Jennifer Groß
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir stehen vor einer Entscheidung von großer Tragweite für unsere Schülerinnen und Schüler, für die Lehrkräfte und die Eltern in Rheinland-Pfalz. Unser Bundesland geht seit mehr als 20 Jahren mit dem verkürzten G9Abitur einen bundesweit einmaligen Sonderweg, und das mit erheblichen Nachteilen. Während in anderen Bundesländern das Abitur nach vollen neun Jahren abgelegt wird, müssen unsere Schüler bereits nach achteinhalb Jahren ihr Abitur ablegen. Die schriftlichen Prüfungen finden im Januar statt, die mündlichen Prüfungen im März. Die letzten Monate des Schuljahrs, die in anderen Bundesländern noch zur Vertiefung des Lernstoffs genutzt werden, entfallen vollständig. Warum muss dieses Modell überarbeitet und überdacht werden? – Als das Modell im Schuljahr 2001/2002 eingeführt wurde, lautete die Begründung, die Abiturientinnen und Abiturienten sollen früher ins Studium starten. Doch was ist davon Realität? – Nur Rheinland-Pfalz hat diesen Sonderweg gewählt. In den anderen 15 Bundesländern gibt es weiterhin das Abitur nach vollen neun Jahren, oder sie kehren dahin zurück. Viele Studiengänge beginnen ausschließlich im Wintersemester. Ein früheres Abitur bringt also nichts außer einer längeren Wartezeit. Die Ausbildung beginnt am 1. August, am 1. September oder in manchen Bundesbehörden zum 1. Oktober. Auch hier ist also kein früherer Start möglich. Schulleitungen berichten, dass nur ein sehr kleiner, ein äußerst geringer Prozentsatz der Schüler überhaupt die Möglichkeit eines früheren Studienbeginns nutzt. Viel häufiger wird die gewonnene Zeit für Freizeit, Reisen, Praktika oder Nebenjobs verwendet, was an sich, um Gottes Willen, nicht schlecht ist, aber das Hauptargument der damaligen Reform ad absurdum führt. Zweitens, die schriftlichen Abiturprüfungen finden im Januar statt und genau in einer Zeit, in der auch – das weiß jeder von uns – die Grippe- und Erkältungswelle um sich greift. Wer Pech hat und in dieser Zeit krank ist, schreibt sein Abitur mit Krankheitssymptomen. Das ist kein Einzelfall, sondern eine bekannte Problematik. Hinzu kommt das Winterwetter. Wir wissen, was bei Schnee und Eis, ob auf dem Land oder in den Städten, passiert. Der Nahverkehr bereitet unseren Schülern Probleme, pünktlich zu einer Prüfung zu erscheinen. Deswegen sind auch damals einige Bundesländer vom Winter wieder in den Sommer gegangen bzw. sind den Weg nicht so gegangen. Drittens, die verkürzte Schulzeit bedeutet, dass unsere Abiturienten weniger Zeit zur Vorbereitung als ihre Altersgenossen in anderen Bundesländern haben. Sie müssen in kürzerer Zeit denselben Stoff bewältigen, was zu einer enormen mentalen Belastung führt. Noch gravierender ist es für diejenigen, die nach der Sekundarstufe I auf ein Gymnasium oder eine Integrierte Gesamtschule wechseln. Ihnen bleibt in der verkürzten Oberstufe weniger Zeit, sich an das höhere Leistungsniveau und das Tempo zu gewöhnen. Das beeinträchtigt auch die entsprechende Durchlässigkeit unseres Bildungssystems. Viertens, die Lehrkräfte; denn das verkürzte Abitur, unser G8½, belastet nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrkräfte. Ab März entfallen die 1 3er vollständig im Schulbetrieb. Das bedeutet, dass die für sie vorgesehenen Unterrichtsstunden, die sogenannten Vorhaltestunden, eigentlich nicht benötigt werden. Doch diese Stunden müssen trotzdem geleistet werden. Das führt dazu, dass die Lehrkräfte in den restlichen Klassenstufen mehr unterrichten, als es ihre eigentliche Unterrichtsverpflichtung vorsieht. Besonders absurd, gerade in dem Jahr, in dem die Abiture erstellt werden, das Vorabitur läuft und die Zeit ohnehin schon sehr knapp ist, müssen sich die Kollegen dadurch noch einmal mehr Mühe machen. Ja, viele sagen, durch diese frühe Abiturphase wird es in keiner Weise ausgeglichen, und ja, sie kommen sich auch bestraft vor. Ich zitiere – mit Erlaubnis des Präsidenten – die Vorsitzende des Philologenverbands, Cornelia Schwartz: „Die Zusatzbelastung ist für alle enorm hoch. Sie schlägt im gesamten Schuljahr zu Buche und trifft […] damit ausgerechnet auch in einer Zeit, in der wir sowieso schon mit Abiturvorbereitungen und -korrektur extrem belastet sind. Letztlich ist das […] G9[Abitur] einfach nur ein Sparmodell auf dem Rücken [unserer Lehrerinnen und Lehrer].“ (Beifall der CDU) Für uns als CDU-Fraktion ist klar, Bildung darf an keiner Stelle kaputtgespart werden, und unsere Lehrkräfte an jeder Schulform dürfen eben nicht wie Zitronen ausgepresst werden. Auch die Landesschüler*innenvertretung hat gemeinsam mit dem Philologenverband einen Offenen Brief an Sie geschrieben, Frau Ministerin. Zusammengefasst folgender Inhalt: Sie kritisieren die seit über 20 Jahren bestehende verkürzte Schulzeit, die besonders nach Corona zu hohen Belastungen bei den Schülern und Lehrkräften führt. Die enge Taktung der Prüfungen beeinträchtige die physische wie auch die psychische Belastung. Zudem sei das Argument, dass die Abiturienten früher in das Studium starten, realitätsfremd. Entsprechend möchte in diesem Brief auch die Aussage sein, die Landesregierung solle daher zum regulären G9, nämlich nach vollen neun Jahren, zurückkehren. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Fakten liegen auf dem Tisch. Deshalb fordert die CDU-Fraktion, die Abiturprüfungen an den G9Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen wieder zeitlich an die Prüfungen der anderen Schulformen anzupassen. (Beifall der CDU) Den Schülern muss die gleiche Vorbereitungszeit wie in den benachbarten Bundesländern gegeben werden. Die zusätzliche Belastung der Lehrkräfte durch die Vorhaltestunden muss beendet werden. Natürlich bleiben die G8- Gymnasien, die in Ganztagsform angeboten werden, dabei. Es ist ein bewährtes System, und das unterstützt die CDU-Fraktion. (Beifall der CDU) Wir müssen unseren jungen Menschen die entsprechende Zeit geben, um sich optimal auf das Abitur vorzubereiten. Persönliche Entwicklung und die Zeit für das Lernen und das Leben sind prägend. Mit unserem Antrag können wir heute diese Mogelpackung des angeblichen G9 endlich beenden. Nach langen Phasen des Ausprobierens darf und muss man sich vor allen Dingen ehrlich machen und sagen: Was hat es gebracht? – Der Weg zu einem Abitur nach vollen neun Jahren ist nach Ansicht der CDU-Fraktion genau der richtige. (Beifall der CDU) Ein Satz sei noch ganz am Ende angemerkt. Eine Abiturfeier im Sommer: Jeder, der sie schon einmal erlebt hat, weiß, wie schön es ist, im Sommer zu feiern. (Zuruf der Abg. Nina Klinkel, SPD) In diesem Sinne: Stimmen Sie unserem Antrag zu. (Beifall der CDU)
