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Hendrik Hering

17.04.2024 Sitzungen 18/64

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich begrüße Sie zur heutigen Plenarsitzung. Bevor wir beginnen, möchte ich an einen Jahrestag erinnern, der sich in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt hat: an den Völkermord in unserem Partnerland Ruanda vor 30 Jahren. Was in den frühen Morgenstunden des 7. April 1994 begann und drei Monate später mit fast 1 Million ermordeten Frauen, Männer und Kindern enden sollte, ist bis heute eines der erschütterndsten Zeugnisse dafür, was sich Menschen gegenseitig antun können. Heute wissen wir, dass dieses Morden nicht aus dem Nichts kam. Wir wissen auch, dass es in diesem ungeheuerlichen Ausmaß überhaupt nur geschehen konnte, weil die internationale Gemeinschaft Ruanda und seine Menschen in höchster Not im Stich ließ, trotz deutlicher Hinweise und Informationen. Wir wissen, was folgte: Tausende unschuldiger Tutsi und gemäßigter Hutu wurden erschlagen, erschossen, ertränkt, ihre Leichen den Hunden überlassen, zusammengekarrt, verscharrt, verbrannt, vernichtet, fast 1 Million Menschen, 25 % der Bevölkerung. Nach diesen schrecklichen Gewaltexzessen erinnert sich eine Überlebende: „Es herrschte eine völlige Leere in den Menschen. Die ganze Gesellschaft, alle Werte waren zerstört worden.“ 30 Jahre sind seither vergangen, eine Generation. Aus dem Land im Abgrund ist ein Land im Aufbruch geworden. Vorangegangene Woche habe ich gemeinsam mit der Ministerpräsidentin anlässlich der zentralen Gedenkfeier das Land besucht. Wir haben ein Land erlebt, das sich seines schweren Erbes schmerzlich bewusst ist und nicht nur moralisch, sondern auch juristisch Verantwortung übernimmt. Ich habe ein Land erlebt, in dem die Erinnerung an den Genozid fest verankert ist. Davon zeugen allein schon die mehr als 200 Gedenkstätten, die über das ganze Land verteilt sind. Ich habe einige von ihnen besucht und muss sagen, das fasst einen emotional an und lässt einen so schnell nicht mehr los. Wenn man bedenkt, wie viele Jahrzehnte länger es in Deutschland gedauert hat, bis eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit einsetzte, dann beeindruckt die Konsequenz, mit der in Ruanda Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit geleistet wird, umso mehr. Dennoch sind die Traumafolgen immer noch überall im Land zu spüren. Besonders bewegt hat mich in diesem Zusammenhang die Organisation AVEGA, eine Vereinigung der Witwen des Genozids. Die Organisation mit 12.000 Mitgliedern unterstützt Witwen und andere Überlebende medizinisch, therapeutisch und juristisch. 30 Jahre nach den traumatischen Ereignissen werden diese Angebote weiterhin stark nachgefragt und sind ein Grund dafür, dass sich der Landtag von Rheinland-Pfalz an der Stelle besonders engagieren will. Aber auch das habe ich bei meiner Reise nach Ruanda erlebt: eine Nation, die mit unglaublichem Elan vorangeht. Wir haben eine Nation erlebt, die neue visionäre Wege der Versöhnungsarbeit sucht und zugleich das Fundament für eine bessere Zukunft bereitet, politisch, wirtschaftlich, kulturell, ökologisch. Vergessen wir nicht: Dieses Land hat im Sommer des Jahres 1994 nicht nur bei null angefangen, es hat bei minus null angefangen und weit darüber hinaus. Wo steht das Land jetzt? – Trotz oft unterschiedlicher Wertvorstellungen – sie spiegeln sich nicht zuletzt in der Art und Intensität des öffentlichen Gedenkens – müssen wir der insgesamt positiven Entwicklung Ruandas Respekt zollen. Diese Entwicklung ist eine gute Basis für die Intensivierung unserer Kontakte auf parlamentarischer Ebene, wie wir sie für die Zukunft unserer Länder anstreben. Meine Damen und Herren, verehrte Kollegen, man reist nach Ruanda nicht mit vorgefassten Meinungen und fertigen Antworten im Gepäck. Nach Ruanda reist man am besten mit einem leeren Koffer, damit umso mehr Platz bleibt für die vielen Eindrücke und Impulse, die man von dort mitbringt. All jene unter uns, die sich in der jahrzehntelangen Partnerschaft zwischen Ruanda und Rheinland-Pfalz engagieren, wissen das aus eigener Erfahrung. Sie wissen auch, Ruanda und Rheinland-Pfalz verbindet nicht nur das schreckliche Wissen darum, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, sondern uns verbindet auch der Wille, den Weg der Erinnerungen und des Gedenkens gemeinsam weiterzugehen. Genozide verjähren nicht. Sie bleiben im kollektiven Gedächtnis und verlangen Aufklärung und Urteile. Sie verpflichten die nachfolgenden Generationen aber auch, es gemeinsam anders, es besser zu machen. Sie verpflichten uns, füreinander Verantwortung zu übernehmen, und zwar über Grenzen und Kulturen hinweg; denn wie mahnte uns die Holocaustüberlebende Margot Vielen Dank. (Beifall im Hause) Frau Ministerpräsidentin, ich darf Sie um eine kurze Ansprache bitten.

Protokoll ↗