfergruppen. Doch das Menschheitsverbrechen des Holocausts begann nicht erst mit den deutschen Todesfabriken in Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Majdanek und Belsec. Es begann mit dem Holocaust durch Kugeln, auf dem deutschen Eroberungsfeldzug Richtung Osten, in Schluchten, auf Feldern, am Rande von Ortschaften, wie in der Schlucht von Babyn Jar. Dort wurden in zwei Tagen Ende September 1941 fast 34.000 Kinder, Männer und Frauen aus Kiew erschossen. Es gilt als das größte einzelne Massaker an jüdischen Menschen im Zweiten Weltkrieg. Auch aus dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz gab es bereits im Jahr 1940 – also lange vor der Wannseekonferenz – Deportationen. gegafft.“ So erinnerte sich Ida Loeb an ihre Deportation in das französische Internierungslager Gurs am Rande der Pyrenäen im Oktober 1940. Sie wurde mit weit über 1.000 jüdischen Pfälzerinnen und Pfälzern abtransportiert, in aller Öffentlichkeit. Das Protokoll der Wannseekonferenz, die vor fast genau 80 Jahren stattgefunden hat, enthielt die Vorgabe – ich zitiere –: „Europa von Westen nach Osten“ nach Jüdinnen und Juden zu „durchkämmen“. Nur wenige konnten entkommen, wie Anni Eisler-Lehmann, die diese fantastische Stiftung initiiert hat, von der unsere tolle Sängerin heute profitiert. Die übergroße Mehrheit der nach Gurs Deportierten starb entweder an mangelnder Versorgung im Lager, auf den unmenschlichen Transporten quer durch Europa oder wurde später in Auschwitz oder Sobibor ermordet. Ich bitte Sie, sich für eine Minute der Stille und des Gedenkens von Ihren Plätzen zu erheben. (Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen) Wir haben uns erhoben, um der europäischen Juden zu gedenken, die von den Nationalsozialisten in Europa ermordet wurden. Wir denken an die slawischen Völker, an Sinti und Roma, an die Kranken und Behinderten, an Frauen und Männer des Widerstands, an die Homosexuellen, an Zeugen Jehovas, an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, an die Kriegsgefangenen und an all die anderen Opfer, die während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben. Auch würdigen wir heute all diejenigen, die widerstanden haben, die mutig waren, die sich mit dem Verlust von Freiheit und Mitmenschlichkeit nicht abfinden konnten, die Verfolgte und Bedrängte unterstützt und ihnen geholfen haben. (Stilles Gedenken) Vielen Dank. (Die Anwesenden nehmen wieder Platz) Meine Damen und Herren, mit dem Ende der NS-Diktatur vor 77 Jahren war das Leid der Opfer oftmals noch nicht vorbei; denn Mitwisser, Mitwisserinnen und Mittäter hatte es auf allen staatlichen Ebenen gegeben, in den Verwaltungen, in den Ministerien ebenso wie in der Justiz. Viele der Verfolgten fanden sich nach 1945 in den Amtsstuben denselben Beamten gegenüber wie während der Nazidiktatur. Da wurden Anträge von Verfolgten auf Wiedergutmachung verschleppt und abgewiesen, wie der des Oberspielleiters der Mainzer Oper Renato Mordo. Da wurden Sinti und Roma in den sogenannten Landfahrerstellen bis weit in die 1960er-Jahre hinein weiter von der Kriminalpolizei rassistisch erfasst. Der sogenannte Homosexuellenparagraf 175 wurde erst nach der Wiedervereinigung aus dem Strafgesetzbuch entfernt. Das war im Jahr 1994. Auf der anderen Seite wurden Täter wie Wolfgang Fränkel im Jahr 1962 zum Generalbundesanwalt ernannt. Zwar musste er nach wenigen Monaten seinen Posten räumen, als