Clemens Hoch
Frau Präsidentin, meine sehr verehrten Damen und Herren! Erst einmal möchte ich den regierungstragenden Fraktionen ganz herzlich Danke sagen für diesen Antrag und dafür, dass wir diese Debatte heute hier führen. Sie gehört genau hier hin. Es ist nämlich eine Debatte, die in der Mitte der Gesellschaft geführt werden muss und nicht einfach nur im Deutschen Bundestag, weil die über das Transplantationsgesetz entscheiden, und sonst bei gar keinem. Zum Zweiten bin ich dankbar, dass wir mit großem Ernst über dieses Thema diskutieren, auch wenn ich zutiefst anderer Auffassung bin als mein Vorredner. Es ist eine ethische Frage, ob wir Organspende zulassen und in welchem Rahmen. Die ethische Frage ist für mich aber nicht, wie wir sie zulassen, denn es gibt auch Menschen wie mich, die möchten gerne ihre Organe spenden. In 97 Prozent der Fälle, falls ich im Krankenhaus versterbe, wird diesem Wunsch, dass ich Organe spende und andere Menschenleben vielleicht retten kann, nicht Rechnung getragen, weil wir in Deutschland härter und strenger und komplizierter sind als jedes andere europäische Land um uns herum. (Beifall der SPD und der CDU – Zuruf des Abg. Carl-Bernhard von Heusinger, BÜNDNIS 9 0/DIE GRÜNEN) Das ist für mich die zutiefst ethische Frage. Niemand muss in Deutschland Organe spenden, wenn er das nicht möchte, auch nicht bei der Widerspruchslösung. Er kann widersprechen, und ich glaube, da geht hier bei keinem Vorredner irgendwie etwas von weg. Aber wenn die Entscheidung getroffen ist, dann wollen wir sie bitte auch effektiv treffen. Um es einfach einmal herunterzubrechen auf Rheinland-Pfalz: Ich kann mich an ganz viele Debatten hier im Hohen Haus erinnern, in der wir fragten, wer eigentlich in die Notaufnahme gehört. Wie lange muten wir es Menschen zu, in einer Notaufnahme zu warten, obwohl sie vielleicht gar nicht dort hingehören – wir nennen das Manchester Triage –, bis ihnen geholfen wird? Mit dem ganz groben Daumen, weil man es nicht genau weiß, muten wir mindestens 30 Menschen jedes Jahr zu, dass sie in Rheinland-Pfalz versterben, weil wir ihnen nicht helfen, weil wir harte Triage machen und weil wir ihnen im besten medizinischen System der Welt keine Hilfe anbieten können, weil wir in Deutschland zu wenig Organspender haben. Wir haben in Rheinland-Pfalz zehn Organspenden pro 1 Million Einwohner. Das schwankt ein bisschen. Die Spanier haben 50 Organspenden pro 1 Million Einwohner. Wir in Deutschland hätten noch mehr Tote, wenn unsere europäischen Nachbarländer uns nicht regelmäßig mit gespendeten Organen versorgen würden. Das finde ich auch eine zutiefst ethische Frage: Wollen wir so leben? (Beifall der SPD und der CDU) Dann bin ich zutiefst davon überzeugt, dass wir mehr aufklären müssen, und wir machen das in ganz vielen staatlichen Institutionen. Die Landeszentrale für gesundheitliche Aufklärung macht das vorbildlich und wird auch von uns dafür gefördert. Wir wissen aber, dass wir an manche Mythen und Ängste nicht herankommen. Wenn wir medizinisch helfen wollen, müssen wir im System auch etwas ändern. Der oberste Mythos ist zum Beispiel das Alter. „Ich bin zu alt, um Organe zu spenden.“ Nein, der älteste Mensch in Rheinland-Pfalz – es war eine Frau, die nachweislich Menschenleben gerettet hat – war über 90, und auch bei diesem Thema kommt es auf die inneren Werte an, wie sonst meistens in der Gesellschaft auch. Das ist zutiefst medizinisch zu beurteilen. Es bestehen auch die Ängste: Wird mir überhaupt geholfen auf der Intensivstation, wenn ich einen Spenderausweis habe? Ja, das machen unsere Medizinerinnen und Mediziner jeden Tag ganz vorbildlich. Dann gibt es auch ganz verquere Fragen, die ich höchstpersönlich nicht übereinander bekomme. Wir diskutieren hier über die Fragestellung: Will ich Organspender sein? Das ist in Ordnung. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass nahezu jeder Mensch, wenn er aus medizinischen Gründen ein Spenderorgan braucht, auch eines nehmen würde, nahezu jeder Mensch. Wir wissen aus ganz anderen Debatten hier, dass die allermeisten Menschen und die allermeisten Angehörigen ganz selbstverständlich entscheiden, dass nach dem Tod zu 80 Prozent Urnenbestattungen stattfinden. Es kann also gar nicht mehr um die ethische Frage gehen: Möchte ich aus religiösen Gründen komplett in meinem Körper einfach beerdigt werden? Sondern es geht um eine Frage der Haltung und eines Blicks auf die Gesellschaft. Deswegen bin ich so dankbar, dass dieser Antrag total konkret geworden ist, weil: Nur dann wird es sichtbar, auch in dieser Debatte. Wir brauchen mehr Organspenden und müssen dafür die Basis verbreitern und den Menschen wie mir, die ein Organ spenden wollen, auch die Chance geben, weil einfach unsere Intensivmedizin wahnsinnig gut geworden ist, weil seit dem Konzept des Hirntods sich medizinisch auch sehr viel verändert hat und wir das heute sehr viel genauer monitoren können. Nach einem kontrollierten Herz-Kreislauf-Tod auf der Intensivstation wissen wir medizinisch heute – das wussten wir 2015 noch nicht –, dass jedenfalls nach fünf Minuten es überhaupt gar keinen denkbaren Fall mehr gibt, dass der Körper spontan wieder anfängt zu leben im Gehirn. Und das hat auch die DIVI gestern veröffentlicht, sehr prominent. Deswegen bitte ich uns alle, das auch immer wieder zum Anlass zu nehmen, unsere ethischen Maßstäbe zu überprüfen. Was vor zehn Jahren richtig gewesen sein kann, ethisch, muss heute nicht mehr richtig sein und muss vielleicht auch in zehn Jahren nicht mehr richtig sein. Aber von einer Sache bin ich zutiefst überzeugt: Sich mit dem Thema „Organspende“ auseinanderzusetzen, das bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Das betrifft nicht nur die, die die Organspender sind, sondern auch die bundesdeutsche Politik, auch uns, denn es hängen jeden Tag Menschenleben davon ab, ob es ausreichend Organspenden gibt oder nicht. Vielen Dank. (Beifall der SPD und der CDU)
