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Nicole Steingaß

11.12.2025 Sitzungen 18/99

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Jahrzehntelang gab es in der Medizin nur ein Geschlecht. Das Maß aller Dinge war der Standardmann, circa 1,80 m groß, rund 75 kg schwer, mittleres Alter und untersucht von einem Arzt mit ähnlichen Maßen. In der Medizin, in Forschung und Lehre und auch in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft wuchs und wächst erfreulicherweise aber die Erkenntnis, es gibt mehr als nur ein Geschlecht, und es braucht passgenaue medizinische Ansätze für jedes dieser Geschlechter: männlich, weiblich oder divers. Aus dieser Erkenntnis musste auch neues Handeln entstehen. Die geschlechtsspezifische Medizin ist, wie alles in der Gesundheitsversorgung, ein Auftrag an alle Akteure. Wir als Land sind beteiligt, natürlich aber auch der Bund und die Organe der Selbstverwaltung. So ist zum Beispiel die Vergütung von Behandlungsleistungen eine Aufgabe der Selbstverwaltung. Jeder Beteiligte muss hier seine Aufgaben kennen und sie erfüllen. Für die Landesregierung gebe ich Ihnen gerne einen kurzen Überblick. Geschlechtersensible Medizin ist für uns kein Nischenthema. Geschlechtersensible Medizin ist der Schlüssel zu einer besseren Medizin für alle Menschen in unserem Land. Beginnen will ich mit der Frage: Warum betrifft uns das eigentlich alle? Ja, wir reden oft über Frauen, weil hier die Defizite am deutlichsten geworden sind. Es ist lebensgefährlich, wenn ein Herzinfarkt bei einer Frau übersehen wird, nur weil sie Übelkeit statt Brustschmerzen hat. Es ist fatal, wenn Medikamente überdosiert werden, weil der weibliche Stoffwechsel anders arbeitet als der männliche, aber – das ist mir auch wichtig zu betonen – geschlechtersensible Medizin rettet auch Männer. Denken wir zum Beispiel an die Depression. Bei Männern äußert sie sich oft nicht in Traurigkeit, sondern durch Wut oder übersteigertes Risikoverhalten. (Vizepräsidentin Kathrin Anklam-Trapp übernimmt den Vorsitz) Das Raster der Medizin war hier oft weiblich, weshalb Männer in diesem Bereich durchs Netz gefallen sind. Eine moderne Medizin ist aber keine Konfektionsware mehr, sondern Maßarbeit, Präzisionsmedizin. Wir schauen nicht mehr nur auf das Geschlecht im Pass, sondern auf den individuellen Menschen, seine Gene und sein bisheriges Leben. Was tun wir konkret? Erstens: Auch wir wollen natürlich die Ausbildung ändern. Deshalb haben wir gemeinsam mit den anderen Ländern den Bund aufgefordert, Studium und Ausbildung um geschlechtersensible Medizin zu erweitern, nicht nur für Ärzte, sondern für alle Gesundheitsberufe, damit die geschlechtersensible Versorgung in der Fläche in allen Bereichen nachhaltig gewährleistet wird. Bereits im Jahr 2021 gab es unter der Leitung von Gastprofessorin Frau Professor Dr. Seeland zum Thema Geschlechtersensible Medizin ein umfangreiches Angebot an Vorlesungen, Wahlpflichtveranstaltungen und Seminaren an der UM. Im Jahr 2022 folgte ein Symposium. Zweitens: Wir schaffen spezialisierte Angebote. Schauen wir auf die Endometriose. Das ist eine schmerzhafte Erkrankung, die oft jahrelang unerkannt bleiben kann. Aber Rheinland-Pfalz ist hier gut aufgestellt. Wir haben mehrere zertifizierte Zentren, die eine umfassende und spezialisierte Betreuung für Patientinnen bieten. Nicht jede Behandlung muss in einem solchen Zentrum erfolgen. Auch in Krankenhäusern, die nicht als Zentrum zertifiziert sind, werden Patientinnen mit Endometriose behandelt. In vielen Fachabteilungen für Gynäkologie bestehen entsprechende Strukturen. Es gibt also in Rheinland-Pfalz einerseits die spezialisierte Versorgung und gute Angebote in der Fläche. Drittens: Wir fördern Frauen in der Wissenschaft. Wer selbst forscht, bestimmt auch die Fragestellungen. Lange haben Männer über Männer geforscht. Mit unserem Programm „Mehr Frauen für die Wissenschaft“ sorgen wir dafür, dass es mehr Professorinnen und Forscherinnen geben wird. Das ändert auch den Blickwinkel der Studien automatisch. Und wie gesagt, heute geht es in der Forschung hin zu individuellen Ansätzen. Dabei wird ein systemmedizinischer Ansatz verfolgt, der den Menschen als ganzheitliches System in den Mittelpunkt stellt und betrachtet. Dabei wird selbstverständlich auch die Rolle des Geschlechts berücksichtigt, unter anderem beim Forschungsprojekt der UM „Gender und Gesundheit“. Letztendlich geht es darum, für jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft die individuell beste Prävention, Diagnostik und Therapie anbieten zu können und eben nicht mehr für alle das Gleiche, sowohl bezogen auf den Unterschied im Geschlecht aber auch auf sehr viele weitere Variablen. Viertens: Wir klären auf, vom Long-COVID-Syndrom, das Frauen anders trifft, bis zur Herzgesundheit. Das MFFKI hat in dieser Legislaturperiode dankenswerterweise zahlreiche Informationsveranstaltungen durchgeführt, und das MASTD hat Veranstaltungen über die Volkshochschulen gefördert. Sie sehen, auch in der Landesregierung ist dieses Thema in der Breite angekommen. Meine sehr geehrten Damen und Herren, in Rheinland-Pfalz bewegen wir uns längst weg von der One-size-fits-all-Medizin. Wir sind auf dem Weg hin zu einer Medizin, die Menschen so individuell sieht, wie sie eben sind. (Beifall der SPD, des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP) Wir sind auf einem sehr guten Weg. In der Uniklinik, in den Arztpraxen und in den Köpfen findet ein Umdenken statt. Wir gehen diesen Weg selbstverständlich weiter, damit der medizinische Maßanzug in Rheinland-Pfalz jedem Menschen passt, ob weiblich, männlich oder divers. Vielen Dank. (Beifall der SPD, des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)

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