Stefan Thoma
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren! Wir haben ganz viel gehört. Wir haben zum Beispiel etwas über Gewaltexzesse gehört, und als Beispiel wurden uns verstopfte Toiletten genannt. Das ist ein bisschen sinnbildlich für das, was wir in dieser Debatte erleben. Hier wird etwas an gewissen Stellen aufgebauscht, was zwar zu Recht kritisiert wird, aber auf einem anderen Niveau stattfindet, weil man gerade mit dem Brennglas draufhält und sagt, schau mal, was da alles schiefgelaufen ist. Aber den Alltag und warum das so ist, schauen wir relativ wenig an. Im Gegensatz zu den allermeisten, die hier in der Runde sitzen, habe ich in den letzten elf Jahren an einer Realschule plus unterrichtet. Ich habe das tagtäglich selbst miterlebt. Ich habe viele von den Kritikpunkten miterlebt. Ich habe miterlebt, dass das alles in Relation zum normalen Alltag nicht irgendwelche Exzesse sind, sondern das Ganze passiert unter anderem. Aber da gibt es entsprechende Maßnahmen, und über die müssen wir reden, wenn wir über Pädagogik sprechen. Wir haben ein großes Problem in Schulen. Wir haben dort zwei Aufträge: Wir haben einen Bildungs- und wir haben einen Erziehungsauftrag. Der Bildungsauftrag wird gerade in die Debatte mit reingestreut, obwohl er mit dem Thema formal, wenn wir uns die Überschrift anschauen, nichts zu tun hat. Das ist ein Gespräch, das müssen wir an anderer Stelle führen, wenn wir über Leistungen und Ergebnisse sprechen. Aber wir wollen über Gewalt an Schulen sprechen. Hier geht es um pädagogische Konsequenz. Jeder, der pädagogisch ausgebildet ist, lernt direkt am Anfang, dass Konsequenz die entscheidende Maßnahme ist. (Beifall und Zuruf des Abg. Gerd Schreiner, CDU: Wenn er etwas Richtiges sagt, dürft Ihr ruhig mal klatschen!) Wir kennen aus der Pädagogik, aus der Erziehung ein einfaches Prinzip, das aus der psychologischen Forschung kommt, das nennt sich operante Konditionierung. Wenn ich ein Verhalten habe, das ich gerne habe, dann bestätige, verstärke ich das, indem ich es belohne. Wenn ich ein unerwünschtes Verhalten habe, dann versuche ich, das zu verringern, indem ich es bestrafe. Das ist die Grundlage von Erziehung, wie sie seit Jahrtausenden in der Menschheit funktioniert. Hier müssen wir uns eines klarmachen: Ein Kind ist kein kleinwüchsiger Erwachsener, der einfach genauso behandelt werden kann, sondern es ist ein Mensch, der Führung und Erziehung braucht, damit er seinen Weg in die Erwachsenenwelt finden kann. (Beifall der FDP, bei der SPD, bei der CDU, bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der Gruppe FREIE WÄHLER) Kinder lernen durch Vorbild, aber auch durch gezielte Erziehungsmaßnahmen. Wenn wir in die Schule schauen, was im Alltag passiert, dann sehen wir in der Regel ganz häufig Lehrkräfte, die das gerne machen wollen, die aber aus verschiedensten Gründen nicht dazu kommen. Ein Problem ist, dass es einen großen Haufen von Aufgaben gibt, für die gar nicht die Zeit da ist, um in ausreichendem Maße erzieherisch wirksam zu werden, weil man ansonsten den Unterricht sein lassen muss oder gar nicht allen gerecht werden kann. Hier gibt es schon unterstützende Maßnahmen, wenn wir daran denken, dass wir zum Beispiel Schulen unterstützen mit dem Startchancen-Programm, die besondere Schwierigkeiten haben oder die Bedingungen besonders schwer sind. Da wollen wir unterstützen und helfen. Wenn wir uns den Forderungskatalog aus Ludwigshafen anschauen, dann ist es so, dass man mit mehr Lehrkräften in der Klasse effektiver wirken kann. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Wenn Sie eine schwierige Klasse haben, und Sie sind zu zweit – jemand kann sich um den pädagogischen Teil kümmern, jemand kann sich um den unterrichtlichen Teil kümmern –, dann sind sie effizienter darin. Wir müssen uns klarmachen, so viele Lehrkräfte und so viel Geld haben wir nicht, um das in jeder Klasse und überall zu machen. Das heißt, wir müssen unsere Ressourcen sinnvoll einsetzen. Auf der anderen Seite ist es eine Frage – das haben wir heute auch schon ein paar Mal gehört –, welche Erfahrungen macht eine Lehrkraft, wenn sie pädagogisch wirksam handeln will. Wenn ich das Gefühl habe, ich treffe eine pädagogische Entscheidung und werde dann wieder zurückgepfiffen, habe ich ein großes Problem, wirksam bzw. konsequent zu sein. (Beifall der FDP, der CDU und der Gruppe FREIE WÄHLER) Deswegen müssen wir uns die Struktur anschauen, wie es dazu kommt. Da sind einfache Schuldzuweisungen nicht richtig am Platz. Ganz häufig ist es so, wenn man das mit den Schulleitungen und mit der ADD bespricht, dass man sich in ein Korsett gezwungen fühlt, in dem man eigentlich gar keine große alternative Handlungsweise hat, manchmal, weil das Juristische höher gewertet wird als das Pädagogische, weil wir so tun, als wenn kleine Menschen – Kinder – Erwachsene wären, die irgendwo vor Gericht stünden. Das aber tun sie nicht. Wir sind nicht vor Gericht. Wir sind in einem Erziehungsprozess. (Beifall bei der FDP, bei der SPD und bei der CDU sowie der Abg. Jutta Blatzheim-Roegler, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Dieser Erziehungsprozess braucht Konsequenz, braucht Unterstützung, Unterstützung von den Schulleitungen, Unterstützung aus der ADD und entsprechend aus dem Ministerium, die wir eigentlich haben, das muss man ehrlicherweise sagen, (Zuruf des Abg. Marcus Klein, CDU) und hier verstehe ich die Kritik nicht. Wir haben gerade eben gehört, dass alles so schlimm sei, aber ich habe bis jetzt relativ wenige Verbesserungsvorschläge für den Alltag gehört. Ich habe vor allem gehört, das ist so, das ist schlimm, das darf nicht sein. Alles gut, aber der Verbesserungsvorschlag, der fehlt mir noch. Ich habe noch nicht gesehen, wo hier irgendetwas an Besserung ansteht. Mehr in der zweiten Runde. (Glocke des Präsidenten – Beifall bei der FDP, bei der SPD und bei dem BÜNDNIS 9 0/DIE GRÜNEN)
