Dr. Lea Heidbreder
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe FREIE WÄHLER-Fraktion, was Sie hier an Schauermärchen über den Wolf mit Ihrem Antrag an die Wand malen, das hätte den Gebrüdern Grimm wahrlich Konkurrenz gemacht. (Beifall des Abg. Dr. Bernhard Braun, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Weil Angst bekanntlich die Urteilskraft schwächt, kehren wir doch einfach zu den Fakten zurück. Aktuell gibt es in Rheinland-Pfalz in Zahlen sechs erwachsene Wölfe, davon zwei Wolfsrudel mit jeweils zwei Elternteilen im Westerwald. Trotz zwölf Jahren Besiedlungszeit haben wir in unserem waldund wildreichen Bundesland nur eine kleine Wolfspopulation. Wir sind also weit weg von einer ungezügelten Ausweitung. Dank erfolgreicher Unterschutzstellung hat sich der Wolf in den 90er-Jahren wieder in Deutschland und 2012 auch wieder in unserem Bundesland Rheinland-Pfalz angesiedelt. Beutegreifer wie der Wolf gehören dabei zu jedem gesunden und intakten Ökosystem dazu. Sie regulieren Wildbestände und entnehmen alte und kranke Tiere. Der Wolf ist nach geltendem EU-Recht immer noch eine streng geschützte Art. Doch die Rückkehr dieser Art ist nicht immer konfliktfrei, sie geht mit Ängsten und mit Mythen einher. Diese Ängste gilt es durchaus ernst zu nehmen, ohne sie aber unnötig zu verstärken, und stattdessen Lösungen aufzuzeigen. Daher stehen wir als Grüne fest an der Seite der Expertinnen und Experten, die mit großem Engagement eine konfliktarme Koexistenz von Mensch und Wolf ermöglichen wollen. Besonders gilt der Schutz der Weidetierhaltung mit Schafen und Ziegen, die gerade mit Blick auf den Natur- und Landschaftsschutz ein hohes Gut darstellen. Diesem Schutz wird mit der frühzeitigen Entwicklung eines Wolfsmanagementplans in Rheinland-Pfalz Rechnung getragen. Die Landesregierung ist in zahlreichen Gesprächsrunden mit allen Akteurinnen und Akteuren im Kontakt, um eine solche konfliktarme Koexistenz zu ermöglichen. Werfen wir einen Blick auf ein paar Beispiele aus der jüngsten Zeit, mit der die Landesregierung die Weidetierhaltung an dieser Stelle unterstützt. Im letzten Jahr wurden über das Koordinationszentrum Luchs und Wolf, unserem KLUWO, über 200 Anträge auf Herdenschutzförderung mit einem Bewilligungsvolumen von 800.000 Euro bearbeitet. Im November wurde ein neues Wolfspräventionsgebiet im westlichen Hunsrück ausgewiesen und schnell auf Wolfssichtungen reagiert. In diesem Jahr hat das Umweltministerium eine Außenstelle des KLUWO im Forstamt Dierdorf im Westerwald eingerichtet. Es zeigt sich, die Arbeit, Beratung und Prävention zahlen sich aus. Von 45 Rissereignissen im Jahr 2021 waren wir im letzten Jahr nur noch bei 17 Rissereignissen. Dabei war zu sehen, dass 80 % der Risse auf wenig geschützten Weiden passiert sind. Was hilft, um Weidetiere vor Wolfsrissen effektiv zu schützen, sind und bleiben effektive Herdenschutzmaßnahmen. Um die Sorgen der CDU-Fraktion aus dem Alternativantrag aufzugreifen, ob die Zäune wilddicht wären oder nicht: Es gibt eine Studie aus Niedersachsen, die zeigt, die Zäune können gut von Hasen und Rehen durchdrungen werden, Rotwild springt drüber, und der Wolf oder auch die Wildschweine können solche Zäune nicht queren. (Abg. Dr. Joachim Streit, FREIE WÄHLER: Wildschweine!) Gleichzeitig sieht der Wolfsmanagementplan vor, nicht scheue Wölfe, die sich Menschen nähern oder mehrfach auffällig werden, zu entnehmen. Die Forderung zur Aufnahme in das Jagdgesetz würde an dieser Stelle das Verfahren verkomplizieren, weil neben dem Artenschutz auch das Jagdrecht zu berücksichtigen wäre. Die Jägerschaft ist über den Runden Tisch Wolf allerdings in die Diskussion eingebunden. Der Wolf ist eine Art, mit der wir in Rheinland-Pfalz leben und umgehen können. Wir haben Mittel und Wege. Nach einer aktuellen forsa-Umfrage steht die Mehrheit der Landbevölkerung dem Wolf sogar positiv gegenüber. (Heiterkeit des Abg. Dr. Joachim Streit, FREIE WÄHLER) – Das ist die Studie. Sie können es anders empfinden, aber die Zahlen sagen genau das. Weil Sie den Tourismus angesprochen haben: Woanders reisen Menschen extra in den Yellowstone-Nationalpark, um Wölfe oder Bären zu besichtigen, und zwar nicht trotz, sondern wegen der Großkarnivoren, dem Wolf oder dem Bär. Durch einen konsequenten Herdenschutz, die Ausweitung der Präventionsgebiete und -förderung können wir einen pragmatischen Umgang finden, der Weidetierhaltung und Naturschutz zusammendenkt. Hören wir auf die Wissenschaft statt auf das Märchen aus dem 19. Jahrhundert. Wir lehnen die beiden Anträge ab. (Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)
