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Stefan Kämmerling

SPD 18.09.2026 Sitzungen 18/131

Vielen Dank. – Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Kollege Blumenrath, vielen Dank für diese Rede. Die ist um 100 % besser als der Antrag, mit dem wir uns heute befassen müssen. Wir diskutieren über einen Antrag der AfD-Fraktion, der den Wiedereinstieg in die Atomkraft fordert, und tun das in diesem Raum zum x-ten Mal. In Ihrem Antrag schreiben Sie, dass die Atomkraft den Strom in Deutschland günstiger machen würde. Schauen wir mal auf die Fakten. Will man eine Kilowattstunde Atomstrom herstellen, dann kostet das bis zu 49 Cent. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde Solarstrom kostet lediglich bis zu 14 Cent, eine Kilowattstunde Windkraft liegt bei nur 9 Cent. Im Antrag wird ausgeführt, zahlreiche Länder weltweit würden in Atomkraft investieren. Ich habe mir diese Investitionen mal genauer angeschaut. Das französische Atomkraftwerk Flamanville 3 hat den französischen Staat 23,7 Milliarden Euro gekostet, ursprünglich geplant waren 3,3 Milliarden. Das britische Atomkraftwerk Hinkley Point wird wahrscheinlich 55 Millionen Milliarden Euro gekostet haben, wenn es 2030 fertiggestellt wird. Ein Atomkraftwerk in den USA kam auf Gesamtkosten von rund 30 Milliarden Euro, als es 2023 ans Netz ging. Diese Zahlen sind lange bekannt. Dennoch wird hier weiterhin der Mythos gepflegt, Atomkraft wäre eine bezahlbare Energiequelle. Im Antrag wird auch auf die „kerntechnische Kompetenz“ in Aachen Bezug genommen. Darauf würde ich als Abgeordneter aus der Städteregion Aachen gerne näher eingehen. Bei mir in der Heimat haben wir in der Tat eine hohe kerntechnische Kompetenz. Das liegt eben nicht nur an unserer universitären Kompetenz, denn wir leben dort gerade einmal 60 km vom belgischen Atomkraftwerk Tihange entfernt, welches in den vergangenen Jahren immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hat, mit Rissen im Beton, Bränden und nicht eingehaltenen Sicherheitsvorschriften. Ja, in der Städteregion Aachen verfügen wir über eine hohe kerntechnische Kompetenz, aber eben nicht nur im Sinne der Forschung und Lehre. Das zu erläutern ist hier auch wichtig. Die Menschen in meinem Wahlkreis haben jeden Tag vor Augen, dass ein nuklearer Unfall in Tihange die Städteregion Aachen mit größter Wahrscheinlichkeit unbewohnbar machen würde. Wir wissen, dass die Folgen eines nuklearen Unfalls in Tihange rund 563.000 Menschen unmittelbar betreffen würde. Die Anzahl mittelbar Betroffener in ganz Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus wäre noch ungleich größer. Wir haben bei mir in der Ecke erlebt, wie Behörden und Apotheken Jodtabletten ausgegeben haben, um bei einem nuklearen Unfall zumindest in Teilen vor der Strahlenkrankheit zu schützen. Kaliumjodid, 65- mg-Tabletten, ein Arzneimittel zur Einnahme bei Strahlenunfällen – das steht auf der Verpackung. Landtag Das gehört in allen Haushalten im Dreiländereck zur Grundausstattung, und es hat einen Grund. Wir alle gemeinsam haben immer wieder gegen Pannenreaktoren in Belgien demonstriert, übrigens auch parteiübergreifend und mit Erfolg. Tihange 2 ist 2023 endlich außer Betrieb gegangen. Ganz aufatmen können wir noch immer nicht. Im vergangenen Jahr hat die belgische Regierung angekündigt, den Atomausstieg zu stoppen und möglicherweise sogar stillgelegte Reaktoren wieder in Betrieb zu nehmen. Darunter ist auch der Pannenreaktor Tihange 2, und das, obwohl die Risiken der Atomkraft noch viel zu hoch sind. In Nordrhein-Westfalen haben wir mehrheitlich bisher immer deutlich gemacht, dass wir den Betrieb der belgischen Pannenreaktoren kritisch sehen. Ich frage mich: Wie wollten wir diesen Druck aufrechterhalten, wenn wir plötzlich selbst wieder in die Atomkraft einsteigen würden? Warum auch immer scheinen die Gefahren der Atomkraft für die AfD keine dominante Rolle zu spielen. Dafür fabuliert sie in der letzten Sitzung des Wirtschaftsausschusses über die vermeintlichen Gefahren von Windrädern. Dabei ist in Deutschland kein einziger Todesfall bekannt, der durch ein Windrad verursacht worden wäre, wohingegen die WHO die Zahl der Todesopfer der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl auf rund 4.000 schätzt. (Christian Loose [AfD]: Liegt das in Deutsch- land? Was für Vergleiche!) Würden wir jetzt wieder in die Atomkraft einsteigen, dann fehlte uns jedes Argument für die Stilllegung der belgischen Pannenreaktoren. Dann müssen eine halbe Million Menschen in meiner Heimat weiter mit Sorge auf die nächste Pannenmeldung aus Tihange und Doel schauen. Lassen Sie mich kurz zusammenfassen. Erstens. Die Gewinnung von Strom mittels Atomkraft ist deutlich teurer als die Alternativen. Einen Wiedereinstieg in die Atomenergie würden die Bürgerinnen und Bürger direkt im Portemonnaie bemerken. Zweitens. Wo in anderen Ländern jüngst in neue Atomkraftwerke investiert wurde, haben sich diese nicht zum Millionen-, sondern zum Milliardengrab entwickelt. Auch das müssten unsere Bürgerinnen und Bürger bezahlen. Drittens. Eine Katastrophe, ein GAU, ein kapitaler Strahlenunfall sind nicht nur theoretisch denkbar. Nein, das alles hat schon stattgefunden und unzählige Menschen das Leben gekostet. Sehen Sie es mir nach: Ich hätte gerne, dass auch die Menschen bei mir zu Hause in der Nachbarschaft ein vernünftiges Leben haben und nicht jeden Tag Angst haben müssen, dass ihnen irgendein AKW um die Ohren fliegt. Lassen Sie uns daher alle gemeinsam vernünftig bleiben, zumindest die Vernünftigen hier im Saal, 18.09.2026 und kein energiepolitisches Harakiri begehen. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der SPD, Wilhelm Korth [CDU] und Jan Matzoll [GRÜNE])

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