bekannt wurde, dass er während der Nazizeit bei der Reichsanwaltschaft, der obersten Anklagebehörde des Dritten Reiches, an Dutzenden fragwürdigen Todesurteilen mitgewirkt hat. Eine umfassende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Bundesanwaltschaft – wie vieler anderer Behörden – hat es in den ersten Jahrzehnten im Nachkriegsdeutschland aber nicht gegeben. Eine Studie zur Bundesanwaltschaft ist erst vor wenigen Monaten erschienen. Klar ist, dass sich damals, kurz nach dem Krieg, viel über die Taten in Erfahrung bringen ließ. Es handelt sich also nicht um ein Nichtwissen, sondern eher um ein Nichtwissenwollen. Das wird zum Beispiel am Euthanasieprogramm sehr deutlich. Es war in der Bevölkerung bekannt. Clemens August Graf von Galen, damals Bischof von Münster, kritisierte es öffentlich in Predigten, und viele Familien sind davon persönlich betroffen gewesen. Wir können also aus der Geschichte lernen. Wir können aus unserer Geschichte zum Beispiel lernen, wie gefährlich Nichtwissenwollen bzw. Wegsehen ist. Dazu gehört auch, die Vergangenheit der eigenen Vorfahren und die Geschehnisse in der eigenen Gemeinde zu untersuchen. Auch dort ist oftmals noch vieles zu tun. Meine Damen und Herren, es verwundert nicht, dass sich in den ersten Jahrzehnten des Bestehens unseres Bundeslandes ein bleiernes Schweigen über die Gräuel der Diktatur gesenkt hat. Es war das Schweigen der Täter, aber auch das Schweigen der Opfer. Die Auseinandersetzung damit ist aber sehr wichtig, weil sich ein gefährliches Narrativ in Bezug auf Täter und Mitläufer breitmacht. Laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2020 der Universität Bielefeld verneinen fast 68 %, dass ihre Vorfahren Täterinnen und Täter während der NS-Zeit waren. Etwa 50 % der Befragten verneinen, dass Vorfahren von ihnen Mitläuferinnen und Mitläufer waren. Diese Zahlen müssen uns erstaunen; denn der brutale Massenmord hat nur funktionieren können, weil es viele Täter und Mitläufer in Deutschland gegeben hat. Meine Angst ist, wenn sich das Narrativ „Meine Vorfahren waren nicht Täter oder Mitläufer“ weiter verstärkt, dann wird irgendwann die Erinnerungskultur infrage gestellt. Heute wissen wir, dass es heilend ist, sich über Traumata auszutauschen. Das gilt für Traumata einzelner Menschen, die Opfer von Verfolgung und Gewalt geworden sind, wie für die Traumata ganzer Bevölkerungsgruppen oder Nationen. Das haben wir im Jahr 2020 bei der Tagung zur Erinnerungskultur in Deutschland, Israel und Ruanda eindrucksvoll erlebt. Zentral war die Botschaft, dass das Erinnern nie abgeschlossen sein darf, um der Opfer zu gedenken, aber auch um die Fehler von damals nicht zu wiederholen. Meine Damen und Herren, es schmerzt mich daher sehr, dass wir heute wieder Hass, Antisemitismus und Gewalt erleben. Intoleranz und Ignoranz lassen sich in einem demokratischen Staat nicht gesetzlich verbieten, doch wenn sich sogenannte Querdenker mit Sophie Scholl vergleichen oder sich den von den Nazis verwandten Judenstern anheften, dann sage ich klar und deutlich, das ist vollkommen inakzeptabel und eine Verhöhnung der Opfer. (Beifall der SPD, der CDU, des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der FREIEN WÄHLER, der FDP und bei der AfD) Es sind Versuche, das Sagbare immer weiter zu verschieben und historische Gewissheiten umzudeuten oder zu leugnen. Wer neben Menschen marschiert, die die Opfer der