Thorsten Schick
Vielen Dank. – Herr Präsident! Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Am 30. Oktober 1961 wurde in Bonn das deutsch-türkische Anwerbeabkommen geschlossen. 14.10.2026 Gesucht wurden Arbeitskräfte auf Zeit, gekommen sind Menschen – und viele von ihnen sind geblieben. Allein bis 1973, also bis zum Aussetzen des Anwerbeabkommens, kamen knapp 870.000 Frauen und Männer aus der Türkei in die Bundesrepublik. Die meisten von ihnen kamen ins Ruhrgebiet und ins Rheinland. Sie arbeiteten unter Tage in Bergwerken oder an Fließbändern in oft großen Fabrikhallen. Um über 50 % ist die Wirtschaft in den 1960er-Jahren gewachsen. Dieses Wachstum war ohne Zuwanderung bzw. ohne – wie sie damals genannt wurden – Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei und anderen Ländern wie Italien oder Griechenland nicht möglich. Meine sehr geehrten Damen und Herren, dafür gebührt den Menschen, die damals zu uns gekommen sind, großer Respekt. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN) Der Start war nicht einfach: eine fremde Sprache; eine andere Kultur; die eigene Familie oft 2.000 bis 3.000 Kilometer entfernt; vielfach eine Arbeit, die einem körperlich alles abverlangt hat und – das ist auch die Wahrheit – die viele andere nicht machen wollten. Öffentliche Anerkennung für die Leistung dieser und nachfolgender Generationen ist häufig ausgeblieben, im Gegenteil haben viele Menschen sogar Rassismus erfahren. Traurige Höhepunkte des Hasses: 1993 der Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç in Solingen; 2004 der Nagelbombenanschlag auf der Keupstraße in Köln; 2006 die Ermordung von Mehmet Kubaşık in Dortmund. Diese rechtsextremistischen Morde sind ein Mahnmal dafür, dass Rassismus in unserem Land niemals wieder Platz haben darf. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN – Ver- einzelt Beifall von der SPD) Ministerpräsident Hendrik Wüst hat sich im Namen unseres Landes für die Fehler entschuldigt, die in der Vergangenheit gemacht worden sind. Das war das richtige Signal bei dem ersten offiziellen Besuch eines Ministerpräsidenten in der Türkei. Was ich auch betonen möchte: Es gibt zum Glück viele Erfolgsgeschichten. Sie zeigen, dass Zusammenhalt und Nichtausgrenzung das Erfolgsgeheimnis sind. Nehmen wir das Beispiel İlkay Gündoğan: Sein Großvater kam als Gastarbeiter ins Ruhrgebiet und arbeitete unter Tage. Zwei Generationen später wurde sein Enkel Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft. Uğur Şahin kam als kleines Kind nach Köln, sein Vater arbeitete bei Ford. Zusammen mit Özlem Türeci hat er mittels seiner Forschung dafür gesorgt, dass gegen das Coronavirus sehr schnell ein Impfstoff gefunden wurde. Diese Beispiele stehen für viele türkischstämmige Menschen, die heute in Schulen, bei der Polizei oder im Ehrenamt nicht mehr aus unserer Gesellschaft Landtag wegzudenken sind. Dafür sagen wir am heutigen Tag: Danke! (Beifall von der CDU und den GRÜNEN – Ver- einzelt Beifall von der SPD) Keine Region ist so eng mit der Türkei verbunden wie Nordrhein-Westfalen. Rund 1 Million Menschen mit türkischstämmigen Wurzeln leben bei uns. Die Nähe zeigt sich auch wirtschaftlich. Etwa 1.300 türkische Unternehmen sind bei uns ansässig. Im vergangenen Jahr wurden Waren im Wert von 11,2 Milliarden Euro gehandelt, mehr als mit Brasilien, Südkorea oder Indien. Angesichts der aktuellen geopolitischen Umbrüche gewinnt die Türkei als Absatz- und Produktionsstandort sogar weiter an Bedeutung. Mit seiner Reise hat Hendrik Wüst deshalb völlig zu Recht ein neues Kapitel aufgeschlagen – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Das unterstreichen Erklärungen wie zum Duisburger Hafen und zum Flughafen Köln/Bonn. 65 Jahre nach dem Anwerbeabkommen sagen wir vor allen Dingen eines: Teşekkür ederim! Lassen Sie uns diese Erfolgsgeschichte weiterschreiben. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Ich bitte um Zustimmung. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN – Ver- einzelt Beifall von der SPD)
