Hendrik Wüst
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Was Deutschland und die Türkei vor 65 Jahren miteinander vereinbart hatten, war auf dem Papier ein ganz einfacher Plan. Die Wirtschaft in Deutschland hat geboomt. Unser Land hat unbedingt Arbeitskräfte gebraucht. Und die Türkei hat Arbeitskräfte geschickt. Das Anwerbeabkommen sollte eine Lösung auf Zeit sein. Dazwischengekommen ist das Leben. Denn die Menschen, die damals aus der Türkei, aber auch aus Italien, aus Spanien, aus Griechenland, Marokko, Portugal, Tunesien, Jugoslawien zu uns gekommen sind, haben sich Schritt für Schritt etwas aufgebaut. Sie haben ihre Familien nachgeholt oder Familien gegründet. Sie haben ihre Kinder großgezogen. Sie haben eigene Geschäfte und Betriebe eröffnet. Sie haben zum wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes beigetragen. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Und sie haben Nordrhein-Westfalen zu ihrer Heimat gemacht. Vor dem mutigen Schritt ins Unbekannte, in ein ganz unbekanntes Land, den all diese jungen Menschen damals gemacht haben, ziehe ich meinen Hut. Vor ihrer Leistung habe ich größten Respekt. Und für ihren Einsatz für den Wohlstand in unserem Land sage ich von Herzen danke schön. (Beifall von der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der FDP) Auch 65 Jahre nach dem Anwerbeabkommen gehört zur Realität in unserem Land: Viele Menschen mit ausländischen Wurzeln werden auch heute noch als fremd wahrgenommen, selbst wenn man hier geboren ist, selbst wenn Deutschland die Heimat ist und wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Noch immer hat es eine Zeynep oder ein Yusuf schwerer als eine Carolin oder ein Lukas bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle, einem Job oder einer Wohnung – allein wegen des Namens. Noch immer gibt es Ressentiments und Diskriminierungen, zum Teil offen, meist versteckt, manchmal ganz unbewusst. Und jede neue Diskriminierung führt dazu, dass bei Menschen mit Zuwanderungsgeschichte dieses Gefühl wieder hochkommt: So ganz gehören wir hier wohl doch nicht dazu. Umso größer ist die Aufgabe der Gesellschaft, diese Ressentiments, diese Diskriminierung zu bekämpfen. Es ist Aufgabe von Politik, Medien, Zivilgesellschaft, sich für Offenheit und Toleranz und gegen Vorurteile und Ausgrenzungen einzusetzen. Erst wenn der Name, die Hautfarbe, die Religion gar keine Rolle Landtag mehr spielen, sind wir am Ziel – einem Ziel, für das es sich zu arbeiten lohnt. In einer Zeit geopolitischer Verschiebungen und fragiler internationaler Beziehungen werden bilaterale Partnerschaften immer wichtiger. Keine andere Region in Europa ist enger mit der Türkei verbunden als Nordrhein-Westfalen. Rund 1 Million Menschen mit Wurzeln in der Türkei leben bei uns in Nordrhein-Westfalen, 1 Million Brückenbauer zwischen unseren Ländern. Viele Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen sind erfolgreich in der Türkei. Gleichzeitig investieren türkische Unternehmen hier bei uns, weil wir als Standort viel zu bieten haben. Ende September 2026 bin ich gemeinsam mit einer Delegation aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in die Türkei gereist. Mit dieser Reise haben wir 65 Jahre Anwerbeabkommen gewürdigt und gleichzeitig unsere Zusammenarbeit ausgebaut. Ein wichtiger Teil des Programms war eine NRW-Türkei-Wirtschaftskonferenz in Istanbul. Partner aus Nordrhein-Westfalen und der Türkei haben auf dieser Konferenz acht teils sehr konkrete Erklärungen unterzeichnet. Diese Erklärungen stärken die Zusammenarbeit in Wirtschaft, Industrie, Energie, Logistik, Luftfahrt, Tourismus und Innovation. Mit den unterzeichneten Vereinbarungen schlagen wir auch bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ein neues Kapitel in den Beziehungen zur Türkei auf. Gerade in unsicheren Zeiten wollen wir verlässliche Lieferketten stärken und neue gemeinsame Projekte ermöglichen. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Nordrhein-Westfalen und die Türkei sind enge Partner. Gerade deshalb ist es uns möglich, auch Themen anzusprechen, bei denen es unterschiedliche Sichtweisen gibt, zum Beispiel mit Blick auf die Freiheitsrechte Einzelner oder bestimmter Gruppen. Unsere Partnerschaft mit der Türkei lebt vom gegenseitigen Respekt und vom gemeinsamen Willen, eine Zukunft in Sicherheit und Wohlstand zu schaffen. 65 Jahre Anwerbeabkommen stehen für 65 Jahre gemeinsame Geschichte. Diese gemeinsame Geschichte ist ein starkes Fundament für eine gemeinsame Zukunft. 65 Jahre nach dem Anwerbeabkommen können wir sagen: Nordrhein-Westfalen und die Türkei sind mehr als Partner. Wir sind Freunde. – Vielen Dank. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)