Nationalsozialisten auf diese schändliche Weise entwürdigen und die Verbrechen des Faschismus relativieren wollen, ist im wahrsten Sinne des Wortes mindestens ein Mitläufer. Erst vor einer Woche hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen eine gemeinsame Resolution gegen die Leugnung und Verzerrung des Holocausts verabschiedet. Niemand kann heute behaupten, er wisse nicht, mit wem er dort – euphemistisch ausgedrückt – spazieren geht. Wer am demokratischen Diskurs teilhaben will, der kann sich nicht mit Antidemokraten gemeinmachen. Wer mit seinen Meinungen ernst genommen werden will, der kann nicht schwarz-weiß-roten Fahnen hinterherlaufen oder wissenschaftliche Erkenntnisse verleugnen. Meine Damen und Herren, unsere Zeitzeugin hat über ihre Erlebnisse als Jugendliche und junge Frau lange geschwiegen und ihre Lebenserinnerungen erst für die Enkelin, die heute auch unter uns ist, zu Papier gebracht. Ihr Buch ist im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Im Rachen des Wolfes“. Ich begrüße noch einmal ganz herzlich Monique Lévi-Strauss. Frau Lévi-Strauss, Ihre Lebensgeschichte ist ganz und gar ungewöhnlich und steht im Kontrast zu fast allem, was wir heute gehört haben. Sie sind aus Paris zu uns gekommen, um uns Ihre Geschichte zu erzählen. Sie haben uns im Vorfeld gesagt, dass es Ihnen ein sehr großes Anliegen ist, hier heute persönlich zu sprechen, und Sie haben uns mitgeteilt, dass niemand – auch nicht die Pandemie – Sie davon abhält, heute hier zu reden. Es ehrt Sie und uns sehr, dass Sie heute hier sind. Nochmals vielen Dank, Frau Lévi. (Beifall im Hause) Ich kann Ihnen versichern, wir werden genau zuhören. Wir wollen heute zu Zeugen Ihrer Geschichte werden und Ihre Botschaft weitertragen. Es ist unsere Verantwortung, dass nichts davon für alle nachfolgenden Generationen in Vergessenheit gerät. Aktuell leben Sie in Paris. Ihre Jugend haben Sie aber zwischen 1939 und 1945 in Deutschland verbracht und in dieser Zeit in Prüm in der Eifel das Abitur abgelegt. Der kleinste Hinweis auf die jüdische Abstammung Ihrer Mutter hätte vermutlich ausgereicht, um Sie und Ihre Familie in höchste Lebensgefahr zu bringen. Doch es kam nicht dazu. Wie Sie im Rachen des Wolfes leben und überleben konnten, werden wir gleich von Ihnen selbst erfahren. Sie sprechen noch ein hervorragendes Deutsch, obwohl Sie seit der Zeit nach dem Krieg in Frankreich leben, haben sich aber als Unterstützung Professor Etienne François von der Freien Universität Berlin mitgebracht. Seien auch Sie uns herzlich willkommen! (Beifall im Hause) Zur Einstimmung, bevor wir Ihre Rede und Worte hören, sehen wir jetzt gemeinsam ein Video aus Ihrer alten Schule, dem heutigen Regino-Gymnasium in Prüm. Dort haben sich fünf Abiturientinnen und Abiturienten intensiv mit Ihrem Buch auseinandergesetzt, sind in Ihrer Schule auf Spurensuche gegangen und teilen uns ihre Gedanken und Fragen mit. Die fünf können heute leider nicht bei uns sein. Sie verfolgen diese Veranstaltung aber im Livestream. Vielen Dank an Mariele Heiles, Selina Kaffenberger, Katharina Keil, Nova Plattes und Christoph Wagenknecht, und einen herzlichen Gruß nach Prüm! (Beifall im Hause) Videobeitrag aus dem Regino-Gymnasium in Prüm O-Töne der Schülerinnen und Schüler Mariele Heiles: Wir sind hier in der Prümer Barockkirche. Ein Ort, der Ihnen in Erinnerung geblieben zu sein scheint. 