Dr. Jan Bollinger
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren! Nach der letzten Erhöhung liegt die Zahl der Studienplätze im Fach Humanmedizin in RheinlandPfalz bei derzeit 225 pro Semester, sprich 450 pro Jahr. Derzeit gibt es insgesamt ca. 3.000 Medizinstudenten in Rheinland-Pfalz. Dahinter liegen lediglich das Saarland und Thüringen mit jeweils ca. 2.000 Studenten sowie Brandenburg und Bremen, die über keinerlei Studienplatzkapazitäten im Bereich Humanmedizin verfügen. Damit liegt Rheinland-Pfalz, das nach Einwohnern siebtgrößte Bundesland, bei den Medizinstudienplätzen auf dem Platz 12 von 16. Im von der Einwohnerzahl her vergleichbaren Sachsen sind es gut 5.000 Medizinstudenten; in Sachsen-Anhalt mit gerade einmal ungefähr halb so großer Bevölkerung sogar 3.280. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern mit gerade einmal ca. 1,6 Millionen Einwohnern sind es gut 3.600 Medizinstudenten. Es gibt also ca. 3.000 Studenten der Medizin in Rheinland-Pfalz. Nur zum Vergleich: Allein den altersbedingten Nachbesetzungsbedarf im Bereich der ambulanten ärztlichen Versorgung bei Haus- und Fachärzten prognostiziert die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz mit rund 3.350 in den kommenden beiden Jahren bis zum Jahr 2025. Dieser Vergleich verdeutlicht, wie weit Bedarf und Studienplatzkapazitäten auseinandergehen. Es mag sein, dass es sich bei der Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung um ein Worst-Case-Szenario handelt. Nicht jeder Hausarzt wird sich bereits mit 61 Jahren und nicht jeder Facharzt mit 59 Jahren in den Ruhestand begeben. Viele arbeiten deutlich länger. Allerdings hatte die Vorsitzende des Hausärzteverbands Rheinland-Pfalz e. V. bereits davor gewarnt, dass die anhaltend hohe Inflation wie ein Brandbeschleuniger wirken könnte, wenn Ärzte ihre Praxen nicht mehr kostendeckend betreiben können. Mancher Haus- und sicher auch mancher Facharzt könnte es sich zweimal überlegen, ob er seine Tätigkeit als niedergelassener Arzt dann noch bis ins hohe Alter weiter fortführen soll. Meine Damen und Herren, damit könnte dieses Worst-Case-Szenario gar nicht so weit von der Realität entfernt sein. Zudem hat sich die Zahl der freien Arztsitze in Rheinland-Pfalz allein in den letzten fünf Jahren von 102 auf 264 bereits mehr als verdoppelt. Selbst wenn dieses Worst-Case-Szenario nicht so eintreten sollte, muss natürlich berücksichtigt werden, dass die genannten ca. 3.000 Medizinstudenten nicht in den kommenden beiden Jahren ihr Studium abschließen werden. Es werden vielleicht 800 Medizinstudenten sein, die ihr Studium abschließen, von einer Facharztausbildung ganz zu schweigen. Legt man die Analyse des neuesten Berufsmonitorings „Medizinstudierende 2022“ zugrunde, dann streben davon nur ca. 74 % eine eigene Niederlassung an, und davon nur rund 43 % im Bereich der hausärztlichen Versorgung bzw. 77 % eine angestellte Tätigkeit im ambulanten Sektor. Ob eine Niederlassung respektive angestellte Tätigkeit im ambulanten Sektor dann auch in Rheinland-Pfalz erfolgt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Entsprechend des Berufsmonitorings „Medizinstudierende 2022“ bevorzugen mehr als 86 % der Medizinstudenten eine künftige Tätigkeit im Heimatbundesland bzw. knapp 80 % in der näheren Heimatregion. Mancher Medizinstudent wird daher im Anschluss an sein Studium Rheinland-Pfalz den Rücken kehren. So viel dürfte allerdings feststehen: 2.000 bis vielleicht 3.000 oder noch mehr altersbedingt ausscheidenden Ärzten in den kommenden beiden Jahren stehen nur einige Hundert Medizinstudenten gegenüber, die in den kommenden beiden Jahren in Rheinland-Pfalz ihr Medizinstudium beenden werden. Sicherlich wird auch der eine oder andere Medizinstudent aus einem anderen Bundesland oder aus dem Ausland seinen Weg nach Rheinland-Pfalz finden. Natürlich müssen wir alles dafür tun, die Studierenden in Rheinland-Pfalz zu halten oder um andere zu werben, aber darauf zu vertrauen, dass das bedarfsdeckend sein wird, können und sollten wir nicht. Rheinland-Pfalz muss hier seiner Verantwortung gerecht werden. Angesichts des Bedarfs hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zuletzt erklärt – ich zitiere –: „Wenn wir nicht die Zahl der Studienplätze um 5.000 erhöhen, werden wir die Babyboomer-Generation in naher Zukunft nicht mehr angemessen versorgen können.“ Legt man das entsprechend der üblichen Verteilungsschlüssel um, bedeutet das ca. 250 zusätzliche Studienplätze im Fach Humanmedizin für Rheinland-Pfalz. Nicht berücksichtigt wäre dabei der weit unterproportionale Anteil unseres Landes Rheinland-Pfalz an den vorhandenen Medizinstudienplätzen. Angesichts dessen und der dramatischen Lage verbietet es sich, wie in der Vergangenheit weiter den Kopf in den Sand zu stecken und sich einfach nicht angesprochen zu fühlen, wie es Ministerialdirektor Stich im Gesundheitsausschuss getan hat, um den Ball an den Bund zurückzuspielen. Insoweit können wir dem vorliegenden Antrag und dem Änderungsantrag inhaltlich nur zustimmen. (Glocke des Präsidenten) Vielen Dank. (Beifall der AfD)
