landtag-rlp.de ↗

Dr. Stefanie Hubig

30.01.2025 Sitzungen 18/81

Sehr geehrter Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! Die wichtigste Eintrittskarte, die Jugendliche in ihrem Leben lösen, ist der Schulabschluss; denn er ist die Eintrittskarte in ein selbstbestimmtes, in ein erfolgreiches, in ein selbstwirksames Leben. Unsere Aufgabe und unser Ziel ist es, dass das Lösen dieser Eintrittskarte allen Jugendlichen möglich ist, und zwar unabhängig von ihrer Herkunft und unabhängig von dem Einkommen ihrer Eltern. Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen mit dieser Eintrittskarte dann gleich loslegen können, weil die Schule sie genau darauf vorbereitet hat, welche Wege ihnen mit ihrer Eintrittskarte offenstehen, und diese Wege sind so viele wie nie zuvor. Unser Land braucht alle seine Jugendlichen dringend. Wir müssen uns in Deutschland beim Blick auf die Dinge, die wir gut machen, aber natürlich auch zuerst eingestehen, was wir noch besser machen müssen. Da sage ich ganz klar: Wir haben in unserer Republik beim Übergang in den Beruf ein Gerechtigkeitsproblem. In Deutschland bekommen zu viele junge Menschen die Eintrittskarte „Schulabschluss“ nicht. Es sind gerade die, deren Eltern wenig Geld und wenige Möglichkeiten haben, sie zu unterstützen. Dies ist ein Problem in allen Bundesländern, und das müssen wir in ganz Deutschland angehen, über Parteigrenzen hinweg. Ich habe kürzlich gemeinsam und überparteilich mit meinen Kolleginnen aus Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg von der CDU und von den Grünen veröffentlicht, wie wir die Bildung in Deutschland bis 2035 entscheidend verbessern können. Dabei schlagen wir ganz konkrete, ganz messbare und ambitionierte Bildungsziele vor. Eines davon ist, die Anzahl der Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, um die Hälfte zu reduzieren. Den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg wollen wir ebenfalls um ein Fünftel vermindern. Unsere Vorschläge sind sehr positiv aufgenommen worden, wir sind schon an der Umsetzung, und wir wollen natürlich, dass alle Länder, der Bund und die Kommunen mit dabei sind. Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich weiß, und das ist mehrfach angesprochen worden, dass andere Länder in manchen Statistiken besser aussehen als wir. Ich sage Ihnen aber auch eines: Wenn man alle Jugendlichen, die gerade zu uns geflohen sind, aus den Statistiken herausrechnet, dann kommen sie natürlich auf bessere Zahlen, aber sie kommen kein bisschen mehr auf mehr Abschlüsse. Unser Ziel ist in allen Bundesländern – und das muss es sein –, alle Jugendlichen mitzunehmen, alle Begabungen zu fördern, und zwar alle, die Schwachen und die Starken. Jeder und jede Jugendliche ohne Schulabschluss ist einer und eine zu viel. Wir brauchen in Rheinland-Pfalz dringend Fachkräfte. Wir können auf keinen verzichten, und wir brauchen sie alle. (Beifall der SPD, des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP) Deswegen haben wir in Rheinland-Pfalz das Berufsvorbereitungsjahr reformiert. Wir haben unser Landesprogramm „Keine/r ohne Abschluss“ an den Realschulen plus deutlich ausgebaut. Beide sind einzigartige und sehr erfolgreiche Möglichkeiten, damit Jugendliche ihren Abschluss schaffen, wenn nicht im ersten Anlauf, dann eben im zweiten. Die Abschlussquoten sind sehr hoch für diese zweite Chance. Bei „Keine/r ohne Abschluss“ sind es 85 % der Jugendlichen, bei denen man erst gesagt hat, die schaffen den Abschluss nicht, die ihn dann schaffen. Im Berufsvorbereitungsjahr haben wir es durch die Reform die Abschlussquote um über 20 % gesteigert auf fast 60 %. Es ist gut, dass wir jetzt mit dem Startchancen-Programm in eine sehr viel stärkere datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung einsteigen. Das ist aus meiner Sicht der wichtigste Hebel, damit noch mehr Jugendliche gleich im ersten Anlauf ihren Abschluss schaffen; denn so können Lehrkräfte ganz gezielt sehen, was wirkt. Sie können dann aber eben auch sehen, wo sie nachsteuern müssen, damit der Bildungserfolg nicht gefährdet wird. Die Eintrittskarte „Schulabschluss“ zu lösen, ist aber nur der erste Schritt; denn wenn die Chancen so groß sind wie nie zuvor, dann heißt das eben auch, dass die Jugendlichen wissen müssen, wo sie hingehen, und sie ganz dringend Berufs- und Studienorientierung brauchen. Die bekommen sie in Rheinland-Pfalz auf eine so vielfältige Weise wie in kaum einem anderen Bundesland, und sie bekommen das schon seit einem Jahrzehnt in der engen Partnerschaft mit den Kammern, mit der Bundesagentur für Arbeit und vielen weiteren Partnern. Dazu gehören auch das Wirtschaftsministerium, das Arbeitsministerium, das Jugendministerium. Deshalb an dieser Stelle ganz, ganz vielen Dank an die Kolleginnen für die gute Zusammenarbeit. Ich komme gleich noch einmal auf einen besonderen Punkt. Verpflichtende Tage der Berufs- und Studienorientierung, Berufswahlportfolios, das digitale Berufsorientierungsportfolio: Das sind Bestandteile dieses Konzepts, das ab der 8. Klasse beginnt und auf Stufen aufbaut. Liebe Daniela Schmitt, sehr erfolgreich war in diesem Jahr das Onlinematching bei der Praktikumswoche, das Wirtschafts- und Bildungsministerium zusammen gemacht haben. Jugendliche und Unternehmen sind für Schnupperpraktika zusammengebracht worden – ein vielfältiges Beispiel dafür, wie wir Praktika in Rheinland-Pfalz gestalten. Vielen Dank noch einmal für die supergute Zusammenarbeit. (Beifall der SPD, des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP) Damit jeder junge Mensch auch nach dem Abschluss einen Anschluss findet, helfen die Übergangscoaches, die wir in Rheinland-Pfalz weiterführen, für fast 5 Millionen Euro. Danke an den Landtag, dass er das wieder möglich gemacht hat. Wir haben das Projekt „Jobfux“, und wir unterstützen die Schülerinnen und Schüler mit persönlichen Coachings und Begleitung, damit sie diesen Übergang schaffen. Seit dem Schuljahr 2023/2024 haben wir das, was wir uns immer erhofft haben. Wir können nun verfolgen, zusammen mit der Bundesagentur, einem unserer wichtigsten Partner, wie wir Schulabgehende ohne Abschluss tatsächlich in konkrete Anschlussmöglichkeiten bringen, wie wir ihnen Anschlussperspektiven eröffnen, indem wir sie auch nach der Schule noch kontaktieren können – aus meiner Sicht ein richtiger Einstieg in Bildungsverlaufsstudien. Das ist gut und wichtig so, daran werden wir weiterarbeiten. Insgesamt ist das, was im Antrag aufgeführt wird, nur ein Teil dessen, was wir im Bereich der Berufsorientierung tun. Wir haben uns viel vorgenommen. Wir haben schon viel erreicht. Wir müssen mehr erreichen, darin sind wir uns einig. Deshalb: Danke, und ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit bei diesem wichtigen Thema. (Beifall der SPD, des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der FDP)

Protokoll ↗