2012 besuchten Sie diese Kirche noch mal, und bei diesem Besuch beschrieben Sie diese Kirche wie ein vertrautes Gesicht, das etwas zu stark geschminkt sei. Verständlich, denn seit Ihrem Abitur 1944 ist hier viel passiert. Sie äußerten in Ihrem Buch den Wunsch, dass die Zeit dieser Barockkirche eine neue Seele geben möge. Da kann ich Sie beruhigen. Für uns hat dieser Ort eine neue Seele. Unsere Schulgemeinschaft trifft sich hier in dieser Barockkirche für alle wichtigen Anlässe, sowohl freudige als auch traurige. Dieser Ort ist also nicht nur ein Ort der Zusammenkunft, sondern auch ein Ort des Zusammenhalts, ein Ort der Gemeinschaft. In Ihrer Schulzeit verbrachten Sie vor Unterrichtsbeginn auch Ihre Zeit unter den Säulen der Barockkirche, wie Sie in Ihrem Buch geschildert haben. Also scheint dieser Ort auch für Sie eine Bedeutung zu haben. Welche Bedeutung war oder vielleicht ist das für Sie? Christoph Wagenknecht: Das hier ist unsere Aula, sehr edel für eine Aula, deswegen wird sie auch der Fürstensaal genannt, und hier wird seit Jahrzehnten jedes Jahr – so wie auch jetzt im Moment im Januar wieder – das Abitur geschrieben. Da fragen wir uns, wie war es damals, während des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1944, das Abitur zu schreiben? Katharina Keil: Kann man sich in einer solchen Situation voller Überlebensängste überhaupt auf das Abitur konzentrieren? Wie hat die Schulzeit geendet? Gab es überhaupt eine Zeugnisvergabe, und war das Abitur etwas Besonderes zu dieser Zeit? Nova Plattes: Wir verabreden uns natürlich auch nach der Schule, so als Ausgleich zum Schulalltag. Wir haben eine ziemlich gute Stufengemeinschaft, in der wir einfach viel zusammen machen. Selina Kaffenberger: Konnten Sie ebenfalls enge Freundschaften knüpfen, und über was unterhielt man sich? Ging es da immer nur um den Krieg? Katharina Keil: „Im November 1941 musste Hitler sich an der Ostfront achzig bis hundert Kilometer zurückziehen. Er verzichtete auf die Einnahme Moskaus. Diese erste militärische Niederlage war frische Luft für all diejenigen, die seinen Untergang herbeisehnten. Im Wohnzimmer hatten wir eine Karte aufgehängt, auf der wir mit Nadeln die deutschen und die russischen Stellungen markierten. Nach Pearl Harbor im Dezember verstärkte der Kriegseintritt der USA unsere Hoffnungen. Wir wussten nicht, dass wir noch drei Jahre und vier Monate durchhalten mussten, bis diese wahr werden sollten.“ Wie hält man eine solche Situation aus? Was hat Ihnen im Zweiten Weltkrieg den Lebensmut erhalten? Christoph Wagenknecht: Allerdings gibt es viele Dinge, die wir Schüler heutzutage überhaupt nicht mehr nachvollziehen können. Daher ganz direkt die Frage: Wie hat es sich damals angefühlt, mit Menschen zusammenzuleben, die die Verbrechen an den Juden und den Holocaust entweder hingenommen haben, ohne sie zu hinterfragen, oder teilweise sogar unterstützt haben? Nova Plattes: Durch die Globalisierung und Digitalisierung ist es für uns heute sehr einfach, internationale Kontakte zu knüpfen, was natürlich bei Ihnen damals so nicht möglich war. Umso mehr sind wir erstaunt darüber, wie Sie Ihre Verwandtschaftsbeziehungen und Umzüge damals einfach vollziehen konnten. Mariele Heiles: In Ihrem Buch betonen Sie häufig, dass jeder Mensch ein Individuum ist und dass jeder Mensch das Recht und die Chance dazu haben sollte, als solches angesehen zu werden. Denken Sie, dass Ihre internationalen