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Susanne Müller

SPD 08.11.2023 Sitzungen 18/53

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren! Wir möchten heute als Ampelkoalition auf ein Thema aufmerksam machen, das noch zum größten Teil im Verborgenen liegt. Es geht um Kinder und Jugendliche, die kranken Familienmitgliedern regelmäßig helfen, diese pflegen und über das normale Maß hinaus damit Aufgaben übernehmen, die eigentlich Erwachsenen vorbehalten sind. Diese Gruppe der Kinder und Jugendlichen nennt man junge Pflegende oder mit dem Fachbegriff Young Carer. Ich möchte Ihnen die Problematik an diesem Sachverhalt gerne mit einer kleinen Geschichte verdeutlichen. Es geht um eine Schülerin in der 9. Klasse, nennen wir sie Elsa. Ich war ihre Klassenlehrerin. Elsa war bis dato eine gute Schülerin, hatte gute Noten und zeigte ein vorbildliches Arbeits- und Sozialverhalten. Doch auf einmal waren die Hausaufgaben nicht mehr da. Die Leistungen sanken ab, Elsa verschlief, es kam zu Fehltagen, sie schlief im Unterricht ein, zu Hause konnte man niemanden erreichen, bis sie irgendwann gar nicht mehr in die Schule kam. Irgendwann habe ich die Initiative ergriffen und bin nach der Schule bei Elsa vorbeigefahren, und da erfuhr ich auch den Grund. Elsas Mutter hatte eine Krebs-OP, und sie hatte über einen Zeitraum von über einem halben Jahr nicht nur die Mutter gepflegt, eine junge Schwester versorgt und den Haushalt geführt, sondern sie hatte den ganzen Laden zusammengehalten. Der Vater konnte die Mutter durch seine Berufstätigkeit nicht unterstützen. Ich erinnere mich noch gut an das Gespräch, weil die Mutter tränenüberströmt vor mir saß, ihr die Sache unglaublich peinlich und es für sie mit ganz viel Scham besetzt war. Mit der Geschichte wird auch die Problematik dahinter deutlich; denn diese sogenannten Young Carer haben meist wenige freundschaftliche Kontakte, wirken auf den ersten Blick unzuverlässig und nicht belastbar, aber das größte Problem ist eigentlich, dass sie aufgrund der hohen Belastung oft keinen Schulabschluss machen können oder auch keine Ausbildung machen. Wir reden bundesweit von ca. 480.000 jungen Pflegenden in Deutschland, und wir haben in Rheinland-Pfalz dazu bisher keine belastbaren Zahlen, wie auch in anderen Bundesländern nicht. Deswegen möchten wir, dass wir dieses Feld künftig weiter ausleuchten, um die Bedürfnisse, aber auch die Unterstützungsleistungen, die wir den jungen Pflegenden anbieten möchten, noch einmal viel, viel stärker zu eruieren. Kinder und Jugendliche mit diesem Hintergrund sind damit in ihrer Entwicklung massiv gefährdet, überfordert und auch in ihrer psychischen und physischen Entwicklung bedroht. Wenn wir wissen, dass diese Kinder und Jugendlichen diese unbezahlte Arbeit teilweise bis zu 20 Stunden oder mehr verrichten, werden die Belastungsfaktoren sehr, sehr deutlich. Meine Damen und Herren, es ist unsere Aufgabe, diesen Kindern und Jugendlichen ein gesundes Maß an Unterstützungs- und Begleitungsangeboten an die Hand zu geben, aber auch die Öffentlichkeit für die Herausforderungen und Belastungen der jungen Pflegenden zu sensibilisieren. Wir begrüßen daher, dass wir im bestehenden Doppelhaushalt bereits 25.000 Euro zur Unterstützung dieser Zielgruppe zur Verfügung gestellt haben, um mit einer Studie die Bedürfnisse dieser Zielgruppe weiter zu erfassen. Zudem haben Fachgespräche im Ministerium zu dem Thema stattgefunden, und der Schwerpunkt des Landeskinderschutzgesetzes zum Thema „Kinder psychisch und suchterkrankter Eltern“ zeigt eine signifikante Schnittmenge auf. Es ist erforderlich, dass wir weitere Veranstaltungen zu dem Thema umsetzen und dabei alle relevanten Akteure einladen und diese vernetzen. Wir brauchen eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit, um gerade pflegende Kinder und Jugendliche zu erreichen und sie über ihre Rechte und Möglichkeiten aufzuklären. Wir möchten mit dem Antrag aber noch weiter gehen. Sobald wir neue Erkenntnisse aus dem bundesweiten Projekt „Pausentaste“ haben und wir in Rheinland-Pfalz valide Daten haben, möchten wir diese Entlastungsangebote vornehmen und Angebote zugänglich machen, um Kinder und Familien aus dieser Scham wieder herauszuholen; denn wir müssen unsere Netzwerke sensibilisieren und nutzen und den betroffenen Kindern und Jugendlichen ganz klar vermitteln, dass sie Anspruch auf Hilfe haben, unterstützt werden und die gleichen Rechte haben wie alle anderen Kinder auch: ein Recht auf Entwicklung, ein Recht auf die Entfaltung der Persönlichkeit, auf Freizeit, Spiel und Ruhe. Unser Dank geht an alle jungen Menschen und Personen im Land, die diese Verantwortung für ihre Familienangehörigen übernehmen. Noch einen Satz zum Änderungsantrag der CDU. Ich weiß nicht, ob Sie nur die Stichworte vom Antrag gelesen haben oder nicht. Wir lehnen diesen auf jeden Fall ab; denn er hat mit unserem Antrag nicht viel zu tun. Herzlichen Dank. (Beifall der SPD und des BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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