Stefan Thoma
Herr Präsident, meine Damen und Herren! Wenn wir uns jetzt das Modell ansehen, das wir haben – wir haben es jetzt seit 24 Jahren, knapp ein Vierteljahrhundert –: Das funktioniert. Halten wir das erst einmal so weit fest. Es kann vielleicht perfektioniert werden, aber auf jeden Fall funktioniert es so, wie es ist, mit allen Stärken und Schwächen, die es hat. Wenn wir etwas ändern, hat das immer einen relativ langen Durchlauf, bis sich tatsächlich etwas ändert. Nehmen wir das Beispiel NRW. Die hatten 2 005 G8 eingeführt, haben sich dann 2015 wieder für G9 entschieden. 2027 wird der erste G9Jahrgang überhaupt erst durch sein. Das heißt, wenn wir jetzt etwas verändern, wird es sehr lange dauern, bis es sich tatsächlich auswirkt. Deswegen sollte man nichts übers Knie brechen, sondern sich wirklich Gedanken darüber machen, ob ein funktionierendes Modell grundsätzlich geändert werden muss. Wir haben einen Sonderweg. Ein Sonderweg kann schlechter als der Standardweg, aber auch besser als der Standardweg sein. Bevor wir einfach das Kind mit dem Bade ausschütten, sollten wir uns überlegen: Vielleicht ist er tatsächlich besser. Eben wurde das Argument genannt, das mit dem Anfangen im Sommersemester würde überhaupt keine große Rolle spielen. Doch. Die Statistik sagt, dass das eine Rolle spielt. Schaut man sich nämlich die Anteile an, wann in welchen Bundesländern Menschen zum Sommersemester anfangen, ist es so, dass wir in Rheinland-Pfalz den höchsten Anteil von allen Bundesländern haben, und zwar mit ungefähr jedem Vierten, der im Sommersemester anfängt, während es in den meisten anderen Bundesländern, bis auf ein paar Ausnahmen, ungefähr jeder Achte ist. Also ja, ein Effekt ist spürbar, auch wenn nicht jeder sofort hingeht. Wir müssen natürlich bedenken, dass auch aus anderen Bundesländern Menschen bei uns anfangen. Dann muss man sich einmal die Bewerbungsfristen anschauen. Wer bei uns Abitur macht, muss, damit er sich für das Wintersemester bewerben kann, in der Regel bereits im Juni seine Bewerbung einreichen. Das kann er in aller Ruhe machen. Wir haben eben gehört: Was macht man denn in dem halben Jahr? – Naja, sich vielleicht um seine Bewerbung kümmern, sich um eine Wohnung kümmern und Ähnliches, damit man im Winter gut anfangen kann. Oder, wenn man ganz schnell ist, kann man tatsächlich im Sommer anfangen. Die Möglichkeit besteht. Das ist kein Zwang. Man kann ganz normal bis zum Winter warten. Auch das ist eine freie, individuelle Lebensentscheidung. Viele nutzen diese Zeit, um sie entweder mit einer kleinen Pause zu verbringen – denn 13 oder 12,5 Jahre bis zum Abitur sind anstrengend –, oder um einmal etwas anderes zu sehen, eventuell auch ein Praktikum zu machen. Wenn man fragt, was die meisten in der Zwischenzeit tun, kommt man dahin, dass sie nicht nur zu Hause sitzen, sondern sich tatsächlich aktiv daran beteiligen, ein bisschen das Leben zu sehen, vielleicht nicht vom einen Bildungssystem ins nächste Bildungssystem zu gehen, sondern erst einmal ein bisschen vom wahren Leben kennenzulernen. Wenn ich mir eine solche Pause nach dem späten Abitur einplane, habe ich ein Jahr lang Pause, nicht ein paar Monate. Auch das muss man bedenken. Das heißt also, wir haben natürlich die Option, dass wir sagen, wir können das nach hinten schieben, aber das muss noch lange nicht heißen, dass das an der Stelle besser ist. Auch was das Thema „Belastung“ angeht, was die Inhalte betrifft: Wir haben in Rheinland-Pfalz zum Glück – auch das ist ein Sonderweg, aber deswegen sage ich, zum Glück – die Möglichkeit, dass die entsprechende Lehrkraft des Kurses die Abiturarbeit erstellt. Das heißt, die Lehrkraft erstellt die Arbeit über das, was tatsächlich geleistet wurde, und nicht über das, was theoretisch vielleicht hätte geleistet werden können. Jede Lehrkraft schaut selbst, wie sie den Lehrplan erfüllt, und der ist in Rheinland-Pfalz zum Glück kompetenzorientiert. Man muss sich also nicht an einzelnen Punkten aufhängen, sondern kann das entsprechend anpassen. Das gilt übrigens auch für alle anderen Jahrgänge, die es so gibt. Wir sind immer wieder als Lehrkräfte darauf angewiesen, uns an die zur Verfügung stehende Zeit anzupassen, und das ist mal mehr und mal weniger. Das kann jede Lehrkraft, die in Rheinland-Pfalz arbeitet. Es ist im Prinzip ein Vorwurf an die Lehrer, sie wären unfähig, ihren Job zu machen, wenn wir sagen, das kann man zeitlich nicht einplanen. Hier muss man also deutlich sagen, wir sind flexibel, wir sind zum Glück flexibel, und das System funktioniert an der Stelle. Wir werden als FDP-Fraktion nicht sagen, dass die grundsätzliche Idee G9 falsch ist, aber wir sagen ganz deutlich, wir sollten uns deutlich mehr Gedanken machen. Wir sollten deutlicher prüfen, welche Optionen es gibt, welche Vor- und Nachteile wir in dem ganzen System haben, und dann können wir immer noch entscheiden, ob wir das ändern wollen oder nicht; denn es dauert wie gesagt sowieso relativ lange, bis sich etwas verändert. Daher bitte ich darum, dass wir uns lieber erst noch ein paar Gedanken machen und erst einmal prüfen, was unser System bisher leisten kann. Wenn wir dann zu dem Schluss kommen, das andere ist doch besser, können wir immer noch über G9 reden. Vielen Dank. (Beifall der FDP, der SPD und des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