Beziehungen diese moderne Ansicht geprägt haben, oder hat diese Internationalität von Ihnen Sie anderweitig geprägt? (Beifall im Hause) Zeitzeugenbericht „Im Rachen des Wolfes“ Monique Lévi-Strauss: Die Fragen, die die Schüler eben gestellt haben, werde ich versuchen zu beantworten. Zu der ersten Frage, warum ich in der Basilika immer eine halbe Stunde verbrachte: Es war die Stille und die Schönheit der Architektur. Es gab mir Frieden, dort zu sitzen, bevor ich zum Gymnasium hineinging. Eine nächste Frage war zu den Abiturprüfungen und ob ich aufgeregt war. – Nein. Wir waren nur acht Schülerinnen, weil die Jungen, die in der Klasse waren, alle eingezogen waren. Diese acht Schülerinnen wussten, dass sie ihr Abitur bestehen würden. Das wussten wir. Wir wussten nicht, mit welchen Noten, aber wir wussten, dass wir es haben würden. Es war Februar 1944, und ich persönlich dachte nur an eines: Wann werden die Alliierten landen, und wann wird der Krieg zum Ende kommen? Das war wirklich mein Hauptgedanke. Also muss ich sagen, dass ich gar nicht aufgeregt zur Prüfung ging. Wir waren nur acht Mädchen und kannten die Lehrer gut. Alles ist gut gelaufen. Dann – ich glaube,am nächsten oder vielleicht übernächsten Tag – hat man uns die Ergebnisse gegeben. Wir hatten alle das Abitur bestanden. Dann haben wir mit den Lehrern zu Mittag gegessen. Wir waren sehr froh und haben sogar Wein getrunken, was sehr selten passierte, und dann haben wir einander gratuliert. Das war alles. Es war also eine sehr einfache Sache, aber eine richtige Feier für alle, weil es doch das Ende der Schulzeit war und wir uns nie mehr wiedersehen würden. Die nächste Frage war, ob man sich über den Krieg unterhielt. – Gar nicht. Niemals haben wir über den Krieg gesprochen, niemals haben wir über Politik gesprochen. Wir wussten, dass das einfach tabu war. Man sprach über diese Sache nicht, weil es zu gefährlich war. Da muss ich eines sagen: Wir wussten von zweien der Lehrer– dem Mathematiklehrer und dem Lehrer, der Deutsch und Geschichte unterrichtete –, dass sie strafversetzt waren, aber niemand hat uns gesagt, warum sie strafversetzt waren. Es war uns sehr bewusst, dass das alles sehr gefährlich war, für die Lehrer und für uns. Ich muss sagen, dass diese zwei Lehrer – für Geschichte und Mathematik – sehr bewegt waren. Das konnte man sehen. Der Deutschlehrer weinte oft während des Unterrichts. Er war ein Mann mit weißen Haaren, ich würde sagen, ungefähr 60 Jahre alt. Oft weinte er, da fielen die Tränen. Wir wussten gar nicht warum, es hatte nichts mit dem zu tun, was er unterrichtete. Der Mathematiklehrer war offen aggressiv, und wir wussten auch gar nicht, warum. Einmal war er böse, und ein anderes Mal war er sehr nett. Das war ganz unverständlich. Natürlich muss die Erklärung darin liegen, dass die beiden Lehrer strafversetzt waren. Ich möchte gern, dass mir Herr Petri aus dem Prümer Gymnasium in seinem Archiv erklärt, warum die zwei Lehrer strafversetzt waren. War es aus politischen Gründen oder aus anderen Gründen? Das weiß ich nicht, aber dies soll Ihnen ein Bild davon geben, wie meine Schulzeit war. Man musste sehr vorsichtig sein, man konnte keine Bemerkungen machen. Man schwieg sehr viel. Eine andere Frage ist die Einstellung zur Schule. Da muss ich ein Detail erzählen. Unser Deutschlehrer im letzten Jahr war überzeugt, dass von den acht Schülerinnen nur zwei Interesse an Goethes Faust