Christian Obrok
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wann haben Sie das letzte Mal programmiert? Bei mir war das am Wochenende mit meinem achtjährigen Sohn. Wir haben ein Zählsystem für ein Kartenspiel gebaut, das Sie alle sicherlich kennen und mit Ihren Kindern oder Enkeln spielen: Flip 7. (Zuruf von Thorsten Klute [SPD]) Da wird nach jeder Runde abgerechnet und gezählt, und das geht jetzt bei uns digital. Mein Sohn hat beim Programmieren zwei Dinge gelernt: Erstens, es klappt nie beim ersten Mal, (Zuruf von Angela Freimuth [FDP]) zweitens, aber beim dritten Mal schon. Ich erzähle das, weil mein Sohn etwas hat, was vielleicht nicht jeder Erwachsene im Beruf hat, nämlich erstens eine Chance und zweitens jemanden, der hilft. Eine Industriekauffrau aus Löhne, Bünde oder Rödinghausen in meinem Wahlkreis hat das vielleicht nicht. Sie ist zwölf Jahre im Betrieb, sie kennt jeden Prozess, jede Schnittstelle. Sie könnte IT-Administratorin werden. Sie will es sogar, aber in ihrer Personalakte steht eben „Industriekauffrau“. Was sie kann, zählt dann erst mal nicht. Dabei hat die Bitkom gerade neue Zahlen vorgelegt: 69 % der Unternehmen beschäftigen bereits Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. 51 % sagen, praktische Fähigkeiten zählten mehr als das Zeugnis. Was also fehlt, sind oft nicht die Talente, sondern was fehlt, sind mehr Wege und jemand, der motiviert und unterstützt. Genau das wollen Sie ja, liebe FDP, mit Ihrem Antrag ändern. Qualifizierungspfade, die auf dem aufbauen, was Menschen schon können und nur das vermitteln, was noch fehlt, sind eine richtige Idee. Teilqualifikationen, die bis zum anerkannten Abschluss führen können – auch das ist richtig und ganz wichtig für Frauen; denn nur 18 % der IT-Fachkräfte sind Frauen und nur 12 % der Auszubildenden sind Frauen. Das ist kein Mangel an Begabung, sondern ein Mangel an Chancen und an zweiten Türen. Zwei Quereinsteiger in der IT möchte ich kurz vorstellen. Den einen kennen Sie wahrscheinlich: Konrad Zuse. Der war Bauingenieur und soll mal gesagt haben, er sei einfach zu faul zum Rechnen gewesen. Also hat er in dem Wohnzimmer seiner Eltern den ersten programmierbaren Computer der Welt gebaut. In seinem Zeugnis stand „Bauingenieur“. Er ist ein IT-Quereinsteiger. Hedy Lamarr war Schauspielerin in Hollywood. 1942 ließ sie ein Verfahren patentieren, bei dem Funksignale ständig die Frequenz wechselten. Das steckt heute in Bluetooth und im WLAN. Anerkannt wurde das erst, als sie weit über 80 war. Auch sie ist IT-Quereinsteigerin. Landtag Das sind zwei Menschen und zwei Wege, die eher zufällig waren. Heute können wir Zugänge besser fördern und besser organisieren. Es gibt fast 80.000 offene IT-Stellen, sagt Bitkom. Deshalb kommt der Antrag zur richtigen Zeit. Trotzdem müssen wir sagen: Die Bundesagentur für Arbeit meldet, dass der IT-Arbeitsmarkt insgesamt enger wird. Die Arbeitslosenquote in IT-Berufen ist von 3,7 % auf 4,5 % gestiegen. Das hängt sicherlich auch – wir haben eben schon was dazu gehört – mit generativer KI zusammen. Aber es heißt eben auch, dass der Quereinstieg richtig bleibt, aber nur dann, wenn am Ende etwas steht, was auch zählt – also ein Abschluss und nicht nur eine Teilnahmeurkunde. Ich würde diesem Antrag gerne noch drei Sachen mitgeben. Das Erste ist: 27 % der Menschen steigen quer ein. Die größte Gruppe, 37 %, kommt aber immer noch aus der dualen Ausbildung. Der Quereinstieg ist also die zweite Tür. Die erste Tür bleibt die Ausbildung und bleibt das Studium. Die sollten auch nicht weiter an Wert verlieren. Das Zweite ist: Die Erprobung im Betrieb nach § 45 gilt für Arbeitssuchende und für Menschen, denen Arbeitslosigkeit droht. Unsere Industriekaufrau hat einen Job. Hilfe, die erst kommt, wenn die Kündigung auf dem Tisch liegt, kommt zu spät. Sie braucht Qualifizierungsgeld, Freistellung und einen Betriebsrat, der mitredet. Mitbestimmung in dem Bereich ist übrigens kein Hindernis für Qualifizierung, sondern ein Turbo. Das Dritte ist die Bienenkönigin aus Singapur. Ich mag das Bild sehr. Erfahrene Betriebe helfen den Kleinen. Das funktioniert in Singapur, weil der Staat das organisiert und auch mitbezahlt. Deshalb gerne ein Pilotprojekt, aber dann gern auch mit eigenen Geldern des Landes – ein Land, das auf das zählt, was Menschen können und nicht nur auf das, was im Zeugnis steht. Die Industriekauffrau aus Löhne aus meinem Beispiel wartet auf eine Tür, die aufgeht. Wir helfen gerne dabei mit und stimmen diesem Antrag heute zu. Bleiben Sie menschlich. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
