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Stephan Wefelscheid

FREIE WÄHLER 07.07.2022 Sitzungen 18/27

Sehr geehrter Herr Präsident, meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Ich glaube, es gibt kaum ein Thema, bei dem die Debatte so emotional geführt wird wie beim Wolf. Mir ist dabei aufgefallen – ich habe mich jetzt längere Zeit mit dem Thema „Wolf“ befasst –, dass das Thema insbesondere in den Gebieten besonders emotional diskutiert wird, in denen der Wolf überhaupt nicht existiert, zum Beispiel in großstädtischen Ballungsgebieten. Deswegen ist es ganz gut, wenn wir hier im Landtag versuchen, diese ganze Debatte ein Stück weit zu versachlichen und uns zunächst mit der Frage befassen, wie der Status quo beim Stichwort „Wolf“ aktuell in Deutschland aussieht. Meine Damen und Herren, im Monitoringjahr 2020/2021 vermeldete das Bundesumweltministerium 157 bestätigte Rudel, 27 Paare und 19 territoriale Einzeltiere. Daraus ergibt sich für Deutschland ein geschätzter Wolfsbestand von etwa 2.000 Tieren. Das ist Stand Ende des Jahres 2021. Das Bestandswachstum wird mit jährlich 30 bis 36 % und die Zunahme des Bestands bei stabilen Bedingungen bis zum Jahr 2030 auf über 20.000 Tiere als drastisch angenommen. Für mich stellt sich dabei die Frage, wieso an der Definition des günstigen Erhaltungszustands in dieser Form festgehalten wird. Meine Damen und Herren, beim Wolf handelt es sich nicht um ein vom Aussterben bedrohtes Tier. Wir haben es mit einer Gattung zu tun, die aus Osteuropa nach Deutschland eingedrungen ist. Es ist kein Hirschkäfer und kein russischer Bär, das ist ein Schmetterling, kein Bär. Das sind vom Aussterben betroffene Tiere, aber nicht der Wolf. Wenn wir Populationsraten von 30 bis 36 % jährlich haben und auf eine Quote von 20.000 Tieren zusteuern, muss hier die Frage des günstigen Erhaltungszustands gestellt werden können, wie sie in Niedersachsen aktuell diskutiert wird. Wie ist die Situation in Rheinland-Pfalz? Der Norden des Landes – die Besuchergruppe aus Puderbach ist hier – ist aktuell besonders vom Wolf betroffen. Wir haben dort residente Leuscheider Rudel im Westerwald. Das ist auffällig geworden. Stand 2021 sind es zwei Elterntiere, deren Würfe in den Jahren 2020 und 2021 zu je sieben Welpen wohl für 58 Nutztierübergriffe im Jahr 2021 verantwortlich zeichnen. Bis Mai 2022 sind zwölf Nutztierübergriffe festgehalten. Meine Damen und Herren, ich habe deswegen Weidetierhalter nach Mainz eingeladen. Wir haben uns hier vor 14 Tagen in diesem Saal versammelt, weil ich – auch als Städter, der ich selbst keine Landwirtschaft betreibe – von Leuten aus dem Westerwald, die Weidetiere halten, wissen wollte, wie sich die Situation hier darstellt. Es ist so, dass die Konzepte, die dem Wolfsmanagement zugrundeliegen – die Wolfsschutzzäune –, sicherlich eine Möglichkeit darstellen können, Wölfe abzuhalten. Allerdings gibt es Gebiete in Rheinland-Pfalz – ich komme jetzt auf Puderbach, Asbach und andere Gebiete im Westerwald zu sprechen –, in denen rein praktisch und faktisch das Aufstellen dieser Wolfsschutzzäune in diesem Maß gar nicht möglich ist. Jetzt ist Frau Eder leider nicht hier. Ich habe sie vor zwei Wochen in Koblenz beim ÖPNV-Gipfel begrüßen dürfen und habe ihr meine Stadt Koblenz zeigen können. Ich hätte sie gerne eingeladen, mit mir in den Westerwald zu fahren, damit sie die Topografie dort einmal im Detail kennenlernt. (Heiterkeit des Abg. Dr. Joachim Streit, FREIE WÄHLER) Wenn man in Altenkirchen Weidetiere hält, ist es nicht so wie in Mainz im flachen Tal, dass man eine Koppel hat, die ebenerdig ist, auf der man das leicht aufbauen kann, sondern Sie haben Höhen und Tiefen. Das geht teilweise schroff herunter. Dort können Sie diese wolfsabweisenden Zäune, die unter Strom gesetzt sind, nicht ohne Weiteres aufbauen. (Zuruf des Abg. Josef Winkler, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Hinzu kommt – das ist eine ernst zu nehmende Frage, die wir uns stellen müssen –, wollen wir letztendlich in einem Land leben, in dem die gesamte Waldfläche am Ende des Tages aus Schutzgründen eingezäunt ist? Das kollidiert mit unseren ursprünglich vorgesehenen Konzeptionen, wie wir Wald haben wollen. (Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Dazu zählt nicht die Einzäunung, weil der Wolf dort sein Unwesen treibt. Wenn man sich dann die Bilder von gerissenen Tieren ansieht und in die Augen der Weidetierhalter schaut, die ihre Tiere lieben, muss man die Frage stellen, in welchem Land wollen wir am Ende des Tages Tierhaltung betreiben; denn – das ist ein wichtiger Unterschied zu vielleicht Sibirien oder anderen dünn besiedelten Gebieten – wir haben hier in Deutschland Wälder und Natur, die in erster Linie Wirtschaftswälder sind und dazu dienen, unsere Ernährung zu sichern. Wenn am Ende des Tages die Produktion von regionalen Produkten nicht mehr möglich ist, weil die Weidetierhalter sagen, dass sie unter diesen Bedingungen nicht mehr bereit sind, Tierhaltung zu betreiben, dann sind wir an einem Punkt angekommen, an dem man die ideologische Brille auch einmal absetzen und sich der Realität stellen muss, meine Damen und Herren. (Glocke des Präsidenten) Dieses Ziel verfolgt dieser Antrag. Es geht uns nicht darum, dass der Wolf letztendlich insgesamt verschwindet, aber so wie in Niedersachsen die Debatte geführt wird, werden auch wir nicht umhinkommen, diese Debatte in Rheinland-Pfalz führen zu müssen, weil es widerstreitende Interessen gibt, die nun einmal in Einklang zu bringen sind. Ich hoffe auf Zustimmung zu unserem Antrag, damit wir in der Sache für Rheinland-Pfalz ein Stück weiterkommen. Vielen Dank. (Beifall der FREIEN WÄHLER und bei der AfD)

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