II hatten. Das ganze Jahr über war Goethes Faust. Die zwei Schülerinnen waren eine Liselotte – ich weiß ihren Nachnamen nicht mehr – und ich. Er hat uns gesagt, Sie beide setzen sich in die erste Reihe, und die anderen sitzen hinten, sie können tun, was sie wollen, aber uns nicht stören. Wir waren alle damit einverstanden. Die zwei, die sich interessierten, waren bei ihm. Er hat uns einen sehr guten Unterricht gegeben, weil er ein begeisterter GoetheBewunderer war. Er hat uns das wirklich mitgegeben, es war fantastisch. Wir durften ihm Fragen stellen. Es ist immer sehr interessant, wenn jemand unterrichtet und man ihn unterbrechen und Fragen stellen kann. Ich habe diesen Unterricht sehr gut im Gedächtnis. Die anderen, die hinten saßen, waren nett. Sie machten nicht zu viel Lärm, und es klappte alles sehr gut. Was kann ich noch sagen? Der Lehrer wusste, dass ich als Ausländerin keine ausgearbeiteten Aufsätze schreiben konnte. Ich war insoweit keine gute Schülerin, dass ich nicht gut Deutsch schrieb. Ich schrieb ohne Fehler, aber ohne Lyrik. Es waren immer sehr kurze Sätze, und ich wollte keine Fehler haben. Aber es war keine schöne Schrift. Deutsch war nicht meine Muttersprache. Aber Liselotte war sehr begabt. Herr Petri aus Prüm hat mir in den letzten Jahren jedes Jahr einen Bericht gesandt. Darin habe ich gesehen, dass Liselotte gestorben ist. Ich glaube, vor drei oder vier Jahren. Sie war Medizinprofessorin in Düsseldorf. Also hat es sich bewährt, dass sie eine sehr intelligente und gute Schülerin war. Das einzige war, dass sie nichts in Mathematik verstand, aber auch gar nichts. (Vereinzelt Heiterkeit im Hause) Der Mathematiklehrer wusste, dass ich gut in Mathematik war. Er hat mir immer gesagt: Versuch mal, ihr das beizubringen. – Am Tag des Abiturs hat mich der Mathematiklehrer morgens am Tor des Gymnasiums erwartet, als ich vom Zug kam. Er hat mir die Fragen zur Mathematik gegeben. Er hat mir gesagt: Das wird die Prüfung in Mathematik sein. – Er hat gesagt: Ich möchte, dass Du mit Liselotte jetzt in einen Klassenraum gehst und das mit ihr machst, damit sie es wirklich versteht. Dann nimmst Du ihr das Papier weg und sagst ihr, jetzt antworte. Wenn sie es richtig macht, musst Du alles zerstreuen und in die Toilette werfen. – (Heiterkeit im Hause) Das habe ich getan, und Liselotte hat eine anständige Note bekommen. (Beifall und Heiterkeit im Hause) Der Mathematiklehrer, der ziemlich aggressiv zu mir war, hat mir bei dem Mittagessen nach dem Abitur gesagt: Du bist doch eine brave Schülerin. – (Vereinzelt Heiterkeit im Hause) Voilà, so war es in Kriegszeiten. Heutzutage ist es sicherlich nicht mehr so, und es sind nicht mehr acht Schülerinnen. Es ist ganz anders. Man hat mich in dem Film gefragt, was während des Kriegs meine Hoffnung war. Ich dachte immer, dass der Krieg eines Tages enden würde. Ich dachte nur daran. Ich muss sagen, nichts anderes interessierte mich. Meine Mutter war ziemlich mutig, weil sie immer der BBC, dem Sender von London, zuhörte, obwohl die Todesstrafe darauf stand. Wenn jemand erwischt wurde, wie er fremde Sender hörte, wurde er sofort erschossen. Meine Mutter hörte jede Nacht. Man konnte nur nachts hören, am Tag war es nicht möglich. Aber nachts konnte man hören. Meine Mutter hörte jede Nacht. Wir warteten nur auf diese Nachrichten. Das war das einzige, was ich im Kopf hatte. Wenn man mich fragt, woran ich dachte, dann dachte ich nur an das Ende des Kriegs. Eine Frage war, was die Menschen, mit denen ich in Deutschland verkehrte, über KZs und den Holocaust wussten. Meiner Ansicht nach wussten die meisten Menschen nichts, wirklich nichts. Es gab vielleicht einige, die mit den Wächtern der Lager verwandt waren. Sie wussten einige Details, aber ich denke, sie sprachen nie darüber. Wir haben nie darüber gesprochen, absolut nie. Ich schreibe in meinem Buch, dass ich in Weimar als Studentin für einen Monat im städtischen Spital gearbeitet habe. Dort in das Spital sind Verwundete aus dem Lager Buchenwald gebracht worden, um operiert zu werden, weil sie schwer verwundet waren. Sie arbeiteten in einem Steinbruch, und die Bomben sind da hineingefallen. Wenn Steine gegen Köpfe oder Beine fliegen, dann sind das schreckliche Verwundungen. Wir haben diese Gefangenen von Buchenwald natürlich sofort in den Operationssaal gebracht. Es war so, dass es Franzosen waren. Die Ärzte, die Chirurgen, kamen aus den baltischen Staaten. Sie waren keine Deutschen, sondern Balten. Sie haben sofort gesehen, dass die Verwundeten Franzosen waren und kein Wort Deutsch verstanden. Wir hatten nicht genug Anästhesie für die Narkose. Wir konnten sie nicht betäuben. Man musste die Beine sägen. Die Chirurgen haben sofort danach gefragt, dass ich in den Operationssaal komme, um Französisch mit den Verwundeten zu sprechen. Ich habe sie gehalten für Stunden, während man die Beine sägte. Es war furchtbar. Das werde, das kann ich nicht vergessen. Ich erzähle das, weil ich abends zu den Leuten ging, bei denen ich ein Zimmer gemietet hatte. Sie haben mich gefragt: Was haben Sie heute gemacht? – Ich habe gesagt, was mir passiert wäre, und dass es Gefangene aus dem KZ waren. Die haben gar nicht gewusst, dass Buchenwald ein KZ war. Sie haben mir gesagt, sie wussten das nicht. Stellen Sie sich vor: Sie lebten in Weimar und wussten nicht, dass da ein KZ war, nur 5 km entfernt. Ich glaube, es war allgemein so in Deutschland, dass die meisten Menschen – ich würde sagen, 90 % – überhaupt nichts wussten über den Holocaust. Ich glaube, vielleicht 10 % wollten nichts wissen, aber mindestens 90 % wussten es nicht. Ich habe es den Leuten wirklich gesagt, aber sie wussten es nicht. Man kann sich das heutzutage gar nicht vorstellen, wo man alles weiß, aber damals ging es nicht so. Ich werde sehen, ob ich noch etwas beantworten kann. Man fragte mich, was mich meine Jahre in Deutschland gelehrt haben. An allem, was uns geschieht, ist etwas positiv, auch wenn es weh tut. Ich muss sagen, dass ich dort gelernt habe, dass man andere Kulturen und andere Religionen respektieren muss. Es gibt keine Kultur, die einer anderen überlegen ist. Das müssen wir wissen. Es gibt auch keine Hautfarbe, die schöner ist als eine andere, keine Augenfarbe, die schöner ist als eine andere. Wir müssen akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anders sind als wir und die genauso ihr eigenes Leben haben, wie wir es haben. Das haben mich die Jahre in Deutschland gelehrt. (Beifall im Hause) Ich danke Ihnen. (Beifall im Hause – Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen – Anhaltend Beifall im Hause – Die Anwesenden nehmen ihre Plätze wieder ein) Musik Shai Terry, Mezzosopran André Röll, Klavier Sheket, Sheket – Das Lied von Polnar Text: Shmerke Kaczerginski Melodie: Alexander Wolkowyski (Tamir) (Beifall im Hause) Schlusswort
